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Eine Liebe in Berlin

07.10.15 20:12
Re: Eine Liebe in Berlin
 
regrem патриот
в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 08:07 (regrem)
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Justus Weigand reichte Clementine das Neugeborene. Dann hob er die Mutter mit beiden Armen von ihrem harten Lager hoch und trug sie über die Hintertreppe hinauf.
Oben in der Mansarde legte er sie auf ihr Bett und bemühte sich hernach, das Laken unter ihr glattzustreichen und festzustecken. Rosa schloss erschöpft die Augen. Noch hatte er ihre Kammer nicht verlassen, da schlief sie auch schon.
Auf seinem Weg nach unten löschte er sämtliche Lichter.
Es kam ihm vor, als ob er nach dem Wiedersehen mit Clementine Stunden in der Villa Thielemann verbracht hätte. Aber er wusste, wie wenig man in solchen Situationen seinem Zeitgefühl trauen kann.
Clementine hatte für das Neugeborene ein provisorisches Bettchen aus zwei gegeneinander geschobenen Korbsesseln zurechtgemacht. Sie war dabei, den großen Holztisch mit grüner Seife, heißem Wasser und einer Wurzelbürste zu scheuern. Ihre Wangen hatten sich gerötet, aber die zusammengebissenen Zähne und die zuckenden Wangenmuskeln verrieten die Anspannung, unter der sie immer noch stand.
»Du brauchst etwas zu trinken«, sagte er, »diese Thielemanns werden doch irgendwo eine Flasche Kognak stehen haben.«
»Kann schon sein.« Sie spülte Wasser über den Tisch. »Aber die ist nicht für mich bestimmt.«
»Sei nicht kleinlich! In einer solchen Situation. . .«
Clementine richtete sich kerzengerade auf. »Ist Ehrlichkeit in deinen Augen ein Vorurteil?«
»Du lieber Himmel!« Er lachte gereizt. »Bildest du dir etwa ein, Herr Thielemann verdient sein Geld auf anständige Art und Weise? Ja, ich weiß, er ist Fabrikant, Tuchfabrikant, das brauchst du mir nicht noch einmal zu erzählen. Aber gerade deshalb sage ich dir, er könnte nicht so in Saus und Braus leben, wenn er seine Arbeiter nicht ausbeutete. Hast du eine Ahnung, wie blutwenig er ihnen bezahlt? Und wie sie für ihn schuften müssen? Kein Mensch kann reich werden, wenn er nicht die anderen übers Ohr haut!«
Sie nahm ein großes Tuch und machte sich daran, die Feuchtigkeit aufzutrocknen. »Und selbst wenn er ein Verbrecher wäre«, sagte sie, »gäbe uns das noch keinen Freibrief, ihn zu bestehlen!«
Er schlenderte in der riesigen Küche umher. »Ich sehe die Dinge anders«, erklärte er nachdrücklich, »wir haben beide eine tüchtige Arbeit geleistet, das musst du wohl zugeben, und zwar zu Thielemanns Gunsten, denn ein totes Dienstmädchen. ..«
Er hatte die Tür zur Speisekammer geöffnet. »Sieh da«, sagte er, sich selbst unterbrechend, »was haben wir denn da? Eine Flasche Rum . .. na, immerhin!«
Sie stürzte auf ihn zu, das nasse Tuch schwenkend. »Lass das stehen!« fauchte sie.
Er lachte. »Nur nicht gleich so stürmisch!« Er hielt die Flasche hoch in die Luft und drängte Clementine beiseite. »Zeig mir lieber, wo die Gläser sind!«
»Ich verbiete dir...«
Auf gut Glück riss er eine der Schranktüren auf. Er fand gestapeltes Geschirr. »Tassen sind auch nicht schlecht!« Er nahm eines der dickwandigen Küchengefäße heraus und füllte zwei Finger hoch Rum hinein. »Da, trink!« Er reichte es Clementine...
Sie schüttelte verbissen den Kopf.
»Ich verschreibe es dir als Medizin«, sagte er, »du hast es jetzt nötig. Gib doch zu, dass dir der Schreck noch in den Knochen sitzt.«
Als sie immer noch keine Anstalten machte, ihm die Tasse aus der Hand zu nehmen, fügte er hinzu: »Sei nicht kindisch, Tina! Du willst doch nicht riskieren, dass du zusammenknackst? Du warst sehr tüchtig. Ohne dich hätte ich es gar nicht geschafft. Aber jetzt tu endlich, was ich dir sage.« Er führte ihr die Tasse an die Lippen.
Zögernd nahm sie einen kleinen Schluck, Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie musste husten. »Das brennt.«
»Kunststück«, sagte er, »trink noch mal!«
Sie gehorchte. Dann atmete sie tief durch.
Er sah mit Erleichterung, dass sich die verkrampfte Linie um Mund und Kinn gelöst hatte und ihre Augen wieder Glanz bekamen. »Na, siehst du, jetzt fühlst du dich besser, nicht wahr?« sagte er. »Immer auf den Onkel Doktor hören!« Dann trank er den Rest des Rums.
»Was wird die Mamsell morgen sagen, wenn sie merkt...« Er fiel ihr ins Wort. »Zum Teufel mit der Mamsell! Was hätte sie gesagt, wenn Rosa gestorben wäre? Sag ihr einfach, dass dir nicht wohl gewesen ist, das ist ja die Wahrheit!« Sie ließ Wasser in den Eimer laufen und schüttete es in den großen Topf auf dem Herd.
»Bist du noch nicht fertig?« fragte er ungeduldig.
»Sieh dir den Boden an! Glaubst du, ich könnte den so lassen? Komm, hilf mir bitte, den Tisch wieder an die Wand zu rücken.«
Er tat, worum sie ihn gebeten hatte.
»Wie lange brauchst du noch?« fragte er.
»Mindestens zehn Minuten.« Sie holte einen Schrubber aus dem Kämmerchen. »Justus«, sagte sie, »was soll jetzt mit dem Kind geschehen?«
»Darüber«, sagte er und goss sich noch ein paar Tropfen Rum in die Tasse, »denke ich schon die ganze Zeit nach. Das beste wird sein, wir bringen es in die Charité. Hast du eine alte Jacke oder so etwas, in das wir es wickeln können?«
Sie stellte eine Gegenfrage: »Und dann? Später?«
»Darüber will ich mir doch heute Abend noch nicht den Kopf zerbrechen. Hauptsache, es ist zunächst einmal versorgt.«
»Das finde ich nicht«, widersprach Clementine, »ich meine, man müsste doch einmal überlegen, was aus dem Kind werden soll!«
»Ein Mensch, hoffe ich«, sagte er, »ein gesunder Mensch.«
Sie war damit beschäftigt, den Küchenboden aufzuwischen, und sah sein Gesicht nicht. »Das ist keine Antwort, Justus!«
»Weißt du eine bessere?« Er stöpselte die Flasche zu, brachte sie in die Speisekammer zurück und stellte sie an ihren Platz. »Dann heraus damit! Ich kann es kaum erwarten!«
»Nein, eben nicht«, sagte sie, »und gerade deshalb...«
Er ließ sie nicht zu Ende reden. »Ich gehe jetzt«, sagte er, zog sein schwarzes Jackett an und griff nach seinem Paletot.
»Justus!« Sie war alarmiert, hob die Augen und sah ihn an. »Wo willst du hin?«
»Mich um eine Droschke kümmern. Sieh zu, dass du mit der Kleinen so weit bist, wenn ich wiederkomme!«
Clementine sah ihm mit einem Blick nach, der ihn, wenn er ihn aufgefangen hätte, bestimmt sehr nachdenklich gestimmt haben würde.

 

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