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Eine Liebe in Berlin
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в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 08:08 (regrem)
Eine halbe Stunde später half Justus Weigand seiner Cousine am Neuen Tor aus der Pferdedroschke und entlohnte den Kutscher. Clementine trug das Kleine, das sie in ein dickes Federkissen gesteckt hatte, auf dem Arm. Es war einige Grade wärmer geworden, kein Stern zeigte sich am Himmel, der von den zahllosen Großstadtlichtern schwach erhellt war. Justus Weigand schob seine Hand unter Clementines Ellenbogen; er führte sie drängend voran. »Hast du es auch gut eingepackt?« fragte er. »Ja doch. Es schläft wie ein Murmeltier.« Sie bemühte sich, so rasch zu gehen, wie es seiner Ungeduld entsprach. Doch sie kannte sich nicht aus und kam ins Stolpern. Er mäßigte sein Tempo, aber nur für kurze Zeit, dann beschleunigte er seine Schritte wieder. Zwischen den Lichterkreisen der vereinzelten Laternen lag undurchdringliche Finsternis. Die Gebäude der Krankenstadt hoben sich mit ihren bizarren Türmchen und Erkern wie mächtige Geisterburgen gegen den Himmel ab. Die Fenster waren dunkel. Nur hier und da flackerte die Nachtlampe im Zimmer eines Schwerkranken. Urplötzlich wurde es in einem Haus linker Hand hell. Gleichzeitig erklangen gellende Stimmen. Flüche, Gelächter, Schmerzensschreie. Clementine blieb erschrocken stehen. »Komm«, sagte er und wollte sie mit sich fortziehen. Aber sie stand wie gebannt. »Was ist das?« Eine Tür wurde von innen aufgerissen. Sekundenlang fiel eine schmale Lichtbahn über den Weg, in ihr wurde eine schlanke, schattenhafte Gestalt sichtbar, die gleich darauf, als die Tür sich hinter ihr schloss, von der Dunkelheit verschlungen wurde. Im Kreis der nächsten Laterne tauchte sie wieder auf. Justus Weigand und Clementine erkannten eine junge Frau, fast ein Mädchen noch. Sie trug einen dunklen Mantel über einem weißen Gewand, dessen Saum den Boden streifte. Sie lief schnell; ihre nackten Füße trappelten und schlurften in Holzpantinen. Blonde Locken schimmerten auf, ehe das Dunkel sie wieder verbarg. Das Geschrei aus dem Inneren des Hauses wurde noch lauter, zorniger und schmerzerfüllter. Wieder öffnete sich die Tür und zwei Männer sprangen heraus, rannten in dieselbe Richtung, die die junge Frau genommen hatte, geradewegs auf Justus Weigand und Clementine zu. »Lauf!« schrie er seiner Cousine zu. »Beiseite!« Er selbst stellte sich der Frauensperson in den Weg, mit ausgebreiteten Armen, unter denen sie durchschlüpfen wollte. Aber ihre Holzpantinen und das lange weiße Hemd hinderten sie daran. Er konnte sie packen und hielt sie eisern fest, so verzweifelt sie sich auch loszureißen versuchte. »Bitte«, wimmerte sie, »bitte, Herr! Lassen Sie mich durch! Ich habe doch nichts getan!« Er schüttelte sie leicht. »Ganz schön brav sein! Du weißt doch, dass man nicht ausreißen darf!« »Ich will nach Hause... ach, lassen Sie mich doch nach Hause! Alle dürfen heute lustig sein! Warum denn ich nicht? Warum sperrt man mich ein?« Clementine beobachtete den Zwischenfall als stumme Zeugin. Sie sah von ihrem Vetter zu der Frauensperson, die sich in seinen Armen wand, und glaubte nichts anderes, als dass man sie widerrechtlich und wider ihren Willen gefangen hielt. »Lass sie doch laufen, Justus!« rief sie. Auch in den Fenstern einiger anderer Häuser wurde es hell. Der Lärm steigerte sich zu einem schrillen Crescendo und brach dann mit erschreckender Plötzlichkeit ab. Die beiden Männer, die nach der jungen Frau das Gebäude linker Hand verlassen hatten, erreichten jetzt Justus Weigand und die Patientin, die noch um ihre Freiheit kämpfte und bettelte. Es waren Krankenpfleger, die in ihren weißen, losen Anzügen und den runden, kurz geschorenen Köpfen an japanische Ringer erinnerten. Mit wenigen, geschickten Griffen hatten sie Justus Weigand von der um sich schlagenden Frau befreit, verdrehten ihr unbarmherzig die Arme, bis sie aufschrie und auf jeden weiteren Widerstand verzichtete. Erst jetzt konnte Clementine ihr Gesicht sehen, und sie musste einen Aufschrei unterdrücken. Es war ein verstümmeltes Gesicht. Von der Nase war nur noch der Knochen da, alles Fleisch war weggefressen. Diese totenähnliche Nase wirkte noch grauenhafter, weil der Mund darunter jung und hübsch war und an den hellen Wimpern der Augen Tränen perlten. »Dank och, Herr Doktor«, sagte der eine der beiden Krankenpfleger, der den jungen Mediziner erkannt hatte, »Sie haben uns da 'ne janze Menge Ärjer erspart.« »Bei uns is heute der Deubel los«, erklärte der andere in unterwürfigem und gleichzeitig verschwörerischem Tonfall, »den Kanaillen juckt mal wieder die Pflaume!« Erst jetzt bemerkte er Clementine, die, mit dem Kind auf dem Arm, aus dem Schatten getreten war, fügte ohne Verlegenheit hinzu: »Nichts für unjut, junge Frau!« Er lockerte den Griff, mit dem er das Handgelenk der Patientin umklammert hielt. »Na, wirst du dir jetzt wohl anständig benehmen, Berta? Oder sollen wir dir Mores lehren?« Ein Schwall wilder und gemeiner Flüche war die Antwort; Clementine, obwohl sie kaum die Hälfte verstand, verschlug es den Atem. »Los, weiter, was stehst du hier herum?« brüllte Justus Weigand sie an. »Habe ich dir nicht gesagt, du sollst sehen, dass du weiterkommst?« Er zerrte sie mit sich. »Aber ich wusste doch nicht, wohin!« stammelte Clementine benommen. Er hatte sich schon wieder in der Gewalt. »Entschuldige«, sagte er, »sei mir nicht böse, ich habe die Nerven verloren. Das war nichts für ein Mädchen wie dich.« »Was hatte sie? Bitte, erkläre mir doch... diese Nase! Ich habe noch nie etwas so Entsetzliches gesehen!« Er legte den Arm um ihre Schulter. »Du machst allerhand mit heute Nacht, nicht wahr? Arme Clementine! Mir scheint, ich bringe bloß einen Haufen Aufregungen in dein Leben.« Sie ließ sich nicht ablenken. »Was war das für eine Krankheit, Justus?« »Syphilis«, sagte er kurz angebunden. Sie lief ein paar Schritte schweigend neben ihm her, kämpfte mit sich. »Diese.. . Lustseuche?« fragte sie endlich. Er warf ihr einen raschen Seitenblick zu. »Was weißt du davon?« »Eigentlich nichts. Nur, dass es eine furchtbare Krankheit sein soll.« »Ja, eine der schlimmsten. Sie kann die Haut zerstören, Weichteile des Körpers, das Gehirn... und immer endet sie tödlich.« »Ein Glück«, sagte Clementine ahnungslos, »das nur schlechte Menschen sie bekommen können.« Er lachte trocken. »Glaubst du das wirklich? Da bist du aber auf dem Holzweg. Es gibt ehrsame Ehefrauen, denen es passiert, wenn ihr Mann nur ein einziges Mal...« Er unterbrach sich. »Aber das sind keine Gespräche. Vergiss es, Clementine.« Sie blieb hartnäckig. »Dieses Mädchen, diese Berta«, sagte sie, »sie war doch schlecht? Ich meine, sonst hätte Sie doch nicht...« Sie ließ den Satz unausgesprochen, schämte sich, zu deutlich zu werden. »Du machst es dir sehr einfach«, sagte er hart. »Schlecht und gut. Man kann die Menschen nicht so simpel einstufen. Wenn du so viel Elend gesehen hättest wie ich!« Sie reckte ihr Kinn vor. »Für mich gibt es eben noch sittliche Werte!« »Die gibt es gewiss. Und nicht nur für dich. Nur stehen sie in keinem Zusammenhang mit Krankheit oder Gesundheit. Es wäre engstirnig, das anzunehmen.« »Na schön«, sagte sie kampfbereit, »wenn diese Lustseuche nichts mit einem schlechten Lebenswandel zu tun hat, woher kommt sie denn? Kannst du mir das bitte verraten?« »Sie wird durch einen Erreger verursacht«, sagte er, »genau wie Cholera, Diphtherie, Starrkrampf, Lungenentzündung, Pest, Ruhr und so weiter.« Er machte eine kleine Pause. Sie schwieg, schien beeindruckt. Ehrlich fügte er hinzu: »Allerdings, der Erreger ist noch nicht entdeckt. Schon an die zwanzigmal glaubten die Wissenschaftler, soweit zu sein, aber jedes Mal war es ein Reinfall. Und solange der Erreger nicht erkannt ist, kann es auch keine wirksame Bekämpfung geben.« »Ja, aber dann...« Er ließ ihr keine Zeit, die nächste Frage zu stellen. »Gib mir die Kleine!« sagte er. Jähe Angst hatte ihn überfallen, eine Furcht, über die er mit Clementine nicht sprechen konnte. War Rosa Janowitz gesund? Er hatte die unglückseligen Wesen gesehen, von ihren Müttern mit der furchtbaren Krankheit angesteckt, die man lange Zeit für erblich gehalten hatte; sie waren zu Siechtum und Tod verurteilt schon in der Stunde ihrer Geburt. Sie hörte die Sorge in seiner Stimme, aber sie verstand sie falsch. »Traust du mir nicht zu, dass ich es trage?« Wortlos nahm er ihr das Kissen, in dem die Kleine steckte, aus den Armen. Sie waren bei der Kinderklinik angekommen. Er zog die Nachtglocke. Sie mussten einige Zeit warten, bis der Pförtner öffnete. Der alte Pachulke war erstaunt, aber zu gut erzogen, um Fragen zu stellen. »Juten Abend, Herr Doktor«, sagte er, »det ha ick och nich jedacht, det wir uns in diesem Jahr noch mal wiedasehn würden!« »'n Abend, Pachulke«, sagte Justus Weigand kurz und schob Clementine in das Haus hinein. »Willst du hier unten auf mich warten? Oder kommst du mit hinauf?« Sie straffte die Schultern. »Natürlich komme ich mit!« Er war erstaunt über ihren heftigen Ton, der dem Anlass nicht entsprach. »Na schön«, sagte er friedfertig, »ich wollte dir bloß die Treppen ersparen.« |