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Eine Liebe in Berlin

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regrem патриот07.10.15 20:04
07.10.15 20:04 
Zuletzt geändert 14.10.15 20:57 (regrem)
Eine Liebe in Berlin   Marie Louise Fischer
Я приступил к чтению этой книги.
Я думаю, что никому не помешаю, если буду читать её здесь.
Дело в том, когда я берусь за серьёзное чтение, я сканнирую книгу, пусть даже с плохим качеством.
Всегда можно что-то выписать, сослаться на текст итд.
Почему здесь? Ну во-первых здесь ничего не теряется, во-вторых вдруг кто-то тоже будет читать.
Кое-какие предложения можно брать как примеры, что-то даже переводить.
Вначале текст будет не прилизан, с большим количеством ошибок при сканнировании, но потом всё утрясётся и можно поработать с текстом.
#1 
regrem патриот07.10.15 20:07
NEW 07.10.15 20:07 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 24.10.15 19:02 (regrem)
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Man schrieb den 31. Dezember des Jahres 1899.
Die frühe Dämmerung des Wintertages war hereingebrochen, als Justus Weigand, Student der Medizin im letzten Semester, das Zimmer Professor Hübners verließ und dem Ausgang der Kinderklinik zustrebte, die zum großen Komplex der Charité gehörte.
Eine Diakonisse in strenger, steif gestärkter Tracht zündete auf dem Gang die Gaslampen an. Justus Weigand schenkte ihr im Vorübergehen ein rasches, abwesendes Lächeln, ohne den sehnsüchtigen Blick der jungen Schwester zu bemerken.
Er eilte weiter, ein hochgewachsener, magerer Mann von fünfundzwanzig Jahren, mit schmalem, nach hinten stark gewölbtem Schädel, dichtem dunkelbraunen Haar und ausgeprägten Jochbogen, die seine Wangen hohl erscheinen ließen. Im Geist war er mit den Argumenten Professor Hübners beschäftigt, dem Chef des Hauses, von dem er kam. Sein Doktorvater hatte ihm Anregungen für die Dissertation gegeben, mit deren Für und Wider er sich innerlich noch auseinandersetzte.
Der alte Pförtner, ein Veteran von 1870/71, grüßte schon von weitem. »Juten Abend, Herr Doktor! Ein frohes neues Jahr wünsch ick Ihnen och!« Er salutierte militärisch, die Hand an der Mütze.
»Danke, Pachulke!« Justus Weigand trat ins Freie. Einen Atemzug lang blieb er erschauernd stehen.
Die Winterluft war schneidend kalt.
Er schlug sich den dicken, handgestrickten Schal, ein Geschenk seiner Cousine Clementine vom vorjährigen Weihnachtsfest, doppelt um den Hals, warf die Enden nach hinten, bohrte die Fäuste in die Taschen, schob die Schultern vor und stürzte sich in den Dezemberabend wie in ein eisiges Bad.
Das Gelände der gewaltigen Krankenstadt war wie ausgestorben. Nur wenige Besucher, die sich verspätet hatten, tauchten zwischen den roten Ziegelgebäuden auf.
Schwestern, Krankenpfleger und Ärzte, die zum Nachtdienst eingeteilt waren, hasteten ihm entgegen.
Justus Weigand schenkte ihnen keinen Blick, eilte mit weit ausholenden Schritten vorwärts.
Es war mehr als sieben Jahre her, seit er aus seinem schlesischen Heimatdorf Görzen in die Hauptstadt gekommen war. Eine Abteilung der alten Charité nach der anderen hatte in dieser Zeit den Erfordernissen der Wissenschaft und dem Andrang der Patienten und Studenten nicht mehr entsprochen, war Hammer und Spitzhacke zum Opfer gefallen; Neues war allenthalben im Entstehen. Justus Weigand kannte sich aus in diesem Gewirr von Gebäuden, von Baustellen und Bauschutt, weiten Rasenflächen und Gruppen uralter Linden und Kastanien, die jetzt ihre vom Frost entlaubten Äste in den lichtlosen Winterhimmel streckten.
Seine Liebe zur Charité war frei von Sentimentalität; er bedauerte nicht, dass die historischen Operations- und Hörsäle, Laboratorien und Krankenzimmer dem Untergang geweiht waren. Es lag ihm auch fern, Kritik an der neuen Charite zu üben, die da entstand. Dass der Baustil, in dem sie errichtet wurde, diese geschmacklose Neugotik mit ihren verspielten und völlig sinnlosen Erkern und Türmchen, geradezu hässlich war, ließ ihn kalt. Wichtig war ihm und den meisten seiner Kollegen nur, dass die neuen medizinischen Arbeits- und Forschungsstätten den letzten wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprachen.
Während seines Studiums hatte er viele epochale Entdeckungen aus der Nähe miterlebt.
Behring hatte das Heilserum gegen die Diphtherie entwickelt, Karl Ludwig Schleich die Lokalanästhesie, Röntgen die X-Strahlen, Ludwig Rehn war es als erstem gelungen, eine Herznaht mit Erfolg zu setzen, Bergmann hatte sein grundlegendes Buch über die Gehirnchirurgie geschrieben, Dreser das Aspirin eingeführt und damit die Bahn frei gemacht für die Verwendung synthetischer Heilmittel.
Um die Jahrhundertwende war die Charité das Weltzen¬trum der Medizin, und Justus Weigand war stolz darauf, ihr anzugehören.
Sobald Justus Weigand das stillere Klinikviertel hinter sich gelassen hatte, umbrandeten ihn Lärm und Getriebe. Die Friedrichstadt, noch vor kurzem begehrtestes und teuerstes gutbürgerliches Wohnviertel, hatte ihren Glanz verloren. Die feinen Leute waren nach Moabit, in die Zoogegend, zum Tiergarten hin ausgewichen. Arbeiter, kleine Handwerker und Geschäftsleute waren nachgedrängt. Die Friedrichstraße selbst, einst Hauptverkehrsader der Stadt, war zur billigen Einkaufsstraße geworden. In den Läden wurden »Occasio-nen«, preiswerte Gelegenheitskäufe, angepriesen. Nachts lockten Kaschemmen, Bierlokale und anrüchige Cafés.
Pferdebahnen, Droschken und Kaleschen - ratterten über die Fahrbahn, die Hufe der Rosse knallten auf das Pflaster, ihr Atem stieg wie Dampf in die Dezemberluft. Dazwischen puckerte und tuckerte eines der frühen Automobile, an die sich die Berliner leichter gewöhnt hatten als die Pferde, die immer noch hochgingen, wenn ihnen eines der schnaufenden Ungetüme zu nahe kam.
Justus Weigand nahm jede Einzelheit dieses wirbelnden Kaleidoskops in sich auf. Die Berliner waren stolz auf ihr Tempo. Aber selten hatte es ihn so beeindruckt wie heute.
Wenn zwei Bekannte einander begegneten, warfen sie sich wohl einen lachenden Gruß zu, aber niemand nahm sich die Zeit zu einem Schwatz, jeder schien es eilig zu haben — nur weiter, schnell, schnell, keine Minute verlieren! —, als wenn sie es nicht erwarten könnten, die letzten Stunden des Jahres und des Jahrhunderts endlich hinter sich zu bringen. Selbst die Menschen, die sich einsam fühlten, die gar nichts vorhatten in dieser einmaligen Nacht, die vom Schicksal Geschlagenen und Beiseitegeschobenen, wurden von dem allgemeinen Schwung mitgerissen und vergaßen, wenigstens für kurze Zeit, dass sie ihr Ziel längst verloren hatten.
Heisere Jungen stimmen schrien an den Straßenecken Zeittungen aus, das »Berliner Tageblatt«, den »Berliner Lokal-Anzeiger«, die »Vossische Zeitung«.
»Große Ansprache des Kaisers vor dem Regiment Alexanders ..., >Wir gehen herrlichen Zeiten entgegen<« — »Deutschland lehnt Bündnisverhandlungen mit Großbritannien ab! « - »Heißerkämpfter Sieg der Buren!«
Justus Weigand widerstand der Versuchung, eine Zeitung zu erstehen. Das wäre eine Ausgabe gewesen, die für ihn Luxus bedeutet hätte. Er hatte sich ein Sparprogramm zurechtgelegt, an das er sich eisern hielt, denn nur so war es ihm möglich, aus den wenigen Mitteln, die er von zu Hause erhielt, und den spärlichen Einnahmen, die er durch Nachhilfestunden und Einpaukereien erzielte, sein langwieriges und teures Studium zu finanzieren.
Er bog in die Elsässerstraße ein und bald darauf in den Toreingang des ehemaligen hochherrschaftlichen Hauses, an dessen Vorderfront riesige Karyatiden einen nutzlosen Balkon trugen.
Der Hinterhof, der sich in der warmen Jahreszeit einiger grüner Büsche und eines kümmerlichen Stückchens Rasen rühmen durfte und deshalb von dem Hausbesitzer und den Vermietern als Garten bezeichnet wurde, zeigte jetzt sein graues, ödes Wintergesicht. Nur in wenigen Fenstern brannte Licht, die meisten starrten aus dunklen, toten Augen auf den kahlen quadratischen Platz hinab.
Im Keller linker Hand war eine Schusterwerkstatt. Ganz gleich, ob Justus Weigand am frühen Abend oder spät in der Nacht nach Hause kam, hier wurde immer gearbeitet.
Justus Weigand blieb kurz stehen, bückte sich, pochte gegen das Fenster. Emil Kandier blickte auf, reckte die Schultern, entblößte die gelben Zähne unter dem Walroßschnurrbart. Seine Glatze schimmerte im Licht der Petroleumlampe mit der gläsernen Schusterkugel um die Wette. Justus Weigand formte mit den Lippen ein lautloses: »Guten Abend!« — Das war die Art der beiden Männer, sich zu begrüßen.
Vor das Kellerfenster nebenan war der schwere Vorhang vorgezogen. Frau Lotte, die bis zu ihrer Verheiratung Stubenmädchen in einem vornehmen Hause gewesen war, wusste, was sich gehörte. Wenn sie auch jetzt unter den bescheidensten Verhältnissen lebte — die Schusterfamilie hauste in einem einzigen Zimmer neben der Werkstatt, und der vierte Sprössling war schon unterwegs —, so hielt sie doch alles sauber und fand immer noch Zeit und Kraft, auf Anstand und Schick zu achten.
Justus Weigand mochte diese Leute.
Die Freundschaft zwischen dem jungen Mediziner und der Handwerkerfamilie hatte aber auch eine praktische Seite, es bestand ein stillschweigendes Abkommen zwischen ihnen. Emil Kandier reparierte das Schuhzeug des Studenten kostenlos, schusterte ihm auch gelegentlich ein Paar Stiefel zu, die vom eigentlichen Besitzer nicht abgeholt worden waren. Justus Weigand revanchierte sich dafür, indem er der Familie bei jeder kleinen oder größeren Krankheit mit Rat und Tat zur Seite stand.
Tatsächlich besaß er natürlich noch nicht das Recht zu praktizieren, aber darüber machte er sich keine Gedanken. Er war sicher, dass er keinem fertig ausgebildeten Kollegen das Brot wegnahm. Kändlers hätten sich nur im äußersten Notfall an einen Doktor gewandt, weil sie sich die Ausgabe für Behandlung und Medizin einfach nicht leisten konnten.
Trotz des steigenden Wohlstandes der Großstadt verdiente die breite Masse der Bevölkerung nur wenig, war eigentlich arm zu nennen und hatte keine Aussicht, am Reichtum der vom Schicksal Bevorzugten je teilzunehmen. In seinen Lehr¬jahren an der Charité hatte er es nur zu oft erlebt, dass einfa¬che Leute zu spät eingeliefert wurden. Sie scheuten den Arzt, glaubten mit jeder Erkrankung am schnellsten fertig zu werden, indem sie sie gar nicht beachteten. Denn Kranksein
bedeutete, nicht arbeiten zu können, und nicht zu arbeiten hieß nichts verdienen und möglicherweise sehr rasch Stellung und Wohnung verlieren.
Justus Weigand dachte an diesem Dezemberabend an die soziale Ungerechtigkeit, an die er sich nie würde gewöhnen können. Aber diese Gedanken waren ihm so vertraut, dass sie ihm nur flüchtig durch den Kopf schössen. Im Moment gab es anderes, das ihm näherlag und ihn mehr beschäftigte.
Er durchschritt den Torweg des sogenannten Gartenhauses, das in jeder Beziehung dem Vorhaus entsprach, nur dass seine Fassade schmucklos war, durchquerte den zweiten Hof und trat durch die breite Tür aus billigem Holz, von dem die dicke Farbschicht abblätterte, in das Stiegenhaus des zweiten Gartenhauses.
Elastisch kletterte er die ausgetretenen Stufen hinauf, vorbei an den Wohnungstüren zur Linken und Rechten, die neben dem Schild des eigentlichen Wohnungsinhabers mit Visitenkarten der studentischen Untermieter geradezu gepflastert waren. Er selbst wohnte im fünften Stock bei der Witwe Göbern. Schon hatte er seinen Schlüsselbund in der Hand und wollte die Etagentür aufschließen, als er in der Bewegung innehielt. Er hatte keine Lust zu dem üblichen Rede- und Antwortduell mit seiner Wirtin.
Eine andere Tür führte direkt von der Treppe her in sein Zimmer, und die Witwe Göbern hatte ihm den Schlüssel dazu anvertraut — ein hohes Privileg, das er sich durch viele Jahre murrelosen und treuen Wohnens verdient hatte. Zu Anfang hatte er ganz am Ende der Wohnung gehaust, noch hinter dem fensterlosen Berliner Zimmer. Im Lauf der Jahre war er dann immer weiter nach vorn, dem Treppenhaus zu, vorgerückt, bis er endlich das begehrte Zimmer mit dem Separateingang erobert hatte.
»Aber nur, weil ich weiß, dass Sie ein anständiger junger Mann sind«, hatte die Wirtin betont, als sie ihm den Schlüssel zur Freiheit aushändigte.
Aber sie sah es nach wie vor nicht gern, wenn er diesen Eingang tatsächlich benutzte, und Justus Weigand nahm, wenn auch nur um des lieben Friedens willen, meist Rücksicht auf ihre Gefühle.
Doch heute, ausnahmsweise, machte er von seinem Recht Gebrauch.
Das Zimmer war finster. Die spärliche Glut im Ofen warf einen matten rötlichen Schein auf das schwarzgestrichene Blech, das den ausgefransten Teppich vor herausfliegenden Funken schützen sollte, hatte aber nicht die Kraft, den kleinen Raum zu erhellen. Vor dem Rechteck des vorhanglosen Fensters stand der Himmel im Widerschein der Großstadtlichter.
Justus Weigand schloss die Tür hinter sich. Er trat zum Ofen und hielt beide Hände flach ausgestreckt darüber. Nach der schneidenden Kälte draußen und im Treppenhaus war selbst die schwache Wärme, die der Ofen ausstrahlte, eine wahre Wohltat. Einige Sekunden blieb er so stehen, ohne sich zu rühren, bis sich seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten.
Er wandte sich um, war mit zwei knappen Schritten am Tisch, ertastete die Petroleumlampe, nahm die Milchglaskugel und den Zylinder ab und legte sie sorgsam beiseite. Er bückte sich, zog Zeitungspapier aus der Kiste, in der Brennmaterial aufbewahrt war, faltete das Blatt zu einem Fidibus zusammen und schob ihn durch die Ofentür. Er hielt ihn so lange in die Glut, bis er aufflammte. Dann richtete er sich auf, hielt die Flamme nach oben, damit der Fidibus nicht so schnell abbrenne, und entzündete dann mit ihm den kreisrunden Docht der Lampe. Er warf das brennende Stück Papier in den Ofen, setzte Zylinder und Schirm wieder auf und schraubte den Docht niedriger. Er füllte die Blechschüssel auf der wackligen Kommode mit Wasser aus der hohen Kanne und stellte sie oben auf den Ofen. Er schob ein Stück Holz nach und gab drei Kohlen dazu. Er tat dies alles mit der Sorgfalt und Genauigkeit eines Mannes, der gewohnt ist, im Labor mit exakten Maßen und Gewichten zu arbeiten, und sich dazu erzogen hat, selbst kleinste Ungenauigkeiten zu vermeiden.
Dies Zimmer enthielt alles, was er brauchte — ein schmales Bett, in dem er schlafen, einen Tisch, an dem er arbeiten und essen konnte, einen Kleiderschrank, eine Kommode, die Platz für seine Wäsche bot und auch einen Teil seiner Bücher aufnahm. Auch ein Stuhl und ein reichlich ausgewerkelter Armsessel waren vorhanden. Der Großteil seiner Bücher -philosophische Werke, Werke über Physik und Chemie, dicke medizinische Wälzer - lag teils aufgeschlagen oder mit eingelegten Lesezeichen auf dem Tisch, teils waren die Bände hoch oben auf dem Schrank und auf der Platte der Kommode gruppiert oder ohne System übereinandergestapelt. Er hatte sie sich alle buchstäblich vom Munde abgespart, die meisten aus zweiter oder dritter Hand und fast immer nach langwierigem Feilschen erstanden.
Wenn er über all diese Schätze hinwegblickte, fühlte er sich reich. Das lieblos eingerichtete Zimmer, das eher einer Kammer glich, bedeutete viel für ihn. Es war sein Reich, in dem er allein regierte.
»In den Suppentopf kann einem niemand hineinsehen«, hatte seine Mutter daheim in Görzen immer gesagt, als er noch ein kleiner Junge war. Daran hielt er sich auch heute noch.
Wenn unternehmungslustige Kommilitonen ihn in ein Lokal mitschleppen wollten und in seiner Tasche nicht einmal mehr Pfennige klingelten, konnte er sie mit der Erklärung abwehren: »Nichts zu machen, ich esse zu Hause.«
Das war unwiderlegbar. Niemand konnte wissen, dass dieses Essen oft aus nichts anderem als einem trockenen Kanten Brot bestand, manchmal auch nur aus einem Glas Leitungswasser - Justus Weigand hatte die Erfahrung gemacht, dass selbst das, wenn auch nur sehr vorübergehend, den Magen füllte.
Heute jedoch konnte und musste er sich etwas Nahrhaftes gönnen, denn eine lange Nacht lag vor ihm.
Er wickelte sich aus dem handgestrickten Schal seiner Cousine Clementine und hängte ihn über den Haken hinter der Tür. Er zog seinen abgetragenen Paletot aus, pustete über den schwarzen Samtkragen und hängte ihn sorgfältig über einen Bügel.
Diese verdammten Feiertage! Es war jedes Jahr dasselbe und diesmal doppelt schlimm: Es war kein gewöhnliches Silvester, das ihm bevorstand, sondern eine Jahrhundertwende, und er konnte sie nicht still für sich allein bei seinen Büchern verbringen oder mit ein paar Freunden feiern, sondern er musste sich ausgerechnet heute um Cousine Clementine kümmern.
Feiertage! Wozu waren die gut? Es gab keine Vorlesungen. Man konnte sich nichts dazuverdienen, musste aber trotzdem mit jeder Menge Extraauslagen fertig werden.
Justus Weigand zog die Geldbörse aus der Hosentasche, zählte stirnrunzelnd seine Barschaft. Viel war es nicht, aber immerhin, es musste reichen.
Er holte den dunklen Brotlaib aus dem Schrank, schnitt eine dicke Schnitte herunter, bestrich sie mit Schweineschmalz und streute Salz darauf. Er säuberte das Messer, indem er es durch das Brot zog. Dann biss er kräftig in seine Stulle, aß mit dem gesunden Appetit der Jugend, aber ohne Gier, langsam und mit Bedacht, kräftig kauend.
Das Wasser auf dem Ofen war inzwischen warm geworden. Er schliff das Rasiermesser am Lederriemen, seifte sein Gesicht ein und schabte sich vor dem halbblinden kleinen Spiegel über der Kommode die Stoppeln ab.
Er zog sich aus, wusch sich von Kopf bis Fuß und schlüpfte in frische Wäsche, in sein bestes, auf der Brust gefälteltes Hemd, in die Hose seines guten schwarzen Anzuges.
Aber während er dies alles tat, waren seine Gedanken schon wieder voll und ganz auf seine Dissertation konzentriert, mit der er zum Doktor promovieren wollte: »Kreislauf und Stoffwechsel des Säuglings.«
Professor Hübner hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er, um das Thema wirklich in den Griff zu bekommen, nicht beim Säugling beginnen, sondern erst das ungeborene Kind darstellen müsste, das ja noch mit und von der Mutter lebt.
War das richtig? Oder führte das nicht doch zu weit vom eigentlichen Thema ab?
Ohne zu merken, was er tat, zog Justus Weigand den Stuhl zum Tisch, blätterte in den ersten Seiten seiner handgeschriebenen Arbeit. Der Moment der Geburt, der Moment des ersten entscheidenden Atemholens, damit hatte er begonnen. Aber was war vorher?
Er kramte in seinen Notizen, schlug Fachbücher auf und las nach, ohne eine befriedigende Antwort zu finden. Er begann zu schreiben, die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, eine steile Falte über der Nasenwurzel.
Die Turmuhr der Johanniskirche schlug zweimal die volle Stunde an, aber es wurde ihm nicht bewusst. Er war ganz und gar in seine Arbeit vertieft.
Auch als von der Wohnung her an seine Tür geklopft wurde, sah er nicht auf. Erst beim drittenmal, als das Klopfen schon mehr einem kräftigen Fausthieb glich, hob er den Kopf.
»Herein«, sagte er mechanisch und hatte Mühe, sich in der Gegenwart zurechtzufinden.
Die Tür wurde mit Schwung geöffnet, und sein Freund, der Korpsstudent Arnold Scheer, trat ins Zimmer, prächtig anzuschauen im vollen Wichs der feudalen Studentenverbindung, der er angehörte. Er trug eine runde, goldbetreßte Kappe auf dem schütteren blonden Haar, glänzende schwarze Stulpenstiefel an den etwas zu kurz geratenen Beinen, eine breite farbige Schärpe, die ihn als Chargierten auswies, um den strammen Bauch und den langen Säbel in kunstvoll geschmiedeter Scheide an der Seite.
»Hallo, alter Junge!« dröhnte Scheer.
»Welcher Glanz in meiner Hütte!« gab Justus Weigand zurück. »Du trittst ja auf wie Lohengrin persönlich.«
Arnold Scheer schlug mit einer eleganten Bewegung sein großzügig geschnittenes Cape zurück. »Hab' noch eine Sitzung heute abend.«
»Ihr wollt euch doch wohl nicht etwa noch in der letzten Nacht des Jahrhunderts die Gesichter zerhacken?«
Unwillkürlich fuhr Arnold Scheers Hand an seine linke Wange und strich sich nicht ohne Genugtuung über den breiten, kräftigen Schmiß. »Ach wo«, sagte er, »nichts dergleichen. Es wird ein ganz offizieller langweiliger Kommerz. Ein paar Alte Herren werden die Gelegenheit wahrnehmen, weise Lehren und den Born ihrer reichen Jugenderinnerungen über uns zu ergießen.«
Justus Weigand schüttelte sich leicht. »Und da gehst du hin?«
Arnold Scheer zuckte mit den Achseln. »Was bleibt mir anderes übrig? Ich habe eben gewisse gesellschaftliche Verpflichtungen.« Obwohl er reines Hochdeutsch sprach, war sein rheinischer Stimmfall, dieser gewisse schmeichelnde Singsang, der Justus Weigand immer belustigte, nicht zu überhören. Arnold Scheer, Sohn aus reichem Hause, stammte aus Krefeld; er studierte schon eine beträchtliche Reihe von Semestern länger in Berlin als sein Freund. Er war zuerst in Heidelberg gewesen.
»Du lieber Himmel!« sagte Justus Weigand, durchaus ohne Neid.
Arnold Scheer hakte sein Cape auf und warf es über das Bett. »Jedenfalls bin ich froh, daß ich dich doch erwischt habe!« Er ließ sich in den Sessel plumpsen. »Die Göbern wollte mir doch wahrhaftig weismachen, du wärst noch nicht zu Hause. Dabei hockst du natürlich wieder über deinen Folianten, genau wie ich es mir vorgestellt habe.«
Justus Weigand schob seinen Stuhl zurück, um den Freund besser zu sehen. »Sie konnte es nicht wissen«, sagte er und fügte mit einer Kopfbewegung zur anderen Tür hinzu: »Ich bin durch den Geheimeingang gekommen.«
»Herrje!« Arnold Scheer fuhr hoch, mimte Bestürzung. »Dann störe ich wohl! Warum hast du mir nicht gleich einen Wink gegeben?« Er sah sich mit halb gespieltem, halb echtem Interesse im Zimmer um. »Wo hast du die Dame versteckt?«
Justus Weigand lachte. »Dreimal darfst du raten!«
»Im Schrank? Unter dem Bett? Also - sehr viele Möglichkeiten gibt es hier ja nun wirklich nicht!«
»Alter Schafskopf!«
»Ist wirklich niemand bei dir?«
»Natürlich nicht. Das hätte gerade noch gefehlt. Ich habe' den Kopf schon voll genug.«
Arnold Scheer grinste. »Wenn du mich fragst, so sind Liebe und Leidenschaft zwar nicht gerade Dinge, die man mit dem Kopf betreibt, aber da du ja selber Mediziner bist, brauche ich wohl nicht in Details zu gehen, um dir klarzumachen . . .«
Justus Weigand schnitt ihm das Wort ab. »Bestimmt nicht. Ich weiß Bescheid. Sag mir lieber... wie kommst du mit deiner Dissertation voran?«
Arnold Scheer ließ sich wieder in den Sessel zurückfallen; er legte sein leicht aufgeschwemmtes Gesicht in kummervolle Falten. »Gar nicht.«
»Aber erlaube mal! Wir haben doch zumindest die ersten Kapitel in allen Einzelheiten durchgesprochen!«
Arnold Scheer hob die Hände und ließ sie hilflos wieder sinken. »Ja, wenn du mit mir redest, dann verstehe ich ja auch alles, alter Junge, jedenfalls kommt es mir so vor. Aber sobald ich dann mutterseelenallein vor meinem Schreibtisch sitze. ..« Er ließ den Satz in einem tiefen Seufzer ausklingen.
»Du bist doch wirklich der größte Esel des Jahrhunderts«, sagte Justus Weigand freundschaftlich.
Arnold Scheer riss die Augen auf. »Des vergangenen oder des neuen?« Er legte beschwörend seine breite, gepflegte Hand auf Justus Weigands Knie. »Im Ernst, Justus, du mußt mir helfen. Ohne dich schaffe ich es einfach nicht.«
»Wenn ich nur nicht — gerade jetzt — selbst so viel um die Ohren hätte! Kannst du nicht noch ein Semester zugeben, bis ich mit den Prüfungen fertig bin?«
»Wenn's nach mir ginge... sofort! Aber mein alter Herr fangt an, ungeduldig zu werden. Er will mich sobald wie möglich wieder in Krefeld haben. Mit oder ohne Examen.«
»Aber dann...«
Arnold Scheer ließ ihn nicht ausreden. »Ich brauche den Abschluß. Fast zehn Jahre habe ich nun 'rumstudiert, und wenn ich ohne Titel nach Hause komme, mache ich mich selbst zur Witzblattfigur. Meinen Eltern wird es nicht genügen, daß ich eine herrliche Zeit hatte.«
Justus Weigand wollte etwas einwerfen, aber der Freund kam ihm zuvor.
»Und du«, sagte er beschwörend, »mach mir doch nichts vor, du kannst Geld doch dringend brauchen, wie? Natürlich würde ich dir auch die Moneten für den Druck der Dissertation und so weiter pumpen - aber wie ich dich kenne, wäre das doch nicht nach deinem Geschmack.«
»Ich hasse Schulden.«
»Na also. Sehr ehrenwerter Standpunkt, würde mein alter Herr sagen. Schmink dir alle anderen Extraarbeiten ab, Justus, und konzentriere dich darauf, mich durchzuziehen — ich halte dich dafür über Wasser.«
Justus Weigand hatte durchaus noch Bedenken, aber es schien ihm unfair, den Freund länger zappeln zu lassen. »Also gut, einverstanden«, sagte er, »glaub bloß nicht, daß ich mich wie eine alte Jungfer ziere. Aber du mußt mir versprechen, daß du dir wenigstens Mühe gibst und mich nicht alle Arbeit allein machen läßt... die mündliche Prüfung kann ich dir beim besten Willen nicht abnehmen.«
Arnold Scheer zeigte ungeniert seine Erleichterung. »Ich danke dir, Justus.« Er schlug ihm mit Vehemenz auf die Schultern. »Ich wußte ja, daß ich mich auf dich verlassen kann. Die Einzelheiten besprechen wir dann nächstes Jahr, ja? Die Frage ist nur. .. was fangen wir jetzt mit dem angebrochenen Abend an?«
»Ich dachte, du wolltest zu deinen Korpsbrüdern?«
»Ja, ich muß. Und anschließend zum Ball der Philharmonie, da trifft sich heute tout Berlin, und ich bin es einfach meinem Ruf schuldig... Aber nachher, Justus, so ab eins, könnten wir uns dann nicht irgendwo treffen?« Justus Weigand fuhr sich etwas verlegen mit allen fünf Fingern der rechten Hand durch das starke braune Haar. »Du wirst lachen«, sagte er, »aber ausnahmsweise bin ich für heute nacht vergeben.«
»Also doch eine Frau! Du, das habe ich gleich gemerkt, als ich hier hereinkam. Für so etwas hab' ich eine Nase, weißt du. Also raus mit der Sprache! Wie alt ist sie? Wo wohnt sie? Wie hast du sie kennengelernt? Wie heißt sie?«
Justus Weigand lächelte schief. »Leider muß ich dich enttäuschen, Arnold. Sie ist meine Cousine... das heißt, unsere Mütter waren Cousinen. Ich habe sie kennengelernt, als ich sieben Jahre alt war, und sie ist heute... also ganz ehrlich, ich weiß nicht mal, wie alt sie wirklich ist. Einundzwanzig oder zweiundzwanzig möchte ich annehmen. Ich habe sie eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, kann mir nicht einmal vorstellen, wie sie jetzt aussieht.«
»Eine pikante Situation«, sagte Arnold Scheer wohlgefällig. »Das Cousinchen vom Lande ist also plötzlich in der Großstadt aufgetaucht... Du, ganz ehrlich, ist das nun die Wahrheit oder nur die Version für die Göbern?«
Justus Weigand stand auf. »Ich habe doch keinen Grund, dir etwas vorzumachen!« Er öffnete den Schrank und holte ein Paar Lackstiefeletten heraus. »Die Göbern brauche ich übrigens auch nicht zu beschwindeln, Clementine wird bestimmt diese Schwelle nie überschreiten.«
»Clementine«, wiederholte Arnold Scheer und ließ den Namen genüßlich über die Zunge rollen.
Justus Weigand nahm einen Lappen, fuhr polierend über das Lackleder. »So plötzlich, wie du glaubst, ist sie übrigens gar nicht aufgetaucht. Sie ist schon ein paar Monate hier. Ich wundere mich, daß ich das doch nicht erzählt habe.«
»Weil du ein Heimtücker bist.«
»Nein, wahrscheinlich, weil mich diese Tatsache bis heute kaum beschäftigt hat. Sie ist als Erzieherin mit einer Familie Thielemann aus Schlesien nach Berlin gekommen, na, und du weißt ja, wie diese armen Mädchen ausgenutzt werden. Sie hat heute zum erstenmal abends Ausgang...«
»Nun erzähl mir bloß nicht wieder etwas von sozialer Ungerechtigkeit und daß jeder Mensch Anspruch auf eine zeitlich begrenzte Arbeitszeit und bezahlten Urlaub haben sollte und all den anderen utopischen Blödsinn«, sagte Arnold Scheer rasch, »du hast doch selbst Sorgen genug, was mußt du dir dauernd wegen anderer Leute den Kopf zerbrechen! Sag mir lieber, was du nun heute abend mit dem Cousinchen vorhast?«
»Sie hat von ihrer Gnädigen zwei Karten für den Ball der Singakademie bekommen.«
Arnold Scheer hob die blonden Augenbrauen. »Singakademie? Ziemlich fade Angelegenheit, kannst du mir glauben. Spätestens um ein Uhr wirst du die Nase gestrichen voll haben.«
»Mal sehen.« Justus Weigand schlüpfte in seine Stiefeletten, knöpfte sie zu. Er betrachtete kritisch seine Füße. »Nicht schlecht. Aber reichlich unbequem.«
»Wahrscheinlich 'ne Nummer zu klein. Dann geht dir noch eher die Puste aus. Treffen wir uns zwischen eins und zwei im Cafe Greiff, mit oder ohne Cousine.«
Justus Weigand stand auf und nahm seine schwarze Jacke aus dem Schrank. »Wenn es möglich ist - festlegen kann ich mich da nicht.«
Es wurde an die Tür geklopft, und fast im selben Augenblick schob sich die Witwe Göbern ins Zimmer, ein Tablett mit zwei Tassen Tee und einer Zuckerdose vor sich her tragend. »Ach, Herr Weigand«, sagte sie süßlich, »Sie sind also doch da, und ich hätte schwören können, daß Sie noch nicht nach Hause gekommen sind.« Ihre Augen hatten die fatale Neigung, nach links und rechts auseinanderzurutschen, so daß beide jungen Männer das Gefühl hatten, von ihr fixiert zu werden.
»Wahrscheinlich haben Sie ein kleines Nickerchen gemacht«, schlug Arnold Scheer als Erklärung vor.
»Aber nein! Wo denken Sie hin! Doch nicht am hellichten Tag!«
Die Witwe Göbern stellte das Tablett auf den Tisch.
»Warum nicht? Ich könnte es gut verstehen, wenn Sie sich für die Nacht stärken wollen!« Arnold Scheer umfaßte die knochigen Hüften der Witwe. »Sie haben doch sicherlich etwas vor? Oder nicht? Wie war's dann mit uns beiden?« Die Witwe Göbern befreite sich kichernd und einigermaßen geschmeichelt. »Aber — Herr Scheer! Immer diese Spaße, Sie sind ja ein ganz Gefährlicher!« Sie lief zur Kommode, betrachtete sich in dem kleinen halbblinden Spiegel, steckte ihre grauen Strähnen fest.
»Nett von Ihnen, daß Sie uns einen Tee bereitet haben, Frau Göbern«, sagte Justus Weigand, bemüht, das Gespräch in ein normales Gleis zu bringen.
»Ich habe mir gerade selber ein Täßchen aufgegossen, und da dachte ich mir...«
»Sehr nett von Ihnen!« Er öffnete einladend die Tür zum Gang. Die Witwe Göbern sah sich hinauskomplimentiert. »Dann will ich nicht länger stören«, sagte sie, um sich einen guten Abgang zu schaffen.
»Aber das tun Sie doch gar nicht!« rief Arnold Scheer. »Haben Sie nicht noch ein bißchen Zeit?«
Die Witwe Göbern bedachte ihn mit dem ganzen Schmelz
ihres Silberblicks. »Wenn Sie mich so fragen, Herr Scheer...«
»Wunderbar!« Arnold Scheer nahm den Paletot seines Freundes vom Bügel, drückte ihn der Wirtin in die Hand. »Dann seien Sie doch so gut und bürsten Sie Weigands Mäntelchen ein bißchen aus, ja?« Er legte den Arm um ihre mageren Schultern und schob die verdutzte Wirtin zur Tür hinaus.
Die beiden Männer lachten.
»So muß man mit der alten Schachtel umgehen«, sagte Arnold Scheer, »in diesem Punkt könntest du etwas von mir lernen!«
Es reizte Justus Weigand, dem Freund zu erklären, daß er sich solche Scherze nur deshalb erlauben konnte, weil sein Reichtum der Wirtin imponierte. Aber er sagte nur: »Ich bin nicht du!« Und fügte hinzu: »Sei vorsichtig, sie ist schon ganz wild auf dich.«
Arnold Scheer zog eine kleine Grimasse. »Mein Pech. Bei jungen Mädchen komme ich nicht an. Aber so eine alte Hexe braucht mich nur zu wittern, und schon ist es um sie geschehen.« Er nahm sein Cape vom Bett und legte es sich wieder um die Schultern.
»Also, wie ist es? Bleibt's beim Cafe Greiff? Ganz unverbindlich, ja? Wenn wir uns verpassen, treffen wir uns morgen früh im Tiergarten zum Schlittschuhlaufen, beim Pavillon am großen See. Und erzähl mir bloß nicht, daß du arbeiten willst. Nach so einer Nacht wäre das ein Ding der Unmöglichkeit.«
»Da kannst du recht haben«, sagte Justus Weigand und zog sich seine schwarze Jacke zurecht. »Also abgemacht: entweder — oder...«
Arnold Scheer betrachtete ihn nachdenklich. »Eines verstehe ich nicht. Du kannst anhaben, was du willst - selbst wenn deine Klamotten aussehen wie aus der Lumpenkiste gezogen, du siehst immer blendend aus! Und ich...«
Justus Weigand klopfte ihm gutmütig auf das pralle runde Bäuchlein. »Das kommt von deinem Embonpoint. Iß ein bißchen weniger, und vor allem, trink nicht so viel Bier, und du wirst sehen...«
Arnold Scheer hob abwehrend die Hände. »Hungern und dursten soll ich? Da sei Gott vor! Was sind das für lästerliche Ideen!«
»Nur ein unverbindlicher Ratschlag. Aber ganz ehrlich, mir gefällst du so wie du bist.« Justus Weigand zog ihn liebevoll an seine Brust. »Du bist eine ehrliche alte Haut, und das ist die Hauptsache. Wenn ein Mädchen auch nur wagen sollte, etwas an dir auszusetzen, dann schick es zu mir...«
Arnold Scheer lachte. »Das könnte dir so passen! Nein, tu du dir deine Eroberungen nur allein auf. Vor allem aber... grüß mir Cousine Clementine!«
»Wird gemacht!«
Als er gegangen war, tat Justus Weigand zwei kräftige Löffel Zucker in seine Teetasse, um sich das fade helle Gebräu schmackhaft zu machen, und leerte auch die zweite — um die Witwe Gübern nicht zu kränken. Er trank stehend und ließ dabei einen bedauernden Blick durch seine Bude schweifen. Justus Weigand fühlte sich sehr unbehaglich, wenn er an das Wiedersehen mit seiner Cousine dachte, und er wünschte von ganzem Herzen, daß dieser Abend schon vorüber wäre.

#2 
regrem патриот07.10.15 20:11
NEW 07.10.15 20:11 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 28.10.15 07:43 (regrem)
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Als die alte englische Uhr unten in der Diele der Villa Thielemann die neunte Stunde anzeigte, mit dröhnenden, lang nachhallenden Schlägen, empfand Clementine Hergert ganz plötzlich einen scharfen, ziehenden Schmerz in der Herzgrube.
War es die Freude der Erwartung, die sie fast schwindeln machte? Die Sehnsucht, die sie jetzt, so nahe dem Ziel, nicht länger ertragen zu können glaubte? Oder war es Beunruhigung darüber, dass Justus Weigand immer noch nicht da war? Angst, dass er all ihre Hoffnungen zerstören und am Ende nicht kommen würde?
Clementine wusste es selbst nicht, und sie unternahm auch gar nicht den Versuch, es herauszufinden. Sie war ein unsentimentales, klarblickendes, energisches Mädchen, jedenfalls hielt sie sich selbst dafür, und so weigerte sie sich, getreu der Rolle, die sie übernommen hatte, unbestimmte Gefühle ernst zu nehmen oder gar zu sezieren.
Wenn es nur etwas zu tun gäbe, womit sie sich die Wartezeit vertreiben könnte! Alle Briefe in die Heimat waren längst geschrieben. Die Höschen, Hemdchen, Schürzen und Strümpfe der Kinder lagen sauber, gebügelt und geflickt in den Kästen und Schränken, wie es sich zu Ende des Jahres gehört. Zum Lesen hatte sie jetzt keine Geduld.
Sie verließ ihr Mansardenzimmer, lauschte nach unten. Die Türglocke blieb stumm.
Aber dann war es ihr, als ob sie doch etwas hörte, ein dumpfes Stöhnen in der Stille des großen Hauses. Sie horchte auf.
Doch es war schon vorbei. Außer dem vertrauten Schnarren der alten Uhr, mit dem diese sich von der Anstrengung des Schlagens zu erholen pflegte, war nichts zu hören.
Sollte sie sich getäuscht haben? War vielleicht eines der Kinder wach geworden oder litt unter einem unruhigen Traum?
Es war ihr zwar so gewesen, als ob das Stöhnen hier oben, aus einer der Mansarden gekommen wäre. Aber das konnte nicht sein. Rosa Janowitz, das Stubenmädchen, hatte seit dem Nachmittag Ausgang, und die Köchin schlief heute unten, um in der Nähe der Kinder zu sein.
Clementine lief lautlos die schmale Hintertreppe hinab und betrat die Galerie, um die die Räume des zweiten Stockes angeordnet waren. Sie huschte in das Kinderzimmer, wo ihre Schützlinge im schwachen Schein des kleinen Nachtlichtes schliefen, und ging von Bett zu Bett. Sie beugte sich über die beiden kleinen Mädchen und zog ihre Decken zurecht.
Der achtjährige Friedrich öffnete, als sie zu ihm trat, die dunklen Augen. »Tine«, murmelte er schlaftrunken, »du bist so schön!«
Clementine errötete und lächelte über das naive Kompliment des Jungen, aber mehr noch über sich selbst, weil es ihr so wohl tat. »Das bildest du dir nur ein«, flüsterte sie und strich ihm eine Locke aus der Stirn, »ich sehe aus wie immer.«
»Ist schon das neue Jahr?«
»Erst musst du schlafen. Wenn du morgen aufwachst, ist es da.« Sie richtete sich auf und wollte zur Tür. Aber Friedrich rief sie zurück. »Tine!«
»Ja?«
»Gehst du fort?«
»Die Mamsell bleibt nebenan. Die ganze Nacht. Schlaf schön, Fritzchen.«
Clementine huschte wieder in ihr Zimmer hinauf. Über der Waschschüssel hing ein Spiegel, in welchem sie sich lange betrachtete. Das war etwas ganz Ungewohntes für sie, denn im allgemeinen war sie mit ihrer Toilette im Nu fertig, und jeder weitere Aufenthalt vor dem Spiegel schien ihr Zeitverschwendung und Trödelei, ja geradezu Charakterschwäche. Sie schämte sich auch jetzt ein wenig, als ob sie etwas nicht ganz Anständiges täte. Dennoch konnte sie sich nicht von ihrem Spiegelbild trennen, betrachtete sich sehr aufmerksam, mit leicht gerunzelter Stirn, die Lippen fest aufeinander gepresst. — War sie schön?
Es gab Männer, daheim in Görzen, die ihr das gesagt hatten. Es hatte mehr als einen gegeben, der sie gern geheiratet hätte. Aber sie hatte abgelehnt. Nicht, weil sie hoch hinaus wollte, wie böse Zungen behaupteten, sondern weil sie sich schon als halbes Kind entschieden hatte — für den einen Mann, den sie nicht vergessen konnte.
Sie liebte Justus Weigand. Sie liebte ihn nicht, weil er studierte, nicht, weil er Doktor wurde. Auch wenn er sein Studium hätte aufgeben müssen oder gar in Elend und Not geraten wäre, es hätte sie immer zu ihm hingezogen. Es hatte Zeiten gegeben, da sie davon geträumt hatte, dass eine schwere Krankheit oder ein anderer Schicksalsschlag ihn aus der Bahn werfen möge, damit sie zu ihm eilen, ihn pflegen und ihn seelisch hätte aufrichten müssen.
Aber Clementine wusste, dass ein Mädchen nicht ihres Charakters, nicht der Festigkeit ihrer Haltung wegen geheiratet wurde. Viel wichtiger war, dass man etwas mit in die Ehe bringen konnte. Ersparnisse oder eine Mitgift. Sie hatte Geld, wenn auch nicht viel, das Erbe ihrer früh verstorbenen Eltern, das sie nie hatte anzugreifen brauchen. Für Görzen war es eine beachtliche Summe gewesen, aber hier, in der Großstadt, schien es ihr ein armseliger Bettelpfennig. Ein studierter Mann wie Justus Weigand durfte ganz andere Ansprüche stellen. Und deshalb beugte sich Clementine Hergert am Abend des seit langem ersehnten und sorgfältig geplanten Wiedersehens dem Spiegel entgegen und fragte sich, ob ihre äußeren Reize dazu angetan seien, das Herz eines Mannes zu erobern.
Sie fand keine Antwort auf diese Frage. Ihre großen, dunklen Augen gefielen ihr, und auf ihr schweres, schwarzes Haar, das sie in der Mitte gescheitelt und in zwei dicken Zöpfen um den Kopf gewunden trug, war sie stolz. Aber sonst? Die kräftige, gerade Nase mit den beweglichen Nüstern war nicht hässlich. Aber das Kinn war zu ausgeprägt, die Lippen zu hart, zu gespannt. Sie öffnete den Mund, fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. So war es schon besser. Aber immer noch wirkte ihr Gesicht streng.
Hätte sie nicht doch die Brennschere benutzen sollen, wie Rosa Janowitz ihr geraten hatte? Aber nein, sie konnte damit nicht umgehen, und dann, es hätte auch nicht zu ihr gepasst.
»Ach was, Firlefanz«, sagte sie laut, als könnte sie sich durch ihre energische Stimme selbst zur Ordnung rufen.
Und in diesem Augenblick hörte sie es wieder, das dumpfe, gequälte Stöhnen, und den Bruchteil einer Sekunde lang kam es ihr fast so vor, als ob sie selbst es ausgestoßen hätte. Sie hielt den Atem an und lauschte. Sie hörte das eigene Herz kräftig schlagen — und dann wieder den qualvollen Ton.
Er schien von nebenan zu kommen. Aus der Kammer von Rosa Janowitz. Und wenn sie sich ihrer Sache auch durchaus nicht sicher war, so war sie doch alarmiert genug, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Sie verließ ihr Zimmer und klopfte an der anderen Tür. Kein Laut antwortete von drinnen.
Clementines anerzogene Zurückhaltung und ihr sehr ausgeprägtes Verantwortungsgefühl kämpften miteinander. Dann drückte sie die Klinke nieder. Sie wusste, dass diese Tür nicht abgeschlossen sein konnte, denn dem Personal im Hause Thielemann, zu dem auch sie gezählt wurde, war der Luxus eines eigenen Schlüssels nicht vergönnt.
In der Kammer war es finster, aber Clementine spürte sofort, dass sie nicht leer war. Die Wärme hier drinnen hatte etwas Lebendiges, sie war geschwängert von einem tierhaft herben Geruch.
»Rosa«, sagte sie — und nach einer kleinen Pause noch einmal: »Rosa!«
Als sie keine Antwort erhielt, ging sie entschlossen auf die Wand zwischen ihrem und Rosas Zimmer zu, drehte an der Gaslampe, die genau gegenüber ihrer eigenen angebracht war, und entzündete sie.
Der Schein der Lampe erfüllte den Raum und fiel auf Rosa, die zusammengekrümmt auf ihrem zerwühlten Bett lag.
»Rosa, was ist denn? Ich denke, du bist schon lange weg!« rief Clementine Hergert erschrocken. Obwohl sie zwei oder drei Jahre jünger war als das Hausmädchen, duzte sie sie ganz selbstverständlich, denn Rosa war einfacher Herkunft, die Tochter eines Landarbeiters in der schlesischen Heimat.
»Gehen Sie!« rief Rosa. »Lassen Sie mich in Ruhe! Was wollen Sie denn in meinem Zimmer, Fräulein?« Sie umklammerte das Federbett mit beiden Händen, zog es bis zum Kinn.
Aber Clementine war so leicht nicht einzuschüchtern. »Hast du Schmerzen?«
»Ich will, dass Sie mich in Ruhe lassen!« fauchte Rosa. Ihre Nase ragte spitz aus dem eingefallenen Gesicht, die Haut wirkte grünlich, tiefe Schatten lagen unter ihren Augen, die seltsam matt und glanzlos waren.
Ein krampfartiger Anfall überkam sie; sie wand sich vor Qual. Dabei zogen sich ihre Lippen über die Zähne zurück, was ihr ein fast totenkopfähnliches Aussehen gab.
Plötzlich bekam es Clementine mit der Angst zu tun. Sie wäre am liebsten davongelaufen oder hätte laut um Hilfe gerufen. Aber beides verbot sich von selbst. Sie konnte Rosa nicht so allein lassen, und genauso unmöglich wäre es gewesen, Herrn und Frau Thielemann, die sich jetzt unten in ihrem Schlafzimmer für den festlichen Abend umzogen, die Stimmung zu verderben.
Rosas Gesicht glättete sich wieder. »Es ist... schon vorbei!«
Clementine trat ganz nahe an das Bett. Sie legte Rosa die Hand auf die Stirn, die von kaltem Schweiß bedeckt war. »Fieber hast du jedenfalls nicht«, stellte sie mit deutlicher Erleichterung fest.
»Es ist...« sagte Rosa. »Sie verstehen das nicht, Fräulein. Gehen Sie ruhig, lassen Sie mich allein. Morgen werde ich wieder ganz gesund sein.«
»Hast du das denn schon öfters gehabt?«
»Ja«, sagte Rosa, »o ja, Fräulein.« Wieder erfolgte ein Anfall, und wieder verzerrte sich ihr blutloses Gesicht zu einer schauerlichen Grimasse.
»Ich werde einen Arzt holen«, entschied Clementine und wandte sich zur Tür.
»Nein!« Rosa schrie es mit sich überschlagender Stimme heraus. »Keinen Arzt! Ich bin nicht krank, ich will nicht!«
»Aber natürlich bist du krank, Rosa, mir kannst du doch nichts vormachen, du hast furchtbare Schmerzen.«
»Und glauben Sie, die würden besser werden, wenn man mich hinauswirft? Wer duldet schon ein krankes Mädchen! Thielemanns nicht, die bestimmt nicht!«
»Die gnädige Frau ist sehr gut«, erwiderte Clementine unsicher.
»Aber er nicht! Er ist... ein Teufel! Er wäre ja froh, wenn er mich rauswerfen könnte! Und dann? Was dann?« Wieder ein neuer Anfall; Rosa stöhnte keuchend. »Oh, mein Gott, wie lange denn noch? Mach ein Ende... lasse ein Ende sein!«
Clementine stand ganz starr, die Nägel in die Handflächen gebohrt, und wartete, bis der Anfall vorüber war. Ein leiser Abscheu vor dieser nach Schmerz und Schmutz riechenden Kreatur erfüllte sie, gleichzeitig aber auch ein tiefes Mitleid.
»Dein Leben, Rosa«, sagte sie, »nichts ist wichtiger als dein Leben!«
»Daran stirbt man nicht, Fräulein, das macht jede einmal durch! Gehen Sie doch, bitte, gehen Sie!«
Clementine wusste nicht mehr, was sie tun sollte. Hätte Rosa sie darum gebeten, wäre sie geblieben. Aber ganz offensichtlich lag dem kranken Mädchen doch nichts an ihrer Gesellschaft - und wie hätte sie auch helfen können!
Nein, es war zu viel verlangt, dass sie ausgerechnet diesen Abend, auf den sie sich seit Monaten gefreut und auf den sie seit Jahren hingearbeitet hatte, wegen dieses Zwischenfalls opfern sollte.
Siedend heiß wurde ihr bewusst, dass sie, während sie bei Rosa war, nicht auf die Haustürklingel geachtet hatte, sie wohl auch gar nicht hätte hören können. Vielleicht war Justus Weigand schon da, vielleicht stand er in diesem Augenblick unten und wartete darauf, eingelassen zu werden. Aber sie konnte ja doch nicht gut erwarten, dass die gnädige Frau selbst öffnen ging, zumal Frau Thielemann sicherlich noch nicht fertig angezogen war.
»Gut, Rosa, ganz wie du willst!« sagte sie hastig. »Ich lasse dich also allein! Aber wenn ich heute Nacht nach Hause komme, darf ich dann noch einmal nach dir sehen?«
»Das wird nicht nötig sein, Fräulein«, konnte Rosa gerade noch sagen, dann packte sie ein neuer Anfall, dessen Ende Clementine nicht mehr abwartete.
Sie verließ die Kammer, huschte die Hintertreppe hinunter, öffnete die Tür zur Galerie. Sie stand lauschend, mit angehaltenem Atem und gespannter Erwartung.
Kein Klingelzeichen ertönte.
Wie lange war sie bei Rosa gewesen? Sie wusste es nicht. Aber doch sicherlich nur wenige Minuten. Es war nicht möglich, dass Justus Weigand inzwischen gekommen und, da niemand geöffnet hatte, wieder gegangen war.
Clementine presste beide Hände gegen ihr heftig schlagendes Herz, als könnte sie es damit besänftigen. Nein, nein, das durfte nicht sein!

#3 
regrem патриот07.10.15 20:11
NEW 07.10.15 20:11 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 28.10.15 07:45 (regrem)
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Dorothee Thielemann war seit mehr als zehn Jahren verheiratet, und dennoch war es ihr immer noch quälend unangenehm, sich in der Gegenwart ihres Gatten umzuziehen. An gewöhnlichen Tagen vermied sie das, indem sie morgens erst aufstand, wenn er das Haus längst verlassen hatte, und abends vor ihm zu Bett ging. Aber bei gewissen Gelegenheiten, wie etwa heute, war es nicht zu umgehen, und das bedeutete für sie eine wahre Pein.
Otto Thielemann wusste das — und Frau Dorothee war überzeugt, dass er gerade deshalb die Situation ausnutzte und genoss. Das eheliche Schlafzimmer war sehr geräumig. Auf der einen Seite schloss sich ein in weißem Marmor gehaltenes Bad in der Größe eines mittleren Festsaales an, auf der anderen Seite ein Ankleidezimmer, ebenfalls von beträchtlichen Ausmaßen. Aber Otto Thielemann dachte nicht daran, den unausgesprochenen Wunsch seiner Frau zu erfüllen und sie, wenigstens bei den diskreteren Verrichtungen, allein zu lassen. Er wandte nicht einmal den Kopf zur Seite oder senkte die Lider, sondern betrachtete sie unentwegt aus seinen eng beieinanderstehenden schwarzen Augen, unter deren stechendem Blick sie sich herabgewürdigt und elend fühlte.
Sie tat so, als merkte sie es nicht, dass er sie beobachtete, sah konsequent an ihm vorbei ins Leere, und doch war ihr auf geheimnisvolle Weise in jedem Augenblick bewusst, was er tat.
Jetzt stand er da in indezenter Nacktheit. Dorothee Thielemann wurde ganz übel. Sie nestelte an den Verschlüssen ihres Korsetts herum, zog die Schnüre fester, alles mit gesenkten Wimpern, mit festgeschlossenen Augen; denn sie liebte auch ihre eigene Nacktheit nicht.
Sie war sehr schlank, ihr Fleisch, dieses fast durchscheinende weiße Fleisch, von blauen Adern durchzogen, reichte nicht aus, die Knochen ganz zu bedecken, diente gewissermaßen nur als Hülle ihres zarten Skeletts. Sie hätte gewiss keines Korsetts bedurft, trug es nur der Mode und dem Anstand zuliebe. Ihre Taille war so schmal, auch heute noch nach zehn Jahren Ehe mit fünf Geburten — zwei ihrer Kinder waren früh gestorben —, dass Otto Thielemann sie mit beiden Händen umspannen konnte.
Auf ihrem überlangen schlanken Hals saß wie auf schwankendem Stängel das Köpfchen, sehr anmutig, sehr edel. Ihr schneeweißes kleines Gesicht wirkte durch die weit aufgerissenen großen Augen stets verängstigt, geradezu erschrocken, auch wenn kein Anlass dazu bestand.
»Soll ich dir beim Schnüren helfen, Mausi?« fragte Otto Thielemann mit geschmeidiger Stimme.
Sie zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen — erst in dieser Sekunde war ihr bewusst geworden, dass er hinter ihr stand. Wie lange schon? Eine feine rote Welle lief wie ein warmer Hauch über ihre schneeweiße Haut — von dem kind
liehen Busen über den Hals, das Kinn und hinauf bis zur Stirn.
»Nein, nein, danke«, stammelte sie.
»Lasse mich nur, ich verstehe mich darauf!« Er legte seine gelbliche, sehr gepflegte Hand mit dem behaarten Rücken auf ihre Schulter.
Es war ihr, als wenn ihr Fleisch zu Eis erstarrte. Sie saß steif und bewegungslos.
Er tat, als merkte er ihren Widerstand gar nicht. »Nun, wo muss ich ziehen?«
»Ich möchte nicht... bitte, Otto, ich möchte nicht!« sagte sie verzweifelt. »Das ist. . .keine Beschäftigung für einen Mann!«
Sie wusste, er konnte hartnäckig sein, und sie befürchtete schon das Schlimmste. Aber anscheinend hatte er diesmal nur einer plötzlichen Laune nachgegeben. Er zog seine Hand zurück.
»Dann klingle bitte nach einem Mädchen. Es ist nicht mit anzusehen, wie ungeschickt du dich abplagst«, sagte er kalt.
Der kurzen Erleichterung folgte ein Gefühl tiefer Demütigung. »Das geht nicht, heute nicht«, sagte sie, »und außerdem ... ich bin ja schon fertig!« Sie band die Schnüre ihres Korsetts im Kreuz zu einer festen Schleife, die sie verknotete, erhob sich rasch und stieg in ihr Abendkleid, einen Traum aus braunem Samt, Ekrüseide und Spitzen, der einer statuösen Frau königlich gestanden hätte, sie aber fast zu erdrücken schien. Außerdem machten die stumpfen und gedeckten Farben sie alt.
Jetzt, da sie darangehen musste, die unzähligen Knöpfchen auf dem Rücken zu schließen, hätte sie die Hilfe ihres Gatten brauchen können, aber sie wagte es nicht mehr, ihn darum zu bitten; sie machte sich mit verzweifelter Entschlossenheit selbst an die Arbeit.
Er stand vor dem großen Spiegel, zupfte sich die weiße Schleife vor dem »Vatermörder« zurecht, dem eckigen hohen Kragen, und beobachtete sie aus den Augenwinkeln.
»Wo ist Rosa?« fragte er.
»Ich habe ihr Ausgang gegeben.«
»Und Clementine?«
»Sie wird von ihrem Vetter abgeholt.«
Er betrachtete prüfend den schnurgeraden Scheitel, der sein lackschwarzes Haar genau in der Mitte teilte. »Findest du nicht, dass du dem Personal gegenüber ein bisschen zu großzügig bist?«
»Aber, Otto, gerade heute...»
»Gerade heute wünsche ich, dass unsere Kinder nicht allein bleiben!«
»Die Mamsell...«
Er fiel ihr ins Wort. »... ist für die Küche und nicht für die Kinder da! Ich werde Clementine jetzt rufen, und du wirst ihr mitteilen, dass sie heute Abend zu Hause bleiben muss!«
»Nein, Otto«, rief Frau Dorothee ganz entsetzt, und ihre Augen wurden, wenn überhaupt möglich, noch größer, »das kann ich nicht, das darfst du nicht von mir verlangen! Sie hat sich so sehr auf das Wiedersehen mit ihrem Vetter gefreut, und ich habe ihr fest versprochen...«
»Dann nimmst du dein Versprechen eben zurück und vertröstest sie auf ein anderes Mal!«
»Nein, Otto, das bringe ich nicht über die Lippen, das musst du ihr schon selbst sagen!«
Otto Thielemann setzte sich auf einen der kleinen Sessel, zwängte seine Füße in die glänzenden schwarzen Stiefeletten. Er hatte durchaus nicht die Absicht, Clementine eine solche Enttäuschung zu bereiten, denn er legte sehr viel Wert darauf, beim Personal beliebt zu sein, als ein leutseliger, wenn auch gestrenger Herr zu gelten.
»Was ist dieser sogenannte Vetter überhaupt für ein Bursche?« fragte er.
»Ein Medizinstudent.«
Otto Thielemann schnalzte mit der Zunge. »Also ein versoffenes Genie. Ich hätte der guten Clementine schon etwas mehr Verstand zugetraut.«
»Er ist ein sehr anständiger und sehr strebsamer junger Mann, jedenfalls nach ihren Erzählungen. Ich werde ihn mir aber natürlich selber ansehen, wenn er kommt.«
Otto Thielemanns stechende Augen funkelten vor Belustigung. »Und wenn er deinem Geschmack nicht entspricht, wirst du ihn zurückschicken?«.
Frau Dorothee schob das Kinn vor. »Jawohl, das werde ich tun! Das Mädchen ist mir von seiner Mutter anvertraut, und ich fühle mich für sie verantwortlich.«
»Wie rührend, meine Liebe! Wenn du dich für deine Familie nur halb so verantwortlich fühlen würdest wie für diese Proleten...«
»Pfui!« rief sie. »Das ist ein sehr hässliches Wort! Willst du mir etwa vorwerfen, dass ich mich um die Kinder nicht genug kümmere?«
»O doch, das tust du! Ich bin es, den du vernachlässigst!«
Die Türklingel schrillte.
Herr und Frau Thielemann sahen sich an. »Das ist er!« rief sie.
Otto Thielemann lief zur Tür, brüllte in die riesige Diele hinaus: »Clementine!«
Aber im selben Augenblick rannte diese schon die Galerie entlang und an ihm vorbei, mit strahlenden Augen und so viel Schwung, dass er ganz überrascht war.
»Donnerwetter«, sagte er und zwirbelte nachdenklich seine rechte Schnurrbartspitze. »Die Kleine hat ja Temperament! Wer hätte das gedacht!«

#4 
regrem патриот07.10.15 20:11
NEW 07.10.15 20:11 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 29.10.15 16:02 (regrem)
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Justus Weigand hatte einen netten kleinen Marsch hinter sich gebracht. Er war von der Friedrichstraße her zu Fuß zum Tiergartenviertel gelaufen; ihm machte das nichts aus, er war es gewohnt, weite Strecken zu bewältigen. Die Thielemannsche Villa war nicht schwer zu finden
gewesen, denn die Von-der-Heydt-Straße war noch zum größten Teil unverbaut, und nach der Beschreibung, die ihm Cousine Clementine in ihrem letzten Brief gegeben hatte, erkannte er den imposanten, hochmodernen Bau mit den vielen, teils überdachten, teils offenen, teils eckigen und teils runden Balkons sofort. Er stand, ein wenig von der Straße abgerückt, in einem Vorgarten, durch den man an der linken und rechten Flanke des Hauses vorbei in den dahinter liegenden parkähnlichen Garten gelangte.
Energisch zog er an der Klingel, trat einen halben Schritt zurück und erwartete, dass nun in dem halbdunklen Fenster über der schweren Eichentür mit den Messingbeschlägen Licht aufscheinen würde.
Aber statt dessen blieb es, auch als die Tür aufgerissen wurde, drinnen dunkel, und der Schein der Straßenlampe fiel Clementine gerade ins Gesicht — einer Clementine, die so sehr der kleinen Spielgefährtin vergangener Tage glich, dass er ganz überrascht war. Die runden schwarzen Augen waren dieselben geblieben, auch die warme braune Haut und die starken weißen Zähne. Es fehlten nur die schweren braunen Zöpfe, die ihr immer so lustig um den Kopf geflogen waren — aber nein, selbst die waren noch da, sie hatte sie nur hochgesteckt.
»Tina!« rief er und breitete die Arme aus.
Eine Sekunde lang schien es, als wollte sie sich ihm an die Brust werfen.
Aber dann rief eine dünne Frauenstimme aus dem Inneren des Hauses: »Clementine, warum machen Sie denn kein Licht an?«
»Entschuldigen Sie bitte, gnädige Frau!« Clementines Lächeln erlosch. »Ich hatte es so eilig ... ich . .,« Sie wich ins Haus zurück.
Als Justus Weigand hinter ihr eintrat, schimmerten die marmorverkleideten Wände des Eingangsraums im hellen Licht der Gaslampen. Clementine wirkte wie verzaubert.
Ihre Lippen waren schmal geworden, sie senkte die Wimpern über die schönen Augen, öffnete eine weißlackierte, mit Ornamenten reich verzierte Tür.
»Möchtest du nicht ablegen?« Er wusste nicht, worauf sie hinauswollte. »Ich dachte, wir gehen gleich.«
»Ja, schon. Aber meine Gnädige möchte dich sprechen.«
Er war überzeugt, ein sozial denkender Mensch zu sein; dennoch — oder gerade deswegen — störte ihn ihre Ausdrucksweise.
»Warum?« fragte er. »Ich kenne Frau Thielemann ja gar nicht, und ich wüsste nicht, worüber ich mich mit ihr unterhalten sollte.«
»Das weißt du schon«, sagte sie und nahm ihm den Spazierstock aus der Hand, »ach, sei doch nicht so.«
Obwohl er sich keiner Schuld bewusst war, hatte er plötzlich das Gefühl, sich schlecht zu benehmen. Das reizte ihn. Er war nahe daran, ihr seinen Stock zu entreißen und wieder zu gehen.
Aber dann merkte er, dass er im Begriff stand, sich wie ein ungezogener Junge zu benehmen — ein durch das Wiedersehen mit der Cousine hervorgerufener Rückfall in die Gepflogenheiten der Kindheit? — und nahm sich zusammen. Er ließ sich von Clementine aus dem Paletot helfen, gab ihr den weißen Schal, den er sich zur Feier des Abends um den Hals geschlungen hatte, nahm den Chapeau claque ab, legte seine Handschuhe hinein.
»Ich bin sehr froh, dass du gekommen bist«, sagte sie fast schüchtern.
Ihr Anblick erinnerte ihn an daheim, an die Mutter, an das Dorf, an viele liebe und wehe Dinge, die alle so unendlich weit zurücklagen. Aber er konnte dieses heftige und doch ganz unbestimmte Gefühl nicht in Worte kleiden. »Ich hatte es dir doch versprochen«, sagte er stattdessen und kam sich selbst unbeholfen vor.
Sie hatte seinen Paletot aufgehängt. Außer der offenen Garderobe gab es noch einige verschlossene Schränke für die Mitglieder der Familie. Auch dieser Raum war ganz in weißem Marmor gehalten, aus dessen anthrazitgrauen Adern sich mit ein wenig Phantasie Gesichter und Landschaften erkennen ließen. Zwischen den Schränken war ein marmornes Waschbecken eingelassen, mit einem Spiegel darüber, in den er aber keinen Blick warf. Er fuhr sich mit allen fünf Fingern durch sein braunes, weiches Haar, eine Geste, mit der er das Gegenteil dessen bewirkte, was er hatte erreichen wollen, nämlich seine Frisur in Ordnung zu bringen.
Clementine hätte ihn beinahe darauf aufmerksam gemacht, unterließ es dann aber doch. Er hatte es immer gehasst, zurechtgewiesen zu werden, und er sollte nicht glauben, dass es sie störe, wenn er sich vor Frau Thielemann ungünstiger präsentierte als notwendig gewesen wäre.
Wie eine zerbrechliche Porzellanfigur saß die Dame des Hauses inmitten der riesigen Diele, von der aus eine breite geschwungene Treppe in die Galerie des zweiten Stocks hinaufführte. Frau Dorothees große erschrockene Augen passten nicht zu der steifen gebieterischen Haltung, mit der sie ihn empfing. Sie reichte ihm eine schmale Hand, ohne Kraft und ohne Wärme, forderte ihn auf, Platz zu nehmen. Er setzte sich ihr gegenüber auf einen der hochlehnigen gedrechselten Stühle, schob Zylinder und Handschuhe unter den Sitz.
Ein Frage-und-Antwort-Spiel begann, das Justus Weigand ebenso abwegig wie lächerlich vorkam. Mehr als einmal hatte er eine heftige oder ironische Bemerkung auf der Zunge, aber jedes Mal, als ob sie seine Gedanken lesen konnte, traf ihn ein flehender Blick von Clementine, und er sagte, was man von ihm erwartete.
»Jawohl, gnädige Frau ... Nein, gnädige Frau... Natürlich, gnädige Frau... Im nächsten Jahr, gnädige Frau... Aber ganz gewiss, gnädige Frau.. .«
Und dann war es endlich überstanden. Sehr zögernd, als wenn sie einen inneren Kampf noch nicht ganz ausgemachten
hätte, reichte Dorothee Thielemann der Erzieherin ihrer Kinder einen Hausschlüssel. »Aber, bitte, trotz allem, Fräulein, Sie versprechen mir, dass es nicht zu spät wird!«
»Sie können sich auf mich verlassen, gnädige Frau!« Clementine war aufgestanden, ja beinahe aufgesprungen, als wollte sie ihrer Dienstherrin den Schlüssel aus der Hand reißen. Aber Frau Thielemann hielt ihn so dicht vor ihrer Brust, als ob sie sich nicht davon trennen könnte. »Da — so nehmen Sie ihn doch!« sagte sie ungeduldig und reichte ihn gleichzeitig, immer noch zögernd, hin.
Clementine griff zu. »Vielen Dank, gnädige Frau!« Sie deutete einen kleinen Knicks an, was, wie Justus Weigand fand, bei diesem großen, starken Mädchen ungeschickt und unpassend wirkte.
Frau Thielemann erhob sich. »Sie werden gut auf sie aufpassen, Herr Weigand, nicht wahr? Ich verlasse mich auf Sie!«
»Selbstverständlich, gnädige Frau, ich werde meine Cousine heil und gesund wiederbringen.«
Justus Weigand beugte sich über Frau Thielemanns blutleere, matte Hand und wollte einen Kuss andeuten - eine Höflichkeitsgeste, die ihm ganz und gar nicht lag und zu der er sich nur Clementine zuliebe aufraffte —, aber er kam gar nicht dazu, denn Frau Thielemann zog ihre Hand so rasch zurück, als wenn sie sich verbrannt hätte.
»Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, Fräulein«, sagte sie.
Justus bückte sich, zog seinen Chapeau claque unter dem Stuhl hervor, nahm die Handschuhe heraus und folgte seiner Cousine durch die breite Glastür in die Garderobe. Sie band ihm liebevoll den weißen Schal um den Hals, half ihm in den Paletot, von dessen Samtkragen sie ein Stäubchen wegpustete.
»War es sehr schlimm?« fragte sie lächelnd und verstaute den kostbaren Hausschlüssel in einer roten, kunstvoll gehäkelten und mit silbernen Perlen bestickten Beuteltasche.
Er beantwortete diese Frage nicht direkt, sagte stattdessen: »Ich bewundere dich, dass du das aushältst.«
»Wenn es um das tägliche Brot geht«, sagte sie heftiger, als nötig gewesen wäre, »kann man vieles.«
Er wusste, dass sie recht hatte, ärgerte sich umso mehr, dass sie ausgerechnet ihm damit kommen musste. »Hast du das nötig?«
Ihr Gesicht wurde überraschend weich. »Wie hätte ich denn ohne Thielemanns nach Berlin kommen können?« fragte sie zurück.
Er hatte das Gefühl, auf glatten Boden zu geraten. »Jedenfalls bin ich sehr froh, dass du jetzt hier bist«, sagte er ausweichend, »und gut siehst du aus!«
Sie zog sich das dicke wollene Dreiecktuch enger um die Schultern. »Mach dich nicht lustig über mich, ich bin nur ein altes Mädchen vom Lande! Aber du... du bist richtig stattlich geworden! Wenn Tante Anna dich so sehen könnte!«
Tante Anna war seine Mutter, und ihre Erwähnung berührte ihn tiefer, als er es für möglich gehalten hätte. Seit Jahren, seit vielen Jahren war er niemandem mehr begegnet, der seine Eltern kannte und mit denen er über sie hätte sprechen können.
»Wie geht es ihr?« fragte er. »Ihre Briefe klingen immer so fröhlich, dass ich manchmal beunruhigt bin.«
»Beunruhigt?« fragte sie erstaunt und öffnete die Haustür.
Ein Schwall eisiger Luft wogte ins Haus; die Gaslampen flackerten.
»Verstehst du das denn nicht? Sie schreibt mir wie einem Kind, das man nicht mit ernsten Dingen belasten will, weil man ja weiß, dass es das doch nicht versteht. Was wirklich passiert ist, muss ich immer zwischen den Zeilen lesen.«
Clementine lachte, hängte sich bei ihm ein. »So ist sie nun mal. Für sie bist du immer noch das Jungchen. Aber du kannst unbesorgt sein, sie wird mit dem Leben noch ganz gut fertig. Besser als sonst jemand, den ich kenne.«
»Und Vater?« fragte er.
»Erklärt noch immer alles mit erhobenem Zeigefinger. Er merkt nicht, dass das für seine Familie manchmal recht schwierig zu ertragen ist. Das Lehren ist ihm nun mal in Fleisch und Blut übergegangen.«
»Aber er ist gesund?«
»Bis auf seine Schmerzen in den Beinen. Aber aus denen macht er sich nicht viel. Wenn unser alter Doktor Kump-mann — der ist übrigens auch schon reichlich klapprig geworden - ihm etwas dagegen verschreiben will, sagt er immer: Lassen Sie nur, Herr Doktor, das schaffen Sie doch nicht mehr weg. Warten wir lieber, bis mein Sohn ausstudiert hat und wieder heimkommt. Dann wird er uns schon zeigen, wie man mit so einem Wehwehchen fertig wird!«
»Er rechnet also fest damit, dass ich mich in Görzen oder Umgebung niederlasse?« fragte Justus Weigand einigermaßen beklommen.
Sie verhielt den Schritt, sah ihn von der Seite an. »Willst du das nicht?«
»Ehrlich gestanden, ich weiß noch nicht recht...« Er löste sich aus ihrem Griff, der seine Bewegungsfreiheit einengte. »Mich zieht einfach nichts mehr nach Hause, verstehst du das?«
»Ich habe gleich gemerkt«, sagte sie leise, »dass du ein richtiger Großstädter geworden bist.«
»Großstädter!« wiederholte er. »Nein, du siehst das ganz falsch. Ich bin nicht vergnügungssüchtig, wenn du das meinst... herrje, ich kann es ja an den Fingern abzählen, wann ich in all den Jahren meines Studiums mal bummeln war, dafür hätte ich auch, selbst wenn ich es wollte, gar kein Geld! Es ist einfach so: Wenn ich mich auf dem Land niederlasse, dann bedeutet das das Ende meiner wissenschaftlichen Karriere... Nein, ich bin nicht ehrgeizig, sondern - ich könnte einfach nie mehr weiterkommen, verstehst du? Da, wo ich mit dem Studium geendet hätte, wäre Schluss. Es käme nie, nie mehr etwas dazu... Und erzähle jetzt nur nicht, dass man auch aus medizinischen Zeitschriften und Büchern lernen kann!« Er hatte sich so in Eifer geredet, dass er sich, obwohl die Winternacht bitter kalt war, mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischen musste.
»Das ist nicht so schwer zu begreifen«, sagte sie ruhig.
Er blieb stehen, packte sie bei den Schultern. »Clementine, du bist ein wundervolles Mädchen! Glaubst du, dass auch Vater und Mutter es verstehen würden?«
Sie lächelte schwach. »Was wird ihnen anderes übrigbleiben?«
Er ließ sie los. »Das war eine schlechte Antwort. Ich möchte sie nicht vor ein Fait accompli stellen, ich möchte ihre innere Zustimmung haben. Clementine, wenn du wieder nach Görzen zurückkommst.. .«
Sie fiel ihm ins Wort. »Das wird in absehbarer Zeit nicht geschehen.«
»Du willst für immer hier in Berlin bleiben?«
»Wundert dich das so? Du willst es doch auch - ein Grund mehr für mich.«
»Ich bin ein Mann«, sagte er, »bei einem Mann ist doch das etwas ganz anderes!«
Clementines Lippen spannten sich. »Diese Einstellung, Justus, passt nun aber gar nicht zu dir. Du bist doch sonst so sehr für die Gleichberechtigung aller Menschen und für den sozialen Fortschritt.«
»Woher weißt du das?« fragte er verblüfft.
Sie lächelte. »Ich habe deine Briefe eben sehr genau gelesen, alle Briefe, die du nach Görzen geschrieben hast. Ein bisschen bist du ja wie Tante Anna. Du hast auch mit der Wahrheit hinter dem Berg gehalten, um niemanden aufzuregen, aber es war deutlich genug zu erkennen, was du denkst und wie du fühlst.«
»Und Vater und Mutter haben es nicht gemerkt?«
»Nein. Die haben sich jedes ihr eigenes Bild von dir
gemacht.« Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Ich übrigens auch. Ich dachte, du würdest anders über die Situation der Frau denken. Ich dachte, du würdest einsehen, dass auch wir ein Recht haben, uns frei zu entscheiden.«
»Das habt ihr ja«, sagte er mit dem Versuch, das Problem ins Scherzhafte zu ziehen. »Wenn ein Mann euch einen Heiratsantrag macht, dürft ihr ihn annehmen oder ablehnen.«
Darauf sagte sie nichts, und sie gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander her.
»Ich wollte dich nicht ärgern«, sagte er endlich. »Natürlich weiß ich, dass du in mancher Hinsicht Recht hast. Wir müssen uns gelegentlich mal darüber unterhalten. Nur nicht heute Abend. Da wollen wir doch einmal fröhlich und sorglos sein wie alle anderen.«
Sie schwieg noch immer.
Im Schein einer Straßenlaterne blieb er stehen, legte ihr zwei Finger unter das Kinn; er wollte sie zwingen, ihn anzusehen. »Immer noch böse?«
Sie schlug die schwarzen Augen zu ihm auf. »Nein«, sagte sie, »aber... ich muss dir etwas sagen . . .«
Er verstand sie völlig falsch. »Wie heißt er?«
»Wer?« fragte sie, und dann erst begriff sie ganz. »Nein, nein«, sagte sie hastig, und ihre bräunliche Haut färbte sich einen Ton dunkler, »wie kommst du darauf? Es ist... etwas ganz anderes...«
•»Du willst mir nicht erzählen, dass du dich verlobt hast?«
»Nein«, sagte sie und bog heftig ihren Kopf zur Seite, »es ist nur, ich muss immerzu an Rosa denken. ..«
Er kam sich plötzlich sehr töricht vor. »Wer ist das nun schon wieder?«
»Rosa Janowitz«, sagte sie, »du müsstest sie eigentlich kennen. Sie ist in Görzen in die Volksschule gegangen, ja, sie war, glaube ich, sogar in deiner Klasse. Aber das spielt ja jetzt keine Rolle. Sie ist Stubenmädchen bei Thielemanns, und sie ist krank. . .«
Sie erzählte ihm, wie sie Rosa angetroffen hatte. »Kannst du dir erklären, was das für eine Krankheit ist?«
»Krämpfe?« sagte er. »Das kann alles Mögliche bedeuten ...«
»Denkst du an etwas Schlimmes?« fragte sie ängstlich.
»Eher ja als nein. Falls du dich nicht sehr geändert hast.«
Ihre Augen wurden noch runder. »Was hat das mit uns zu tun?«
»Früher«, sagte er, »warst du nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Entweder bist du also... nun, sagen wir, empfindsamer geworden, oder der Zustand des Mädchens war wirklich alarmierend.«
»Ich hätte sie nicht allein lassen dürfen. Aber ich habe mich doch so auf unser Wiedersehen gefreut, und dann - sie wollte mich ja nicht da haben, und sie wollte auch nicht, dass ich einen Arzt hole!«
»Sie hat Angst, ihre Stellung zu verlieren«, erklärte Justus Weigand.
»O nein, Thielemanns sind nicht die Leute, die ein armes Mädchen von heute auf morgen auf die Straße setzen!«
Seine Wangenmuskeln arbeiteten. »Bist du da auch ganz sicher?«
Sie schwieg, zog die Oberlippe zwischen die Zähne.
»Also, was nun?« fragte er. »Ich kann nicht einfach losgehen und mich amüsieren, nachdem du mir das erzählt hast. Aber ich weiß auch nicht, ob es richtig wäre, Thielemanns ins Vertrauen zu ziehen, da die Patientin es ausdrücklich nicht will.«
»Der Schlüssel«, sagte sie und begann in ihrer Beuteltasche zu kramen, »passt auf die Hintertür. Wir könnten ins Haus, ohne dass Thielemanns etwas zu bemerken brauchten. Du könntest sie untersuchen, Justus.«
Er begriff, dass sie es sich schon so ausgedacht hatte, als sie den Namen Rosa Janowitz zum ersten mal erwähnte, und fühlte sich übertölpelt. Aber schon war ihm der Fall wichtiger
als seine persönlichen Gefühle. »Das wäre eine Möglichkeit«, gab er zu, »aber ich habe weder ärztliches Besteck noch irgendwelche Medikamente bei mir, nicht einmal ein Fieberthermometer.«
.»Temperatur hat sie nicht«, warf Clementine dazwischen.
»Ganz abgesehen davon, dass ich noch gar nicht praktizieren darf«, gab er zu bedenken.
»Das sollst du ja auch gar nicht«, beschwor sie ihn eifrig, »du sollst nur nach ihr sehen! Wenn du feststellst, dass die ganze Sache harmlos ist, brauchen wir uns keine Gedanken mehr zu machen, und wenn nicht, können wir ja noch immer einen richtigen Arzt holen... oder alles Thielemanns sagen!«
Als er immer noch zögerte, drängte sie: »Ich hätte dich auch dann gebeten, mitzukommen, wenn du nicht zufällig Medizin studieren würdest!«
Er sah sie aus schmalen Augen an. »Du bist wirklich ganz und gar die alte geblieben. Clementine mit dem Dickkopf. Du musst immer durchsetzen, was du dir vorgenommen hast, nicht wahr?«
»Na und?« sagte sie herausfordernd, »ist das so schlecht?«
»Komm schon«, sagte er, »ich verzichte darauf, mich mit dir in eine Diskussion einzulassen.« Er drehte sich um und marschierte mit so großen Schritten zurück, dass sie ihm, behindert durch ihren langen Rock, kaum folgen konnte. Sie musste die wenigen hundert Meter, die sie sich inzwischen schlendernd von der Thielemannschen Villa entfernt hatten, fast im Laufschritt zurücklegen.
Als er die Gartentür öffnen wollte, hielt sie ihn zurück. »Vorsicht«, flüsterte sie, »wir wollen ihnen doch nicht in die Arme laufen!«
Das Haus lag genauso still da, wie sie es verlassen hatten.
»Sie sind noch nicht fort«, raunte sie, »aber wir müssen es trotzdem riskieren! Oder meinst du, dass wir lieber warten, sollten?«
»Du hast das Oberkommando«, sagte er ironisch.
Sie zog ihn durch die Gartenpforte. Erst ging es auf die Haustür zu, dann aber lenkte sie ihn rechts um die Vorderfront der Villa herum zu einer kleinen Treppe mit einem Eisengitter, die ins Souterrain führte. Die Tür quietschte, als sie sie aufschloss. Drinnen war es sehr dunkel.
»Bleib hier stehen«, flüsterte sie.
Er hörte, wie sie sich entfernte, musste über die absonderliche Situation lächeln, in die er da geraten war. Wenn Frau Thielemann ihn ertappte, würde sie ihn bestimmt für Clementines Liebhaber halten. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass er sich nachts in ein fremdes Haus einschleichen würde.
Flackernder Lichtschein verriet ihm, dass Clementine zurückkam. Sie trug ein brennendes Talglicht, das sie mit der hohlen Hand vor dem Luftzug zu schützen suchte.
»Komm«, flüsterte sie, »siehst du genug? Du brauchst mir nur zu folgen. Den Gang entlang, dann rechts um die Ecke, und danach geht es die Treppe hinauf. Pass auf, dass du nicht stolperst!«
Er ertastete die flachen Stufen und folgte ihr.
»Thielemanns könnten uns hören«, fügte sie ergänzend hinzu.
»Und ich dachte schon, du hättest Angst, ich würde mir die Beine brechen!«
»Es ist überhaupt nicht gefährlich«, sagte sie.
Sie kannte sich auf der Hintertreppe aus, die sie täglich viele Male hinauf- und hinunterlief, hätte sich hier auch im Stockdunklen zurechtgefunden. Aber für Justus Weigand war es erheblich schwieriger. Er konnte sie nie weiter als einen halben Meter sehen und verlor bei dem steilen Anstieg und den unzähligen Windungen völlig die Orientierung. Er war erleichtert, als Clementine endlich stehenblieb.
Sie hob die Kerze hoch, und er sah, dass sie einen schmalen Gang mit etlichen braungestrichenen Türen erreicht hatten.
»Wir sind oben«, sagte sie, »hier, das ist meine Kammer . . . und gleich daneben schläft Rosa!« Sie hielt den Atem an. »Da hör nur, wie sie stöhnt! Die Schmerzen scheinen noch schlimmer geworden zu sein.«
Justus Weigand kannte diesen Laut verzweifelter kreatürlicher Qual, und er war nahe daran, eine Diagnose zu stellen, noch ehe er das Mädchen gesehen hatte.
Clementine öffnete sacht die Tür. »Rosa«, sagte sie, »ich bin zurückgekommen. Ich konnte dich nicht so allein lassen.«
Rosa Janowitz war schon zu geschwächt, als dass sie die Kraft aufgebracht hätte, noch einmal zu protestieren. »O Fräulein«, stöhnte sie, »mir geht es schlecht, sehr schlecht. Ich werde es wohl nicht durchstehen.«
Das Gaslicht brannte immer noch. Dennoch herrschte in der Kammer schattenhaftes Halbdunkel. Justus Weigand sah nur undeutlich die schrägen Wände, das zerwühlte Bett, Rosas eingefallenes Gesicht mit der spitz gewordenen Nase, die schwarzen Ringe um ihre Augen.
»Kannst du nicht für bessere Beleuchtung sorgen, Clementine«, sagte er.
Rosa Janowitz fuhr hoch. »Wer ist das?«
»Mein Vetter Justus«, erklärte Clementine, »beruhige dich, Rosa... Du kennst Justus Weigand, du musst dich an ihn erinnern, ihr seid zusammen in die Schule gegangen. ..«
»Was will er?«
»Nach dir sehen. Du darfst ihn nicht fortschicken, das wäre sehr unrecht von dir. Wir sind die Hintertreppe heraufgeschlichen. Thielemanns wissen gar nicht, dass wir zurück sind.«
Rosa Janowitz ließ den Kopf auf das harte Kissen sinken. »Das ist gut.«
Clementine hatte Talg auf die Platte des Nachttischchens getropft und das Licht festgeklebt. »Heller wird es nicht«, sagte sie, »es ist keine zweite Lampe im Zimmer.«
»Könntest du nicht von dir drüben eine holen?«
Clementine schüttelte den Kopf. »Wir haben nur diese Wandarme. Ich müsste in die Küche hinunter und sehen, ob ich noch ein.. .«
Er fiel ihr ins Wort. »Schon gut. Ich werde es so versuchen. Bitte, lass uns allein!«
Sie zögerte, hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, fortgeschickt zu werden, und wollte sich gegen die unerwartete Autorität des Vetters aufbäumen, gehorchte dann aber doch.
Justus Weigand zog den einzigen Stuhl an das Bett des Mädchens, strich ihr sanft über den Leib — wie er erwartet hatte, war er schwer und gespannt. Rosa krümmte sich vor Schmerzen, und er fand seinen Verdacht bestätigt: das, was Clementine für krampfartige Anfalle gehalten hatte, waren Wehen. Allerdings schienen sie ihm nicht normal zu sein.
Er fasste den Puls des Mädchens, wartete schweigend ab, bis die Wehe vorbei war, und zählte dann die Sekunden bis zur nächsten.
»Ich weiß nicht, was mit mir los ist«, stöhnte Rosa. »Es ist alles ganz anders als sonst!«
»Es ist nicht dein erstes Kind?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte schon mal eins...«
»Weiter!«
»Das habe ich weggegeben. Und einmal eine Fehlgeburt.«
Er unterdrückte eine Bemerkung über ihren Leichtsinn, sagte statt dessen: »Und diesmal ist es anders?«
Eine neue Wehe packte sie, und es dauerte eine Weile, bis sie wieder sprechen konnte. »Viel schlimmer.«
»Wann haben die Wehen begonnen?«
»Gestern Abend.«
Er hob die Augenbrauen. »Das geht also schon seit vierundzwanzig Stunden so?«
Sie nickte. »Ich musste arbeiten«, sagte sie, »ich musste mich schnüren. Ich konnte nicht anders. Liegt es daran, Herr?«
Er ging auf ihre Frage nicht ein. »Und seit wann kommen die Wehen in so kurzen Abständen?«
»Ich weiß nicht . . . schon lange.« Sie umklammerte sein Handgelenk. »Ist das schlimm, Herr?«
»Für das Kind ist es auf alle Fälle gefährlich . . .«
Ihr böses Lachen wurde von einer neuen Wehe zerrissen. »Was schert mich das Kind! Ich will leben ... ich! Herr, helfen Sie mir doch!«
Der junge Mediziner wartete, bis die Kraft der Wehe nachließ. Dann löste er sanft die Hände des Mädchens, die das Federbett um krampft hielten, zog es herunter, schob ihr Nachthemd hoch. Er tastete ihren Leib ab. Dabei schloss er die Lider, verließ sich auf die Sensitivität seiner Finger.
Er merkte sofort, dass die Bauchdecke der schwangeren seitlich stark aufgetrieben war. Die Größe der Gebärmutter selbst war geringer, als es der Zeit entsprochen hätte.
Eine Wehe unterbrach diese erste Untersuchung.
»Schon heute früh«, sagte Rosa und rang nach Atem, »kam das Wasser..., und ich dachte schon, jetzt geht's gleich los, mitten bei der Arbeit. Ich rannte hoch, aber es war nichts. Nur die Schmerzen.«
»Wann war das?« fragte Justus Weigand.
»So gegen neun. . .«
Fruchtblase schon seit mindestens zwölf Stunden geplatzt, registrierte er, sagte laut: »Immer mit der Ruhe, Rosa, jetzt bist du ja nicht mehr allein, wir werden dir schon helfen!«
»Wenn mir nicht zu helfen ist...!« sagte Rosa tonlos.
Justus Weigand nutzte die Pausen zwischen den Wehen, um seine Untersuchung fortzuführen. Mit flachen Händen strich er über den Leib der Gebärenden. Seine linke Hand umfasste einen runden, harten Kindesteil. Er erschrak.
Die schlaffe Bauchdecke erlaubte eine ziemlich eindeutige Diagnose. Der Kopf des Kindes stand links, der etwas weichere, weniger begrenzte Steiß rechts. Es handelte sich also um eine seltene und äußerst gefährliche Querlage.
Nach dem Springen der Fruchtblase hatte sich die Gebärmuttermuskulatur zusammengezogen. Wie ein Panzer umschloss sie nun das ungeborene Kind, presste es gegen den Beckenausgang, den es aber nur in der Längslage hätte passieren können.
Kalter Schweiß trat Justus Weigand auf die Stirn. Er spürte, dass ihn Panik zu befallen drohte, lähmende Angst, der Situation nicht gewachsen zu sein. Er hatte Mühe, seine Stimme in der Gewalt zu behalten. »So, jetzt weiß ich Bescheid, Rosa«, sagte er und stand auf, »ganz tief durchatmen. Versuch dich zu entspannen. Ich bin gleich wieder da.«
Clementine stand draußen auf dem Gang, gleich neben der Tür. Sie hatte auch hier das Gaslicht angezündet.
»Also, was ist?« fragte sie mit energischer, fast munterer Stimme, die im krassen Gegensatz zu ihrem bangen, gespannten Gesichtsausdruck stand.
Er sah keinen Grund, sie zu schonen. »Rosa bekommt ein Kind«, sagte er ohne Umschweife, »sie liegt schon seit gestern Abend in den Wehen.«
Clementine presste die Hände vor der Brust zusammen. »Das. .. das habe ich nicht gewusst!«
»Wie konntest du auch«, sagte er, »niemand macht dir einen Vorwurf. Aber jetzt müssen wir sofort etwas tun.«
Sie presste ihre Handflächen noch fester gegeneinander. »Soll ich den Doktor holen?«
»Wie lange würde das dauern?«
»Zwanzig Minuten. Wenn er zu Hause ist. Und wenn er gleich mitkommt.«
»Und wenn nicht?« Justus Weigand zögerte. Die Aussicht, die Verantwortung von sich abzuwälzen, war verlockend, aber er wusste im selben Augenblick, dass er es sich niemals würde verzeihen können, wenn durch sein Zögern Mutter und Kind zu Schaden kämen. »Nein«, sagte er entschlossen, »Clementine, das können wir nicht riskieren. Es ist keine Sekunde zu verlieren. Ich muss es selber machen. Dazu brauche
ich einen großen Tisch, ich brauche heißes, abgekochtes Wasser, gutes Licht... überlege dir...«
»In der Küche«, sagte sie sofort.
»Dann müssen wir die Patientin hinunterbringen. Lauf vor und zünde sämtliche Lichter an. Heiz ein! Ob Thielemanns es merken oder nicht, ist gleichgültig, es geht auf Tod und Leben!«

#5 
regrem патриот07.10.15 20:12
NEW 07.10.15 20:12 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 07:57 (regrem)
- 5 -

Rosa Janowitz die steile Hintertreppe in das Souterrain hinabzubringen war schwerer, viel schwerer, als Justus Weigand sich vorgestellt hatte, und hätte ihm nicht die Angst im Nacken gesessen, er hätte sicherlich bald aufgegeben.
Der Transport war für ihn erschöpfend mühsam, für die werdende Mutter aber eine unbeschreibliche Qual.
Die Treppe war zu schmal, als dass Clementine hätte helfen können. Justus musste Rosa auf die Arme nehmen und hinuntertragen, und sie wog mehr als er selbst. Wenn die Wehen kamen, bäumte ihr Leib sich auf, sie umklammerte ihn mit schmerzhafter Kraft. Aber sie schrie und stöhnte nicht; auch jetzt noch besessen von dem Willen, ihre Stellung nicht aufs Spiel zu setzen.
Die hochherrschaftliche Küche war ein riesiger Raum, groß wie ein Ballsaal, und tatsächlich war zwischen dem mächtigen Kohlenherd in der Mitte und den Tischen, Schränken und Spülbecken an den Wänden immer noch Platz genug, dass man hätte tanzen können.
Justus Weigand und Clementine zogen einen der festen, weißgescheuerten Holztische von der Wand und hoben Rosa hinauf. Es war leidlich hell in dem bis zur halben Wandhöhe ausgekachelten Raum und schon ziemlich warm, das Feuer im Herd prasselte. Er zog sich den Paletot aus und die Jacke seines schwarzen Anzugs, krempelte die Ärmel hoch.
Clementine schöpfte kochendes Wasser in eine flache Schüssel. Justus wusch sich die Hände und bürstete sich die sehr kurz geschnittenen Nägel. Sie reichte ihm das Küchenhandtuch.
»Hast du nichts Sauberes?« fuhr er sie scharf an, denn seine Nervosität war von Minute zu Minute gestiegen. Er hatte das Gefühl, endlose Zeit vertan zu haben, während das ungeborene Kind mit dem Tode rang. »Entschuldige, bitte«, fügte er fast im gleichen Atemzug hinzu, denn er war sich bewusst, ihr Unrecht zu tun.
Sie öffnete, während er mit nassen Händen dastand, einen Schrank, reichte ihm ein frisches Tuch. Sie war blass unter der braunen Haut, ihre Lippen waren schmal und hart.
»Danke.« Er trocknete sich ab.
Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass er diese schwierige Entbindung in Gegenwart eines nichtsahnenden und wahrscheinlich sogar unaufgeklärten Mädchens durchführen musste. Konnte und durfte er ihr das überhaupt zumuten? Aber wenn er sie aus der Küche schickte, wer half ihm dann?
»Clementine«, fragte er mit rauer Stimme, »weißt du Bescheid?«
Sie schüttelte den Kopf, ihre schwarzen Augen flackerten erschrocken. Nein, es war unmöglich, ihr jetzt in Stichworten zu erklären, worum es ging.
»Aber du hast gute Nerven?«
»Ja«, hauchte sie.
»Du brauchst nicht hinzugucken«, sagte er, »du sollst es gar nicht. Stell eine Schüssel bereit, in der du das Kindchen nachher baden kannst. Das Wasser soll lauwarm sein. Suche möglichst weiche Tücher heraus, in die du es wickelst. Eine Schere. Und wenn du das alles beisammen hast, kannst du Rosas Hand halten und ihr gut zureden.«
»Ja.«
»Wenn du merkst, dass du es nicht durchhältst, dann geh ganz schnell hinaus und schnappe frische Luft. Du brauchst dich nicht zu schämen.«
In diesem Augenblick schrillte die Klingel.
Clementine wurde, wenn möglich, noch um eine Nuance bleicher. »Das ist nicht die Haustür, das ist... die gnädige
Frau aus dem Schlafzimmer ...« Sie machte einen Schritt zur Tür.
»Bleib!« befahl Justus Weigand. »Sie kann ja nicht wissen ...«
Aber Clementine war schon in den Gang hinausgeschlüpft. Er sah ihr kopfschüttelnd nach, hatte aber schon eine Sekunde später Clementine und Thielemanns völlig vergessen, für ihn gab es nur noch Mutter und Kind.
Er untersuchte vaginal. Der Muttermund war kleinhandtellergroß geöffnet. Weder die Nabelschnur noch ein Arm noch ein Bein des Kindes waren vorgefallen. Ganz behutsam tastete er mit zwei Fingern den Leib des Ungeborenen ab, stellte fest dass der Rücken nach vorne lag.
Als er die Hand zurückzog und sich aufrichtete, sah er, dass sich Rosa, um keinen Laut von sich zu geben, heftig in die Unterlippe biss, Blut tropfte vom Kinn herab.
»Rosa«, sagte er, »um Himmels willen, schrei doch, wenn dir danach zumute ist! Was gehen uns denn diese Thielemanns an! Ich verschaffe dir eine andere Stellung, wenn du hier hinausfliegst, ich schwöre es dir!«
Rosas Augen waren geschlossen, kein Blutstropfen war mehr in ihrem eingefallenen Gesicht; sie atmete ganz flach, in kleinen hastigen Zügen.
Clementine kam wieder herein. »Thielemanns sind fort«, sagte sie. »Hörst du, Rosa? Die Herrschaft ist fortgefahren. Wir sind allein im Haus, außer der Mamsell und den Kindern.«
»Aber... sie hat doch... geklingelt«, sagte Rosa mühsam.
»Wahrscheinlich aus Versehen!«
»Verdammt noch mal«, schrie Justus, »ich will von diesen Thielemanns nichts mehr hören! Sie sind nicht wichtig, absolut nicht wichtig, könnt ihr das nicht begreifen?! Tu endlich, was ich dir sage, Clementine! Bereite alles für das Kindchen vor.«
»Ist es denn schon da?« fragte sie.
»Nein«, sagte er rau, »ich muss es erst holen.«
Aber er war durchaus nicht sicher, dass es ihm gelingen würde. Womöglich war es schon längst abgestorben. Im Geist exerzierte er noch einmal durch, was Professor Hübner ihm und den anderen Studenten je über einen solchen Fall gesagt hatte. Es gab nur eine .einzige Möglichkeit, das Kind zu retten: die Wendung auf dem Fuß.
Wenn das nicht zu machen war, blieb nur die Operation. Das Kind musste im Mutterleib zerstückelt, die Teile einzeln herausgezogen werden, und zwar so schnell wie möglich, denn auch die Gebärende schwebte in akuter Lebensgefahr.
Justus Weigand versuchte mit der inneren Hand den kleinen Körper vom Beckeneingang weg nach oben zu schieben. Das Kind rührte sich nicht von der Stelle, und einen Atemzug lang glaubte er, dass es ihm nie gelingen würde. Aber dann bewegte es sich doch, und langsam, ganz vorsichtig, schob er es immer höher und höher hinauf, bis er glaubte, Platz genug für eine Wendung zu haben.
Er fand einen Fuß, dann noch einen, die äußere Hand half mit. Er packte die beiden weichen Füßchen und drehte das Kind so, dass aus der Querlage eine Längslage entstand, zog es im Rhythmus der Wehen ans Licht.
Körper und Gesicht des Neugeborenen waren blau. Es war ein Mädchen.
»Schere!« schrie er.
Clementine reichte sie ihm mit abgewandtem Gesicht. Er durchschnitt die Nabelschnur in der Mitte — später würde er das besser besorgen —, packte das Kindchen bei den Beinen, hielt es nach unten, gab ihm einen Klaps auf den Po.
Es brüllte, und es war Justus Weigand zumute, als hätte er niemals einen melodischeren Ton gehört. Voll inniger Freude beobachtete er, wie Köpfchen und Leib sich rosa färbten.
»O Tina, Tina«, rief er, »sieh her! Ist es nicht wundervoll?«
Clementine zwang sich zu einem Blick auf das kleine Wesen, das voller Falten und über und über mit gelblicher Schmiere bedeckt war, in ihren Augen hatte es durchaus nichts Wundervolles an sich.
»Schau dir den Schädel an«, sagte Justus Weigand begeistert, »der zeigt Charakter! Ja, Charakter hat es, unser tapferes, kleines Mädchen! Und Glück dazu!«
Das Neugeborene brüllte immer noch.
»Herr, machen Sie es doch still!« rief Rosa. »Die Herrschaft ...«
»Kannst du an nichts anderes denken als an deine verdammte Herrschaft!« schrie Justus Weigand böse. »Sieh es dir doch einmal an... dein Kind! Ein neuer Mensch! Ein Mensch aus deinem Fleisch und Blut!«
Aber Rosa wandte den Kopf beiseite und schloss wortlos die Augen.
Justus reichte das Kind Clementine, die sich eine große Schürze umgebunden hatte. »Bade es«, sagte er, »und pack es ein. Dann wird es aufhören zu schreien. Vorerst friert es noch erbärmlich.«
-Auch das mangelnde Echo, das er bei den beiden Frauen fand, vermochte seine Hochstimmung nicht zu dämmen. Nur er allein wusste, wie gefährdet das Leben dieses Menschenkindes, das jetzt sein Unbehagen hinausbrüllte, gewesen war. Und ihm, Justus Weigand, war es gelungen, es zu retten. Das war ein wahres, beglückendes Wunder, wenn es je ein Wunder gegeben hatte.
Während er die Nachgeburt holte und prüfte, pfiff er unwillkürlich vor sich hin. Er wusch sich seine blutverklebten Hände, trocknete sie ab, rollte die Ärmel herunter, strich sich die graue Weste zurecht und fuhr sich glättend mit der Hand über sein braunes, weiches Haar. Er trat zu Clementine hin, die das Neugeborene in Handtücher wickelte. »Erledigt«, sagte er befriedigt, »aber, was machst du denn da? Hast du noch nie ein Kind gewickelt? Lass mich mal!« Und
er zeigte ihr, wie es auch ohne Windeln einigermaßen fachgerecht zu machen war.
Das kleine Mädchen sah jetzt gesund und rosig aus. Es hatte die großen, graublauen Augen blicklos geöffnet, das Mündchen wie eine Knospe zusammengezogen. Auf dem Köpfchen krausten sich kohlschwarze Haare. Justus Weigand hob es hoch. »Na, wie gefällt es dir jetzt, Clementine?« fragte er.
»Es ist hübsch«, sagte sie, immer noch verstört.
»Es ist eine wahre Schönheit!« rief Justus Weigand. Er legte es der Mutter in die Arme. »Rosa, sieh dir dein Kind an!«
Rosa Janowitz hatte erschöpft, wie schlafend, auf dem harten Tisch gelegen. Jetzt blickte sie auf ihr Kind, mit glanzlosen Augen. »Was soll ich damit?«
»Rosa, es ist dein Kind«, sagte Justus Weigand eindringlich, »es braucht dich... du musst es liebhaben.«
»Ich habe es nicht ‘gewollt.«
»Danach wird jetzt nicht mehr gefragt. Das hättest du dir vor neun Monaten überlegen sollen, damals, als du dich mit dem Kerl eingelassen hast! Rosa, du kannst doch nicht so herzlos sein.«
Sie bewegte die Lippen, aber es dauerte einige Sekunden, bis sie ihre Worte formte, und dann kamen sie kalt, bestimmt und ganz und gar gleichgültig aus ihrem Mund: »Ich will es nicht haben.«
»So, du willst es nicht?« wiederholte er. »Ja, was machen wir denn da? Am besten, wir werfen es in den Abfallkübel, zur Nachgeburt dazu, nicht?«
Er nahm ihr das Kindchen ab und tat so, als wollte er es wirklich fortwerfen. Er wartete auf den Protest der Mutter -er blieb aus.
»Machen Sie damit, was Sie wollen, Herr«, sagte Rosa ungerührt, »nur mich lassen Sie in Frieden.«
Justus Weigand kam wieder zu ihr zurück. »Du hast doch
schon ein Kind«, sagte er, »zuerst wolltest du das sicher auch nicht haben. Aber später.. .«
Sie fiel ihm ins Wort. »Nie. Ich habe es aufs Land gegeben. Da ist es dann gestorben, und ich war froh darüber.« Ihre Stimme wurde plötzlich laut, überschlug sich. »Ja, froh!« schrie sie. »Was soll ein armes Mädchen wie ich mit einem Kind? Das ist was für die Reichen, die können sich Kinder erlauben, soviel sie wollen, aber unsereiner. ..«
Clementine unterbrach sie. »Für die verheirateten Frauen, willst du wohl sagen«, verbesserte sie scharf.
»Stimmt. Aber wer würde schon eine wie mich heiraten?« Rosa richtete sich auf, stützte sich auf ihre Hände. Schwarzes Haar umgab ihr Gesicht wie eine schwere Wolke. »Alle wollen nur ihren Spaß haben, alle sind nur auf das eine aus. Schöne Worte haben sie reichlich, versprechen tun sie viel. Aber wenn dann eins wie ich schwach wird, weil es nicht glauben kann, dass es ganz ohne Glück leben soll... Ja dann .. .« Sie schluchzte erstickt auf.
»Man muss nicht schwach werden«, sagte Clementine eisern.
»Ja, Sie nicht, Fräulein, Sie haben gut reden! An eine wie Sie, da traut sich ja kein Kerl heran, weil er spürt, wie kalt Sie sind. Sie brauchen sich nicht nach ein bisschen Liebe zu sehnen und sich demütigen zu lassen wie unsereins. Sie nicht!«
Clementine wollte zu einer Entgegnung ansetzen, aber als Justus Weigand ihr einen Wink gab, zu schweigen, gehorchte sie. Rosas Anklagen hatten sie verletzt. Nein, sie war nicht so, wie das Mädchen sie sah, sie wusste es besser. Auch sie kannte die Nächte, in denen sie in ihrer Einsamkeit keinen Schlaf fand und Träume hatte, deren sie sich schämen musste. Aber war es möglich, dass die anderen sie so wie Rosa sahen? Auch Justus Weigand?
»Hört auf, euch zu streiten«, sagte er, »du brauchst jetzt Ruhe, Rosa. Am liebsten würde ich dich in die Charité bringen, aber ich weiß, du wirst das nicht wollen.«
»Ins Spital? Jetzt? Nachdem alles überstanden ist? Nein, Herr, ich darf nicht krank sein, ich muss arbeiten.«
»Und dein Kind? Was soll damit geschehen?«
»Tun Sie damit, was Sie wollen. Oder soll ich es etwa hinauf in meine Kammer nehmen? Ich kann's doch nicht versteckt halten.«
»Rosa«, sagte Clementine, »was hättest du denn getan, wenn alles anders gekommen wäre? Wenn du das Kind hättest allein zur Welt bringen können? Wenn niemand etwas davon gewusst hätte?«
»Das fragen Sie, Fräulein?« Rosa Janowitz starrte Clementine aus ihren schwarzen glanzlosen Augen so wild an, dass das Mädchen unwillkürlich einen Schritt zurückwich. »Ich hätte es nicht leben lassen.«
»Das... das wäre ja...« stammelte Clementine ganz erschüttert.
Justus Weigand ließ sie nicht zu Ende sprechen. »Es ist gut, Rosa«, sagte er, »es soll sein, wie du willst. Ich werde mich um das Kind kümmern. Aber du kannst es dir holen, hörst du? Jederzeit. Fräulein Clementine wird immer wissen, wie ich zu erreichen bin.«
»Ich will es nicht haben«, sagte Rosa noch einmal und fügte dann mit unerwarteter Würde hinzu: »Aber ich danke Ihnen, Herr. Wer weiß, ob ich es überstanden hätte, wenn Sie nicht gekommen wären. Mögen Sie es nie bereuen, dass Sie mir und dem armen Wurm da geholfen haben.«

#6 
regrem патриот07.10.15 20:12
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in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 08:07 (regrem)
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Justus Weigand reichte Clementine das Neugeborene. Dann hob er die Mutter mit beiden Armen von ihrem harten Lager hoch und trug sie über die Hintertreppe hinauf.
Oben in der Mansarde legte er sie auf ihr Bett und bemühte sich hernach, das Laken unter ihr glattzustreichen und festzustecken. Rosa schloss erschöpft die Augen. Noch hatte er ihre Kammer nicht verlassen, da schlief sie auch schon.
Auf seinem Weg nach unten löschte er sämtliche Lichter.
Es kam ihm vor, als ob er nach dem Wiedersehen mit Clementine Stunden in der Villa Thielemann verbracht hätte. Aber er wusste, wie wenig man in solchen Situationen seinem Zeitgefühl trauen kann.
Clementine hatte für das Neugeborene ein provisorisches Bettchen aus zwei gegeneinander geschobenen Korbsesseln zurechtgemacht. Sie war dabei, den großen Holztisch mit grüner Seife, heißem Wasser und einer Wurzelbürste zu scheuern. Ihre Wangen hatten sich gerötet, aber die zusammengebissenen Zähne und die zuckenden Wangenmuskeln verrieten die Anspannung, unter der sie immer noch stand.
»Du brauchst etwas zu trinken«, sagte er, »diese Thielemanns werden doch irgendwo eine Flasche Kognak stehen haben.«
»Kann schon sein.« Sie spülte Wasser über den Tisch. »Aber die ist nicht für mich bestimmt.«
»Sei nicht kleinlich! In einer solchen Situation. . .«
Clementine richtete sich kerzengerade auf. »Ist Ehrlichkeit in deinen Augen ein Vorurteil?«
»Du lieber Himmel!« Er lachte gereizt. »Bildest du dir etwa ein, Herr Thielemann verdient sein Geld auf anständige Art und Weise? Ja, ich weiß, er ist Fabrikant, Tuchfabrikant, das brauchst du mir nicht noch einmal zu erzählen. Aber gerade deshalb sage ich dir, er könnte nicht so in Saus und Braus leben, wenn er seine Arbeiter nicht ausbeutete. Hast du eine Ahnung, wie blutwenig er ihnen bezahlt? Und wie sie für ihn schuften müssen? Kein Mensch kann reich werden, wenn er nicht die anderen übers Ohr haut!«
Sie nahm ein großes Tuch und machte sich daran, die Feuchtigkeit aufzutrocknen. »Und selbst wenn er ein Verbrecher wäre«, sagte sie, »gäbe uns das noch keinen Freibrief, ihn zu bestehlen!«
Er schlenderte in der riesigen Küche umher. »Ich sehe die Dinge anders«, erklärte er nachdrücklich, »wir haben beide eine tüchtige Arbeit geleistet, das musst du wohl zugeben, und zwar zu Thielemanns Gunsten, denn ein totes Dienstmädchen. ..«
Er hatte die Tür zur Speisekammer geöffnet. »Sieh da«, sagte er, sich selbst unterbrechend, »was haben wir denn da? Eine Flasche Rum . .. na, immerhin!«
Sie stürzte auf ihn zu, das nasse Tuch schwenkend. »Lass das stehen!« fauchte sie.
Er lachte. »Nur nicht gleich so stürmisch!« Er hielt die Flasche hoch in die Luft und drängte Clementine beiseite. »Zeig mir lieber, wo die Gläser sind!«
»Ich verbiete dir...«
Auf gut Glück riss er eine der Schranktüren auf. Er fand gestapeltes Geschirr. »Tassen sind auch nicht schlecht!« Er nahm eines der dickwandigen Küchengefäße heraus und füllte zwei Finger hoch Rum hinein. »Da, trink!« Er reichte es Clementine...
Sie schüttelte verbissen den Kopf.
»Ich verschreibe es dir als Medizin«, sagte er, »du hast es jetzt nötig. Gib doch zu, dass dir der Schreck noch in den Knochen sitzt.«
Als sie immer noch keine Anstalten machte, ihm die Tasse aus der Hand zu nehmen, fügte er hinzu: »Sei nicht kindisch, Tina! Du willst doch nicht riskieren, dass du zusammenknackst? Du warst sehr tüchtig. Ohne dich hätte ich es gar nicht geschafft. Aber jetzt tu endlich, was ich dir sage.« Er führte ihr die Tasse an die Lippen.
Zögernd nahm sie einen kleinen Schluck, Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie musste husten. »Das brennt.«
»Kunststück«, sagte er, »trink noch mal!«
Sie gehorchte. Dann atmete sie tief durch.
Er sah mit Erleichterung, dass sich die verkrampfte Linie um Mund und Kinn gelöst hatte und ihre Augen wieder Glanz bekamen. »Na, siehst du, jetzt fühlst du dich besser, nicht wahr?« sagte er. »Immer auf den Onkel Doktor hören!« Dann trank er den Rest des Rums.
»Was wird die Mamsell morgen sagen, wenn sie merkt...« Er fiel ihr ins Wort. »Zum Teufel mit der Mamsell! Was hätte sie gesagt, wenn Rosa gestorben wäre? Sag ihr einfach, dass dir nicht wohl gewesen ist, das ist ja die Wahrheit!« Sie ließ Wasser in den Eimer laufen und schüttete es in den großen Topf auf dem Herd.
»Bist du noch nicht fertig?« fragte er ungeduldig.
»Sieh dir den Boden an! Glaubst du, ich könnte den so lassen? Komm, hilf mir bitte, den Tisch wieder an die Wand zu rücken.«
Er tat, worum sie ihn gebeten hatte.
»Wie lange brauchst du noch?« fragte er.
»Mindestens zehn Minuten.« Sie holte einen Schrubber aus dem Kämmerchen. »Justus«, sagte sie, »was soll jetzt mit dem Kind geschehen?«
»Darüber«, sagte er und goss sich noch ein paar Tropfen Rum in die Tasse, »denke ich schon die ganze Zeit nach. Das beste wird sein, wir bringen es in die Charité. Hast du eine alte Jacke oder so etwas, in das wir es wickeln können?«
Sie stellte eine Gegenfrage: »Und dann? Später?«
»Darüber will ich mir doch heute Abend noch nicht den Kopf zerbrechen. Hauptsache, es ist zunächst einmal versorgt.«
»Das finde ich nicht«, widersprach Clementine, »ich meine, man müsste doch einmal überlegen, was aus dem Kind werden soll!«
»Ein Mensch, hoffe ich«, sagte er, »ein gesunder Mensch.«
Sie war damit beschäftigt, den Küchenboden aufzuwischen, und sah sein Gesicht nicht. »Das ist keine Antwort, Justus!«
»Weißt du eine bessere?« Er stöpselte die Flasche zu, brachte sie in die Speisekammer zurück und stellte sie an ihren Platz. »Dann heraus damit! Ich kann es kaum erwarten!«
»Nein, eben nicht«, sagte sie, »und gerade deshalb...«
Er ließ sie nicht zu Ende reden. »Ich gehe jetzt«, sagte er, zog sein schwarzes Jackett an und griff nach seinem Paletot.
»Justus!« Sie war alarmiert, hob die Augen und sah ihn an. »Wo willst du hin?«
»Mich um eine Droschke kümmern. Sieh zu, dass du mit der Kleinen so weit bist, wenn ich wiederkomme!«
Clementine sah ihm mit einem Blick nach, der ihn, wenn er ihn aufgefangen hätte, bestimmt sehr nachdenklich gestimmt haben würde.

#7 
regrem патриот07.10.15 20:12
NEW 07.10.15 20:12 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 08:08 (regrem)
- 7 -

Eine halbe Stunde später half Justus Weigand seiner Cousine am Neuen Tor aus der Pferdedroschke und entlohnte den Kutscher. Clementine trug das Kleine, das sie in ein dickes Federkissen gesteckt hatte, auf dem Arm.
Es war einige Grade wärmer geworden, kein Stern zeigte sich am Himmel, der von den zahllosen Großstadtlichtern schwach erhellt war.
Justus Weigand schob seine Hand unter Clementines Ellenbogen; er führte sie drängend voran. »Hast du es auch gut eingepackt?« fragte er.
»Ja doch. Es schläft wie ein Murmeltier.«
Sie bemühte sich, so rasch zu gehen, wie es seiner Ungeduld entsprach. Doch sie kannte sich nicht aus und kam ins Stolpern. Er mäßigte sein Tempo, aber nur für kurze Zeit, dann beschleunigte er seine Schritte wieder.
Zwischen den Lichterkreisen der vereinzelten Laternen lag undurchdringliche Finsternis. Die Gebäude der Krankenstadt hoben sich mit ihren bizarren Türmchen und Erkern wie mächtige Geisterburgen gegen den Himmel ab. Die Fenster waren dunkel. Nur hier und da flackerte die Nachtlampe im Zimmer eines Schwerkranken.
Urplötzlich wurde es in einem Haus linker Hand hell. Gleichzeitig erklangen gellende Stimmen. Flüche, Gelächter, Schmerzensschreie.
Clementine blieb erschrocken stehen.
»Komm«, sagte er und wollte sie mit sich fortziehen.
Aber sie stand wie gebannt.
»Was ist das?«
Eine Tür wurde von innen aufgerissen. Sekundenlang fiel eine schmale Lichtbahn über den Weg, in ihr wurde eine schlanke, schattenhafte Gestalt sichtbar, die gleich darauf, als die Tür sich hinter ihr schloss, von der Dunkelheit verschlungen wurde. Im Kreis der nächsten Laterne tauchte sie wieder auf.
Justus Weigand und Clementine erkannten eine junge Frau, fast ein Mädchen noch. Sie trug einen dunklen Mantel über einem weißen Gewand, dessen Saum den Boden streifte. Sie lief schnell; ihre nackten Füße trappelten und schlurften in Holzpantinen. Blonde Locken schimmerten auf, ehe das Dunkel sie wieder verbarg.
Das Geschrei aus dem Inneren des Hauses wurde noch lauter, zorniger und schmerzerfüllter. Wieder öffnete sich die Tür und zwei Männer sprangen heraus, rannten in dieselbe Richtung, die die junge Frau genommen hatte, geradewegs auf Justus Weigand und Clementine zu.
»Lauf!« schrie er seiner Cousine zu. »Beiseite!«
Er selbst stellte sich der Frauensperson in den Weg, mit ausgebreiteten Armen, unter denen sie durchschlüpfen wollte. Aber ihre Holzpantinen und das lange weiße Hemd hinderten sie daran. Er konnte sie packen und hielt sie eisern fest, so verzweifelt sie sich auch loszureißen versuchte.
»Bitte«, wimmerte sie, »bitte, Herr! Lassen Sie mich durch! Ich habe doch nichts getan!«
Er schüttelte sie leicht. »Ganz schön brav sein! Du weißt doch, dass man nicht ausreißen darf!«
»Ich will nach Hause... ach, lassen Sie mich doch nach Hause! Alle dürfen heute lustig sein! Warum denn ich nicht? Warum sperrt man mich ein?«
Clementine beobachtete den Zwischenfall als stumme Zeugin. Sie sah von ihrem Vetter zu der Frauensperson, die sich in seinen Armen wand, und glaubte nichts anderes, als dass man sie widerrechtlich und wider ihren Willen gefangen hielt.
»Lass sie doch laufen, Justus!« rief sie.
Auch in den Fenstern einiger anderer Häuser wurde es hell. Der Lärm steigerte sich zu einem schrillen Crescendo und brach dann mit erschreckender Plötzlichkeit ab. Die beiden Männer, die nach der jungen Frau das Gebäude linker Hand verlassen hatten, erreichten jetzt Justus Weigand und die Patientin, die noch um ihre Freiheit kämpfte und bettelte. Es waren Krankenpfleger, die in ihren weißen, losen Anzügen und den runden, kurz geschorenen Köpfen an japanische Ringer erinnerten.
Mit wenigen, geschickten Griffen hatten sie Justus Weigand von der um sich schlagenden Frau befreit, verdrehten ihr unbarmherzig die Arme, bis sie aufschrie und auf jeden weiteren Widerstand verzichtete.
Erst jetzt konnte Clementine ihr Gesicht sehen, und sie musste einen Aufschrei unterdrücken. Es war ein verstümmeltes Gesicht. Von der Nase war nur noch der Knochen da, alles Fleisch war weggefressen. Diese totenähnliche Nase wirkte noch grauenhafter, weil der Mund darunter jung und hübsch war und an den hellen Wimpern der Augen Tränen perlten.
»Dank och, Herr Doktor«, sagte der eine der beiden Krankenpfleger, der den jungen Mediziner erkannt hatte, »Sie haben uns da 'ne janze Menge Ärjer erspart.«
»Bei uns is heute der Deubel los«, erklärte der andere in unterwürfigem und gleichzeitig verschwörerischem Tonfall, »den Kanaillen juckt mal wieder die Pflaume!« Erst jetzt bemerkte er Clementine, die, mit dem Kind auf dem Arm, aus dem Schatten getreten war, fügte ohne Verlegenheit hinzu: »Nichts für unjut, junge Frau!« Er lockerte den Griff, mit dem er das Handgelenk der Patientin umklammert hielt. »Na, wirst du dir jetzt wohl anständig benehmen, Berta? Oder sollen wir dir Mores lehren?«
Ein Schwall wilder und gemeiner Flüche war die Antwort; Clementine, obwohl sie kaum die Hälfte verstand, verschlug es den Atem.
»Los, weiter, was stehst du hier herum?« brüllte Justus Weigand sie an. »Habe ich dir nicht gesagt, du sollst sehen, dass du weiterkommst?« Er zerrte sie mit sich.
»Aber ich wusste doch nicht, wohin!« stammelte Clementine benommen.
Er hatte sich schon wieder in der Gewalt.
»Entschuldige«, sagte er, »sei mir nicht böse, ich habe die Nerven verloren. Das war nichts für ein Mädchen wie dich.«
»Was hatte sie? Bitte, erkläre mir doch... diese Nase! Ich habe noch nie etwas so Entsetzliches gesehen!«
Er legte den Arm um ihre Schulter. »Du machst allerhand mit heute Nacht, nicht wahr? Arme Clementine! Mir scheint, ich bringe bloß einen Haufen Aufregungen in dein Leben.«
Sie ließ sich nicht ablenken. »Was war das für eine Krankheit, Justus?«
»Syphilis«, sagte er kurz angebunden.
Sie lief ein paar Schritte schweigend neben ihm her, kämpfte mit sich.
»Diese.. . Lustseuche?« fragte sie endlich.
Er warf ihr einen raschen Seitenblick zu. »Was weißt du davon?«
»Eigentlich nichts. Nur, dass es eine furchtbare Krankheit sein soll.«
»Ja, eine der schlimmsten. Sie kann die Haut zerstören, Weichteile des Körpers, das Gehirn... und immer endet sie tödlich.«
»Ein Glück«, sagte Clementine ahnungslos, »das nur schlechte Menschen sie bekommen können.«
Er lachte trocken. »Glaubst du das wirklich? Da bist du aber auf dem Holzweg. Es gibt ehrsame Ehefrauen, denen es passiert, wenn ihr Mann nur ein einziges Mal...« Er unterbrach sich. »Aber das sind keine Gespräche. Vergiss es, Clementine.«
Sie blieb hartnäckig. »Dieses Mädchen, diese Berta«, sagte sie, »sie war doch schlecht? Ich meine, sonst hätte Sie doch nicht...«
Sie ließ den Satz unausgesprochen, schämte sich, zu deutlich zu werden.
»Du machst es dir sehr einfach«, sagte er hart. »Schlecht und gut. Man kann die Menschen nicht so simpel einstufen. Wenn du so viel Elend gesehen hättest wie ich!«
Sie reckte ihr Kinn vor. »Für mich gibt es eben noch sittliche Werte!«
»Die gibt es gewiss. Und nicht nur für dich. Nur stehen sie in keinem Zusammenhang mit Krankheit oder Gesundheit. Es wäre engstirnig, das anzunehmen.«
»Na schön«, sagte sie kampfbereit, »wenn diese Lustseuche nichts mit einem schlechten Lebenswandel zu tun hat, woher kommt sie denn? Kannst du mir das bitte verraten?«
»Sie wird durch einen Erreger verursacht«, sagte er, »genau wie Cholera, Diphtherie, Starrkrampf, Lungenentzündung, Pest, Ruhr und so weiter.« Er machte eine kleine Pause.
Sie schwieg, schien beeindruckt.
Ehrlich fügte er hinzu: »Allerdings, der Erreger ist noch nicht entdeckt. Schon an die zwanzigmal glaubten die Wissenschaftler, soweit zu sein, aber jedes Mal war es ein Reinfall. Und solange der Erreger nicht erkannt ist, kann es auch keine wirksame Bekämpfung geben.«
»Ja, aber dann...«
Er ließ ihr keine Zeit, die nächste Frage zu stellen. »Gib mir die Kleine!« sagte er.
Jähe Angst hatte ihn überfallen, eine Furcht, über die er mit Clementine nicht sprechen konnte. War Rosa Janowitz gesund? Er hatte die unglückseligen Wesen gesehen, von ihren Müttern mit der furchtbaren Krankheit angesteckt, die man lange Zeit für erblich gehalten hatte; sie waren zu Siechtum und Tod verurteilt schon in der Stunde ihrer Geburt.
Sie hörte die Sorge in seiner Stimme, aber sie verstand sie falsch. »Traust du mir nicht zu, dass ich es trage?«
Wortlos nahm er ihr das Kissen, in dem die Kleine steckte, aus den Armen.
Sie waren bei der Kinderklinik angekommen. Er zog die Nachtglocke. Sie mussten einige Zeit warten, bis der Pförtner öffnete.
Der alte Pachulke war erstaunt, aber zu gut erzogen, um Fragen zu stellen. »Juten Abend, Herr Doktor«, sagte er, »det ha ick och nich jedacht, det wir uns in diesem Jahr noch mal wiedasehn würden!«
»'n Abend, Pachulke«, sagte Justus Weigand kurz und schob Clementine in das Haus hinein. »Willst du hier unten auf mich warten? Oder kommst du mit hinauf?«
Sie straffte die Schultern. »Natürlich komme ich mit!«
Er war erstaunt über ihren heftigen Ton, der dem Anlass nicht entsprach. »Na schön«, sagte er friedfertig, »ich wollte dir bloß die Treppen ersparen.«

#8 
regrem патриот07.10.15 20:12
NEW 07.10.15 20:12 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 08:09 (regrem)
- 8 -

Die Säuglingsstation lag im dritten Stock, ein langer Saal mit Reihen kleiner Bettchen, von denen mindestens zwanzig belegt waren. Die Säuglinge waren unruhig. Einige schrien, viele wimmerten, nur ganz wenige schliefen ruhig.
Dienst hatte Schwester Margarethe, eine ältliche Diakonisse mit harten Augen in einem grauen, müden Gesicht. Ihre Hände waren rot und verarbeitet wie die einer Waschfrau.
»Guten Abend, Schwester!« Justus Weigand zwang sich zu einem Lächeln, um die Sympathie der alten Frau zu gewinnen. »Hier bringe ich Ihnen einen Neuzugang!«
Schwester Margarethe verzog keine Miene. Ihr Blick glitt ausdruckslos von Justus Weigand zu Clementine. »Einweisung?« fragte sie.
»Na, Sie werden doch wohl nicht erwarten, dass ich in dieser Nacht einen Arzt störe, bloß um ein Neugeborenes einweisen zu lassen! Das wird alles morgen früh nachgeholt, Schwester.«
»Wollen wir's hoffen, Herr Kandidat!«
»Aber ganz bestimmt«, sagte Justus Weigand erleichtert, er war froh, auf keinen stärkeren Widerstand zu stoßen. »Ich habe es erst provisorisch abgenabelt, das muss ich jetzt noch in Ordnung bringen!« Er legte das Kissen, in dem die Kleine steckte, auf den Wickeltisch am oberen Ende des Saales, packte sie aus. »Klemme, bitte, Schwester, und Verbandzeug!«
Mürrisch schob die Frau ihm zu, was er wünschte, beobachtete dann, die Hände vor dem schlaffen Leib verschränkt, wie er den Nabel dicht am Bauch der Kleinen abklemmte, desinfizierte, einen festen Verband anlegte.
»Sieht ganz gesund aus«, sagte sie, »was fehlt ihm denn?«
»Es leidet an einer Dysfunktion«, sagte er wichtig.
Doch er hatte Schwester Margarethe unterschätzt. In ihrer langjährigen Tätigkeit hatte sie genug lateinische Brocken aufgeschnappt, um zu verstehen, wie lahm diese Erklärung war.
»'ne Funktionsstörung?« fragte sie. »Da sieht es aber gar nicht nach aus! Und überhaupt...«
Er spielte den Empörten, um sie mundtot zu machen. »Wollen Sie etwa die Diagnose stellen?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe ja nichts gesagt.«
»Bringen Sie mir lieber ein Hemdchen, Jäckchen, Windeln ...«
Als sie davonschlurfte, rief er ihr nach: »Und Quecksilberlösung!«
»Warum ist sie so unfreundlich?« flüsterte Clementine ihm zu. »Vielleicht hätte ich doch lieber nicht mitkommen sollen?«
Er erwiderte nichts, bog die Beinchen und Ärmchen des kleinen Mädchens, untersuchte Zehen und Händchen. Als Schwester Margarethe mit der Quecksilberlösung kam, ließ er mit der Pipette in jedes der noch blicklosen Augen einen Tropfen fallen. Die Kleine schrie auf, beruhigte sich aber bald wieder.
»Na, ob das was nützt«, meinte Schwester Margarethe skeptisch.
»Sie wissen genau, dass Professor Hübner es angeordnet hat«, erklärte er, »und ehe wir etwas Besseres haben...« Er wickelte das Kindchen.
»Lass mich«, bat Clementine, als er dem Kind das harte Hemdchen mit dem gerissenen und zusammengeknoteten Band anziehen wollte, das armselige Anstaltsjäckchen.
Er machte ihr den Platz an der Wickelkommode frei. »Nu aber mal ernsthaft, Herr Kandidat«, sagte Schwester Margarethe, »wie heißt das Wurm?«
»Es ist noch nicht getauft«, sagte er.
»Und wie soll es heißen?«
»Senta«, sagte Clementine rasch - sie hatten einmal in Breslau eine Aufführung von Wagners »Fliegendem Holländer« gesehen, die sie tief beeindruckt hatte.
Schwester Margarethe trat an ein leeres Bettchen, zog einen Kreidestummel aus ihrer Schürzentasche, malte den Namen Senta auf die schwarze Holztafel am Kopfende. »Weiter«, sagte sie, »Nachname?«
Darauf wussten weder Justus Weigand noch Clementine eine Antwort. Sie wollten Rosa Janowitz, deren Einstellung sie kannten, nicht angeben.
»Und wenn es nun keinen hat?« fragte Justus Weigand zurück. »Es könnte ja ein Findelkind sein — oder?«
»Dann gehört es nicht hierher, sondern ins Findelhaus!«
Schwester Margarethe löschte mit dem Handballen den Namen wieder aus. »Gesund ist es ja auch. Tut mir leid, Herr Kandidat, aber mich können Sie nicht verkohlen.«
Justus Weigand trat auf sie zu, nahm ihr die Kreide aus der Hand und schrieb schwungvoll auf die schwarze Tafel:
»Senta Weigand, geboren am 31. 12. 1899.« Er trat dicht vor die Diakonisse, sah auf sie hinunter. »Nun? Zufrieden?«
Schwester Margarethes graues, gleichgültiges Gesicht veränderte sich; es wurde lebendig vor Interesse. »Weigand?« wiederholte sie.
»Ganz richtig«, sagte er, »sie heißt Weigand wie ich. Sie ist meine Tochter.«
»Aber... ich wusste ja gar nicht, Herr Kandidat...«
»Das glaube ich Ihnen gerne. Es gibt vieles, was Sie nicht wissen, Schwester. Komm, Clementine, leg Senta ins Körbchen ...«

#9 
regrem патриот07.10.15 20:13
NEW 07.10.15 20:13 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 08:10 (regrem)
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Den Weg durch das Krankenhausgelände zurück zur Straße liefen sie, Hand in Hand, ausgelassen wie Kinder; sie fühlten sich, wenigstens vorübergehend, befreit von der Last ihrer Verantwortung.
Wieder und wieder riefen sie sich Einzelheiten des großen Abenteuers dieser Nacht ins Gedächtnis, wurden von einem nicht enden wollenden Gelächter geschüttelt, mit dem sie sich von der gewaltigen seelischen Anspannung befreiten.
»Senta!« rief Clementine lachend. »Hast du nicht gestaunt, wie ich Senta sagte? Ich weiß im Augenblick selber nicht, wie ich dazu kam... aber ist es nicht ein herrlicher Name?«
»Ein wundervoller Name!« rief Justus Weigand. »Mir selber hätte kein schönerer einfallen können!«
»Und wie du ihr mit glatter Stirn erklärt hast: die Kleine ist meine Tochter! Also wirklich, ich musste an mich halten, um nicht laut herauszuplatzen!«
»Das war mein Einfall«, sagte Justus Weigand, »und der war auch nicht schlecht.«
»Oje!« Clementine presste sich die Hände gegen das Zwerchfell. »Aber du musst das morgen in Ordnung bringen, Justus, nicht wahr, du wirst daran denken?«
»Woran?«
»Nun, du kannst doch Rosas Kind nicht als dein eigenes ausgeben!«
Er schluckte die Antwort, die er zuerst hatte geben wollen, sagte stattdessen: »Darüber wollen wir uns heute nicht den Kopfzerbrechen!«
»Du hast doch nicht etwa vor...«
Sie kam nicht dazu, den Satz zu beenden, denn in diesem Augenblick kündete ein noch zögernder erster Glockenschlag von der Adalbertkirche an, dass die Mitternacht hereingebrochen war. Sekunden später fielen die Glocken aller Kirchen von nah und fern mit ein. Böllerschüsse dröhnten, und am westlichen Himmel, über dem Tiergarten, gingen Feuerwerkskörper hoch.
»Das neue Jahr!« rief Clementine. »Es hat schon begonnen ... und wir haben den Silvesterball versäumt!«
»Mach dir nichts draus«, tröstete er, »wir haben Schöneres erlebt!« Er zog sie in die Arme. »Ein gutes neues Jahr, Clementine, und ein großartiges neues Jahrhundert wünsche ich dir!«
»Ich dir auch!« Ihr Gesicht, dicht vor dem seinen, wurde weich. Sie erinnerte ihn mehr denn je an das kleine Mädchen, mit dem er in vergangenen Jahren gespielt und gestritten hatte; sie bedeutete Kindheit für ihn, Heimat und Familie. »Clementine!«
Er küsste sie auf den Mund, und ihre Lippen öffneten sich mit einer Leidenschaft, die ihn bestürzte und verwirrte.

#10 
regrem патриот07.10.15 20:13
NEW 07.10.15 20:13 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 08:11 (regrem)
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Der große Saal der Philharmonie war für den Silvesterball aus- und umgeräumt worden. Wo sonst die Stuhlreihen für die Zuhörer standen, glänzte in dieser Nacht das blanke Parkett, über das die Lackschuhe der Herren glitten, die Stiefel der Offiziere klappten und die weiten Röcke der Damen fegten. Aber es wurde mehr promeniert, kokettiert und geplaudert als getanzt. Auch jetzt, als das Knallen der Champagnerpfropfen, das
Gläserklingen und die heiteren Zurufe der mitternächtlichen Stunde schon verhallt waren, blieb die Tanzfläche leer, obwohl das Orchester einen Walzer angestimmt hatte. Man stand beisammen, trieb heitere oder auch nur höfliche Konversation.
Frau Dorothee Thielemann lehnte an der Brüstung des ersten Ranges, in der einen Hand einen Elfenbeinfacher, den sie unaufhörlich nervös bewegte, in der anderen das spitze, langstielige Glas mit Champagner, an dem sie kaum genippt hatte. Sie starrte auf die ständig sich auflösenden und sich wieder vereinigenden Gruppen hinunter, die sich ihr von hier oben darboten wie die bunten Steinchen in einem Kaleidoskop.
Die leuchtenden Uniformen der Offiziere und Korpsstudenten bestimmten das Bild, goldene Tressen und Knöpfe, blitzendes Silber und blankgeputztes Messing.
Frau Dorothee sah dies alles, ohne es eigentlich wahrzunehmen. Sie hörte auch kaum, was die beiden Damen neben ihr, Frau Kommerzienrat Mehnert und Frau Bankier von Stucken, miteinander redeten. Wenn sie angesprochen wurde, gab sie nur zerstreute und unverbindliche Antworten.
Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf ihren Gatten gerichtet, der bei einer jungen Frau stand, von der sie nur den Rücken sah, einen rosigen üppigen Rücken, einen schlanken, kräftigen Hals, kastanienbraunes Haar. Dorothee Thielemann kannte die Fremde nicht, sie wusste nichts von ihr und empfand nichts für sie als eine leichte Verachtung. Diese Haarfarbe und dieses tiefe Dekolleté konnten keiner anständigen Frau gehören. Die Person war es nicht wert, dass man auch nur einen Gedanken an sie verschwendete.
Aber sie konnte ihre Augen nicht von Otto Thielemann lassen. Fasziniert und angeekelt zugleich beobachtete sie, wie er sich vor der Unbekannten wie ein verliebter Hahn spreizte, Bauch hinein, Brust heraus, Knie durchgedrückt, Hacken zusammen. Er zwirbelte sich den Schnurrbart, klemmte das Monokel ins Auge und ließ es mit einem Zucken der Braue wieder fallen.
Kreisrunde rote Flecken brannten auf ihren Wangen. Sie zuckte zusammen, als Frau Kommerzienrat Mehnert ihr mit dem zugeklappten Fächer auf die Schulter tippte, und sah sie mit weit aufgerissenen Augen, wie aus einem Alptraum erwachend, an.
»Ist sie nicht reizend, die Kleine?« Die Kommerzienrätin beschrieb dabei mit dem Fächer einen Bogen, der jeder Dame unten im Parkett gelten konnte.
Frau Dorothee hatte keine Ahnung, von wem die Rede war. »O ja, gewiss... sehr, sehr reizend«, stammelte sie.
»Wie selbständig die jungen Mädchen heutzutage sind«, sagte die Kommerzienrätin mit einer Bewunderung, die nicht frei von Tadel war, »ich in diesem Alter... oh, ich erinnere mich noch gut, ich war schüchtern wie ein Vögelchen!«
Frau Dorothee gelang es endlich, ihren Blick von dem Gatten unten im Parkett zu lösen; sie musste die Freundin ansehen. Es war fast unmöglich, sich die behäbige Frau Kommerzienrat mit dem bebenden Doppelkinn und den schimmernden Brillanten um den breiten Hals und in den fleischigen Ohrläppchen als ein schüchternes Vögelchen vorzustellen.
Frau Elvira von Stucken seufzte. »Leider, leider, ich weiß, dass meine Stefanie sich ein bisschen zu frei benimmt. Aber was wollen Sie machen? Diese jungen Leute lassen sich einfach nichts mehr sagen. Vielleicht war das Schweizer Internat, in dem sie den letzten Schliff bekommen sollte, doch nicht ganz das richtige.«
Jetzt erst wusste Frau Dorothee, dass die beiden Damen von der jungen Stefanie von Stucken sprachen, die schräg unter ihnen stand, neben einer Freundin, und sich von einigen jungen Herren den Hof machen ließ. »Wie lange war sie denn in der Schweiz?« fragte Frau Dorothee mit dem mühsamen Versuch, an der Unterhaltung teilzunehmen.
»Ein Jahr«, erwiderte Frau von Stucken, »sie ist jetzt siebzehn geworden, und es ist ihre erste Saison.«
»Gerade das richtige Alter«, erklärte die Frau Kommerzienrat, »ganz sicher hat sich schon mehr als ein ernsthafter Bewerber eingestellt.«
»Sie ist so wählerisch«, klagte Frau von Stucken, »manchmal benimmt sie sich ganz abscheulich, als wollte sie sich über die jungen Herren geradezu lustig machen.«
»Aber die nehmen es ihr nicht übel, möchte ich glauben«, sagte Frau Kommerzienrat Mehnert trocken, »schließlich ist Stefanie eine glänzende Partie, da sehen die Männer gerne über einige Ecken und Kanten hinweg. Die lassen sich später, in der Ehe, immer noch abschleifen.«
Frau von Stucken war nicht zu beruhigen. »Sie hat den ganzen Abend mit keinem Herrn öfter als einmal getanzt!«
Der Walzer war verklungen, Stimmen und Gelächter standen plötzlich seltsam beziehungslos in dem festlichen Saal.
Der Maitre de plaisir hüpfte auf das kleine Podium, klatschte in die Hände, um sich Gehör zu verschaffen. »Mesdames, Messies... sehr verehrte Damen und Herren... aufstellen zur Polonaise, bitte! Fordern Sie die Dame Ihres Herzens auf, meine Herren! Sie nehmen an einem historischen Ereignis teil! Es ist die erste Polonaise im neuen Jahrhundert!«
Otto Thielemann verbeugte sich, noch ehe der Maitre ausgesprochen hatte, vor der kastanienbraunen Dame. Aber ein Offizier - Major im Regiment der Kaiserin Alexandra, wie Frau Dorothee von oben herab feststellte — entführte sie ihm vor der Nase.
Offensichtlich war sie für diesen Tanz schon vergeben gewesen.
Diese Brüskierung ihres Gatten bedeutete für Frau Dorothee Demütigung und Genugtuung zugleich. Ihre Kehle war trocken, sie nahm einen Schluck Champagner. Aber sie hatte das Glas zu lange in der Hand gehalten, das Getränk war lau und schal geworden.
Neben ihr ließ Frau von Stucken ihr goldenes, mit Diamantensplittern besetztes Lorgnon aufspringen, hielt es vor die Augen.
Ein Korpsstudent war auf die Gruppe um Stefanie zu geprescht, verbeugte sich, die Hacken zusammenschlagend, vor ihrer Tochter, bot ihr den Arm, auf den sie ihre Hand wie auf ein Kissen legte.
Ehe Frau von Stucken noch eine Frage stellen konnte, hatte die Frau Kommerzienrat schon die Antwort parat. »Das ist der junge Scheer«, sagte sie, »stammt aus hochachtbarer Familie, einziger Sohn, ein bisschen verbummelt zwar...«
»Dann hat er sich wenigstens die Hörner abgestoßen«, sagte Frau von Stucken wohlwollend, »sehr gute Erscheinung, finden Sie nicht auch, Frau Thielemann?«
Frau Dorothee hatte Augen und Gedanken schon wieder ihrem Mann zugewendet, der sich jetzt um Stefanie von Stuckens Freundin bemühte. »Doch«, sagte sie mechanisch, »unbedingt.«
»Ich erinnere mich«, sagte Frau von Stucken, »mein Sohn Egon hat Herrn Scheer ein- oder zweimal mit ins Haus gebracht. Was ich nur gerne wissen möchte . . .«
Wieder gab die Frau Kommerzienrat bereitwillig Auskunft, ohne dass Frau von Stucken deutlicher zu werden brauchte. »Der Vater besitzt eine florierende chemische Fabrik, allerdings irgendwo im Rheinland, in Neuss oder Krefeld, vielleicht war es auch Xanten?«
»Aha!« Frau von Stucken schob die beiden Gläser ihres Lorgnons mit energischem Ruck wieder zusammen. »Gut, dass ich das weiß! Dann kommt er als ernsthafter Bewerber überhaupt nicht in Frage. Ich lasse mein Kind doch nicht in die Fremde ziehen.«

#11 
regrem патриот11.10.15 08:37
NEW 11.10.15 08:37 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 13:33 (regrem)
- 11 -

Arnold Scheer und Stefanie von Stucken befolgten die Anweisungen des Maitre; sie reihten sich in die Schlange der Paare, die sich schon zu bilden begonnen hatte.
Er sah sie von der Seite an.
»Ich bin sehr glücklich, gnädiges Fräulein, dass ich Sie endlich habe erobern können«, sagte er.
Sie schwieg und blickte geradeaus; es zuckte um ihre Lippen.
»Meine Damen und Herren, rechtes Bein vor, linkes Bein zurück!« rief der Maitre de plaisir.
Die ersten Klänge der Polonaise rauschten auf.
»Pampadampada! Eins, zwei, drei...«
Der Zug setzte sich in Bewegung.
Arnold Scheer versuchte es noch einmal. »Wissen Sie eigentlich, gnädiges Fräulein, dass Sie reizend aussehen?«
»O ja«, erwiderte Stefanie ganz ernsthaft.
Diese Antwort kam so unerwartet, dass Arnold Scheer aus dem Takt geriet.
»Eins und zwei und drei und vier«, sagte sie freundlich, »sollen wir zählen, Herr Scheer?«
Er hatte sich wieder in der Gewalt. »Sie sind also immer noch der kleine Frechdachs geblieben, Stefanie«, sagte er. »Dabei dachte ich, als ich Sie vorhin im Ballsaal entdeckte: Donnerwetter, aus der süßen Krabbe mit den steifen Zöpfchen ist ja eine junge Dame geworden!«
»Da sieht man mal wieder, wie der Schein trügen kann!«
»Stefanie, Sie machen sich doch nicht etwa über mich lustig?«
»Möchten Sie mich denn lieber weinen sehen?«
»Ich wünschte mir, dass Sie sanft und gefügig wären wie andere junge Mädchen Ihres Alters!«
Jetzt lachte Stefanie laut heraus; ihre Augen, hellbraun mit goldenen Funken, blitzten ihn an. »Sanft und gefügig? Du lieber Himmel! Sie haben ja Ansichten wie in der Steinzeit, Arnold!«
»Wir leben erst so kurz im zwanzigsten Jahrhundert«, sagte er steif, »dass ich mich noch nicht richtig daran gewöhnt
habe!«
Ihre schmale Hand in dem langen, bis zum Ellenbogen reichenden weißen Handschuh drückte ganz leicht seinen Arm. »Seien Sie mir nicht böse, Arnold. Ich wollte Sie nicht kränken, wirklich nicht! Aber es wirkt allmählich komisch, wenn einem alle Herren dasselbe sagen!«
»Tun wir das wirklich?«
»Ja! Wie reizend ich angeblich aussehe, habe ich heute Nacht schon mindestens zwanzigmal gehört!«
»Weil es stimmt!«
»Nein, weil ihr Männer einfallslos seid. Vielleicht haltet ihr es auch nicht für nötig, an eine Unterhaltung mit einem von uns Gänschen Geist zu verschwenden! Blicken Sie sich doch einmal um, Arnold!«
Sie hatten inzwischen zu den Klängen der Polonaise die Längsseite des Saales einmal abgeschritten, hatten gewendet und gingen jetzt dem Ende des Zuges entgegen.
»Alle jungen Mädchen sehen reizend aus, nicht wahr? Jede hat ein schönes Kleid an, jede hat sich feingemacht, jede genießt das Fest. Es ist also geradezu banal, so etwas zu erwähnen.«
Er lächelte über ihren Eifer. »Sie sehen aber besonders entzückend aus, Stefanie!«
Sie stampfte vor Enttäuschung mit dem Fuß auf, allerdings im Takt der Musik. »An mir ist gar nichts Besonderes! Warum kann man sich bloß mit keinem Mann richtig unterhalten?«
Er beugte sich zu ihr hinüber. »Worüber möchten Sie denn reden, Stefanie? Über die Liebe?«
»Ach, seien Sie doch still!« rief sie zornig. »Sie sind genau wie alle ändern!«
Von nun an spielte sie die Unnahbare, war ganz wohlerzogene junge Dame aus gutem Hause.
Er bot sein ganzes Repertoire an Scherzen auf, um ihre Laune zu verbessern. Sie lächelte, sagte an den richtigen Stellen ja und nein, aber sie blieb unnahbar.
Allmählich versiegte sein Redefluss. Er spürte, wie er ins Schwitzen kam, die körperliche und die geistige Anstrengung setzten ihm gleichermaßen zu.
Stefanie hingegen wirkte genauso kühl und frisch wie zu Beginn der Polonaise. Sie war sehr schlank, zu dünn für den Geschmack der Zeit, aber ihr kleines rundes Dekolleté zeigte eine makellose Haut, festes junges Fleisch.
Die Prozession der Polonaise zog dreimal um den Saal herum und dann weiter durch das ganze Haus. Als sie gerade auf der halben Höhe der Treppe angelangt war, verlöschte das Gaslicht neben ihnen, und es wurde für Sekunden dunkel. Arnold Scheer konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihr den Arm um die schmale Taille zu legen. Aber sie reagierte erstaunlich schnell, als ob sie darauf gefasst gewesen wäre. Sie trat ihm mit dem Absatz ihres weißen Stiefelchens auf die Zehen.
Er schrie leise auf und ließ sie los. Im selben Augenblick wurde es wieder hell.
Mit unschuldigen Augen blickte sie in sein Gesicht, das jetzt sehr rot geworden war.
»Oh, Pardon«, sagte sie scheinheilig. »Ich habe Ihnen doch hoffentlich nicht weh getan?«
Das Paar hinter ihnen drängte; er nahm ihre Hand, und sie gingen weiter.
»Sie mögen mich nicht ein bisschen«, sagte er.
»O doch, sehr sogar«, versicherte sie. »Sie sind ein sehr netter Mensch, das weiß ich gejiau.«
»Aber?« fragte er.
»Denken Sie mal nach! Alles, was Ihnen passiert ist, haben Sie sich doch nur selber zuzuschreiben.«
Sie erreichten den Rang und kamen bei den Müttern vorbei. Stefanie winkte lächelnd Frau von Stucken zu; Arnold Scheer verbeugte sich grüßend.
»Dann kann ich Sie nur noch bitten, mir zu verzeihen!« sagte er.
»Ist längst geschehen«, erklärte sie großzügig.
»Darf ich das glauben?«
»Ganz gewiss.«
»Dann schenken Sie mir als Zeichen Ihrer Gnade den nächsten Tanz!«
Stefanie lachte. »Sie sind wirklich unersättlich, Arnold . . . wie mein Bruder Egon, als er jünger war, wenn es Kuchen gab!«
»Also, ich habe Ihre Zusage?«
»Nein«, sagte Stefanie entschieden.
»Sie sind mir also doch noch böse?«
»Überhaupt nicht«, erklärte sie mit ernstem Gesichtchen, »das ist bei mir eine Sache des Prinzips.«
Er kam sich ihr gegenüber sehr alt vor und bat sie in väterlichem Ton: »Das müssen Sie mir schon näher erklären.«
»Aber Arnold«, sagte sie, »Sie wissen doch auch Bescheid, oder etwa nicht? Seit ich wieder in Berlin bin, will meine Mama mich unentwegt verkuppeln. Sie ist geradezu von dem Gedanken besessen, mich so schnell wie möglich unter die Haube zu bringen. Bisher habe ich sie noch dadurch bremsen können, dass ich meine Gunst mit größter Unparteilichkeit verteilte. Wehe, dreimal wehe aber, wenn ich ihr Anlass gäbe, zu glauben, dass ich an irgendeinem jungen Herrn besonders interessiert wäre!«
»Ich habe durchaus ernste Absichten«, sagte er prompt, »und dank meinem großzügigen Vater bin ich in der Lage...«
Sie blieb unbeeindruckt. »Umso schlimmer. Ich habe nichts gegen Sie, Arnold, verstehen Sie mich richtig; aber ich denke gar nicht daran, in absehbarer Zeit zu heiraten, weder Sie noch irgendeinen anderen.«
»Das wäre ein Fehler von Ihnen. Die Aufgabe der Frau liegt doch eigentlich in der Ehe, und ihr Glück...«
»Kennen Sie Ibsens >Nora» Oje!« Er spielte den Entsetzten. »Sie gehören also auch zu den Emanzipierten? Kein Wunder, dass Ihre Mama Sie so streng durch das Lorgnon betrachtet und keine Sekunde aus den Augen lässt!«
»Tut sie das?« Stefanie lachte unbekümmert. »Ein Grund mehr, an meinem Prinzip festzuhalten. Ich werde nicht noch einmal mit Ihnen tanzen, Arnold! Aber trösten Sie sich doch — es gibt ja so viele reizende Mädchen hier, die Ihre Galanterien besser zu schätzen wissen werden als ich.«
»Nein, Stefanie«, sagte er, »ich werde Ihnen nicht untreu. Wenn Sie mir einen Korb geben, ziehe ich mich zurück.«
»In den Schmollwinkel?«
»Nicht direkt. Ich habe noch eine Verabredung mit einem Kommilitonen. Ihretwegen hätte ich sie sausenlassen.«
»Wie schmeichelhaft«, sagte Stefanie von Stucken lächelnd, »dann hat Ihr Freund also allen Grund, mir dankbar zu sein!«

#12 
regrem патриот11.10.15 08:37
NEW 11.10.15 08:37 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 13:34 (regrem)
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Erst als Justus Weigand einen Platz für sich und Clementine gefunden hatte - ganz im Hintergrund des Raumes, auf einem mit rotem Plüsch bezogenen Sofa, wo sie vor dem winzigen Marmortischchen so eng nebeneinander sitzen mussten, dass ihre Knie sich berührten —, wurde ihm klar, dass es ein Missgriff gewesen war, seine Cousine mit ins Café Greiff zu nehmen.
»Du verkehrst wohl häufig hier?« fragte sie und musste husten, weil die verrauchte, verbrauchte Luft sie in der Kehle kitzelte.
»Nicht allzu oft.«
Eine hochgewachsene junge Frau drängte sich hinter einem Herrn im Frackmantel durch die Tische. Ihr dickes Haar, in das zahllose Löckchen gebrannt waren, wirkte wie eine Perücke. Das Gesicht war geschminkt, die Lippen rot gefärbt, die Brauen zu schwarzen Balken nachgezogen und die Wangen gepudert. Dennoch vermochten ihr auch diese knalligen Farben nicht den Anschein von Gesundheit zu geben. Ihre Wangen waren hohl, die nackten Schultern erschreckend mager; sie wirkte ausgezehrt.
Sie winkte Justus Weigand lächelnd zu und zeigte lange, gelbe Zähne, »'n Abend, Doktorchen!«
»Guten Abend, Lilly!«
»Haben Sie heute mal Ihr Fräulein Braut mitgebracht?« Lilly blieb stehen.
Justus Weigand hievte sich mühsam hoch, verbeugte sich. »Ein frohes neues Jahr, Lilly«, sagte er, »und alles, was du dir wünschst!«
»Sieht nicht so aus, als wenn ich es bekommen würde«, entgegnete die junge Frau. »Aber man nimmt sich eben, was man kriegen kann.«
»Übertreib's nur nicht«, sagte Justus Weigand, »pass auf dich auf!«
»Wenn das was nützen würde!« Lilly reichte Clementine die Hand.
Clementine tat so, als bemerkte sie es nicht. Sie sah blicklos geradeaus. Ihre Nasenflügel blähten sich.
Einen quälenden Augenblick lang hing Lillys Hand in der Luft. Dann griff Justus Weigand zu, ganz fest; er zog Lilly an sich, küsste sie auf beide Wangen. »Ich wünsche dir alles Gute, du weißt es!«
»Dank dir, Doktorchen!« Lillys Stimme klang belegt, sie wandte sich rasch ab, eilte zum Ausgang hin, ihrem Kavalier nach.
Justus Weigand zog sich das Jackett glatt und setzte sich. »Das war sehr unnötig, Clementine.«
Sie neigte ihm ihr Gesicht zu. »Dass du diese Person geküsst hast?«
»Ich musste das tun, um die Beleidigung wettzumachen, die du ihr zufügtest.«
»Wie edel von dir«, sagte sie verletzt.
Er erhob sich abermals. »Ich glaube, es ist besser, ich bringe dich jetzt nach Hause.«
Sie machte keine Anstalten, seinem Beispiel zu folgen. »Aber warum?« rief sie und klammerte sich mit beiden Händen an das Tischchen, als müsste sie befürchten, dass er sie losreißen werde.
»Weil ich den Eindruck habe, dass es dir hier nicht gefällt.«
»Ich finde es sonderbar«, sagte sie, »dass du in solchen Lokalen verkehrst. Aber gerade deshalb möchte ich noch nicht fort, ich möchte wissen, wie es hier zugeht.«
Es lag ihm auf der Zunge, ihr zu sagen, dass er keine Aufpasserin brauche, aber er wollte sie nicht unnötig verletzen. »Also gut«, fragte er beherrscht, »was möchtest du trinken?« Er winkte stehend, über die Köpfe der anderen Gäste hinweg, einen Kellner herbei.
»Was du willst«, sagte sie mit einer Willfährigkeit, die nicht sanft, sondern hartnäckig wirkte.
Er überschlug im Kopf ganz schnell seine Barschaft. Die Droschkenfahrt, mit der er nicht gerechnet hatte, war teuer, gewesen. Wenn er allein gewesen wäre, hätte er sich mit einem Glas Bier begnügt. Eine Flasche Wein? Nein, so üppig hatte er es bestimmt nicht.
»Zwei Gläser Punsch, Herr Ober«, bestellte er.
Der Kellner war ein graugesichtiger, plattfüßiger und abgehetzter, aber keineswegs abgestumpfter Mann. Er warf einen abschätzenden Blick auf Clementine und sagte: »Sofort, Herr Doktor!«
Clementine saß kerzengerade, mit wachen Augen. »Jeder scheint dich hier zu kennen«, sagte sie.
»Das kommt dir nur so vor.«
Justus Weigand überlegte, wie er ihr begreiflich machen sollte, dass im Café Greiffein sehr gemischtes Publikum verkehrte und die Leute nur in ganz loser Beziehung zueinander standen. »Der Ober kennt mich überhaupt nicht«, sagte er, »er schätzt mich nur als Student ein, deshalb nennt er mich Doktor.«
»Und diese Person? Diese Lilly?«
»Sie ist krank«, sagte er kurz angebunden, »schwer krank.« Und da jeder im Café Greiff um Lillys Erkrankung wusste und er keineswegs ein Geheimnis verriet, wenn er sie beim Namen nannte, fügte er hinzu: »Tuberkulose.«
Der eigensinnige Zug um Clementines Mund entspannte sich. »Schwindsucht?« fragte sie.
Er nickte.
»Ist sie deine Patientin?«
»Ich bin kein Arzt«, sagte er, »deshalb kann ich auch noch keine Patientin haben. Aber sie hat mich einmal um Rat gebeten.«
»Und... konntest du ihr. helfen?«
»Wie denn? Wir wissen, was ihr gut tun würde... reine Luft Sonne, Wärme, kräftige Nahrung, am besten ein Aufenthalt in der Schweiz. Aber wie soll sie sich das leisten? Und dann... Heilung kann ihr trotzdem niemand garantieren.«
Der Ober brachte die beiden Teegläser mit glühendem Punsch.
»Wohl bekomm's, Herr Doktor!«
Justus Weigand angelte in seiner Westentasche nach Geld, drückte es ihm in die Hand. Er hatte nicht mehr die Absicht, auf Arnold Scheer zu warten, es lag ihm viel mehr daran, das Zusammensein mit Clementine so bald wie möglich zu beenden.
»Ich bin müde«, erklärte er, »und außerdem habe ich Frau Thielemann versprochen, dich nicht zu spät nach Hause zu bringen.«
Sie senkte den Kopf mit den schweren dunklen Flechten. »Es tut mir leid, dass ich nicht freundlicher war.«
»Ja, das war nicht nett.«
Sofort brauste sie auf. »Ich habe mich entschuldigt! Hör also auf, mir Vorwürfe zu machen!«
»Aber, Clementine...«
»Du selber hast gesagt«, sie dämpfte ihre Stimme, weil sie merkte, dass die Um sitzenden auf sie aufmerksam wurden, »dass Krankheit und Gesundheit nichts mit gut und schlecht zu tun haben, nicht wahr, das hast du doch gesagt?«
Er versuchte einen Schluck Punsch zu nehmen, ließ jedoch das dampfende Glas wieder sinken, bevor seine Lippen den Rand berührt hatten; er fürchtete, sich zu verbrennen. »Ja, und dabei bleibe ich!«
»Dann besteht aber doch auch kein Grund, einen Menschen hochzuschätzen, nur weil er krank ist. Durch Krankheit wird doch niemand besser.«
Er sah sie wortlos an. Seine Augen waren dunkelblau, mit dichten, kurzen Wimpern gesäumt.
»Nun - antworte doch.« Sie hielt seinem Blick stand. »Habe ich denn etwas so Dummes gesagt?«
»Du bist ein schwieriges Mädchen.«
»Verstehst du denn nicht?« Sie beugte sich vor, hätte beinahe nach seiner Hand gegriffen, unterließ es dann jedoch. »Ich möchte so gerne, dass zwischen uns Klarheit herrscht. Dass wir die Dinge vom gleichen Standpunkt aus sehen. Das wäre doch wichtig. Ich könnte ja auch heucheln, dir nach dem Munde reden. Aber das brächte uns nicht weiter.«
»Ich erkenne es an, dass du mir nichts vormachst«, sagte er lahm.
»Früher«, erinnerte sie ihn, »da haben wir uns doch auch gestritten, weißt du noch? Aber da hast du dir die Mühe gegeben, mich von deiner Ansicht zu überzeugen. Und du hast dir angehört, was ich zu sagen hatte, und nicht alles gleich von Anfang an abgelehnt.«
»Clementine«, sagte er, »wir sind älter geworden seitdem. Es scheint mir sinnlos, über Erkenntnisse zu streiten, deren ich ganz sicher bin. Wenn du es genau wissen willst... ich möchte mich überhaupt nicht streiten. Jedenfalls nicht mit Menschen, die mir nahestehen.«
»Stehe ich dir denn nahe?« fragte sie drängend.
»Natürlich tust du das.«
Sie ließ die Schultern sinken, streifte endlich ihr Umschlagtuch ab. »Ach Justus«, sagte sie, »du musst mich für sehr dumm halten.«
»Nein«, sagte er, »nur für sehr dickköpfig. Aber das warst du ja immer schon.« Er hob sein Glas. »Also trinken wir... worauf?«
»Auf unsere Zukunft«, sagte sie.
»Einverstanden! Auf die Zukunft!«
Sie nahm einen kräftigen Schluck, und ihre braunen Wangen begannen zu glühen. »Vielleicht kommt alles nur daher«, sagte sie, »dass ich eine Provinzlerin bin. Bevor ich nach Berlin kam, hatte ich noch nie — wirklich noch nie, Justus — Frauen gesehen, die sich schminken. Oder gar welche, die rauchen!« Sie beugte sich vor, flüsterte dicht an seinem Ohr: »Lach mich nicht wieder aus, bitte, sondern sag mir ganz ehrlich: Damen sind das hier doch nicht?«
»Nein«, sagte er, »da hast du recht. Es war mein Fehler, dich hierher mitzunehmen. Aber wenn man immer allein oder unter Männern lebt, dann vergisst man, solche Dinge zu bedenken.«
»Macht ja nichts.« Sie lächelte und trank. »Ich finde es hochinteressant.«
Er war erleichtert, weil sie sich anscheinend entschlossen hatte, es ihm nicht mehr so schwer zu machen. »Immerhin«, sagte er, »du bist nicht die einzige anständige Frau hier. Sieh mal da drüben hin, aber unauffällig, bitte. Dort drüben, in die Ecke.«
Sie folgte der Richtung seiner Augen, aber dann lächelte sie nicht, wie er erwartet hatte, sondern presste die Lippen zusammen.
»Was ist denn nun schon wieder?« fragte er, jetzt wirklich ärgerlich. »Die Kleine ist nicht geschminkt, nicht aufgedonnert, sie raucht nicht, ihr Kleid ist bis zum Hals geschlossen, sie hat sich nicht einmal die Haare gebrannt...«
Clementine unterbrach ihn. »Sie ist höchstens sechzehn Jahre, Justus. Sag jetzt bitte nicht: Na und? Ein sechzehnjähriges Mädchen gehört nicht in ein solches Lokal, schon gar nicht nach Mitternacht und noch weniger in Begleitung eines jungen Herrn.«
Er musste sich eingestehen, dass sie recht hatte, und das ärgerte ihn mehr, viel mehr, als wenn ihr Widerspruch unbegründet gewesen wäre. Was war ihm nur eingefallen, sie ausgerechnet auf dieses junge Paar aufmerksam zu machen, dessen Glück doch offensichtlich nicht in den Rahmen der Gesellschaft passte.
»Wäre es dir lieber, wenn die Kleine allein hier wäre?« fragte er gereizt.
Clementine war nicht bereit zurückzustecken. »Du weißt genau, was ich meine.«
Das Mädchen war sehr jung und sehr hübsch, rührend hübsch mit den himmelblauen Augen und dem feuerroten, glatt gescheitelten Haar. Ihr Gesicht war pausbäckig, die Figur noch ungeformt und etwas zu füllig, und die Hände mit den kurz geschnittenen Nägeln waren kräftig, beinahe plump. Aber vielleicht wirkte sie gerade dadurch so frisch und jung und so ungemein reizvoll. Ihr Kleid war einfach geschnitten, aus dunklem Baumwollstoff, mit glatter Taille und angekraustem Rock, wie es die Mädchen und Frauen aus dem Volk zu tragen pflegten.
Ihr Begleiter, ein junger Mann mit schmalem Gesicht, einem blonden Bärtchen, langen, gepflegten Händen und einem tadellos geschnittenen grauen Anzug, gehörte ganz offensichtlich einer anderen Gesellschaftsklasse an.
Beide merkten nicht, dass sie beobachtet wurden. Sie hatten nur Augen füreinander, steckten die Köpfe dicht zusammen und waren ganz in ihr Gespräch vertieft.
Jetzt nahm der junge Mann die breite Hand des Mädchens, küsste jeden einzelnen ihrer Finger, einen nach dem anderen. Sie errötete vor Glück, sah aus, als wenn sie ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre.
»Auf alle Fälle sind sie sehr verliebt«, versuchte Justus Weigand seinen unhaltbaren Standpunkt zu verteidigen, »und glücklich. Warum willst du ihnen das nicht gönnen?«
»Weil die Kleine, die dir so gut gefällt, dieses Glück mit Schmerzen und Tränen wird bezahlen müssen«, sagte sie hart.
»Seit wann bist du unter die Hellseherinnen gegangen?«
»Ich habe nicht viel Lebenserfahrung oder Menschenkenntnis«, sagte sie, »aber in diesem Fall genügt es, wenn man zwei und zwei zusammenzählen kann. Im Übrigen glaube ich, dass du das genauso gut weißt wie ich. Du widersprichst mir nur, weil du nicht zugeben kannst, dass du im Unrecht bist.«
Er lachte auf. »Damit wären wir quitt.«
Sie stimmte in sein Lachen ein.
»So gefällst du mir«, sagte er, »du solltest nur wissen, um wieviel hübscher du bist, wenn du lachst.«
»Ich bin eine alte Rechthaberin, das weiß ich«, sagte sie reuevoll, »aber du, Justus, bist auch nicht viel besser. Da zanken wir uns über wildfremde Leute, dabei hätten wir so viel über uns selber zu reden gehabt.«
»Das können wir ja noch nachholen«, sagte er und leerte sein Glas. »Wie wäre es, wenn wir uns noch einen Punsch bestellen würden?«
Sie lehnte ohne Koketterie ab. »Nein, wirklich nicht, ich muss jetzt nach Hause. Es wird höchste Zeit für mich.«
»Angst vor der Gnädigen?« neckte er.
»Nein«, erklärte sie, »aber ich muss doch noch nach Rosa sehen.«
»Stimmt.« Er stand auf, kämpfte sich zu seinem Mantel durch, wartete auf sie. »Du musst mich holen, wenn etwas nicht in Ordnung ist, hörst du?« sagte er.
»Ganz sicher«, versprach sie. »Aber die kleine Senta. . .«
Er drückte ihren Arm. »Wir wollten doch nicht mehr über andere Leute reden, dachte ich...?«
Sie verließen das Café Greiff und traten auf die Straße.
Arm in Arm und im Gleichschritt setzten sich Justus und Clementine in Richtung Unter den Linden in Bewegung.
»Es war trotz allem ein schöner Abend«, sagte sie, »findest du nicht auch?«
»Er wird uns beiden bestimmt unvergesslich bleiben.« Er schwieg eine Weile, dann spann er den Faden weiter. »Vielleicht werden wir uns später als uralte Leutchen treffen und sagen: »Erinnerst du dich noch, Silvester neunzehnhundert<...«
Ihre Gedanken bewegten sich auf anderen Pfaden. »Ich weiß natürlich, dass du noch nicht so bald heiraten kannst«, sagte sie.
»In absehbarer Zeit bestimmt nicht.« Erst als ihm die Antwort schon herausgerutscht war, wurde er hellhörig.
»Das ist nicht schlimm«, sagte sie, »ich kann warten.«
Er war auf der Hut. »Das verlangt niemand von dir.«
»Aber das macht mir nichts aus, verstehst du? Nicht das geringste. Ich habe ja zu tun. Und vielleicht ist es auch ganz gut, wenn ich mir noch etwas spare.«
»Clementine...« setzte er an. Aber dann wusste er nicht, was er weiter sagen sollte; er wollte ihr weder Hoffnungen machen noch sie vor den Kopf stoßen.
»Du weißt ja, dass ich ein bisschen Geld habe«, fuhr sie fort, »das Erbteil meiner Eltern. Das würde wahrscheinlich zur Eröffnung einer Praxis reichen, aber natürlich weiß ich nicht genau, wieviel so etwas kostet.«
»Clementine«, sagte er, »ich möchte weder eine Praxis eröffnen noch Geld von dir annehmen.«
»Sei nicht dumm! Einmal wirst du es ja doch tun. Und was könnte ich Besseres mit meinem Geld anfangen?«
Er holte tief Atem. »Jetzt hör mal zu, Tina. Wenn ich Glück habe, kriege ich nach der Promotion eine Assistentenstelle bei Professor Hübner. Dann kann ich mich Forschungsaufgaben widmen und auf meine Habilitation hinarbeiten.«
»Du willst Professor werden?« Clementines Stimme war voller Ehrfurcht.
»Ja«, sagte er ungeduldig. »Vielleicht. Aber das ist nicht das Wichtigste. Ich werde die Arbeit tun können, die mir liegt und die voller Möglichkeiten ist. Es gibt da unheimlich viel zu tun. Wir haben ja heute Abend schon davon gesprochen. Der Erreger der Syphilis muss entdeckt, ein Heilmittel gegen Tuberkulose gefunden werden, das sind nur zwei Aufgaben von vielen. Tausende von Jahren hat die Menschheit sich nicht zu helfen gewusst, aber jetzt liegen die Lösungen sozusagen in der Luft. Pass einmal auf...«
Clementine war eine gute Zuhörerin, sie stellte interessierte Zwischenfragen und verschlang jedes seiner Worte. So kam es, dass er den ganzen Heimweg, der sie über Unter den Linden, Pariser Platz und Tiergartenstraße führte, von seinen Zukunftsplänen und von seiner Dissertation erzählte.
Er redete immer noch, als sie die Villa in der Von-der-Heydt-Straße bereits erreicht hatten. Das Treppenhaus war erleuchtet.
»Oje«, sagte Clementine, »die Herrschaften sind schon nach Hause gekommen.«
»Ist das schlimm?« fragte er.
»Nein, gar nicht. Ich werde mich leise wie ein Mäuschen über die Hintertreppe hinaufschleichen.«
»Kannst du mir nicht ein Zeichen geben, ob es Rosa besser geht?«
»Doch«, versprach Clementine, »das werde ich tun. Siehst du das kleine runde Fenster, ganz oben, in der Mitte? Nein, das sieht man jetzt in der Finsternis nicht. Aber wenn ich eine Kerze von innen davorhalte, wirst du es merken. Ich decke sie mit der Hand ab, blende dreimal auf, dann weißt du, dass es Rosa gut geht.«
»Und wenn nicht? Du musst ihr unbedingt die Temperatur messen! Falls sie gestiegen ist.. .«
»... komme ich wieder 'runter und hol' dich.«
Justus Weigand blieb zurück, und sein Unbehagen wuchs mit jeder Minute, die verstrich. Der Gedanke, noch ein zweites Mal in dieser Nacht die Hintertreppe hinaufschleichen zu müssen, war für ihn beklemmend. Er hasste Heimlichkeiten.
Justus Weigand begann, die Augen auf die Mansarde gerichtet, mit kurzen Schritten auf und ab zu gehen.
Was für ein Wahnsinn war das alles! Warum hatte er nicht darauf bestanden, dass Clementine ihn diesmal durch die Vordertür einließ? Jetzt, da das Kind auf der Welt war, brauchte Rosa Janowitz ja nichts mehr zu befürchten. Thielemanns durften doch wissen, dass sie krank war, sie würden sie nicht ohne weiteres auf die Straße setzen, und selbst wenn sie so hartherzig sein sollten, konnte man doch nicht von ihm, Justus Weigand, verlangen, dass er sich Rosas wegen einer solchen Situation auslieferte.
Er drehte sich auf dem Absatz um und ging auf die Villa zu, entschlossen, zu läuten und damit selbst die Initiative in die Hand zu nehmen. Da sah er oben, im Giebel des Hauses, ein Licht erscheinen. Es verdunkelte sich, blendete auf, verdunkelte sich wieder...
Justus Weigand wartete nicht mehr länger. Das Signal konnte nichts anderes bedeuten, als dass die schwere Geburt bei Rosa ohne bedrohliche Nachwirkungen geblieben war.
Er atmete auf, ungeheuer erleichtert, und schritt davon, aus der Dunkelheit des noch wenig bebauten Geländes hinaus auf die Tiergartenstraße zu, wo in hellerleuchteten Villen die Nacht des Jahrhunderts gefeiert wurde.

#13 
regrem патриот11.10.15 08:37
NEW 11.10.15 08:37 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 13:35 (regrem)
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Dorothee Thielemann lag in dem hohen, reichgeschnitzten Doppelbett unter dem vielfach gerafften Himmel aus rosa und weißer Seide. Sie hatte die Decke bis zur Kinnspitze gezogen. Es war sehr warm im Zimmer. Die Fenster waren geschlossen, die dunkelroten, schweren Vorhänge zugezogen, und in dem mächtigen Kamin aus poliertem Marmor züngelten aus Hunderten winziger Löcher blaue Gasflammen
und leckten über die imitierten Holzscheite, mächtige, scheinbar bemooste und verwitterte Eichenklötze.
Dennoch zitterte sie am ganzen Leib. Ihre Wangenmuskeln schmerzten in der krampfartigen Anstrengung, das Klappern ihrer Zähne zu unterdrücken. Ihr magerer Körper in dem weißen bestickten Nachthemd war eiskalt. Sie hielt die Augen geschlossen. Ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt.
Dann spürte sie das leise Surren des Aufzuges und hörte eine Tür. Aber erst Minuten später, in denen sich nichts mehr rührte, wagte sie durch die Wimpern zu blinzeln.
Sie war allein im Schlafzimmer. Otto Thielemann war gegangen. Nur seine Kleidungsstücke, achtlos über einen der Sessel geworfen, teilweise zu Boden gefallen, verrieten, dass er sich hier ausgezogen hatte.
Otto Thielemann war, wie jeden Abend, noch im Schlafrock ins Erdgeschoß hinuntergegangen, um die Lichter zu löschen und sich zu vergewissern, dass Türen und Fenster geschlossen waren. Meist war dieser Gang, das wusste sie, nur ein Vorwand, um in der Bibliothek noch eine Zigarre zu rauchen und Cognac zu trinken; meist kam er erst wieder herauf, wenn sie schon eingeschlafen war. Manchmal aber kehrte er gleich zurück, und dann geschah das, was ihre Mutter ihr vor der Ehe als »etwas Peinliches, aber Unumgängliches« angedeutet hatte.
Nie, niemals würde sie den Schock jener ersten Nacht vergessen, als ihr junger Gatte, den sie bisher nur als einen höflichen, zurückhaltenden und wohlerzogenen Kavalier gekannt hatte, sich in ein keuchendes, schwitzendes, übelriechendes Tier verwandelte, das sich auf sie stürzte und ihr etwas Schmerzhaftes und ganz Abscheuliches antat.
Sie hatte sich ihrer Mutter anvertrauen wollen, aber sie befanden sich, als es geschah, auf der Hochzeitsreise, in Paris, und es war ihr unmöglich, das zu Papier zu bringen. Erst drei Wochen später fuhren sie in die Heimat zurück, und da hatte sich das Grässliche schon so oft wiederholt, dass ein Gefühl tiefer Scham und Entwürdigung sie zum Schweigen zwang.
Erst viel später erkannte Frau Dorothee Thielemann, dass ihre Mutter sehr wohl gewusst hatte, welchen Häuslichkeiten sie sie auslieferte, als sie in die Heirat mit Otto Thielemann einwilligte. Sie wollte nachträglich weder ein Bekenntnis noch eine Klage hören. Seitdem war auch diese Brücke zerbrochen, Liebe und kindlicher Gehorsam schlugen in Hass um.
Dann hörte sie plötzlich Schritte auf der Treppe, und das Zittern war wieder da. Otto Thielemann trat ein, seine Pantoffeln schlurften über den Teppich. Sie wusste, dass er jetzt auf sie zukam, näher und näher. Durch die geschlossenen Lider glaubte sie sein Gesicht zu sehen, die geröteten Augäpfel, das faunische Grinsen um die feuchten Lippen und die gesträubten Schnurrbarthaare.
Nein, flehte sie innerlich, nicht schon wieder! Nicht heute! Nicht in dieser Nacht!
Aber da fühlte sie schon das lastende Gewicht seines Körpers neben sich auf der Bettkante, das Gestell ächzte, eine Wolke von süßlichem Alkohol, kaltem Zigarrenrauch und beißendem Schweiß drang auf sie ein.
»Na, Mausi«, sagte er, »du schläfst doch noch nicht?«
Sie suchte nach irgendeiner glaubhaften Entschuldigung, mit der sie sich von ihm hätte befreien können, aber ihr Hirn war leer; ihr fiel nichts ein. Sie stellte sich tot wie ein Tierchen, das von der Meute verfolgt und aufgestöbert worden ist. Sie lag bewegungslos, nur die Wimpern über ihren fest geschlossenen Augen flatterten.
»So schnell«, sagte er, »kann doch meine Mausi nicht eingeschlafen sein!«
Seine Hände mit dem dichten, krausen Haarflaum, der vom Handrücken aus wie die Beine einer schwarzen Spinne zu den Kuppen hinauf verlief, zerrten an der seidenen Decke.
Jetzt musste sie etwas tun, musste sich wehren; sie flüsterte: »Bitte, Otto, nicht. Ich bin sehr müde.«
Er beugte sein Gesicht näher zu ihr herab, der Dunst von Alkohol, Rauch und Schweiß wurde betäubend. »Ich werde dich schon wachkriegen, Mausi.«
»Der Kopf tut mir so weh!«
»Wozu brauchen wir denn den Kopf?« Er riss ihr mit einem Ruck die Decke vom Leibe.
Obwohl ihr langes seidenes Nachthemd sie völlig bedeckte — es war am Hals und an den Gelenken mit schmalen Bündchen geschlossen und reichte bis zu den Füßen —, kreuzte sie schützend die Arme über der Brust.
Er lachte, legte eine Hand in ihren Nacken; seine feuchten, heißen Lippen berührten ihren eiskalten Mund. Die andere Hand öffnete die Schleife und nestelte an den winzigen Perlmuttknöpfen ihres Hemdes.
Ihr Körper erstarrte. Seine glühende Hand schob sich in den Ausschnitt, ertastete ihre Brust. Dorothee lag steif, bewegungslos und fast ohne zu atmen.
Seine starken Finger pressten ihren Nacken und zerrten an ihrem Haar. »Sieh mich an!« brüllte er.
Sie öffnete die Augen, übergroße, erschrockene Augen, sah sein verzerrtes Gesicht, wurde sich jetzt erst bewusst, dass es hell im Zimmer war und dass er angefangen hatte, ihr das Nachthemd von den Schultern zu reißen und ihr Fleisch zu entblößen.
Sie schrie auf. »Mach das Licht aus!«
Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt; es war ihr, als weidete er sich an ihrer Qual. »Wirst du mir dann gehorchen?« Er zerrte weiter an ihrem Gewand. »Wirst du ganz lieb zu mir sein?« Seine grausamen Finger hatten brennende Streifen auf ihrer hellen Haut hinterlassen.
»Ja«, schrie sie, »Ja! Nur, bitte, bitte, mach finster!«
Als er sie losließ, schlug sie die Hände vor das Gesicht. Er löschte die Lichter, kam zurück, warf seinen schweren, schwitzenden Körper auf sie, und sie wehrte sich nicht. Er nahm sie in der Finsternis, und sie ließ es mit sich geschehen, ohne einen Laut, ohne eine Bewegung.

#14 
regrem патриот11.10.15 08:38
NEW 11.10.15 08:38 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 14:36 (regrem)
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Als Justus Weigand die Kreuzung Unter den Linden-Friedrichstraße erreichte - zu Fuß, denn seine gewohnheitsmäßige Sparsamkeit ließ ihn die Ausgabe für eine Droschke scheuen, und Pferdeomnibusse und Straßenbahnen fuhren in dieser Stunde zwischen Nacht und Morgen noch nicht oder nicht mehr —, fühlte er sich zwar müde, aber noch nicht schläfrig. Trotz allem, was sich an der Wende des Jahrhunderts für ihn ereignet hatte, war sein Erlebnishunger nicht gestillt. Ein Rest Erwartung war in seiner Seele zurückgeblieben, hatte sich in ihn eingebrannt und hielt ihn munter. In diesem Zustand, dessen war er sicher, würde er keinen Schlaf finden.
Er wollte und musste noch etwas unternehmen, nur über das Was und Wie war er sich nicht schlüssig. Noch herrschte Betrieb auf den Straßen der Innenstadt; die halbe Bevölkerung Berlins schien auf den Beinen zu sein.
Aber während Justus sich noch den Kopf zerbrach, hatten sich seine Beine schon entschieden. Statt die Friedrichstraße hinauf, wandten sie sich hinab, und als er es bemerkte, wurde ihm klar, dass alle seine Überlegungen doch nichts als Spiegelfechtereien gewesen waren. Noch an Clementines Seite hatte er sich bereits nach Amalie Hentschel gesehnt.
Mit raschen, beschwingten Schritten, die keine Spur von Ermattung verrieten, eilte er vorwärts, und erst als er in die kurze Nebenstraße einbog, wurde ihm die Möglichkeit bewusst, dass Amalie nicht zu Hause oder nicht allein sein könnte. Jetzt lief er fast, glaubte von weitem die »Bei Etage«, den zweiten Stock, dunkel vorzufinden und atmete auf, als er vom gegenüberliegenden Trottoir aus den schwachen Lichtschein vom Flur her durch das Wohnzimmerfenster schimmern sah.
Er eilte über die Straße, läutete im zweiten Stock. Die Haustür hätte verschlossen sein müssen, aber sie war es nicht. Er gelangte in das dunkle Treppenhaus, tastete sich hoch, erkannte jede Stufe unter den Füßen und mit den Händen jeden Schnörkel des eisernen Geländers, erreichte den zweiten Stock und hämmerte mit der Faust gegen die Tür zur Rechten.
Sie wurde aufgemacht, nur einen Spalt breit, mit vorgelegter Kette.
»Ich bin es«, sagte er, »Justus Weigand.«
»Komm herein, Junge!« Die Kette rasselte, die Tür wurde weit geöffnet und Amalie Hentschel flog in seine Arme.
Sie presste sich an ihn. Sie rief glücklich: »Ich wollte gerade ins Bett gehen!«
»Daran«, sagte er, »will ich dich durchaus nicht hindern.«
Sie kicherte, ihre gebrannten Löckchen kitzelten seine Nase, er fühlte ihr festes kühles Fleisch und roch den vertrauten Duft von Puder und Veilchen.
»Du Schlimmer!« Sie erschauerte, als seine Lippen ihren üppigen Arm hinaufwanderten.
Er trat die Tür hinter sich zu. »Ich hatte schon gefürchtet, du wärest nicht zu Hause.«
»War ich auch nicht, bin gerade erst gekommen.« Sie bedeckte sein Gesicht mit vielen kleinen schmatzenden Küssen. »Hm, hm, hm... Aber jetzt komm endlich herein! Wir trinken noch eine Flasche Schampus zusammen, ja?«
»Ich möchte nicht...«
Sie unterbrach ihn. »Ich weiß schon, was du möchtest, du Schlingel!« Sie wand sich aus seinen Armen. »Geh schon ins Boudoir, mach es dir bequem!«
Was Amalie Hentschel als ihr Boudoir bezeichnete, war das Schlafzimmer, das sie ehedem mit dem verstorbenen Waldemar Hentschel, Kurzwaren en gros, geteilt hatte. Er war, wie Justus Weigand aus ihren Erzählungen wusste, dreißig Jahre älter gewesen als sie, aber durchaus noch imstande, seinen Mann zu stehen, so dass sie sich nach seinem Tod doppelt verlassen gefühlt hatte. Die schöne Wohnung und das Zinshaus in der Taubenstraße boten ihr ebenso wenig Trost in ihrer Einsamkeit wie das nicht unbeträchtliche Barvermögen, das er ihr vererbt hatte.
Überall - außer im Schlafzimmer, da hatte Justus Weigand auf ihre Entfernung bestanden — blickten einem Fotografien von Waldemar Hentschel entgegen; sie zeigten einen vierschrötigen Mann mit eulenhaftem Blick und einem Vollbart, der ihm bis zum Nabel reichte. Die Lichtbilder ähnelten einander alle, sie waren alle von ein und demselben Künstler aufgenommen, der Hentschel stets im Cutaway hatte posieren lassen, eine Hand unter den Bart geschoben, die andere spielerisch au^ ein sechseckiges Tischchen gestützt.
Im Schlafzimmer jedoch wachte Waldemar Hentschel nun nicht mehr über seiner Amalie, und Justus Weigand war froh darüber, denn es war ihm immer unbehaglich gewesen, sich unter den gestrengen Blicken dieses Herrn auszukle den. Auch der braunsamtene Hausmantel, den er in den intimen Stunden seiner Besuche bei Amalie zu tragen pflegte, stammte ohne Zweifel vom Verstorbenen; diese Tatsache wurde zwischen ihnen jedoch niemals ausgesprochen.
Justus Weigand holte ihn aus dem Schrank, zog ihn an und überlegte, ob er schon in das verlockend aufgeschlagene Bett schlüpfen sollte, nahm aber dann doch in dem breiten, behaglichen Sessel vor Amalies Frisiertoilette Platz.
Jetzt kam sie selbst ins Zimmer, rosiger und runder als jedes ihrer Püppchen, Grübchen in Kinn und Wangen, Grübchen überall. Sie schleppte einen silbernen, mit halbgetautem Eis gefüllten Eimer, in welchem eine Flasche Champagner steckte, und stellte ihn neben Justus auf den Boden.
Er wollte sie auf den Schoß ziehen, aber sie entglitt ihm und trippelte wieder hinaus, kam gleich darauf mit einem Tablett zurück, auf dem zwei Gläser und ein Körbchen mit Gebäck standen.
Amalie Hentschel trug einen violetten Morgenrock, dessen Rüschen und Spitzen ihren Hals und ihre Gelenke umflossen. Justus Weigand wusste nicht genau, wie alt sie war — sie hütete ihr Geburtsdatum als ein Geheimnis, und er hatte bisher nur im Scherz den Versuch gemacht, es ihr zu entreißen —, aber er schätzte sie auf fünfunddreißig. Dennoch waren ihr Gesicht und ihr Hals faltenlos wie die eines jungen Mädchens, nur dass sie besser gepolstert waren, und er wusste, dass gerade diese reiche Fettunterschicht ihr den trügerischen Anschein von Jugendlichkeit verlieh.
Sie legte den Arm um ihn und küsste ihn hinters Ohr. »Bitte, Junge«, sagte sie, »mach du die Flasche auf.«
»Mit Vergnügen!« Er schlang seinen Arm um ihre Taille.
Sie kicherte glucksend. »Hu, lass das! Du weißt, ich bin kitzlig!« Als sie zappelte, vibrierte ihr Fleisch so, dass er die Augen schließen musste, um nicht schwindlig zu werden.
Sie benutzte diesen Augenblick, um sich ihm zu entziehen, bückte sich über den Sektkübel, zog die Flasche heraus und reichte sie ihm. »Sie ist bestimmt kalt genug... ich hält's nicht mehr aus, ich muss es mir endlich bequem machen!«
Während er mit dem Verschluss der Flasche kämpfte, beobachtete er fasziniert, wie sie ihren Morgenrock öffnete und sich an den Schnüren, Haken und Ösen ihres Korsetts zu schaffen machte.
»Soll ich dir nicht helfen?« fragte er.
»Kümmere du dich um den Schampus! Eine alleinstehende Frau wie ich wäre ja verloren, wenn sie ihr Mieder nicht aufbekäme!«
Es gelang ihr fast im gleichen Augenblick, als er den Champagnerpfropfen knallen ließ. Geschickt ließ er die schäumende Flüssigkeit in die Gläser laufen, ohne einen Tropfen zu vergießen. Das Korsett fiel zu Boden. Sie rieb sich Taille, Bauch und Hüften unter dem Morgenrock und stöhnte vor Behagen.
»Junge, du ahnst nicht, was das für eine Wohltat ist!«
»Ich kann es mir vorstellen.«
»Kannst du nicht, du bist ja ein Mann!«
»Ich bin Mediziner«, sagte er, »und weiß, dass Frauen an den Folgen eines zu eng geschnürten Korsetts schon elend gestorben sind.«
Sie erschrak, schüttelte sich und lachte, um ihr Entsetzen zu überspielen. »Das ist nicht wahr!«
»Glaub es oder glaub es nicht. Als junges Semester habe ich eine Frauenleiche seziert, bei der die Leber mitten durchgeschnitten war, und zwar durch das Korsett.«
Sie machte große Augen. »Ganz sicher? Schwindelst du mich nicht an?«
»Ganz, ganz sicher.«
»Aber das hätte das dumme Mädchen doch merken müssen!«
»Sicher hat sie das gemerkt, Amalie. Aber ihr Frauen seid ja bereit, zu leiden, wenn es um eure Schönheit geht... mit der ihr euch die Männer ködert.«
Sie nahm ihm das Glas aus der Hand und trank ihm zu. »Hast du das Gefühl, dass ich dich ködern will, Schlingel?«
»Oja«, sagte er lächelnd, nahm einen tiefen durstigen Schluck, stellte das Glas fort und breitete beide Arme nach ihr aus, »mit Schampus und hundert kleinen Tricks!« Er nahm sie auf den Schoß, grub sein Gesicht in ihr duftendes kühles Fleisch. »Aber das hattest du gar nicht nötig«, murmelte er, »ich habe mich die ganze Nacht nur auf diesen Augenblick gefreut!«
Sie legte den Kopf zurück, bot ihre weiße runde Kehle seinen Küssen. »Ich auch, du Schlimmer... oh, ich wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn du nicht gekommen wärst!«
Er stand auf, schwankend unter ihrer Last, und trug sie zum Bett. »Habe ich dich je enttäuscht, Mädchen?«
»Nie!« flüsterte sie. »Nie! Du bist doch mein großer, starker Schlingel!«
Sie zog ihn mit geschlossenen Augen zu sich herab, und in den kühlen Wogen ihres Fleisches fand er die Erlösung, die er suchte.
Als Justus Weigand aufwachte, fiel ein schmaler Streifen grauen Winterlichts durch die schweren Portieren. Er wusste sofort, dass es noch früh war und dass er nur wenige Stunden geschlafen hatte. Aber er war wach und ausgeruht. Da er oft bis in den Morgen hinein studierte, war er es gewohnt, mit einem kurzen Schlummer auszukommen.
Amalie Hentschel schlief neben ihm, das Gesicht auf dem dicken Arm. Ihr Mund war halb geöffnet, die Wangen hingen schlaff, und ihr Doppelkinn bebte bei jedem ihrer Atemzüge. Sie wirkte jetzt so alt, wie sie war. Ihre gebrannten Löckchen hatten sich aufgelöst; das dunkle Haar klebte glanzlos und strähnig an Schläfen und Stirn.
Sie hatte keinen Reiz mehr für ihn; er betrachtete sie nachsichtig, mitleidig und nicht ohne Dankbarkeit.
Dann rollte er sich zur Seite, wollte sich rasch und lautlos erheben, aber das alte Bett knarrte und knackte.
Amalie tastete mit geschlossenen Augen auf sein Kopfkissen hinüber und fand es leer. »Was ist?« murmelte sie verschlafen. »Musst du schon fort?«
Er war in seine Unterhose geschlüpft. »Ja, Malchen«, sagte er, »aber lass dich nicht stören.«
Sie richtete sich auf dem Ellenbogen hoch und riss die Augen auf. »Aber ich kann dich doch nicht ohne Frühstück gehen lassen!«
»Und ob du das kannst.« Er trat zu ihr hin und drückte sie in die Kissen zurück. »Schlaf noch ein bisschen, du hast ja viel Zeit.« Aber als sie die Arme nach ihm ausstreckte, trat er rasch zurück. »Ich muss wirklich gehen, Malchen.«
Sie tastete nach ihrem Morgenrock, zog ihn über, schlüpfte in ihre Pantöffelchen, lächelte ihm mühsam zu, mit schlaftrunkenen Augen und aufgedunsenem Gesicht, taumelte aus dem Zimmer.
Er nahm sich gelassen Zeit zum Ankleiden, wusch sich gründlich im Bad - ein Komfort, den er bei der Witwe Göbern nicht hatte - und rasierte sich mit dem Messer des seligen Hentschel. Dann schlüpfte er in sein zerdrücktes Hemd und warf sich in den für diese Stunde ganz und gar unpassenden schwarzen Anzug.
Amalie hatte indessen die Brötchen hereingeholt, Kaffee und Eier gekocht und im Wohnzimmer den Frühstückstisch gedeckt. Frisiert und gewaschen, sah sie jetzt wieder durchaus appetitlich aus. Sie bediente Justus, goss ihm Kaffee ein, reichte ihm Sahne und Zucker, und er aß mit Heißhunger. Sie selbst trank nur schwarzen Kaffee.
Justus tätschelte ihre Hand und sagte mit vollem Mund: »Ich glaube, es war doch eine gute Idee von dir, aufzustehen. Es schmeckt mir großartig!«
Sie lächelte. »Und dieses Vergnügen könntest du täglich haben.«
»Wieso?« fragte er überrumpelt,
»Aber — das weißt du doch! Gib deine Studentenbude auf und zieh zu mir. Ich mach' dir diesen Vorschlag ja nicht zum ersten mal!«
Er zog seine Hand zurück und griff zur Kaffeetasse. »Sehr ehrenvoll für mich, aber leider unannehmbar.«
»Das verstehe ich nicht.« Sie beugte sich vor, und er konnte unter Rüschen und Spitzen den Ansatz ihres Busens sehen. »Du könntest das Geld für dein lächerliches möbliertes Zimmer sparen und hättest es zudem viel bequemer.«
»Du würdest es bald bereuen«, sagte er voll Unbehagen.
»Bestimmt nicht! Es würde wunderbar werden mit uns beiden, davon bin ich überzeugt. Ich würde dir das Herrenzimmer einrichten und...«
Er fiel ihr ins Wort. »Amalie, und wenn du einen ernsthaften Heiratskandidaten findest, was dann?«
Sie hob die runden Schultern. »Dann könntest du ja immer noch verschwinden.«
Er lachte, wischte sich den Mund mit der Serviette ab und stand auf. »Du bist entwaffnend ehrlich, mein Schatz.«
»Bist du mir böse, weil ich dich nicht heiraten will, Junge? Das ginge doch nicht, schon der Leute wegen, und dann, mein Waldemar hat immer gesagt...«
»Nimm dir nie einen jüngeren Mann«, ergänzte er, »der würde dir nur Kummer bereiten und dein Geld durchbringen!« Er lachte, beugte sich über sie und gab ihr einen flüchtigen Kuss. »Nein, ich bin dir überhaupt nicht böse, du hast ja ganz recht. Ich finde es wunderbar, wie es mit uns beiden ist, wir wollen es dabei bewenden lassen. Besser könnten wir es gar nicht haben.«
Sie stand auf und folgte ihm auf den Gang hinaus, sah ihm zu, wie er sich den Paletot nahm, den weißen Schal um den Hals band; den Chapeau claque klappte er zusammen und klemmte ihn sich unter den Arm.
»Wenn du hier wohnen würdest...«, versuchte sie es noch einmal.
Er ließ sie nicht aussprechen. »Leb wohl, Malchen, darüber reden wir ein andermal, natürlich nur, wenn es sein muss. Heute habe ich es furchtbar eilig. Ich muss noch zur Charité hinaus.«
»Am Neujahrsmorgen?«
Erst jetzt fiel ihm auf, dass er ihr gar nichts von der Geburt der kleinen Senta und den anderen Ereignissen der vergangenen Nacht mitgeteilt hatte, wie er ja überhaupt nie das Bedürfnis fühlte, ihr etwas von sich und seinem Leben zu erzählen. »Ja, denk dir«, sagte er auch jetzt nur und küsste sie, während er die Wohnungstür schon geöffnet hatte. »Bis dann, Malchen!«
Er war erleichtert, dass sie keinen Versuch unternahm, eine feste Verabredung mit ihm zu treffen.
Er äugte ins Treppenhaus und trat erst aus der Wohnung, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Luft rein war, denn er wollte Amalie nicht kompromittieren. Auf dem nächsten Treppenabsatz drehte er sich noch einmal um und warf ihr eine Kusshand zu. Dann eilte er leichtfüßig die Treppe hinunter und auf die Straße hinaus. Schon nach wenigen Schritten hatte er Amalie vergessen.

#15 
regrem патриот11.10.15 08:38
NEW 11.10.15 08:38 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 14:37 (regrem)
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Justus Weigand nahm sich nicht die Zeit, sein möbliertes Zimmer bei der Witwe Göbern aufzusuchen und sich umzuziehen. Er fuhr mit der Straßenbahn — zähneklappernd, denn der Wagen war ungeheizt, und es zog durch Fenster und Türen — bis Oranienburger Tor und eilte von dort aus geradewegs zur Charité. Er holte mit Riesenschritten aus, denn es drängte ihn, das kleine Menschenkind wiederzusehen, dem er unter so dramatischen Umständen in die Welt verholfen hatte.
Zwei Diakonissen waren damit beschäftigt, die kranken Kinder auf Wagen zu packen; sie sollten zu ihren Müttern oder Ammen gebracht werden. Oberschwester Klara, die Schwester Margarethe abgelöst hatte, führte die Aufsicht und gab Anweisungen. Sie war an die dreißig Jahre alt, ihre fraulichen Reize waren, falls sie je über solche hatte verfügen können, längst verblüht. Trotzdem oder gerade deshalb spielte sie den Ärzten gegenüber die Kindliche und gab sich gerne neckisch.
»Oh, Herr Doktor!« rief sie, als sie Justus Weigands Anwesenheit gewahr wurde. »Ich bin ja so froh! Gerade noch habe ich überlegt, ob wir Ihr Töchterchen mit zu der Mütterstation nehmen sollen oder ob... also ohne jede Anweisung war ich wirklich ganz ratlos. Sie ist ja so niedlich, die Kleine, ein ganz, ganz entzückendes Kind!«
Justus Weigand, der drauf und dran gewesen war, die Dinge richtigzustellen und die Mystifikation aufzuklären, brachte es, so direkt als Vater angesprochen, nicht mehr über sich. Ohne sich über sein Motiv Rechenschaft zu geben, schreckte er davor zurück, die kleine Senta bloßzustellen.
»Und wie war die Nacht?« fragte er stattdessen nur.
»Sie hat ganz, ganz ruhig geschlafen!« erklärte Schwester Klara eifrig. »Ich habe sie um sechs Uhr frisch gewickelt. persönlich natürlich, denn ich könnte doch niemandem die Verantwortung für Herrn Doktors Töchterchen überlassen ...«
Die beiden Diakonissen, die bisher sehr beschäftigt getan hatten, obwohl ihnen anzumerken gewesen war, dass sie mit gespitzten Ohren auf jedes Wort zwischen Oberschwester Klara und Justus Weigand lauschten, blickten ihn jetzt großäugig an und kicherten unterdrückt. Schwester Klara scheuchte sie hinaus, und sie schoben ihren bepackten Wagen davon.
Justus Weigand trat zu dem Bett der kleinen Senta. Sie lag auf dem Rücken, die Fäustchen neben dem Kopf geballt, das Gesichtchen rot angelaufen, und um die Mundwinkel zuckte es. »Aber, aber, Senta, mein Liebling«, sagte er, »du wirst doch nicht weinen! Ein so schönes kleines Mädchen hat doch allen Grund zu lachen. Ja, lachen sollst du... ha, ha, ha... und kein Schnütchen ziehen!«
Er wusste natürlich, dass das Kind ihn nicht verstehen, noch weniger lächeln oder gar lachen konnte. Aber seine Stimme schien eine beruhigende Wirkung zu haben. Die Augen der Kleinen trockneten, die Röte wich, und sogar die Lippen zitterten nicht mehr. Niemand war über diesen Erfolg überraschter als er selbst; er konnte ihn nicht für puren Zufall halten.
Die Oberschwester war hinter ihm an das Bettchen getreten. »Sie versteht Sie!« rief sie und klatschte in die Hände. »Nein, das ist ja ein richtiges Wunderkind... sie versteht Sie!«
Bei dem lauten Händeklatschen war Senta leicht zusammengezuckt.
»Sieht ganz so aus, als könnte sie wirklich schon Laute wahrnehmen und unterscheiden«, sagte Justus Weigand so nüchtern wie nur möglich. »Allerhand. Sind Ihnen sonst irgendwelche Besonderheiten aufgefallen, Schwester?«
»In den Windeln war ein wenig Kindspech, wenn Sie das meinen...«
»Ich möchte die Kleine gerne noch einmal gründlich untersuchen«, sagte Justus Weigand, »aber...« Er zog seinen Chapeau claque unter dem Arm hervor, ließ ihn mit einem beziehungsvollen Lächeln aufspringen. »... ich bin ganz und gar nicht vorbereitet. Diese Nacht...«
»Oh, ich verstehe, ich verstehe völlig!« rief Oberschwester Klara auf ihre lebhafte, gezierte Art. »Ich werde Ihnen ein Stethoskop des Herrn Professors besorgen...«
»Sehr liebenswürdig. Aber erst einmal hätte ich gerne heißes Wasser, damit ich mir die Hände waschen kann.«
Er zog Paletot und Jackett aus, und Schwester Klara nahm die Kleidungsstücke in Empfang und versorgte sie hinter einem Vorhang. Er wusch und bürstete sich gründlich Hände und Fingernägel, während die kleine Senta nun, ohne seinen besänftigenden Zuspruch, erst leise, dann immer lauter zu weinen und schließlich fordernd zu brüllen anfing.
Justus Weigand nahm das Geschrei als ein Zeichen von Kraft und Gesundheit, und es war seinem Herzen angenehm. »Scheint Hunger zu haben, was, Oberschwester?« sagte er. »Wie wäre es, wenn Sie ihr ein Fläschchen machen würden? Kuhmilch mit abgekochtem Haferschleim, zur Hälfte verdünnt ...«
Schwester Klara reichte ihm ein Handtuch. Außerstande, ihre Neugier länger zu bezähmen, fragte sie: »Die Mutter ist wohl... sie will wohl nicht... sie kann nicht...«
»Lassen wir doch, bitte, die Mutter aus dem Spiel«, sagte er beschwörend und wandte rasch sein Gesicht ab, weil der mitfühlende und verständnisvolle Blick der Oberschwester ihn zum Lachen reizte.
»Ja, natürlich, ganz wie Sie wollen, Herr Doktor«, versicherte sie hastig, »aber ich möchte Ihnen doch versichern, dass ich... dass wir alle... also, Sie und das arme Kleine tun uns so leid, Herr Doktor!«
»Das ist sehr lieb von Ihnen«, erwiderte er würdevoll, »aber so ist es nun einmal. Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen.«
Er trat wieder an Sentas Bettchen, sprach auf sie ein, und als es ihm gelang, die Mauer von Tönen, die sie um sich aufgebaut hatte, zu durchdringen, wiederholte sich das Wunder - Senta beruhigte sich, ihr Geschrei klang ab, sie schluchzte noch ein paarmal stoßweise, wurde dann still.
»So ist's recht, mein Schätzchen«, sagte er, begeistert über seinen Erfolg, den er seinen und Sentas außergewöhnlichen Fähigkeiten zuschrieb, »Jetzt werden wir mal sehen, was du sonst noch alles kannst, außer schreien und zuhören!«
»Ob man ihr nicht doch«, schlug Schwester Klara vor, »eine Amme geben sollte?«
Justus Weigand zögerte mit der Antwort. »Nein«, sagte er dann, »ich möchte Professor Hübners Ernährungstheorie einmal ganz konsequent in die Tat umsetzen.«
»Ein Experiment also?« Oberschwester Klara schloss und öffnete nervös die Finger. »Mit Ihrer eigenen Tochter?« fragte sie, ohne ihn anzusehen, und sprach so seine eigenen geheimen Bedenken aus.
Dennoch antwortete er: »Wenn wir selber kein Vertrauen zu den Ergebnissen unserer Forschungen haben, wie können wir es dann von Fremden erwarten?«
Aber das war nicht oder doch nicht allein der Grund für seine Anordnungen. Tatsächlich empfand er es als geradezu abstoßend, wenn er sich seine Senta an der dicken drallen Brust einer dieser vulgären, im Überfluss Milch spendenden Frauen vorstellte.
»Nein«, sagte er, »tun Sie, was ich Ihnen sage, machen Sie ihr ein Fläschchen zurecht. Sagen wir, zwanzig Gramm für die erste Mahlzeit, das sollte genügen.«
Er legte das Kindchen auf den Wickeltisch, pellte es aus den Tüchern, aus dem Hemdchen und Jäckchen, untersuchte noch einmal jedes einzelne der kleinen Glieder und fand alles tadellos. Die Pulsfrequenz betrug hundertdreißig Schläge pro Minute, er zählte im gleichen Zeitraum fünfundvierzig Atemzüge und horchte Lunge und Herz mit dem hölzernen Stethoskop ab, das Oberschwester Klara ihm gereicht hatte. Er erneuerte den Verband um den Nabel, der schon abzutrocknen begann.
Bei allem, was er tat, redete er ununterbrochen zärtlich und liebevoll auf das kleine Wesen ein, lobte und bewunderte es.
Er ließ es sich auch nicht nehmen, Senta das erste Fläschchen selbst zu geben.
Als die beiden jungen Diakonissen mit den gebündelten Säuglingen zurückkamen, fanden sie Justus Weigand in Hemdsärmeln.
Er hielt das Neugeborene, das als seine Tochter galt, auf dem linken Arm und fütterte es fachgerecht mit dem Fläschchen. Sie konnten gar nicht hingucken, so komisch fanden sie dieses Bild, komisch und rührend zugleich.
Danach blieb ihm nichts mehr zu tun, als sie ins Bett zu legen. Die Oberschwester wollte ihm diese Arbeit abnehmen, aber er ließ es nicht zu. Es machte ihm Freude, den winzigen, warmen und so wohlgebildeten Körper zu berühren, und er fühlte ehrliches Bedauern, als er sich von der Kleinen trennen musste. Doch es fiel ihm kein Vorwand ein, sich länger in der Säuglingsstation aufzuhalten.
»Vielleicht schaue ich heute Abend noch mal herein«, sagte er beiläufig, als er, wieder in Jackett und Paletot, zur Tür ging; dabei wusste er schon in diesem Augenblick, dass er es ganz bestimmt tun würde.

#16 
regrem патриот11.10.15 08:38
NEW 11.10.15 08:38 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 14:38 (regrem)
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Als Justus Weigand den großen See im Tiergarten vor sich auftauchen sah, hatte die Wintersonne fast ihren höchsten Stand erreicht; eine gelbe, leuchtende Scheibe, die die Eisfläche schimmern und die winzigen Kristalle des Schnees, der die Rasenflächen, Büsche und Bäume überpudert hatte,
blitzen und funkeln ließ. Aber sie spendete nur Licht und keine Wärme. Die Luft war sehr kalt, der Himmel fahl, und der Atem bildete kleine, dampfende Wolken.
Justus Weigand schritt, um sich zu erwärmen, kräftig aus; der hartgefrorene Boden knirschte unter seinen Füßen. Er hatte sich umgezogen, trug jetzt eine uralte, an den Knien ausgebeulte, an den Säumen ausgefranste Pepitahose, dazu einen Sweater aus dicker dunkelblauer Wolle, von den fleißigen Händen seiner Mutter — zwei links, zwei rechts — gestrickt. Die Schlittschuhe baumelten ihm an einem geflickten Riemen von der Schulter herab.
Justus Weigand entdeckte Arnold Scheer schon von weitem, aber er war seiner Sache nicht ganz sicher, denn der Freund stand zwei jungen Damen zugewandt, die Justus Weigand nicht einmal vom Sehen kannte. Der breite Rücken in dem eleganten Havelock, die stämmigen Beine, der kurze Hals und der runde blonde Kopf unter der sportlichen Mütze waren ihm vertraut, dennoch fürchtete er, sich zu irren.
Erst als er nahe herangekommen war, drehte Arnold Scheer sich um - suchend oder den bohrenden Blick des Freundes im Nacken spürend -, trat vor und zur Seite und gab damit die Sicht auf die beiden Damen frei.
»Justus, endlich!« rief er. »Ich dachte schon, du hättest verschlafen oder hocktest am Ende schon wieder über deiner Dissertation!«
Justus Weigand sah in diesem Moment nicht das runde, freundliche Gesicht Arnold Scheers und nicht die lächelnd distanzierten Mienen der beiden Damen; seine Augen wurden wie magnetisch von dem Rock der einen von ihnen angezogen, einem weiten, in zahllose Springfalten gelegten Rock aus gutem englischen Tuch, dessen Kürze ihn faszinierte. Der pelzbesetzte Saum schwebte gut dreißig Zentimeter über dem Boden, gab die kleinen geschnürten Stiefelchen frei und darüber hinaus sogar den Ansatz der Waden in den aus feinem Garn gewirkten Strümpfen.
Der junge Mediziner, der sich selbst für durchaus abgebrüht hielt, war schockiert. Er hatte längst gelernt, weibliches Fleisch berufsmäßig zu betasten, zu beklopfen und zu streichen, ohne etwas dabei zu empfinden, aber dies hier war etwas anderes. Dass ein anständiges Mädchen, eine junge Dame, am hellen Tag ohne Not so viel von ihren intimsten Reizen preisgab, empfand er als einen Schlag ins Gesicht.
»Weder — noch«, murmelte er, »du siehst, hier bin ich.« Sein Blick glitt hoch, traf die Augen der jungen Dame; es waren sehr freimütige Augen, hellbraun mit goldenen Punkten nahe der Pupille.
»Darf ich Ihnen meinen Freund und Kommilitonen Justus Weigand vorstellen?« sagte Arnold Scheer formell.
Die junge Dame mit dem kurzen Rock zog ihre Hand aus dem kleinen Bibermuff und reichte sie Justus Weigand.
»Stefanie von Stucken«, machte Arnold Scheer bekannt.
Stefanies Hand war fest und warm, Justus Weigand hätte sie gern länger gehalten; er fühlte sich ärmer, als sie sie zurückzog.
»Lisbeth von Panwitz!« Auch sie bot Justus Weigand die Hand, aber sie tat es so, als koste es sie Überwindung. Es war eine flüchtige, unsichere Berührung, und flüchtig war auch der Blick, mit dem Justus Weigand sie bedachte.
Lisbeth von Panwitz war einen halben Kopf größer als die zierliche Stefanie von Stucken, eine stattliche, eindrucksvolle Erscheinung mit üppigen und dennoch gebändigten Formen, wie sie dem Ideal der Zeit entsprachen. Ihr Gesicht war elfenbeinblass, fein geschnitten und wurde von hellblauen, schmachtenden Augen beherrscht.
Sie sah blendend aus; trotzdem wandte sich Justus Weigands ganzes Interesse sofort wieder Stefanie von Stucken zu, die ihm unvergleichlich reizvoller erschien. Das hellbraune, natürlich gelockte Haar ringelte sich unter dem Bibermützchen hervor, die Kälte hatte einen rosigen Schein auf ihre Wangen gehaucht, und ihre kleinen weißen Zähne schimmerten zwischen den leicht gewölbten Lippen.
»Aber warum stehen wir hier noch herum?« rief sie. »Schnell, ziehen wir die Schlittschuhe an!« Sie erwiderte Justus Weigands Blick ohne Verlegenheit, und als sie die Wimpern senkte, spürte er, dass sie es nicht aus Scheu, sondern nur in Erinnerung an die diversen Ermahnungen ihrer Erzieherinnen tat.
»Darf ich Ihnen helfen, gnädiges Fräulein?« fragte er.
»Das wäre reizend von Ihnen.«
Während die beiden Mädchen vorausgingen, flüsterte Arnold Scheer dem Freund zu: »Das sieht dir ähnlich, alter Junge! Dich darf man wirklich keinem Mädchen vorstellen, auf das man es selber abgesehen hat!«
»Bist du an Fräulein von Stucken interessiert? Dann trete ich selbstverständlich zurück.«
»Im Ernst?«
»Aber ja. Ich habe sowieso keine Zeit für Poussagen.« Er wechselte mit Arnold Scheer den Platz, so dass er jetzt Lisbeth von Panwitz folgte.
Die beiden Mädchen hatten die Bank erreicht, wendeten sich um, und blitzschnell ahmte Stefanie von Stucken das Manöver der beiden Freunde nach, so dass die Paarung wieder die gleiche wurde wie vorher.
»Da kann man nichts machen«, quetschte Arnold Scheer zwischen den Zähnen hervor.
Justus Weigand lachte. Stefanie von Stucken interessierte ihn mehr und mehr. Er hätte gerne gewusst, ob sie den Stellungswechsel absichtlich arrangiert hatte oder ob es Zufall gewesen war; aber der Blick, mit dem sie ihn empfing, war so voller Unschuld, dass er nicht an ihrer Arglosigkeit zweifelte.
Er ließ sich auf dem rechten Knie vor ihr nieder, und seine langen, kräftigen Finger lösten rasch und geschickt die Schleife und die Verschnürungen und zogen das Stiefelchen ab.
Für eine Sekunde hielt er ihren warmen kleinen Fuß in der Hand. »Schlittschuh laufen«, sagte er und blickte zu ihr hoch, »ist eine meiner liebsten Beschäftigungen.« Er freute sich, als er sah, dass sie errötete.
Sie reichte ihm den einen ihrer beiden Schlittschuhstiefel. »Ich treibe für mein Leben gerne Sport«, sagte sie, »Lawn-Tennis und Reiten!«
Er half ihr in den Stiefel hinein. »Sie scheinen eine sehr draufgängerische junge Dame zu sein.«
»Oh, wenn ich ein Junge wäre, würde mir alles noch viel mehr Spaß machen! Wenn Sie wüssten, wie ich meinen Bruder Egon immer beneidet habe! All diese Unbequemlichkeiten, die man als Mädchen in Kauf nehmen muss, diese Ziererei und Koketterie, zu der wir erzogen werden. ..«
Er lächelte zu ihr auf. »Davon«, sagte er, »habe ich bei Ihnen allerdings noch nicht sehr viel bemerkt.«
Sie blickte betroffen. »Habe ich mich schlecht benommen? Mama sagt immer...«
»Aber keineswegs, gnädiges Fräulein«, beruhigte er sie rasch, »ich finde Ihre Offenherzigkeit ganz reizend.«
»Wirklich?«
»Halten Sie mich für einen Schmeichler?«
Sie lachte schon wieder. »Nein, ganz und gar nicht. Sie sehen aus wie... wie ein freier Mann. Ein Mann ohne Vorurteile. Darum waren Sie mir auch von Anfang an sympathisch.«
»Sie überschätzen mich«, sagte er, und obwohl er wusste, dass er damit die Schranken der Konvention sprengte, fügte er hinzu: »Ich selber habe mich noch vor wenigen Minuten bei einem Vorurteil ertappt.«
»Mein Rock schien Ihnen zu kurz«, sagte sie sofort, »ich habe es bemerkt. Wenn Sie es wünschen, werde ich gleich morgen zur Schneiderin laufen und ein Stück ansetzen lassen. Mama wird überglücklich sein, ich habe ihr jeden Zentimeter abringen müssen.«
Er nahm ihren zweiten Fuß. »Dann sollten Sie auch nicht freiwillig auf den errungenen Fortschritt verzichten.«
»Ich täte es ja nur ihnen zuliebe«, sagte sie ernsthaft. »Tatsächlich finde ich diese bodenlangen Röcke einfach blöd und unbequem. Beim Schlittschuhlaufen sind sie ganz unmöglich, man reißt sich alles entzwei und kann schlimm hinschlagen. In Ftan sind wir nur in kurzen Röcken gelaufen.«
»Wo?« fragte er konsterniert.
»In Ftan, das ist ein Dorf in der Schweiz. Dort war ich im Pensionat, und wir haben viel Sport getrieben. Sonst war es aber sehr langweilig, mindestens so langweilig wie zu Hause.«
Sie hatte jetzt beide Schlittschuhstiefel an, und er wollte ihr hochhelfen. Aber sie wehrte ab. »Nein, nein, ich warte, bis Sie soweit sind!«
Arnold Scheer kniete noch immer vor Lisbeth von Pan-witz. Sein Kopf war hochrot angelaufen, nicht etwa vor Verlegenheit, sondern weil das Bücken für ihn eine Plage war.
Stefanie von Stucken beobachtete, wie Justus Weigand sich seine Schlittschuhe unter die Stiefel band; sie waren blitzblank gescheuert und frisch geschärft, aber ausgesprochen altmodisch in der Form. Sie war zu taktvoll, sich darüber lustig zu machen, aber er spürte doch, was sie dachte.
»Fast antik, nicht wahr?« sagte er unbekümmert. »Ich habe sie nämlich bei einem Trödler gekauft. Sie sahen gräulich aus, ich habe sie mir selbst wieder hergerichtet.« Er fuhr wie liebkosend über das blanke Blatt. »Als Junge habe ich immer nur hölzerne . . .«
Sie standen Hand in Hand auf. Noch ehe er die beiden anderen zum Mitkommen auffordern konnte, zog sie ihn schon weiter. »Schnell!« Und zu seinem Ohr hochgereckt, setzte sie hinzu: »Laufen wir ihnen davon!«
»Wird Ihnen Ihre Freundin das nicht übelnehmen?«
»Bestimmt«, gab sie unumwunden zu. »Aber daran bin ich gewöhnt. Lisbeth nimmt dauernd übel. Trotzdem hab ich sie gern und sie mich auch.«
Sie stelzten auf ihren Schlittschuhen den Abhang hinunter und auf das Eis zu.
Als er schwieg, sagte sie: »Sie müssen mich für sehr keck halten, Herr Weigand. Mama sagt mir jeden Tag mindestens zehnmal, dass ich das bin. Aber — ich wäre wirklich lieber mit Ihnen allein.«
Er blieb stehen, lächelte auf sie herunter. »Gnädiges Fräulein, bitte... Sie machen mich ja geradezu verlegen.«
Die kleine blaue Ader an ihrer Schläfe klopfte. »Aber so habe ich es doch nicht gemeint!« rief sie. »Bilden Sie sich nur nichts ein, Sie sind mir völlig gleichgültig!«
»Schade«, sagte er trocken.
»Es ist nur, wenn man zu vieren zusammen ist, dann kommt doch kein richtiges Gespräch auf, nur Neckereien. Und ganz besonders mit Arnold. Er will mich einfach nicht ernst nehmen. Das ist immer so, wenn jemand einen schon als Kind gekannt hat.«
Er hob die Augenbrauen. »Wie lange ist das her?«
»Schon fast zwei Jahre.-Mein Bruder brachte ihn mal nach Hause, bevor ich ins Pensionat kam, und jetzt bin ich ja schon wieder einige Monate zurück.« Sie sagte das in einem Ton, als ob diese kurze Zeit eine Ewigkeit umfasste.
Er ging voraus, blieb stehen, als er das Eis erreichte, half ihr zu sich herunter. »Der Bruder, den Sie so heiß beneiden?«
»Den ich beneidet habe«, sagte sie, »Jetzt nicht mehr. Er ist Offizier geworden.« Obwohl er gar nichts dazu sagte, fuhr sie so heftig fort, als musste sie sich gegen eine unausgesprochene Widerrede verteidigen: »Ich weiß, alle Mädchen schwärmen fürs Militär. Die bunten Uniformen und die blanken Knöpfe, die Verschnürungen und die Orden. Aber ich habe nun mal nichts dafür übrig; vielleicht bin ich wirklich nicht normal. Mir imponiert das ganz und gar nicht.« Sie senkte die Stimme, flüsterte geheimnisvoll: »Wissen Sie, was ich herausbekommen habe? Die meisten Militärs sind dumm.«
Er lachte schallend.
»Finden Sie das so komisch?«
»Nein, ganz und gar nicht. Aber Sie sollten das wirklich nicht laut sagen. Sie wissen doch, das Militär spielt die erste Geige in unserem Staat.«
»Und gerade das finde ich falsch! Die Wissenschaft, zum Beispiel, ist doch viel wichtiger. Gehen Sie auch so gern ins Theater, Herr Weigand?«
»Gewiss«, sagte er, »nur habe ich leider selten das Geld dazu. Ich muss jeden Pfennig zweimal umdrehen, bevor ich ihn ausgebe.«
»Sie sind arm?« rief Stefanie von Stucken ganz bestürzt und fügte, um ihren Fauxpas abzuschwächen, rasch hinzu: »Dann sind Sie mir noch lieber.«
Während dieser lebhaften Unterhaltung glitten sie nebeneinander mit gekreuzten Armen und verschlungenen Händen im gleichen Rhythmus über die Eisfläche, immer weiter vom Ufer weg. Sie waren beide gute Läufer, und nachdem sie sich aufeinander eingestellt hatten, brauchten sie keinen Gedanken an ihre Beine zu verschwenden, genossen die Schnelligkeit der Bewegung und das Gefühl der Körperlosigkeit.
»Diesen Winter«, sagte sie, »habe ich >Rosenmontag< von Hartleben gesehen. Das war einmalig! Mama wollte es erst nicht erlauben, aber ausnahmsweise hat sich mein Bruder für mich eingesetzt, und Papa habe ich recht geschmeichelt, bis er mir seine Zustimmung gegeben hat. Nur leider war es traurig, und ich habe sehr, sehr geweint. Aber es muss auch schön sein, etwas recht Trauriges zu erleben, nicht wahr?«
»Nun, wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich erlebe lieber frohe und gute Dinge«, sagte er, »die traurigen, schlechten kommen ganz von selbst.«
»Ja, weil Sie ein Mann sind. Männer erleben immer etwas. Aber wir Frauen ...« Sie sah ihn sehr ernsthaft an, und ihr zartes Gesicht wirkte kindlicher denn je, »... wir vegetieren einfach so dahin, von einem Tag zum anderen. Wenn uns ein Mann gefällt, dann dürfen wir es ihm nicht zeigen. Wenn wir ein Buch lesen möchten, dann wird es uns bestimmt verboten. So ist es immer.«
Sie runzelte die Stirn und zitierte: »Das ist nichts für ein junges Mädchen... So etwas darfst du gar nicht wissen... Wie kannst du nur solche Fragen stellen!«
»Es ist einfach tragisch, wenn man es recht bedenkt«, sagte er scherzend und hatte dabei doch das Gefühl, dass sie es verdient hätte, sehr ernst genommen zu werden.
»Ach, wenn es das doch wäre! Aber es ist gar nichts. Man verlangt von uns, dass wir mit verbundenen Augen und Ohren durch die Welt gehen. Dann müssen wir einen Mann heiraten, der unseren Eltern gefällt. Und dann müssen wir ihm gehorchen bis ans Lebensende. Ist das denn richtig und gerecht?«
»Ich glaube nicht, dass Ihnen dieses Schicksal blühen wird, gnädiges Fräulein«, behauptete er.
»Nicht?«
»Nein, ganz sicher nicht. Sie sind bestimmt keine von denen, die sich hin und her schieben lassen und den Mund halten.«
»Und stört Sie das?«
Er holte tief Atem. »Ich finde Sie ganz, ganz reizend«, sagte er ehrlich, »und ich bedaure zum ersten mal in meinem Leben...«
Er stockte, denn er erkannte, dass er im Begriff war, zu weit zu gehen.
Sie bohrte sofort nach. »Was bedauern Sie?«
»Dass ich kein reicher Mann bin«, sagte er, und dann, ehe sie auf dieses halbe Geständnis noch etwas erwidern konnte, fragte er rasch: »Wollen wir mal versuchen, ob wir einen Walzer zustande bringen?«
Sie hatten sich einem Drehorgelmann genähert, der mitten auf dem Eis stand, mit den Füßen stampfte, um sich warm zu halten, und dabei einen Walzer von Paul Linke abrollen ließ.
»Oja!« rief sie begeistert.
Er nahm sie in die Arme, zählte: »Eins, zwei, drei...
eins, zwei, drei...« Und dann walzten sie los und vergaßen alles, was sie trennte und bedrückte, waren sich nur ihrer Jugend und der Freude des Beisammenseins bewusst.

#17 
regrem патриот11.10.15 08:39
NEW 11.10.15 08:39 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 14:41 (regrem)
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Arnold Scheer musste mehr als einmal rufen, ehe Stefanie von Stucken und Justus Weigand bemerkten, dass er sie herbeizuwinken versuchte. Er stand mit Lisbeth von Panwitz schon nahe dem Ufer.
»Wir müssen zurück, fürchte ich«, sagte Justus Weigand bedauernd.
Stefanie schmiegte sich an ihn, leicht und anmutig wie eine Schneeflocke. »Schon?« fragte sie und blickte lächelnd aus ihren goldfunkelnden Augen zu ihm auf. Dann, als sie bei der nächsten Drehung selbst das Ufer zu Gesicht bekam, rief sie: »Oh, Sie haben recht, Herr Weigand. Da kommt schon mein Bruder. Er will uns abholen.«
Sie löste sich aus seinen Armen, reichte ihm die linke Hand — in der anderen hielt sie ihren kleinen Muff —, und so, Hand in Hand, liefen sie auf das Paar am Ufer zu, zu dem sich jetzt auch, vom Rasenabhang her, Egon von Stucken gesellte.
Obwohl die elegante Uniform eines Leutnants vom Regiment Kaiserin Alexandra, die er jetzt trug, ihn sehr veränderte und ihm den Anschein von männlicher Schneidigkeit gab, erkannte Justus Weigand in ihm doch sogleich den jungen Herrn, der ihm in der vergangenen Nacht durch die Verliebtheit seiner blutjungen Begleiterin aufgefallen war und Clementine Hergerts Missfallen erregt hatte.
Auf Egon von Stucken hingegen schien die flüchtige Begegnung im Café Greiff keinen Eindruck gemacht zu haben. Möglicherweise hatte er Justus Weigand gar nicht, jedenfalls nicht bewusst, gesehen; seine Miene war völlig ausdruckslos. Justus war es so recht, denn so blieb ihnen beiden eine gewisse Peinlichkeit erspart.
Egon von Stucken begrüßte seine Schwester, deren Freundin und dann Arnold Scheer, der ihn mit dem Freund bekannt machte.
Egon von Stucken nahm den Arm seiner Schwester, half ihr den Hang hinauf. »Hoffe, du hast dich prächtig amüsiert, Kleines«, sagte er zackig, »bedaure ungemein, das Zusammensein stören zu müssen.«
Lisbeth von Panwitz bemühte sich, die beiden einzuholen. »Aber nein, das tust du doch gar nicht Egon«, beteuerte sie eifrig, »zu schade, dass du nicht mit uns laufen konntest!« Sie sah ihn mit schmachtenden Augen an.
Er blickte flüchtig über die Schulter zurück. »Hatte leider gewisse Verpflichtungen...«
Stefanie blieb stehen. »Aber jetzt bist du da, Egon, und kannst uns auch Gesellschaft leisten«, kam sie ihrer Freundin zu Hilfe. »Herr Scheer wird dir gewiss gerne für ein Viertelstündchen seine Schlittschuhe leihen, nicht wahr? Er ist sowieso schon ganz erschöpft, der Arme!«
Arnold Scheer war tatsächlich immer noch nicht recht bei Atem und erklärte sich sofort zu diesem Freundschaftsdienst bereit.
Aber Egon von Stucken winkte ab. »Bedauere außerordentlich. Habe den strikten Auftrag, die beiden Damen auf dem schnellsten Weg nach Hause zu bringen. Droschkong wartet beim Großen Stern. Wenn ich mir erlauben darf, die Herren ebenfalls ein Stück mitzunehmen?«
»Danke, sehr liebenswürdig von Ihnen, aber wir haben es nicht so eilig«, erklärte Justus Weigand prompt, »nicht wahr, Arnold?«
Arnold Scheer zog eine Grimasse. »Ganz richtig«, sagte er. Aber als die anderen sich wieder vor ihm in Bewegung setzten, zischte er dem Freund zu: »Warum hast du das gesagt?«
Justus Weigand grinste. »Na, wir haben doch noch einiges zu bereden, oder etwa nicht?«
Arnold Scheer warf ihm einen bösen Blick zu und beeilte sich, nach vorn, an Stefanies rechte Seite, zu kommen. Doch es nützte ihm nichts, Egon von Stucken ließ sich nicht beiseite drängen, sondern half selbst seiner Schwester beim Wechseln der Stiefeletten. Justus Weigand übernahm Lisbeth von Panwitz. Er wusste nicht recht, ob er dieses Arrangement bedauern oder sich darüber freuen sollte. Gewiss, er hätte gern noch ungestört mit Stefanie zusammengesessen, aber andererseits war sie ihm in der knappen Stunde, die er mit ihr verbracht hatte, so nahegekommen, dass ihm die Intimität dieses Kavaliersdienstes, obwohl er durchaus im Rahmen des Herkömmlichen lag, peinlich gewesen wäre.
Er hätte gern gewusst, was in Stefanie vorging; aber sie plauderte ganz unbefangen mit ihrem Bruder. Erst beim Abschied richtete sie wieder das Wort an ihn. »Auf Wiedersehen, Herr Weigand«, sagte sie und reichte ihm die Hand, »Jeden Donnerstag hat Mama ihren Jour fixe. Sie würde sich gewiss freuen, wenn Sie sich bald einmal sehen ließen.« Sie sagte es gleichmütig, lächelte dabei, aber es war ihm, als wollte sie ihm mit ihren weit offenen, goldgesprenkelten Augen ein Signal geben.
»Das würde mir eine große Ehre sein, gnädiges Fräulein«, sagte er und verbeugte sich formell.
Sie gab seine Hand frei. »Dasselbe gilt natürlich auch für Sie, Arnold«, sagte sie.
»Die Ehre wäre janz unsererseits«, fügte Egon von Stucken hinzu, reichte seiner Schwester den einen, Lisbeth von Panwitz den anderen Arm und führte beide den Weg entlang.

#18 
regrem патриот11.10.15 08:39
NEW 11.10.15 08:39 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 14:42 (regrem)
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Erst Tage später ergab sich für Justus Weigand eine Gelegenheit, mit Professor Hübner, seinem Doktorvater und Chef der Säuglingsstation in der Charité, über die kleine Senta zu sprechen.
Professor Hübner war ein überaus geschäftiger und lebendiger Herr, wurde von den Studenten geschätzt und bewundert, weil er es verstand, selbst schwierige Theorien auf verständliche Weise zu erklären, und von den Kollegen wegen seiner eigenwilligen Forschungen geachtet, die ihn freilich zugleich in immer neue wissenschaftliche Fehden verwickelten. Er war ständig von Studenten, Hospitanten, Assistenten und ratsuchenden Müttern belagert, und man konnte kaum an ihn herankommen, wenn man nicht einen festen Termin hatte.
Justus Weigand schaffte es trotzdem, weil er es schaffen musste. Die Angst, eines Tages in die Säuglingsstation zu kommen und Senta nicht mehr vorzufinden, trieb ihn zu einer Dreistigkeit, wie sie sonst nicht seiner Art entsprach.
Er erwischte den Professor, als dieser an der Spitze seines Stabes durch den langen Gang im dritten Stock des Hauses fegte, und vertrat ihm den Weg.
»Herr Professor, einen Augenblick, bitte. ..«
Der erste Assistent wollte ihn mit einer Handbewegung beiseiteschieben, aber Justus Weigand leistete Widerstand und rührte sich nicht vom Fleck. Der ganze Zug geriet ins Stocken, und Professor Hübner konnte nicht anders, als von der Anwesenheit seines Doktoranden Kenntnis zu nehmen.
»Eh, Weigand«, sagte er und blinzelte ihn aus seinen grauen, listigen Augen durch die scharfen Gläser seines Zwickers an, »was gibt's? Was wollen Sie?«
»Sehen Sie denn nicht, dass der Herr Professor beschäftigt ist?« fuhr sein Assistent dazwischen.
Justus Weigand, der sich im Brennpunkt der allgemeinen Missbilligung sah, wurde unsicher und bezweifelte, ob es eine gute Idee gewesen war, sich vorzudrängen; sicherlich hätte er besser daran getan, die Dinge auf sich beruhen zu lassen. »Es ist nur... entschuldigen Sie, bitte...« stotterte er.
Der Professor machte eine Bewegung, als ob er weiterstürmen und ihn stehenlassen wollte. Dann aber verhielt er unvermittelt den Schritt. »Ah, ja, Weigand«, sagte er, den Namen betonend, als würde ihm erst jetzt klar, wen er da vor sich hatte. »Ganz gut, dass Sie sich melden. Ich wollte ohnehin schon mit Ihnen sprechen. Warten Sie im Labor auf mich.«
Justus Weigand musste im Labor, zwischen Tiegeln, Flaschen, Phiolen und Bunsenbrennern, mehr als eine halbe Stunde warten und hatte Gelegenheit und Zeit, sich jedes Wort, das er sagen wollte, zurechtzulegen. Endlich stürmte Professor Hübner in seiner gewohnten Lebhaftigkeit herein.
Aber der Professor riss die Führung des Gesprächs sofort an sich, und Justus Weigand kam gar nicht dazu, seine ausgeklügelte Erklärung anzubringen.
»Sie wollen mich wegen Ihrer Tochter sprechen? Nun, ich kann Ihnen versichern, ich habe das Kind gründlich untersucht, es ist völlig gesund, Sie können es noch heute mit nach Hause nehmen.«
»Gerade das«, sagte Justus Weigand, »möchte ich nicht.«
Professor Hübner stieß sein Kinn mit dem sorgfältig gestutzten weißen Kinnbart vor. »Wie soll ich das verstehen? Ist die Mutter krank? Dann gehört das Kind auf eine andere Abteilung. Es ist auf keinen Fall Patientin.«
»Ich dachte«, brachte Justus Weigand mühsam heraus, »ich hatte gehofft... Es wäre eine einmalige Gelegenheit, die Entwicklung eines gesunden Kindes unter klinischen Bedingungen zu studieren.«
»Sie wollen Ihre eigene Tochter sozusagen als Versuchskaninchen benutzen?«
»Sie ist nicht. . . Ich bin gar nicht der Vater.«
Professor Hübner setzte sich auf einen Korbstuhl, schlug die Beine übereinander, nahm den Zwicker vom Nasenrücken ab, rieb sich die Augen. »Also dann... erzählen Sie mal...«
Und Justus Weigand berichtete wahrheitsgemäß; er spürte staunend, dass es ihm gut tat, sich alles vom Herzen reden zu können.
»Hm, ich verstehe«, sagte Professor Hübner, als er geendet hatte, »es besteht also zwischen Ihnen und dem Kind keine verwandtschaftliche, dafür aber eine starke gefühlsmäßige Bindung.«
»Ja«, sagte Justus Weigand, »Ja, wirklich, so ist es.«
Professor Hübner ließ den Zwicker an der schwarzseidenen Schnur kreisen. »Glauben Sie nur nicht, dass ich das nicht begreife, Weigand. Sie halten mich wahrscheinlich für einen alten, abgebrühten Routinier, aber auch ich leide immer wieder darunter, wenn ich ein Kind, das ich geheilt, vielleicht sogar dem Tod entrissen habe, wieder in das Milieu zurückgeben muss, in dem es krank geworden ist. Als ich so jung war wie Sie, bin ich fast daran zerbrochen. Aber heute weiß ich, dass der Arzt nur für den kranken Menschen zuständig ist und nicht die Aufgabe haben kann, die Lebensbedingungen seiner Patienten zu ändern.«
»Das weiß ich.«
Professor Hübner verzog den Mund zu einem Lächeln. »Wissen Sie das wirklich? Das sagt sich so leicht. Aber wenn man es am eigenen Leibe erlebt... Wie gesagt, ich leide auch heute noch darunter, wenn es mich auch nicht mehr ins Zentrum meiner Gefühle trifft. Ich leide wie ein alter Schauspieler, der beinahe echte Tränen vergießen kann, auch wenn er den König Lear schon zum hundertsten Male spielt.«
»Vielleicht«, sagte Justus Weigand, »sollten wir uns gar nicht damit abfinden. Vielleicht sollten wir um bessere, gesündere Lebensbedingungen für die arbeitende Bevölkerung und ganz besonders für die Kinder kämpfen. Wir wissen ja, wie tödlich die feuchten, überfüllten Wohnungen, die düsteren Höfe, die unzureichende Nahrung sind... Wir wissen es, und weil wir es wissen, sind wir doch auch mitverantwortlich!«
»Ich will nicht behaupten, dass Sie unrecht haben, Weigand«, sagte Professor Hübner, »und ich will Sie nicht davon abhalten, für das zu kämpfen, was Sie für richtig halten. Allerdings, über eines müssen Sie sich im klaren sein: Wenn
Sie diesen Kampf aufnehmen, müssen Sie darauf verzichten, Arzt zu sein. Unser Beruf braucht den ganzen Menschen und der Kampf um soziale Gerechtigkeit sicherlich, auch. Die Entscheidung liegt bei Ihnen, Weigand.«
Justus Weigand zog die Unterlippe zwischen die Zähne, überlegte, suchte nach Worten, und Professor Hübner ließ ihm Zeit.
»Ich glaube«, sagte der junge Mediziner endlich, »dass der Forscher mehr für den Fortschritt der Menschheit tun kann als der Revolutionär.«
»Das ist ein sehr schönes Glaubensbekenntnis.« Professor Hübner stand auf. »Aber es wird nur dann Gültigkeit haben, wenn Sie auch danach leben.«
»Dazu bin ich entschlossen.«
»Sehr gut. Dann bringen Sie das Kind dahin, wohin es gehört, zu seiner Mutter oder, wenn sie sich nicht darum kümmern will, ins Findelhaus.« Er wandte sich zur Tür, als ob die Sache für ihn damit abgetan wäre.
»Das kann ich nicht«, widersprach Justus Weigand. »Wissen Sie, wie groß die Sterblichkeit im Findelhaus ist? Nicht einmal fünfzig Prozent der Kinder erreichen das dritte Lebensjahr. Ich kann Senta nicht dem Tod ausliefern. Wozu hätte ich sie dann in die Welt geholt?«
»Solange Sie medizinische Probleme von diesem Gesichtspunkt aus betrachten, werden Sie niemals ein guter Arzt sein«, erklärte Professor Hübner hart.
»Und wenn ich es nicht täte«, parierte Justus Weigand, »wäre ich ein schlechter Mensch.«
Der Professor hatte sich, die Klinke schon in der Hand, ihm zugekehrt. Die beiden Männer maßen sich, Auge in Auge, und Justus Weigand dachte - bei allem Respekt -nicht daran, den Blick zu senken.
»Und bis wann, dachten Sie«, fragte Professor Hübner endlich, »soll das Kind auf der Station bleiben?«
»Bis ich einen geeigneten Pflegeplatz gefunden habe.«
»Sie haben meine Genehmigung«, sagte der Professor unwirsch, verließ das Labor, schmetterte die Tür hinter sich ins Schloss und ließ einen sehr erleichterten Justus Weigand zurück.

#19 
regrem патриот11.10.15 08:57
NEW 11.10.15 08:57 
in Antwort regrem 07.10.15 20:04, Zuletzt geändert 10.11.15 14:43 (regrem)
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Eine Entwicklung der Dinge, wie sie Justus Weigand weder vorausgesehen noch gewünscht hatte, enthob ihn vorläufig der Sorge, sich um einen Pflegeplatz für seinen Schützling kümmern zu müssen — die kleine Senta wurde krank.
Professor Hübner stellte die Diagnose: katarrhalische Infektion, und es war nicht nur Senta, die davon befallen wurde, sondern gleichzeitig mit ihr mehr als die Hälfte aller Säuglinge der Station.
Professor Hübner tobte. Er ließ eine hochnotpeinliche Untersuchung anstellen, die ergab, dass eine der jüngeren Diakonissen ebenfalls erkrankt war und die Erreger eingeschleppt haben musste. Aber man konnte ihr keinen Vorwurf machen. Sie war, als sich die ersten Anzeichen einer Erkältung einstellten, verantwortungsbewusst genug gewesen, nicht mehr zum Dienst zu erscheinen. Offenbar war die Krankheit schon ansteckend gewesen, noch ehe sie ausgebrochen war; das war das Fazit, das Professor Hübner aus dieser Kette von Ereignissen zog. Er ordnete an, dass niemand mehr — weder Schwestern noch Ärzte noch Eltern — die Stationen der Säuglinge ohne Mundschutz betreten durfte.
Das Ansehen, das er in der Charité genoss, war bedeutend genug, um die Ausführung seiner Befehle durchzusetzen, auch wenn manche Eltern dagegen zu protestieren versuchten, einige Studenten sich darüber lustig machten und nur die allerwenigsten die Notwendigkeit der Anordnung wirklich einsahen.
Aber den erkrankten Kindern nützte die Maßnahme nichts mehr, für sie kam jede Vorsicht zu spät. Ihre Haut war rot und heiß, sie fieberten, verweigerten die Nahrungsaufnahme und hatten nicht einmal mehr die Kraft, zu schreien.
Justus Weigand wich nicht vom Bett seiner kleinen Senta. Er zerbrach sich nicht den Kopf darüber, wie man später einmal derartige Infektionen würde bekämpfen können, ihn interessierte einzig das Hier und Heute. Er kämpfte mit den althergebrachten Mitteln um das Leben des Kindes, für das er die Verantwortung auf sich genommen hatte. Er ließ es schwitzen, machte kalte und warme Umschläge und legte Wadenwickel an. Dabei sprach er unentwegt auf Senta ein, versuchte ihr seine Liebe zu zeigen, seine Kraft und Gesundheit auf sie zu übertragen.
Schon am Tage nach dem Ausbruch der Krankheit starb das erste der Kinder, am zweiten Tag waren es gleich vier kleine leblose Körper, die die Fahrt zur Pathologie antraten, wo die Studenten schon darauf warteten, jedes einzelne ihrer Organe und jeden Muskel zu präparieren, zu zerschneiden, zu untersuchen.
Senta lebte noch. Aber sie war nahezu apathisch und lag mit geschlossenen Augen da. Das eingefallene Gesichtchen war blau, und ihr Körper wirkte trotz der kurzen Zeit des Hungerns schon erschreckend abgemagert.
Spätabends kam Professor Hübner noch einmal auf die Säuglingsstation, allein, ging von Bettchen zu Bettchen, gab seine Anordnungen. Auf die kleine Senta warf er nur einen Blick. Aber er blieb bei dem Bettchen stehen, legte seinem Schüler die Hand auf die Schulter. »Nichts mehr zu machen, Weigand«, sagte er, »es tut mir leid.«
»Es muss eine Rettung geben!«
»Es muss gar nichts.« Professor Hübner zog seine Hand zurück. »Eines Tages werden wir vielleicht mit solchen Infektionen auch beim Säugling fertig werden. Aber bis dahin.. .«
»Ich gebe nicht auf«, beharrte Justus Weigand mit gepresster Stimme.
»Sie bilden sich wohl ein, Sie können Wunder vollbringen? Verrennen Sie sich nicht, Weigand. Ich kenne die Anzeichen, glauben Sie mir. Es ist aussichtslos.«
»Ich kann es nicht glauben.«
Professor Hübner nahm den Zwicker ab, strich sich über die müden Augen. »Und warum nicht?«
»Weil der Mensch doch Abwehrstoffe gegen solche Infektionen entwickeln muss.«
»Ja, das tut er, soviel wir heute wissen. Sehr richtig, Wei-gand«, sagte der Professor. »Aber in den ersten Monaten nach der Geburt anscheinend noch nicht. Da ist das menschliche Leben noch sehr unfertig und hinfällig.«
»Aber Senta hat so viel Kraft«, widersprach Justus Wei-gand, »sie will leben. Sonst wäre sie schon bei der Geburt umgekommen.«
»Das, lieber Freund«, sagte Professor Hübner erschöpft, »sind so unwissenschaftliche, ja nahezu mystische Gedankengänge, dass ich sie lieber gar nicht gehört haben will.«
»Ich habe nur gesagt, was ich denke.«
»Nein, Weigand, Sie denken nicht, Sie empfinden, und auf unsere Gefühle dürfen wir uns nun einmal nicht verlassen. Das führt uns in die Irre.«
Justus schwieg. Er hätte noch einiges sagen mögen, aber er erkannte, dass es Begriffe gab, über die er sich mit Professor Hübner nie würde einigen können.
»Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann«, sagte der Professor, »aber glauben Sie mir, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Ihnen ein böses Erwachen erspart bleibt.«
»Danke«, sagte Justus.
Er war nicht sicher, ob der Professor es wirklich ernst meinte oder ob er es nicht in Wahrheit für wünschenswert hielt, dass die harten Tatsachen des Lebens ihn, Justus Weigand, aus seinem Traum rissen.
Aber darüber wollte er nicht nachdenken. Kaum dass der Professor gegangen war, hatte er ihn auch schon vergessen. Er richtete die ganze Kraft seines Hirns und seines Herzens auf das kranke Kind.
»Hör nicht auf das, was der Professor sagt«, sprach er zu ihr, »der ist ein kluger Mann, aber alles weiß er auch nicht. Ein Mädchen wie du wird doch noch mit einer so lächerlichen Krankheit fertig werden, nicht wahr, mein Liebling?«
Sentas Gesichtchen war noch um eine Nuance blauer geworden, sie atmete mühsam, und ihr Mund stand offen.
Justus Weigand nahm sie in die Arme. Er war besorgter, als er sich selbst zugeben mochte. Die Kleine war einem Erstickungsanfall nahe. Offensichtlich waren die Nasenschleimhäute angeschwollen, die Durchgänge durch Absonderungen so verstopft, dass sie keine Luft mehr durchließen. Deshalb konnte die Kleine kaum noch atmen und nicht mehr saugen, verlor Kraft und damit die Lust am Leben.
Er legte sie bäuchlings in ihr Bettchen. Senta fiel mit dem Gesicht auf das flache Kissen.
»Das können Sie nicht machen«, sagte Oberschwester Klara im Vorbeieilen, »sie wird Ihnen ersticken.«
Justus Weigand hörte gar nicht hin, er beobachtete angestrengt das Kind, das jetzt das Köpfchen anhob, es zur Seite drehte, so, dass, als es wieder auf das Kissen sank, Mund und Nase frei blieben.
Er hoffte, dass diese Stellung ihr eine gewisse Erleichterung verschaffte, sprach mit leiser, beruhigender, ermutigender Stimme auf sie ein.
Auf der Station brannte nur noch das Nachtlicht. Die Schwestern huschten leise hin und her. Die kranken Kinder wimmerten nicht einmal mehr.
Justus Weigand war entschlossen, wach zu bleiben. Aber der versäumte Schlaf holte ihn ein. Ohne es zu merken, begann er zu dösen. Als er aufschrak, wusste er, dass er geschlummert hatte, aber nicht wie lange. Es war noch immer Nacht.
Das Kind lag noch mit dem Gesicht zur Seite, aber so regungslos, dass er für einen atemlosen Moment des Entsetzens glaubte, es sei zu Ende.
Dann aber sah er, dass ihr Gesichtchen eine gesündere Farbe angenommen hatte. Er beugte sich über die Kleine. Auf das Kopfkissen war grünlicher Schleim geflossen; die Verstopfung hatte sich gelöst.
Oberschwester Klara teilte seine Freude mit einiger Skepsis. Sie machte ihm ein Fläschchen zurecht, bezog das Kopfkissen frisch — während er sich mühte, Senta zum Trinken anzuregen —, legte eine Windel darüber, die die flüssige Schleimabsonderung auffangen sollte.
Senta stieß den Schnuller einige Male von sich, nahm ihn aber, nachdem Justus Weigand ihre Lippen mit der verdünnten Milch benetzt hatte, doch; sie trank mit Anstrengung das halbe Fläschchen leer.
Er ließ es genug sein. »Brav, Senta«, lobte er sie, »so brav! Du bist über den Berg, mein Mädchen, du wirst wieder gesund werden!«
Justus wandte sich der Oberschwester zu; sein Gesicht mit den breiten Jochbogen wirkte hohlwangiger denn je, Schatten der Übermüdung lagen unter seinen tiefblauen Augen. »Sie ist über den Berg!« wiederholte er strahlend.
»Das freut mich für Sie, Herr Kandidat«, sagte die Oberschwester herzlich. »Sie hätten es wirklich verdient, dass Ihnen Ihr Töchterchen erhalten bleibt.«
»Sie wird, Schwester, sie wird!« behauptete Justus Weigand zuversichtlich.
Und er behielt recht. Am nächsten Morgen hatte Senta nur noch leichte Temperatur, und sie zeigte, obwohl ihre Nase andauernd lief, wieder Appetit; nach wenigen Tagen hatte sie ihr Gewicht zurückgewonnen.
Professor Hübner gab sich wenig beeindruckt. »Zufall«, sagte er, »vielleicht auch eine besonders günstige Konstitution.«
»Ich bilde mir gar nicht ein, dass ich sie gerettet habe«, erklärte Justus Weigand, »ich habe nur gewusst...« Er verbesserte sich: »Nein, ich habe gehofft, dass sie es schaffen würde.«
»Tja, Sie und Ihr Wunderkind«, spöttelte der Professor.
Justus verzichtete darauf, das letzte Wort zu 'haben. Er wusste, dass er Professor Hübner viel zu verdanken hatte und auch in nächster Zukunft noch sehr von ihm abhängig sein würde. Er schwieg und war's zufrieden.

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