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Eine Liebe in Berlin

07.10.15 20:11
Re: Eine Liebe in Berlin
 
regrem патриот
в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 29.10.15 16:02 (regrem)
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Justus Weigand hatte einen netten kleinen Marsch hinter sich gebracht. Er war von der Friedrichstraße her zu Fuß zum Tiergartenviertel gelaufen; ihm machte das nichts aus, er war es gewohnt, weite Strecken zu bewältigen. Die Thielemannsche Villa war nicht schwer zu finden
gewesen, denn die Von-der-Heydt-Straße war noch zum größten Teil unverbaut, und nach der Beschreibung, die ihm Cousine Clementine in ihrem letzten Brief gegeben hatte, erkannte er den imposanten, hochmodernen Bau mit den vielen, teils überdachten, teils offenen, teils eckigen und teils runden Balkons sofort. Er stand, ein wenig von der Straße abgerückt, in einem Vorgarten, durch den man an der linken und rechten Flanke des Hauses vorbei in den dahinter liegenden parkähnlichen Garten gelangte.
Energisch zog er an der Klingel, trat einen halben Schritt zurück und erwartete, dass nun in dem halbdunklen Fenster über der schweren Eichentür mit den Messingbeschlägen Licht aufscheinen würde.
Aber statt dessen blieb es, auch als die Tür aufgerissen wurde, drinnen dunkel, und der Schein der Straßenlampe fiel Clementine gerade ins Gesicht — einer Clementine, die so sehr der kleinen Spielgefährtin vergangener Tage glich, dass er ganz überrascht war. Die runden schwarzen Augen waren dieselben geblieben, auch die warme braune Haut und die starken weißen Zähne. Es fehlten nur die schweren braunen Zöpfe, die ihr immer so lustig um den Kopf geflogen waren — aber nein, selbst die waren noch da, sie hatte sie nur hochgesteckt.
»Tina!« rief er und breitete die Arme aus.
Eine Sekunde lang schien es, als wollte sie sich ihm an die Brust werfen.
Aber dann rief eine dünne Frauenstimme aus dem Inneren des Hauses: »Clementine, warum machen Sie denn kein Licht an?«
»Entschuldigen Sie bitte, gnädige Frau!« Clementines Lächeln erlosch. »Ich hatte es so eilig ... ich . .,« Sie wich ins Haus zurück.
Als Justus Weigand hinter ihr eintrat, schimmerten die marmorverkleideten Wände des Eingangsraums im hellen Licht der Gaslampen. Clementine wirkte wie verzaubert.
Ihre Lippen waren schmal geworden, sie senkte die Wimpern über die schönen Augen, öffnete eine weißlackierte, mit Ornamenten reich verzierte Tür.
»Möchtest du nicht ablegen?« Er wusste nicht, worauf sie hinauswollte. »Ich dachte, wir gehen gleich.«
»Ja, schon. Aber meine Gnädige möchte dich sprechen.«
Er war überzeugt, ein sozial denkender Mensch zu sein; dennoch — oder gerade deswegen — störte ihn ihre Ausdrucksweise.
»Warum?« fragte er. »Ich kenne Frau Thielemann ja gar nicht, und ich wüsste nicht, worüber ich mich mit ihr unterhalten sollte.«
»Das weißt du schon«, sagte sie und nahm ihm den Spazierstock aus der Hand, »ach, sei doch nicht so.«
Obwohl er sich keiner Schuld bewusst war, hatte er plötzlich das Gefühl, sich schlecht zu benehmen. Das reizte ihn. Er war nahe daran, ihr seinen Stock zu entreißen und wieder zu gehen.
Aber dann merkte er, dass er im Begriff stand, sich wie ein ungezogener Junge zu benehmen — ein durch das Wiedersehen mit der Cousine hervorgerufener Rückfall in die Gepflogenheiten der Kindheit? — und nahm sich zusammen. Er ließ sich von Clementine aus dem Paletot helfen, gab ihr den weißen Schal, den er sich zur Feier des Abends um den Hals geschlungen hatte, nahm den Chapeau claque ab, legte seine Handschuhe hinein.
»Ich bin sehr froh, dass du gekommen bist«, sagte sie fast schüchtern.
Ihr Anblick erinnerte ihn an daheim, an die Mutter, an das Dorf, an viele liebe und wehe Dinge, die alle so unendlich weit zurücklagen. Aber er konnte dieses heftige und doch ganz unbestimmte Gefühl nicht in Worte kleiden. »Ich hatte es dir doch versprochen«, sagte er stattdessen und kam sich selbst unbeholfen vor.
Sie hatte seinen Paletot aufgehängt. Außer der offenen Garderobe gab es noch einige verschlossene Schränke für die Mitglieder der Familie. Auch dieser Raum war ganz in weißem Marmor gehalten, aus dessen anthrazitgrauen Adern sich mit ein wenig Phantasie Gesichter und Landschaften erkennen ließen. Zwischen den Schränken war ein marmornes Waschbecken eingelassen, mit einem Spiegel darüber, in den er aber keinen Blick warf. Er fuhr sich mit allen fünf Fingern durch sein braunes, weiches Haar, eine Geste, mit der er das Gegenteil dessen bewirkte, was er hatte erreichen wollen, nämlich seine Frisur in Ordnung zu bringen.
Clementine hätte ihn beinahe darauf aufmerksam gemacht, unterließ es dann aber doch. Er hatte es immer gehasst, zurechtgewiesen zu werden, und er sollte nicht glauben, dass es sie störe, wenn er sich vor Frau Thielemann ungünstiger präsentierte als notwendig gewesen wäre.
Wie eine zerbrechliche Porzellanfigur saß die Dame des Hauses inmitten der riesigen Diele, von der aus eine breite geschwungene Treppe in die Galerie des zweiten Stocks hinaufführte. Frau Dorothees große erschrockene Augen passten nicht zu der steifen gebieterischen Haltung, mit der sie ihn empfing. Sie reichte ihm eine schmale Hand, ohne Kraft und ohne Wärme, forderte ihn auf, Platz zu nehmen. Er setzte sich ihr gegenüber auf einen der hochlehnigen gedrechselten Stühle, schob Zylinder und Handschuhe unter den Sitz.
Ein Frage-und-Antwort-Spiel begann, das Justus Weigand ebenso abwegig wie lächerlich vorkam. Mehr als einmal hatte er eine heftige oder ironische Bemerkung auf der Zunge, aber jedes Mal, als ob sie seine Gedanken lesen konnte, traf ihn ein flehender Blick von Clementine, und er sagte, was man von ihm erwartete.
»Jawohl, gnädige Frau ... Nein, gnädige Frau... Natürlich, gnädige Frau... Im nächsten Jahr, gnädige Frau... Aber ganz gewiss, gnädige Frau.. .«
Und dann war es endlich überstanden. Sehr zögernd, als wenn sie einen inneren Kampf noch nicht ganz ausgemachten
hätte, reichte Dorothee Thielemann der Erzieherin ihrer Kinder einen Hausschlüssel. »Aber, bitte, trotz allem, Fräulein, Sie versprechen mir, dass es nicht zu spät wird!«
»Sie können sich auf mich verlassen, gnädige Frau!« Clementine war aufgestanden, ja beinahe aufgesprungen, als wollte sie ihrer Dienstherrin den Schlüssel aus der Hand reißen. Aber Frau Thielemann hielt ihn so dicht vor ihrer Brust, als ob sie sich nicht davon trennen könnte. »Da — so nehmen Sie ihn doch!« sagte sie ungeduldig und reichte ihn gleichzeitig, immer noch zögernd, hin.
Clementine griff zu. »Vielen Dank, gnädige Frau!« Sie deutete einen kleinen Knicks an, was, wie Justus Weigand fand, bei diesem großen, starken Mädchen ungeschickt und unpassend wirkte.
Frau Thielemann erhob sich. »Sie werden gut auf sie aufpassen, Herr Weigand, nicht wahr? Ich verlasse mich auf Sie!«
»Selbstverständlich, gnädige Frau, ich werde meine Cousine heil und gesund wiederbringen.«
Justus Weigand beugte sich über Frau Thielemanns blutleere, matte Hand und wollte einen Kuss andeuten - eine Höflichkeitsgeste, die ihm ganz und gar nicht lag und zu der er sich nur Clementine zuliebe aufraffte —, aber er kam gar nicht dazu, denn Frau Thielemann zog ihre Hand so rasch zurück, als wenn sie sich verbrannt hätte.
»Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, Fräulein«, sagte sie.
Justus bückte sich, zog seinen Chapeau claque unter dem Stuhl hervor, nahm die Handschuhe heraus und folgte seiner Cousine durch die breite Glastür in die Garderobe. Sie band ihm liebevoll den weißen Schal um den Hals, half ihm in den Paletot, von dessen Samtkragen sie ein Stäubchen wegpustete.
»War es sehr schlimm?« fragte sie lächelnd und verstaute den kostbaren Hausschlüssel in einer roten, kunstvoll gehäkelten und mit silbernen Perlen bestickten Beuteltasche.
Er beantwortete diese Frage nicht direkt, sagte stattdessen: »Ich bewundere dich, dass du das aushältst.«
»Wenn es um das tägliche Brot geht«, sagte sie heftiger, als nötig gewesen wäre, »kann man vieles.«
Er wusste, dass sie recht hatte, ärgerte sich umso mehr, dass sie ausgerechnet ihm damit kommen musste. »Hast du das nötig?«
Ihr Gesicht wurde überraschend weich. »Wie hätte ich denn ohne Thielemanns nach Berlin kommen können?« fragte sie zurück.
Er hatte das Gefühl, auf glatten Boden zu geraten. »Jedenfalls bin ich sehr froh, dass du jetzt hier bist«, sagte er ausweichend, »und gut siehst du aus!«
Sie zog sich das dicke wollene Dreiecktuch enger um die Schultern. »Mach dich nicht lustig über mich, ich bin nur ein altes Mädchen vom Lande! Aber du... du bist richtig stattlich geworden! Wenn Tante Anna dich so sehen könnte!«
Tante Anna war seine Mutter, und ihre Erwähnung berührte ihn tiefer, als er es für möglich gehalten hätte. Seit Jahren, seit vielen Jahren war er niemandem mehr begegnet, der seine Eltern kannte und mit denen er über sie hätte sprechen können.
»Wie geht es ihr?« fragte er. »Ihre Briefe klingen immer so fröhlich, dass ich manchmal beunruhigt bin.«
»Beunruhigt?« fragte sie erstaunt und öffnete die Haustür.
Ein Schwall eisiger Luft wogte ins Haus; die Gaslampen flackerten.
»Verstehst du das denn nicht? Sie schreibt mir wie einem Kind, das man nicht mit ernsten Dingen belasten will, weil man ja weiß, dass es das doch nicht versteht. Was wirklich passiert ist, muss ich immer zwischen den Zeilen lesen.«
Clementine lachte, hängte sich bei ihm ein. »So ist sie nun mal. Für sie bist du immer noch das Jungchen. Aber du kannst unbesorgt sein, sie wird mit dem Leben noch ganz gut fertig. Besser als sonst jemand, den ich kenne.«
»Und Vater?« fragte er.
»Erklärt noch immer alles mit erhobenem Zeigefinger. Er merkt nicht, dass das für seine Familie manchmal recht schwierig zu ertragen ist. Das Lehren ist ihm nun mal in Fleisch und Blut übergegangen.«
»Aber er ist gesund?«
»Bis auf seine Schmerzen in den Beinen. Aber aus denen macht er sich nicht viel. Wenn unser alter Doktor Kump-mann — der ist übrigens auch schon reichlich klapprig geworden - ihm etwas dagegen verschreiben will, sagt er immer: Lassen Sie nur, Herr Doktor, das schaffen Sie doch nicht mehr weg. Warten wir lieber, bis mein Sohn ausstudiert hat und wieder heimkommt. Dann wird er uns schon zeigen, wie man mit so einem Wehwehchen fertig wird!«
»Er rechnet also fest damit, dass ich mich in Görzen oder Umgebung niederlasse?« fragte Justus Weigand einigermaßen beklommen.
Sie verhielt den Schritt, sah ihn von der Seite an. »Willst du das nicht?«
»Ehrlich gestanden, ich weiß noch nicht recht...« Er löste sich aus ihrem Griff, der seine Bewegungsfreiheit einengte. »Mich zieht einfach nichts mehr nach Hause, verstehst du das?«
»Ich habe gleich gemerkt«, sagte sie leise, »dass du ein richtiger Großstädter geworden bist.«
»Großstädter!« wiederholte er. »Nein, du siehst das ganz falsch. Ich bin nicht vergnügungssüchtig, wenn du das meinst... herrje, ich kann es ja an den Fingern abzählen, wann ich in all den Jahren meines Studiums mal bummeln war, dafür hätte ich auch, selbst wenn ich es wollte, gar kein Geld! Es ist einfach so: Wenn ich mich auf dem Land niederlasse, dann bedeutet das das Ende meiner wissenschaftlichen Karriere... Nein, ich bin nicht ehrgeizig, sondern - ich könnte einfach nie mehr weiterkommen, verstehst du? Da, wo ich mit dem Studium geendet hätte, wäre Schluss. Es käme nie, nie mehr etwas dazu... Und erzähle jetzt nur nicht, dass man auch aus medizinischen Zeitschriften und Büchern lernen kann!« Er hatte sich so in Eifer geredet, dass er sich, obwohl die Winternacht bitter kalt war, mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn wischen musste.
»Das ist nicht so schwer zu begreifen«, sagte sie ruhig.
Er blieb stehen, packte sie bei den Schultern. »Clementine, du bist ein wundervolles Mädchen! Glaubst du, dass auch Vater und Mutter es verstehen würden?«
Sie lächelte schwach. »Was wird ihnen anderes übrigbleiben?«
Er ließ sie los. »Das war eine schlechte Antwort. Ich möchte sie nicht vor ein Fait accompli stellen, ich möchte ihre innere Zustimmung haben. Clementine, wenn du wieder nach Görzen zurückkommst.. .«
Sie fiel ihm ins Wort. »Das wird in absehbarer Zeit nicht geschehen.«
»Du willst für immer hier in Berlin bleiben?«
»Wundert dich das so? Du willst es doch auch - ein Grund mehr für mich.«
»Ich bin ein Mann«, sagte er, »bei einem Mann ist doch das etwas ganz anderes!«
Clementines Lippen spannten sich. »Diese Einstellung, Justus, passt nun aber gar nicht zu dir. Du bist doch sonst so sehr für die Gleichberechtigung aller Menschen und für den sozialen Fortschritt.«
»Woher weißt du das?« fragte er verblüfft.
Sie lächelte. »Ich habe deine Briefe eben sehr genau gelesen, alle Briefe, die du nach Görzen geschrieben hast. Ein bisschen bist du ja wie Tante Anna. Du hast auch mit der Wahrheit hinter dem Berg gehalten, um niemanden aufzuregen, aber es war deutlich genug zu erkennen, was du denkst und wie du fühlst.«
»Und Vater und Mutter haben es nicht gemerkt?«
»Nein. Die haben sich jedes ihr eigenes Bild von dir
gemacht.« Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Ich übrigens auch. Ich dachte, du würdest anders über die Situation der Frau denken. Ich dachte, du würdest einsehen, dass auch wir ein Recht haben, uns frei zu entscheiden.«
»Das habt ihr ja«, sagte er mit dem Versuch, das Problem ins Scherzhafte zu ziehen. »Wenn ein Mann euch einen Heiratsantrag macht, dürft ihr ihn annehmen oder ablehnen.«
Darauf sagte sie nichts, und sie gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander her.
»Ich wollte dich nicht ärgern«, sagte er endlich. »Natürlich weiß ich, dass du in mancher Hinsicht Recht hast. Wir müssen uns gelegentlich mal darüber unterhalten. Nur nicht heute Abend. Da wollen wir doch einmal fröhlich und sorglos sein wie alle anderen.«
Sie schwieg noch immer.
Im Schein einer Straßenlaterne blieb er stehen, legte ihr zwei Finger unter das Kinn; er wollte sie zwingen, ihn anzusehen. »Immer noch böse?«
Sie schlug die schwarzen Augen zu ihm auf. »Nein«, sagte sie, »aber... ich muss dir etwas sagen . . .«
Er verstand sie völlig falsch. »Wie heißt er?«
»Wer?« fragte sie, und dann erst begriff sie ganz. »Nein, nein«, sagte sie hastig, und ihre bräunliche Haut färbte sich einen Ton dunkler, »wie kommst du darauf? Es ist... etwas ganz anderes...«
•»Du willst mir nicht erzählen, dass du dich verlobt hast?«
»Nein«, sagte sie und bog heftig ihren Kopf zur Seite, »es ist nur, ich muss immerzu an Rosa denken. ..«
Er kam sich plötzlich sehr töricht vor. »Wer ist das nun schon wieder?«
»Rosa Janowitz«, sagte sie, »du müsstest sie eigentlich kennen. Sie ist in Görzen in die Volksschule gegangen, ja, sie war, glaube ich, sogar in deiner Klasse. Aber das spielt ja jetzt keine Rolle. Sie ist Stubenmädchen bei Thielemanns, und sie ist krank. . .«
Sie erzählte ihm, wie sie Rosa angetroffen hatte. »Kannst du dir erklären, was das für eine Krankheit ist?«
»Krämpfe?« sagte er. »Das kann alles Mögliche bedeuten ...«
»Denkst du an etwas Schlimmes?« fragte sie ängstlich.
»Eher ja als nein. Falls du dich nicht sehr geändert hast.«
Ihre Augen wurden noch runder. »Was hat das mit uns zu tun?«
»Früher«, sagte er, »warst du nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Entweder bist du also... nun, sagen wir, empfindsamer geworden, oder der Zustand des Mädchens war wirklich alarmierend.«
»Ich hätte sie nicht allein lassen dürfen. Aber ich habe mich doch so auf unser Wiedersehen gefreut, und dann - sie wollte mich ja nicht da haben, und sie wollte auch nicht, dass ich einen Arzt hole!«
»Sie hat Angst, ihre Stellung zu verlieren«, erklärte Justus Weigand.
»O nein, Thielemanns sind nicht die Leute, die ein armes Mädchen von heute auf morgen auf die Straße setzen!«
Seine Wangenmuskeln arbeiteten. »Bist du da auch ganz sicher?«
Sie schwieg, zog die Oberlippe zwischen die Zähne.
»Also, was nun?« fragte er. »Ich kann nicht einfach losgehen und mich amüsieren, nachdem du mir das erzählt hast. Aber ich weiß auch nicht, ob es richtig wäre, Thielemanns ins Vertrauen zu ziehen, da die Patientin es ausdrücklich nicht will.«
»Der Schlüssel«, sagte sie und begann in ihrer Beuteltasche zu kramen, »passt auf die Hintertür. Wir könnten ins Haus, ohne dass Thielemanns etwas zu bemerken brauchten. Du könntest sie untersuchen, Justus.«
Er begriff, dass sie es sich schon so ausgedacht hatte, als sie den Namen Rosa Janowitz zum ersten mal erwähnte, und fühlte sich übertölpelt. Aber schon war ihm der Fall wichtiger
als seine persönlichen Gefühle. »Das wäre eine Möglichkeit«, gab er zu, »aber ich habe weder ärztliches Besteck noch irgendwelche Medikamente bei mir, nicht einmal ein Fieberthermometer.«
.»Temperatur hat sie nicht«, warf Clementine dazwischen.
»Ganz abgesehen davon, dass ich noch gar nicht praktizieren darf«, gab er zu bedenken.
»Das sollst du ja auch gar nicht«, beschwor sie ihn eifrig, »du sollst nur nach ihr sehen! Wenn du feststellst, dass die ganze Sache harmlos ist, brauchen wir uns keine Gedanken mehr zu machen, und wenn nicht, können wir ja noch immer einen richtigen Arzt holen... oder alles Thielemanns sagen!«
Als er immer noch zögerte, drängte sie: »Ich hätte dich auch dann gebeten, mitzukommen, wenn du nicht zufällig Medizin studieren würdest!«
Er sah sie aus schmalen Augen an. »Du bist wirklich ganz und gar die alte geblieben. Clementine mit dem Dickkopf. Du musst immer durchsetzen, was du dir vorgenommen hast, nicht wahr?«
»Na und?« sagte sie herausfordernd, »ist das so schlecht?«
»Komm schon«, sagte er, »ich verzichte darauf, mich mit dir in eine Diskussion einzulassen.« Er drehte sich um und marschierte mit so großen Schritten zurück, dass sie ihm, behindert durch ihren langen Rock, kaum folgen konnte. Sie musste die wenigen hundert Meter, die sie sich inzwischen schlendernd von der Thielemannschen Villa entfernt hatten, fast im Laufschritt zurücklegen.
Als er die Gartentür öffnen wollte, hielt sie ihn zurück. »Vorsicht«, flüsterte sie, »wir wollen ihnen doch nicht in die Arme laufen!«
Das Haus lag genauso still da, wie sie es verlassen hatten.
»Sie sind noch nicht fort«, raunte sie, »aber wir müssen es trotzdem riskieren! Oder meinst du, dass wir lieber warten, sollten?«
»Du hast das Oberkommando«, sagte er ironisch.
Sie zog ihn durch die Gartenpforte. Erst ging es auf die Haustür zu, dann aber lenkte sie ihn rechts um die Vorderfront der Villa herum zu einer kleinen Treppe mit einem Eisengitter, die ins Souterrain führte. Die Tür quietschte, als sie sie aufschloss. Drinnen war es sehr dunkel.
»Bleib hier stehen«, flüsterte sie.
Er hörte, wie sie sich entfernte, musste über die absonderliche Situation lächeln, in die er da geraten war. Wenn Frau Thielemann ihn ertappte, würde sie ihn bestimmt für Clementines Liebhaber halten. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass er sich nachts in ein fremdes Haus einschleichen würde.
Flackernder Lichtschein verriet ihm, dass Clementine zurückkam. Sie trug ein brennendes Talglicht, das sie mit der hohlen Hand vor dem Luftzug zu schützen suchte.
»Komm«, flüsterte sie, »siehst du genug? Du brauchst mir nur zu folgen. Den Gang entlang, dann rechts um die Ecke, und danach geht es die Treppe hinauf. Pass auf, dass du nicht stolperst!«
Er ertastete die flachen Stufen und folgte ihr.
»Thielemanns könnten uns hören«, fügte sie ergänzend hinzu.
»Und ich dachte schon, du hättest Angst, ich würde mir die Beine brechen!«
»Es ist überhaupt nicht gefährlich«, sagte sie.
Sie kannte sich auf der Hintertreppe aus, die sie täglich viele Male hinauf- und hinunterlief, hätte sich hier auch im Stockdunklen zurechtgefunden. Aber für Justus Weigand war es erheblich schwieriger. Er konnte sie nie weiter als einen halben Meter sehen und verlor bei dem steilen Anstieg und den unzähligen Windungen völlig die Orientierung. Er war erleichtert, als Clementine endlich stehenblieb.
Sie hob die Kerze hoch, und er sah, dass sie einen schmalen Gang mit etlichen braungestrichenen Türen erreicht hatten.
»Wir sind oben«, sagte sie, »hier, das ist meine Kammer . . . und gleich daneben schläft Rosa!« Sie hielt den Atem an. »Da hör nur, wie sie stöhnt! Die Schmerzen scheinen noch schlimmer geworden zu sein.«
Justus Weigand kannte diesen Laut verzweifelter kreatürlicher Qual, und er war nahe daran, eine Diagnose zu stellen, noch ehe er das Mädchen gesehen hatte.
Clementine öffnete sacht die Tür. »Rosa«, sagte sie, »ich bin zurückgekommen. Ich konnte dich nicht so allein lassen.«
Rosa Janowitz war schon zu geschwächt, als dass sie die Kraft aufgebracht hätte, noch einmal zu protestieren. »O Fräulein«, stöhnte sie, »mir geht es schlecht, sehr schlecht. Ich werde es wohl nicht durchstehen.«
Das Gaslicht brannte immer noch. Dennoch herrschte in der Kammer schattenhaftes Halbdunkel. Justus Weigand sah nur undeutlich die schrägen Wände, das zerwühlte Bett, Rosas eingefallenes Gesicht mit der spitz gewordenen Nase, die schwarzen Ringe um ihre Augen.
»Kannst du nicht für bessere Beleuchtung sorgen, Clementine«, sagte er.
Rosa Janowitz fuhr hoch. »Wer ist das?«
»Mein Vetter Justus«, erklärte Clementine, »beruhige dich, Rosa... Du kennst Justus Weigand, du musst dich an ihn erinnern, ihr seid zusammen in die Schule gegangen. ..«
»Was will er?«
»Nach dir sehen. Du darfst ihn nicht fortschicken, das wäre sehr unrecht von dir. Wir sind die Hintertreppe heraufgeschlichen. Thielemanns wissen gar nicht, dass wir zurück sind.«
Rosa Janowitz ließ den Kopf auf das harte Kissen sinken. »Das ist gut.«
Clementine hatte Talg auf die Platte des Nachttischchens getropft und das Licht festgeklebt. »Heller wird es nicht«, sagte sie, »es ist keine zweite Lampe im Zimmer.«
»Könntest du nicht von dir drüben eine holen?«
Clementine schüttelte den Kopf. »Wir haben nur diese Wandarme. Ich müsste in die Küche hinunter und sehen, ob ich noch ein.. .«
Er fiel ihr ins Wort. »Schon gut. Ich werde es so versuchen. Bitte, lass uns allein!«
Sie zögerte, hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, fortgeschickt zu werden, und wollte sich gegen die unerwartete Autorität des Vetters aufbäumen, gehorchte dann aber doch.
Justus Weigand zog den einzigen Stuhl an das Bett des Mädchens, strich ihr sanft über den Leib — wie er erwartet hatte, war er schwer und gespannt. Rosa krümmte sich vor Schmerzen, und er fand seinen Verdacht bestätigt: das, was Clementine für krampfartige Anfalle gehalten hatte, waren Wehen. Allerdings schienen sie ihm nicht normal zu sein.
Er fasste den Puls des Mädchens, wartete schweigend ab, bis die Wehe vorbei war, und zählte dann die Sekunden bis zur nächsten.
»Ich weiß nicht, was mit mir los ist«, stöhnte Rosa. »Es ist alles ganz anders als sonst!«
»Es ist nicht dein erstes Kind?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte schon mal eins...«
»Weiter!«
»Das habe ich weggegeben. Und einmal eine Fehlgeburt.«
Er unterdrückte eine Bemerkung über ihren Leichtsinn, sagte statt dessen: »Und diesmal ist es anders?«
Eine neue Wehe packte sie, und es dauerte eine Weile, bis sie wieder sprechen konnte. »Viel schlimmer.«
»Wann haben die Wehen begonnen?«
»Gestern Abend.«
Er hob die Augenbrauen. »Das geht also schon seit vierundzwanzig Stunden so?«
Sie nickte. »Ich musste arbeiten«, sagte sie, »ich musste mich schnüren. Ich konnte nicht anders. Liegt es daran, Herr?«
Er ging auf ihre Frage nicht ein. »Und seit wann kommen die Wehen in so kurzen Abständen?«
»Ich weiß nicht . . . schon lange.« Sie umklammerte sein Handgelenk. »Ist das schlimm, Herr?«
»Für das Kind ist es auf alle Fälle gefährlich . . .«
Ihr böses Lachen wurde von einer neuen Wehe zerrissen. »Was schert mich das Kind! Ich will leben ... ich! Herr, helfen Sie mir doch!«
Der junge Mediziner wartete, bis die Kraft der Wehe nachließ. Dann löste er sanft die Hände des Mädchens, die das Federbett um krampft hielten, zog es herunter, schob ihr Nachthemd hoch. Er tastete ihren Leib ab. Dabei schloss er die Lider, verließ sich auf die Sensitivität seiner Finger.
Er merkte sofort, dass die Bauchdecke der schwangeren seitlich stark aufgetrieben war. Die Größe der Gebärmutter selbst war geringer, als es der Zeit entsprochen hätte.
Eine Wehe unterbrach diese erste Untersuchung.
»Schon heute früh«, sagte Rosa und rang nach Atem, »kam das Wasser..., und ich dachte schon, jetzt geht's gleich los, mitten bei der Arbeit. Ich rannte hoch, aber es war nichts. Nur die Schmerzen.«
»Wann war das?« fragte Justus Weigand.
»So gegen neun. . .«
Fruchtblase schon seit mindestens zwölf Stunden geplatzt, registrierte er, sagte laut: »Immer mit der Ruhe, Rosa, jetzt bist du ja nicht mehr allein, wir werden dir schon helfen!«
»Wenn mir nicht zu helfen ist...!« sagte Rosa tonlos.
Justus Weigand nutzte die Pausen zwischen den Wehen, um seine Untersuchung fortzuführen. Mit flachen Händen strich er über den Leib der Gebärenden. Seine linke Hand umfasste einen runden, harten Kindesteil. Er erschrak.
Die schlaffe Bauchdecke erlaubte eine ziemlich eindeutige Diagnose. Der Kopf des Kindes stand links, der etwas weichere, weniger begrenzte Steiß rechts. Es handelte sich also um eine seltene und äußerst gefährliche Querlage.
Nach dem Springen der Fruchtblase hatte sich die Gebärmuttermuskulatur zusammengezogen. Wie ein Panzer umschloss sie nun das ungeborene Kind, presste es gegen den Beckenausgang, den es aber nur in der Längslage hätte passieren können.
Kalter Schweiß trat Justus Weigand auf die Stirn. Er spürte, dass ihn Panik zu befallen drohte, lähmende Angst, der Situation nicht gewachsen zu sein. Er hatte Mühe, seine Stimme in der Gewalt zu behalten. »So, jetzt weiß ich Bescheid, Rosa«, sagte er und stand auf, »ganz tief durchatmen. Versuch dich zu entspannen. Ich bin gleich wieder da.«
Clementine stand draußen auf dem Gang, gleich neben der Tür. Sie hatte auch hier das Gaslicht angezündet.
»Also, was ist?« fragte sie mit energischer, fast munterer Stimme, die im krassen Gegensatz zu ihrem bangen, gespannten Gesichtsausdruck stand.
Er sah keinen Grund, sie zu schonen. »Rosa bekommt ein Kind«, sagte er ohne Umschweife, »sie liegt schon seit gestern Abend in den Wehen.«
Clementine presste die Hände vor der Brust zusammen. »Das. .. das habe ich nicht gewusst!«
»Wie konntest du auch«, sagte er, »niemand macht dir einen Vorwurf. Aber jetzt müssen wir sofort etwas tun.«
Sie presste ihre Handflächen noch fester gegeneinander. »Soll ich den Doktor holen?«
»Wie lange würde das dauern?«
»Zwanzig Minuten. Wenn er zu Hause ist. Und wenn er gleich mitkommt.«
»Und wenn nicht?« Justus Weigand zögerte. Die Aussicht, die Verantwortung von sich abzuwälzen, war verlockend, aber er wusste im selben Augenblick, dass er es sich niemals würde verzeihen können, wenn durch sein Zögern Mutter und Kind zu Schaden kämen. »Nein«, sagte er entschlossen, »Clementine, das können wir nicht riskieren. Es ist keine Sekunde zu verlieren. Ich muss es selber machen. Dazu brauche
ich einen großen Tisch, ich brauche heißes, abgekochtes Wasser, gutes Licht... überlege dir...«
»In der Küche«, sagte sie sofort.
»Dann müssen wir die Patientin hinunterbringen. Lauf vor und zünde sämtliche Lichter an. Heiz ein! Ob Thielemanns es merken oder nicht, ist gleichgültig, es geht auf Tod und Leben!«

 

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