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Eine Liebe in Berlin
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в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 28.10.15 07:45 (regrem)
Dorothee Thielemann war seit mehr als zehn Jahren verheiratet, und dennoch war es ihr immer noch quälend unangenehm, sich in der Gegenwart ihres Gatten umzuziehen. An gewöhnlichen Tagen vermied sie das, indem sie morgens erst aufstand, wenn er das Haus längst verlassen hatte, und abends vor ihm zu Bett ging. Aber bei gewissen Gelegenheiten, wie etwa heute, war es nicht zu umgehen, und das bedeutete für sie eine wahre Pein. Otto Thielemann wusste das — und Frau Dorothee war überzeugt, dass er gerade deshalb die Situation ausnutzte und genoss. Das eheliche Schlafzimmer war sehr geräumig. Auf der einen Seite schloss sich ein in weißem Marmor gehaltenes Bad in der Größe eines mittleren Festsaales an, auf der anderen Seite ein Ankleidezimmer, ebenfalls von beträchtlichen Ausmaßen. Aber Otto Thielemann dachte nicht daran, den unausgesprochenen Wunsch seiner Frau zu erfüllen und sie, wenigstens bei den diskreteren Verrichtungen, allein zu lassen. Er wandte nicht einmal den Kopf zur Seite oder senkte die Lider, sondern betrachtete sie unentwegt aus seinen eng beieinanderstehenden schwarzen Augen, unter deren stechendem Blick sie sich herabgewürdigt und elend fühlte. Sie tat so, als merkte sie es nicht, dass er sie beobachtete, sah konsequent an ihm vorbei ins Leere, und doch war ihr auf geheimnisvolle Weise in jedem Augenblick bewusst, was er tat. Jetzt stand er da in indezenter Nacktheit. Dorothee Thielemann wurde ganz übel. Sie nestelte an den Verschlüssen ihres Korsetts herum, zog die Schnüre fester, alles mit gesenkten Wimpern, mit festgeschlossenen Augen; denn sie liebte auch ihre eigene Nacktheit nicht. Sie war sehr schlank, ihr Fleisch, dieses fast durchscheinende weiße Fleisch, von blauen Adern durchzogen, reichte nicht aus, die Knochen ganz zu bedecken, diente gewissermaßen nur als Hülle ihres zarten Skeletts. Sie hätte gewiss keines Korsetts bedurft, trug es nur der Mode und dem Anstand zuliebe. Ihre Taille war so schmal, auch heute noch nach zehn Jahren Ehe mit fünf Geburten — zwei ihrer Kinder waren früh gestorben —, dass Otto Thielemann sie mit beiden Händen umspannen konnte. Auf ihrem überlangen schlanken Hals saß wie auf schwankendem Stängel das Köpfchen, sehr anmutig, sehr edel. Ihr schneeweißes kleines Gesicht wirkte durch die weit aufgerissenen großen Augen stets verängstigt, geradezu erschrocken, auch wenn kein Anlass dazu bestand. »Soll ich dir beim Schnüren helfen, Mausi?« fragte Otto Thielemann mit geschmeidiger Stimme. Sie zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen — erst in dieser Sekunde war ihr bewusst geworden, dass er hinter ihr stand. Wie lange schon? Eine feine rote Welle lief wie ein warmer Hauch über ihre schneeweiße Haut — von dem kind liehen Busen über den Hals, das Kinn und hinauf bis zur Stirn. »Nein, nein, danke«, stammelte sie. »Lasse mich nur, ich verstehe mich darauf!« Er legte seine gelbliche, sehr gepflegte Hand mit dem behaarten Rücken auf ihre Schulter. Es war ihr, als wenn ihr Fleisch zu Eis erstarrte. Sie saß steif und bewegungslos. Er tat, als merkte er ihren Widerstand gar nicht. »Nun, wo muss ich ziehen?« »Ich möchte nicht... bitte, Otto, ich möchte nicht!« sagte sie verzweifelt. »Das ist. . .keine Beschäftigung für einen Mann!« Sie wusste, er konnte hartnäckig sein, und sie befürchtete schon das Schlimmste. Aber anscheinend hatte er diesmal nur einer plötzlichen Laune nachgegeben. Er zog seine Hand zurück. »Dann klingle bitte nach einem Mädchen. Es ist nicht mit anzusehen, wie ungeschickt du dich abplagst«, sagte er kalt. Der kurzen Erleichterung folgte ein Gefühl tiefer Demütigung. »Das geht nicht, heute nicht«, sagte sie, »und außerdem ... ich bin ja schon fertig!« Sie band die Schnüre ihres Korsetts im Kreuz zu einer festen Schleife, die sie verknotete, erhob sich rasch und stieg in ihr Abendkleid, einen Traum aus braunem Samt, Ekrüseide und Spitzen, der einer statuösen Frau königlich gestanden hätte, sie aber fast zu erdrücken schien. Außerdem machten die stumpfen und gedeckten Farben sie alt. Jetzt, da sie darangehen musste, die unzähligen Knöpfchen auf dem Rücken zu schließen, hätte sie die Hilfe ihres Gatten brauchen können, aber sie wagte es nicht mehr, ihn darum zu bitten; sie machte sich mit verzweifelter Entschlossenheit selbst an die Arbeit. Er stand vor dem großen Spiegel, zupfte sich die weiße Schleife vor dem »Vatermörder« zurecht, dem eckigen hohen Kragen, und beobachtete sie aus den Augenwinkeln. »Wo ist Rosa?« fragte er. »Ich habe ihr Ausgang gegeben.« »Und Clementine?« »Sie wird von ihrem Vetter abgeholt.« Er betrachtete prüfend den schnurgeraden Scheitel, der sein lackschwarzes Haar genau in der Mitte teilte. »Findest du nicht, dass du dem Personal gegenüber ein bisschen zu großzügig bist?« »Aber, Otto, gerade heute...» »Gerade heute wünsche ich, dass unsere Kinder nicht allein bleiben!« »Die Mamsell...« Er fiel ihr ins Wort. »... ist für die Küche und nicht für die Kinder da! Ich werde Clementine jetzt rufen, und du wirst ihr mitteilen, dass sie heute Abend zu Hause bleiben muss!« »Nein, Otto«, rief Frau Dorothee ganz entsetzt, und ihre Augen wurden, wenn überhaupt möglich, noch größer, »das kann ich nicht, das darfst du nicht von mir verlangen! Sie hat sich so sehr auf das Wiedersehen mit ihrem Vetter gefreut, und ich habe ihr fest versprochen...« »Dann nimmst du dein Versprechen eben zurück und vertröstest sie auf ein anderes Mal!« »Nein, Otto, das bringe ich nicht über die Lippen, das musst du ihr schon selbst sagen!« Otto Thielemann setzte sich auf einen der kleinen Sessel, zwängte seine Füße in die glänzenden schwarzen Stiefeletten. Er hatte durchaus nicht die Absicht, Clementine eine solche Enttäuschung zu bereiten, denn er legte sehr viel Wert darauf, beim Personal beliebt zu sein, als ein leutseliger, wenn auch gestrenger Herr zu gelten. »Was ist dieser sogenannte Vetter überhaupt für ein Bursche?« fragte er. »Ein Medizinstudent.« Otto Thielemann schnalzte mit der Zunge. »Also ein versoffenes Genie. Ich hätte der guten Clementine schon etwas mehr Verstand zugetraut.« »Er ist ein sehr anständiger und sehr strebsamer junger Mann, jedenfalls nach ihren Erzählungen. Ich werde ihn mir aber natürlich selber ansehen, wenn er kommt.« Otto Thielemanns stechende Augen funkelten vor Belustigung. »Und wenn er deinem Geschmack nicht entspricht, wirst du ihn zurückschicken?«. Frau Dorothee schob das Kinn vor. »Jawohl, das werde ich tun! Das Mädchen ist mir von seiner Mutter anvertraut, und ich fühle mich für sie verantwortlich.« »Wie rührend, meine Liebe! Wenn du dich für deine Familie nur halb so verantwortlich fühlen würdest wie für diese Proleten...« »Pfui!« rief sie. »Das ist ein sehr hässliches Wort! Willst du mir etwa vorwerfen, dass ich mich um die Kinder nicht genug kümmere?« »O doch, das tust du! Ich bin es, den du vernachlässigst!« Die Türklingel schrillte. Herr und Frau Thielemann sahen sich an. »Das ist er!« rief sie. Otto Thielemann lief zur Tür, brüllte in die riesige Diele hinaus: »Clementine!« Aber im selben Augenblick rannte diese schon die Galerie entlang und an ihm vorbei, mit strahlenden Augen und so viel Schwung, dass er ganz überrascht war. »Donnerwetter«, sagte er und zwirbelte nachdenklich seine rechte Schnurrbartspitze. »Die Kleine hat ja Temperament! Wer hätte das gedacht!« |