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Eine Liebe in Berlin
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в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 28.10.15 07:43 (regrem)
Als die alte englische Uhr unten in der Diele der Villa Thielemann die neunte Stunde anzeigte, mit dröhnenden, lang nachhallenden Schlägen, empfand Clementine Hergert ganz plötzlich einen scharfen, ziehenden Schmerz in der Herzgrube. War es die Freude der Erwartung, die sie fast schwindeln machte? Die Sehnsucht, die sie jetzt, so nahe dem Ziel, nicht länger ertragen zu können glaubte? Oder war es Beunruhigung darüber, dass Justus Weigand immer noch nicht da war? Angst, dass er all ihre Hoffnungen zerstören und am Ende nicht kommen würde? Clementine wusste es selbst nicht, und sie unternahm auch gar nicht den Versuch, es herauszufinden. Sie war ein unsentimentales, klarblickendes, energisches Mädchen, jedenfalls hielt sie sich selbst dafür, und so weigerte sie sich, getreu der Rolle, die sie übernommen hatte, unbestimmte Gefühle ernst zu nehmen oder gar zu sezieren. Wenn es nur etwas zu tun gäbe, womit sie sich die Wartezeit vertreiben könnte! Alle Briefe in die Heimat waren längst geschrieben. Die Höschen, Hemdchen, Schürzen und Strümpfe der Kinder lagen sauber, gebügelt und geflickt in den Kästen und Schränken, wie es sich zu Ende des Jahres gehört. Zum Lesen hatte sie jetzt keine Geduld. Sie verließ ihr Mansardenzimmer, lauschte nach unten. Die Türglocke blieb stumm. Aber dann war es ihr, als ob sie doch etwas hörte, ein dumpfes Stöhnen in der Stille des großen Hauses. Sie horchte auf. Doch es war schon vorbei. Außer dem vertrauten Schnarren der alten Uhr, mit dem diese sich von der Anstrengung des Schlagens zu erholen pflegte, war nichts zu hören. Sollte sie sich getäuscht haben? War vielleicht eines der Kinder wach geworden oder litt unter einem unruhigen Traum? Es war ihr zwar so gewesen, als ob das Stöhnen hier oben, aus einer der Mansarden gekommen wäre. Aber das konnte nicht sein. Rosa Janowitz, das Stubenmädchen, hatte seit dem Nachmittag Ausgang, und die Köchin schlief heute unten, um in der Nähe der Kinder zu sein. Clementine lief lautlos die schmale Hintertreppe hinab und betrat die Galerie, um die die Räume des zweiten Stockes angeordnet waren. Sie huschte in das Kinderzimmer, wo ihre Schützlinge im schwachen Schein des kleinen Nachtlichtes schliefen, und ging von Bett zu Bett. Sie beugte sich über die beiden kleinen Mädchen und zog ihre Decken zurecht. Der achtjährige Friedrich öffnete, als sie zu ihm trat, die dunklen Augen. »Tine«, murmelte er schlaftrunken, »du bist so schön!« Clementine errötete und lächelte über das naive Kompliment des Jungen, aber mehr noch über sich selbst, weil es ihr so wohl tat. »Das bildest du dir nur ein«, flüsterte sie und strich ihm eine Locke aus der Stirn, »ich sehe aus wie immer.« »Ist schon das neue Jahr?« »Erst musst du schlafen. Wenn du morgen aufwachst, ist es da.« Sie richtete sich auf und wollte zur Tür. Aber Friedrich rief sie zurück. »Tine!« »Ja?« »Gehst du fort?« »Die Mamsell bleibt nebenan. Die ganze Nacht. Schlaf schön, Fritzchen.« Clementine huschte wieder in ihr Zimmer hinauf. Über der Waschschüssel hing ein Spiegel, in welchem sie sich lange betrachtete. Das war etwas ganz Ungewohntes für sie, denn im allgemeinen war sie mit ihrer Toilette im Nu fertig, und jeder weitere Aufenthalt vor dem Spiegel schien ihr Zeitverschwendung und Trödelei, ja geradezu Charakterschwäche. Sie schämte sich auch jetzt ein wenig, als ob sie etwas nicht ganz Anständiges täte. Dennoch konnte sie sich nicht von ihrem Spiegelbild trennen, betrachtete sich sehr aufmerksam, mit leicht gerunzelter Stirn, die Lippen fest aufeinander gepresst. — War sie schön? Es gab Männer, daheim in Görzen, die ihr das gesagt hatten. Es hatte mehr als einen gegeben, der sie gern geheiratet hätte. Aber sie hatte abgelehnt. Nicht, weil sie hoch hinaus wollte, wie böse Zungen behaupteten, sondern weil sie sich schon als halbes Kind entschieden hatte — für den einen Mann, den sie nicht vergessen konnte. Sie liebte Justus Weigand. Sie liebte ihn nicht, weil er studierte, nicht, weil er Doktor wurde. Auch wenn er sein Studium hätte aufgeben müssen oder gar in Elend und Not geraten wäre, es hätte sie immer zu ihm hingezogen. Es hatte Zeiten gegeben, da sie davon geträumt hatte, dass eine schwere Krankheit oder ein anderer Schicksalsschlag ihn aus der Bahn werfen möge, damit sie zu ihm eilen, ihn pflegen und ihn seelisch hätte aufrichten müssen. Aber Clementine wusste, dass ein Mädchen nicht ihres Charakters, nicht der Festigkeit ihrer Haltung wegen geheiratet wurde. Viel wichtiger war, dass man etwas mit in die Ehe bringen konnte. Ersparnisse oder eine Mitgift. Sie hatte Geld, wenn auch nicht viel, das Erbe ihrer früh verstorbenen Eltern, das sie nie hatte anzugreifen brauchen. Für Görzen war es eine beachtliche Summe gewesen, aber hier, in der Großstadt, schien es ihr ein armseliger Bettelpfennig. Ein studierter Mann wie Justus Weigand durfte ganz andere Ansprüche stellen. Und deshalb beugte sich Clementine Hergert am Abend des seit langem ersehnten und sorgfältig geplanten Wiedersehens dem Spiegel entgegen und fragte sich, ob ihre äußeren Reize dazu angetan seien, das Herz eines Mannes zu erobern. Sie fand keine Antwort auf diese Frage. Ihre großen, dunklen Augen gefielen ihr, und auf ihr schweres, schwarzes Haar, das sie in der Mitte gescheitelt und in zwei dicken Zöpfen um den Kopf gewunden trug, war sie stolz. Aber sonst? Die kräftige, gerade Nase mit den beweglichen Nüstern war nicht hässlich. Aber das Kinn war zu ausgeprägt, die Lippen zu hart, zu gespannt. Sie öffnete den Mund, fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. So war es schon besser. Aber immer noch wirkte ihr Gesicht streng. Hätte sie nicht doch die Brennschere benutzen sollen, wie Rosa Janowitz ihr geraten hatte? Aber nein, sie konnte damit nicht umgehen, und dann, es hätte auch nicht zu ihr gepasst. »Ach was, Firlefanz«, sagte sie laut, als könnte sie sich durch ihre energische Stimme selbst zur Ordnung rufen. Und in diesem Augenblick hörte sie es wieder, das dumpfe, gequälte Stöhnen, und den Bruchteil einer Sekunde lang kam es ihr fast so vor, als ob sie selbst es ausgestoßen hätte. Sie hielt den Atem an und lauschte. Sie hörte das eigene Herz kräftig schlagen — und dann wieder den qualvollen Ton. Er schien von nebenan zu kommen. Aus der Kammer von Rosa Janowitz. Und wenn sie sich ihrer Sache auch durchaus nicht sicher war, so war sie doch alarmiert genug, um der Sache auf den Grund zu gehen. Sie verließ ihr Zimmer und klopfte an der anderen Tür. Kein Laut antwortete von drinnen. Clementines anerzogene Zurückhaltung und ihr sehr ausgeprägtes Verantwortungsgefühl kämpften miteinander. Dann drückte sie die Klinke nieder. Sie wusste, dass diese Tür nicht abgeschlossen sein konnte, denn dem Personal im Hause Thielemann, zu dem auch sie gezählt wurde, war der Luxus eines eigenen Schlüssels nicht vergönnt. In der Kammer war es finster, aber Clementine spürte sofort, dass sie nicht leer war. Die Wärme hier drinnen hatte etwas Lebendiges, sie war geschwängert von einem tierhaft herben Geruch. »Rosa«, sagte sie — und nach einer kleinen Pause noch einmal: »Rosa!« Als sie keine Antwort erhielt, ging sie entschlossen auf die Wand zwischen ihrem und Rosas Zimmer zu, drehte an der Gaslampe, die genau gegenüber ihrer eigenen angebracht war, und entzündete sie. Der Schein der Lampe erfüllte den Raum und fiel auf Rosa, die zusammengekrümmt auf ihrem zerwühlten Bett lag. »Rosa, was ist denn? Ich denke, du bist schon lange weg!« rief Clementine Hergert erschrocken. Obwohl sie zwei oder drei Jahre jünger war als das Hausmädchen, duzte sie sie ganz selbstverständlich, denn Rosa war einfacher Herkunft, die Tochter eines Landarbeiters in der schlesischen Heimat. »Gehen Sie!« rief Rosa. »Lassen Sie mich in Ruhe! Was wollen Sie denn in meinem Zimmer, Fräulein?« Sie umklammerte das Federbett mit beiden Händen, zog es bis zum Kinn. Aber Clementine war so leicht nicht einzuschüchtern. »Hast du Schmerzen?« »Ich will, dass Sie mich in Ruhe lassen!« fauchte Rosa. Ihre Nase ragte spitz aus dem eingefallenen Gesicht, die Haut wirkte grünlich, tiefe Schatten lagen unter ihren Augen, die seltsam matt und glanzlos waren. Ein krampfartiger Anfall überkam sie; sie wand sich vor Qual. Dabei zogen sich ihre Lippen über die Zähne zurück, was ihr ein fast totenkopfähnliches Aussehen gab. Plötzlich bekam es Clementine mit der Angst zu tun. Sie wäre am liebsten davongelaufen oder hätte laut um Hilfe gerufen. Aber beides verbot sich von selbst. Sie konnte Rosa nicht so allein lassen, und genauso unmöglich wäre es gewesen, Herrn und Frau Thielemann, die sich jetzt unten in ihrem Schlafzimmer für den festlichen Abend umzogen, die Stimmung zu verderben. Rosas Gesicht glättete sich wieder. »Es ist... schon vorbei!« Clementine trat ganz nahe an das Bett. Sie legte Rosa die Hand auf die Stirn, die von kaltem Schweiß bedeckt war. »Fieber hast du jedenfalls nicht«, stellte sie mit deutlicher Erleichterung fest. »Es ist...« sagte Rosa. »Sie verstehen das nicht, Fräulein. Gehen Sie ruhig, lassen Sie mich allein. Morgen werde ich wieder ganz gesund sein.« »Hast du das denn schon öfters gehabt?« »Ja«, sagte Rosa, »o ja, Fräulein.« Wieder erfolgte ein Anfall, und wieder verzerrte sich ihr blutloses Gesicht zu einer schauerlichen Grimasse. »Ich werde einen Arzt holen«, entschied Clementine und wandte sich zur Tür. »Nein!« Rosa schrie es mit sich überschlagender Stimme heraus. »Keinen Arzt! Ich bin nicht krank, ich will nicht!« »Aber natürlich bist du krank, Rosa, mir kannst du doch nichts vormachen, du hast furchtbare Schmerzen.« »Und glauben Sie, die würden besser werden, wenn man mich hinauswirft? Wer duldet schon ein krankes Mädchen! Thielemanns nicht, die bestimmt nicht!« »Die gnädige Frau ist sehr gut«, erwiderte Clementine unsicher. »Aber er nicht! Er ist... ein Teufel! Er wäre ja froh, wenn er mich rauswerfen könnte! Und dann? Was dann?« Wieder ein neuer Anfall; Rosa stöhnte keuchend. »Oh, mein Gott, wie lange denn noch? Mach ein Ende... lasse ein Ende sein!« Clementine stand ganz starr, die Nägel in die Handflächen gebohrt, und wartete, bis der Anfall vorüber war. Ein leiser Abscheu vor dieser nach Schmerz und Schmutz riechenden Kreatur erfüllte sie, gleichzeitig aber auch ein tiefes Mitleid. »Dein Leben, Rosa«, sagte sie, »nichts ist wichtiger als dein Leben!« »Daran stirbt man nicht, Fräulein, das macht jede einmal durch! Gehen Sie doch, bitte, gehen Sie!« Clementine wusste nicht mehr, was sie tun sollte. Hätte Rosa sie darum gebeten, wäre sie geblieben. Aber ganz offensichtlich lag dem kranken Mädchen doch nichts an ihrer Gesellschaft - und wie hätte sie auch helfen können! Nein, es war zu viel verlangt, dass sie ausgerechnet diesen Abend, auf den sie sich seit Monaten gefreut und auf den sie seit Jahren hingearbeitet hatte, wegen dieses Zwischenfalls opfern sollte. Siedend heiß wurde ihr bewusst, dass sie, während sie bei Rosa war, nicht auf die Haustürklingel geachtet hatte, sie wohl auch gar nicht hätte hören können. Vielleicht war Justus Weigand schon da, vielleicht stand er in diesem Augenblick unten und wartete darauf, eingelassen zu werden. Aber sie konnte ja doch nicht gut erwarten, dass die gnädige Frau selbst öffnen ging, zumal Frau Thielemann sicherlich noch nicht fertig angezogen war. »Gut, Rosa, ganz wie du willst!« sagte sie hastig. »Ich lasse dich also allein! Aber wenn ich heute Nacht nach Hause komme, darf ich dann noch einmal nach dir sehen?« »Das wird nicht nötig sein, Fräulein«, konnte Rosa gerade noch sagen, dann packte sie ein neuer Anfall, dessen Ende Clementine nicht mehr abwartete. Sie verließ die Kammer, huschte die Hintertreppe hinunter, öffnete die Tür zur Galerie. Sie stand lauschend, mit angehaltenem Atem und gespannter Erwartung. Kein Klingelzeichen ertönte. Wie lange war sie bei Rosa gewesen? Sie wusste es nicht. Aber doch sicherlich nur wenige Minuten. Es war nicht möglich, dass Justus Weigand inzwischen gekommen und, da niemand geöffnet hatte, wieder gegangen war. Clementine presste beide Hände gegen ihr heftig schlagendes Herz, als könnte sie es damit besänftigen. Nein, nein, das durfte nicht sein! |