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Eine Liebe in Berlin

07.10.15 20:12
Re: Eine Liebe in Berlin
 
regrem патриот
в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 07:57 (regrem)
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Rosa Janowitz die steile Hintertreppe in das Souterrain hinabzubringen war schwerer, viel schwerer, als Justus Weigand sich vorgestellt hatte, und hätte ihm nicht die Angst im Nacken gesessen, er hätte sicherlich bald aufgegeben.
Der Transport war für ihn erschöpfend mühsam, für die werdende Mutter aber eine unbeschreibliche Qual.
Die Treppe war zu schmal, als dass Clementine hätte helfen können. Justus musste Rosa auf die Arme nehmen und hinuntertragen, und sie wog mehr als er selbst. Wenn die Wehen kamen, bäumte ihr Leib sich auf, sie umklammerte ihn mit schmerzhafter Kraft. Aber sie schrie und stöhnte nicht; auch jetzt noch besessen von dem Willen, ihre Stellung nicht aufs Spiel zu setzen.
Die hochherrschaftliche Küche war ein riesiger Raum, groß wie ein Ballsaal, und tatsächlich war zwischen dem mächtigen Kohlenherd in der Mitte und den Tischen, Schränken und Spülbecken an den Wänden immer noch Platz genug, dass man hätte tanzen können.
Justus Weigand und Clementine zogen einen der festen, weißgescheuerten Holztische von der Wand und hoben Rosa hinauf. Es war leidlich hell in dem bis zur halben Wandhöhe ausgekachelten Raum und schon ziemlich warm, das Feuer im Herd prasselte. Er zog sich den Paletot aus und die Jacke seines schwarzen Anzugs, krempelte die Ärmel hoch.
Clementine schöpfte kochendes Wasser in eine flache Schüssel. Justus wusch sich die Hände und bürstete sich die sehr kurz geschnittenen Nägel. Sie reichte ihm das Küchenhandtuch.
»Hast du nichts Sauberes?« fuhr er sie scharf an, denn seine Nervosität war von Minute zu Minute gestiegen. Er hatte das Gefühl, endlose Zeit vertan zu haben, während das ungeborene Kind mit dem Tode rang. »Entschuldige, bitte«, fügte er fast im gleichen Atemzug hinzu, denn er war sich bewusst, ihr Unrecht zu tun.
Sie öffnete, während er mit nassen Händen dastand, einen Schrank, reichte ihm ein frisches Tuch. Sie war blass unter der braunen Haut, ihre Lippen waren schmal und hart.
»Danke.« Er trocknete sich ab.
Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass er diese schwierige Entbindung in Gegenwart eines nichtsahnenden und wahrscheinlich sogar unaufgeklärten Mädchens durchführen musste. Konnte und durfte er ihr das überhaupt zumuten? Aber wenn er sie aus der Küche schickte, wer half ihm dann?
»Clementine«, fragte er mit rauer Stimme, »weißt du Bescheid?«
Sie schüttelte den Kopf, ihre schwarzen Augen flackerten erschrocken. Nein, es war unmöglich, ihr jetzt in Stichworten zu erklären, worum es ging.
»Aber du hast gute Nerven?«
»Ja«, hauchte sie.
»Du brauchst nicht hinzugucken«, sagte er, »du sollst es gar nicht. Stell eine Schüssel bereit, in der du das Kindchen nachher baden kannst. Das Wasser soll lauwarm sein. Suche möglichst weiche Tücher heraus, in die du es wickelst. Eine Schere. Und wenn du das alles beisammen hast, kannst du Rosas Hand halten und ihr gut zureden.«
»Ja.«
»Wenn du merkst, dass du es nicht durchhältst, dann geh ganz schnell hinaus und schnappe frische Luft. Du brauchst dich nicht zu schämen.«
In diesem Augenblick schrillte die Klingel.
Clementine wurde, wenn möglich, noch um eine Nuance bleicher. »Das ist nicht die Haustür, das ist... die gnädige
Frau aus dem Schlafzimmer ...« Sie machte einen Schritt zur Tür.
»Bleib!« befahl Justus Weigand. »Sie kann ja nicht wissen ...«
Aber Clementine war schon in den Gang hinausgeschlüpft. Er sah ihr kopfschüttelnd nach, hatte aber schon eine Sekunde später Clementine und Thielemanns völlig vergessen, für ihn gab es nur noch Mutter und Kind.
Er untersuchte vaginal. Der Muttermund war kleinhandtellergroß geöffnet. Weder die Nabelschnur noch ein Arm noch ein Bein des Kindes waren vorgefallen. Ganz behutsam tastete er mit zwei Fingern den Leib des Ungeborenen ab, stellte fest dass der Rücken nach vorne lag.
Als er die Hand zurückzog und sich aufrichtete, sah er, dass sich Rosa, um keinen Laut von sich zu geben, heftig in die Unterlippe biss, Blut tropfte vom Kinn herab.
»Rosa«, sagte er, »um Himmels willen, schrei doch, wenn dir danach zumute ist! Was gehen uns denn diese Thielemanns an! Ich verschaffe dir eine andere Stellung, wenn du hier hinausfliegst, ich schwöre es dir!«
Rosas Augen waren geschlossen, kein Blutstropfen war mehr in ihrem eingefallenen Gesicht; sie atmete ganz flach, in kleinen hastigen Zügen.
Clementine kam wieder herein. »Thielemanns sind fort«, sagte sie. »Hörst du, Rosa? Die Herrschaft ist fortgefahren. Wir sind allein im Haus, außer der Mamsell und den Kindern.«
»Aber... sie hat doch... geklingelt«, sagte Rosa mühsam.
»Wahrscheinlich aus Versehen!«
»Verdammt noch mal«, schrie Justus, »ich will von diesen Thielemanns nichts mehr hören! Sie sind nicht wichtig, absolut nicht wichtig, könnt ihr das nicht begreifen?! Tu endlich, was ich dir sage, Clementine! Bereite alles für das Kindchen vor.«
»Ist es denn schon da?« fragte sie.
»Nein«, sagte er rau, »ich muss es erst holen.«
Aber er war durchaus nicht sicher, dass es ihm gelingen würde. Womöglich war es schon längst abgestorben. Im Geist exerzierte er noch einmal durch, was Professor Hübner ihm und den anderen Studenten je über einen solchen Fall gesagt hatte. Es gab nur eine .einzige Möglichkeit, das Kind zu retten: die Wendung auf dem Fuß.
Wenn das nicht zu machen war, blieb nur die Operation. Das Kind musste im Mutterleib zerstückelt, die Teile einzeln herausgezogen werden, und zwar so schnell wie möglich, denn auch die Gebärende schwebte in akuter Lebensgefahr.
Justus Weigand versuchte mit der inneren Hand den kleinen Körper vom Beckeneingang weg nach oben zu schieben. Das Kind rührte sich nicht von der Stelle, und einen Atemzug lang glaubte er, dass es ihm nie gelingen würde. Aber dann bewegte es sich doch, und langsam, ganz vorsichtig, schob er es immer höher und höher hinauf, bis er glaubte, Platz genug für eine Wendung zu haben.
Er fand einen Fuß, dann noch einen, die äußere Hand half mit. Er packte die beiden weichen Füßchen und drehte das Kind so, dass aus der Querlage eine Längslage entstand, zog es im Rhythmus der Wehen ans Licht.
Körper und Gesicht des Neugeborenen waren blau. Es war ein Mädchen.
»Schere!« schrie er.
Clementine reichte sie ihm mit abgewandtem Gesicht. Er durchschnitt die Nabelschnur in der Mitte — später würde er das besser besorgen —, packte das Kindchen bei den Beinen, hielt es nach unten, gab ihm einen Klaps auf den Po.
Es brüllte, und es war Justus Weigand zumute, als hätte er niemals einen melodischeren Ton gehört. Voll inniger Freude beobachtete er, wie Köpfchen und Leib sich rosa färbten.
»O Tina, Tina«, rief er, »sieh her! Ist es nicht wundervoll?«
Clementine zwang sich zu einem Blick auf das kleine Wesen, das voller Falten und über und über mit gelblicher Schmiere bedeckt war, in ihren Augen hatte es durchaus nichts Wundervolles an sich.
»Schau dir den Schädel an«, sagte Justus Weigand begeistert, »der zeigt Charakter! Ja, Charakter hat es, unser tapferes, kleines Mädchen! Und Glück dazu!«
Das Neugeborene brüllte immer noch.
»Herr, machen Sie es doch still!« rief Rosa. »Die Herrschaft ...«
»Kannst du an nichts anderes denken als an deine verdammte Herrschaft!« schrie Justus Weigand böse. »Sieh es dir doch einmal an... dein Kind! Ein neuer Mensch! Ein Mensch aus deinem Fleisch und Blut!«
Aber Rosa wandte den Kopf beiseite und schloss wortlos die Augen.
Justus reichte das Kind Clementine, die sich eine große Schürze umgebunden hatte. »Bade es«, sagte er, »und pack es ein. Dann wird es aufhören zu schreien. Vorerst friert es noch erbärmlich.«
-Auch das mangelnde Echo, das er bei den beiden Frauen fand, vermochte seine Hochstimmung nicht zu dämmen. Nur er allein wusste, wie gefährdet das Leben dieses Menschenkindes, das jetzt sein Unbehagen hinausbrüllte, gewesen war. Und ihm, Justus Weigand, war es gelungen, es zu retten. Das war ein wahres, beglückendes Wunder, wenn es je ein Wunder gegeben hatte.
Während er die Nachgeburt holte und prüfte, pfiff er unwillkürlich vor sich hin. Er wusch sich seine blutverklebten Hände, trocknete sie ab, rollte die Ärmel herunter, strich sich die graue Weste zurecht und fuhr sich glättend mit der Hand über sein braunes, weiches Haar. Er trat zu Clementine hin, die das Neugeborene in Handtücher wickelte. »Erledigt«, sagte er befriedigt, »aber, was machst du denn da? Hast du noch nie ein Kind gewickelt? Lass mich mal!« Und
er zeigte ihr, wie es auch ohne Windeln einigermaßen fachgerecht zu machen war.
Das kleine Mädchen sah jetzt gesund und rosig aus. Es hatte die großen, graublauen Augen blicklos geöffnet, das Mündchen wie eine Knospe zusammengezogen. Auf dem Köpfchen krausten sich kohlschwarze Haare. Justus Weigand hob es hoch. »Na, wie gefällt es dir jetzt, Clementine?« fragte er.
»Es ist hübsch«, sagte sie, immer noch verstört.
»Es ist eine wahre Schönheit!« rief Justus Weigand. Er legte es der Mutter in die Arme. »Rosa, sieh dir dein Kind an!«
Rosa Janowitz hatte erschöpft, wie schlafend, auf dem harten Tisch gelegen. Jetzt blickte sie auf ihr Kind, mit glanzlosen Augen. »Was soll ich damit?«
»Rosa, es ist dein Kind«, sagte Justus Weigand eindringlich, »es braucht dich... du musst es liebhaben.«
»Ich habe es nicht ‘gewollt.«
»Danach wird jetzt nicht mehr gefragt. Das hättest du dir vor neun Monaten überlegen sollen, damals, als du dich mit dem Kerl eingelassen hast! Rosa, du kannst doch nicht so herzlos sein.«
Sie bewegte die Lippen, aber es dauerte einige Sekunden, bis sie ihre Worte formte, und dann kamen sie kalt, bestimmt und ganz und gar gleichgültig aus ihrem Mund: »Ich will es nicht haben.«
»So, du willst es nicht?« wiederholte er. »Ja, was machen wir denn da? Am besten, wir werfen es in den Abfallkübel, zur Nachgeburt dazu, nicht?«
Er nahm ihr das Kindchen ab und tat so, als wollte er es wirklich fortwerfen. Er wartete auf den Protest der Mutter -er blieb aus.
»Machen Sie damit, was Sie wollen, Herr«, sagte Rosa ungerührt, »nur mich lassen Sie in Frieden.«
Justus Weigand kam wieder zu ihr zurück. »Du hast doch
schon ein Kind«, sagte er, »zuerst wolltest du das sicher auch nicht haben. Aber später.. .«
Sie fiel ihm ins Wort. »Nie. Ich habe es aufs Land gegeben. Da ist es dann gestorben, und ich war froh darüber.« Ihre Stimme wurde plötzlich laut, überschlug sich. »Ja, froh!« schrie sie. »Was soll ein armes Mädchen wie ich mit einem Kind? Das ist was für die Reichen, die können sich Kinder erlauben, soviel sie wollen, aber unsereiner. ..«
Clementine unterbrach sie. »Für die verheirateten Frauen, willst du wohl sagen«, verbesserte sie scharf.
»Stimmt. Aber wer würde schon eine wie mich heiraten?« Rosa richtete sich auf, stützte sich auf ihre Hände. Schwarzes Haar umgab ihr Gesicht wie eine schwere Wolke. »Alle wollen nur ihren Spaß haben, alle sind nur auf das eine aus. Schöne Worte haben sie reichlich, versprechen tun sie viel. Aber wenn dann eins wie ich schwach wird, weil es nicht glauben kann, dass es ganz ohne Glück leben soll... Ja dann .. .« Sie schluchzte erstickt auf.
»Man muss nicht schwach werden«, sagte Clementine eisern.
»Ja, Sie nicht, Fräulein, Sie haben gut reden! An eine wie Sie, da traut sich ja kein Kerl heran, weil er spürt, wie kalt Sie sind. Sie brauchen sich nicht nach ein bisschen Liebe zu sehnen und sich demütigen zu lassen wie unsereins. Sie nicht!«
Clementine wollte zu einer Entgegnung ansetzen, aber als Justus Weigand ihr einen Wink gab, zu schweigen, gehorchte sie. Rosas Anklagen hatten sie verletzt. Nein, sie war nicht so, wie das Mädchen sie sah, sie wusste es besser. Auch sie kannte die Nächte, in denen sie in ihrer Einsamkeit keinen Schlaf fand und Träume hatte, deren sie sich schämen musste. Aber war es möglich, dass die anderen sie so wie Rosa sahen? Auch Justus Weigand?
»Hört auf, euch zu streiten«, sagte er, »du brauchst jetzt Ruhe, Rosa. Am liebsten würde ich dich in die Charité bringen, aber ich weiß, du wirst das nicht wollen.«
»Ins Spital? Jetzt? Nachdem alles überstanden ist? Nein, Herr, ich darf nicht krank sein, ich muss arbeiten.«
»Und dein Kind? Was soll damit geschehen?«
»Tun Sie damit, was Sie wollen. Oder soll ich es etwa hinauf in meine Kammer nehmen? Ich kann's doch nicht versteckt halten.«
»Rosa«, sagte Clementine, »was hättest du denn getan, wenn alles anders gekommen wäre? Wenn du das Kind hättest allein zur Welt bringen können? Wenn niemand etwas davon gewusst hätte?«
»Das fragen Sie, Fräulein?« Rosa Janowitz starrte Clementine aus ihren schwarzen glanzlosen Augen so wild an, dass das Mädchen unwillkürlich einen Schritt zurückwich. »Ich hätte es nicht leben lassen.«
»Das... das wäre ja...« stammelte Clementine ganz erschüttert.
Justus Weigand ließ sie nicht zu Ende sprechen. »Es ist gut, Rosa«, sagte er, »es soll sein, wie du willst. Ich werde mich um das Kind kümmern. Aber du kannst es dir holen, hörst du? Jederzeit. Fräulein Clementine wird immer wissen, wie ich zu erreichen bin.«
»Ich will es nicht haben«, sagte Rosa noch einmal und fügte dann mit unerwarteter Würde hinzu: »Aber ich danke Ihnen, Herr. Wer weiß, ob ich es überstanden hätte, wenn Sie nicht gekommen wären. Mögen Sie es nie bereuen, dass Sie mir und dem armen Wurm da geholfen haben.«

 

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