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Eine Liebe in Berlin

07.10.15 20:12
Re: Eine Liebe in Berlin
 
regrem патриот
в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 08:09 (regrem)
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Die Säuglingsstation lag im dritten Stock, ein langer Saal mit Reihen kleiner Bettchen, von denen mindestens zwanzig belegt waren. Die Säuglinge waren unruhig. Einige schrien, viele wimmerten, nur ganz wenige schliefen ruhig.
Dienst hatte Schwester Margarethe, eine ältliche Diakonisse mit harten Augen in einem grauen, müden Gesicht. Ihre Hände waren rot und verarbeitet wie die einer Waschfrau.
»Guten Abend, Schwester!« Justus Weigand zwang sich zu einem Lächeln, um die Sympathie der alten Frau zu gewinnen. »Hier bringe ich Ihnen einen Neuzugang!«
Schwester Margarethe verzog keine Miene. Ihr Blick glitt ausdruckslos von Justus Weigand zu Clementine. »Einweisung?« fragte sie.
»Na, Sie werden doch wohl nicht erwarten, dass ich in dieser Nacht einen Arzt störe, bloß um ein Neugeborenes einweisen zu lassen! Das wird alles morgen früh nachgeholt, Schwester.«
»Wollen wir's hoffen, Herr Kandidat!«
»Aber ganz bestimmt«, sagte Justus Weigand erleichtert, er war froh, auf keinen stärkeren Widerstand zu stoßen. »Ich habe es erst provisorisch abgenabelt, das muss ich jetzt noch in Ordnung bringen!« Er legte das Kissen, in dem die Kleine steckte, auf den Wickeltisch am oberen Ende des Saales, packte sie aus. »Klemme, bitte, Schwester, und Verbandzeug!«
Mürrisch schob die Frau ihm zu, was er wünschte, beobachtete dann, die Hände vor dem schlaffen Leib verschränkt, wie er den Nabel dicht am Bauch der Kleinen abklemmte, desinfizierte, einen festen Verband anlegte.
»Sieht ganz gesund aus«, sagte sie, »was fehlt ihm denn?«
»Es leidet an einer Dysfunktion«, sagte er wichtig.
Doch er hatte Schwester Margarethe unterschätzt. In ihrer langjährigen Tätigkeit hatte sie genug lateinische Brocken aufgeschnappt, um zu verstehen, wie lahm diese Erklärung war.
»'ne Funktionsstörung?« fragte sie. »Da sieht es aber gar nicht nach aus! Und überhaupt...«
Er spielte den Empörten, um sie mundtot zu machen. »Wollen Sie etwa die Diagnose stellen?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe ja nichts gesagt.«
»Bringen Sie mir lieber ein Hemdchen, Jäckchen, Windeln ...«
Als sie davonschlurfte, rief er ihr nach: »Und Quecksilberlösung!«
»Warum ist sie so unfreundlich?« flüsterte Clementine ihm zu. »Vielleicht hätte ich doch lieber nicht mitkommen sollen?«
Er erwiderte nichts, bog die Beinchen und Ärmchen des kleinen Mädchens, untersuchte Zehen und Händchen. Als Schwester Margarethe mit der Quecksilberlösung kam, ließ er mit der Pipette in jedes der noch blicklosen Augen einen Tropfen fallen. Die Kleine schrie auf, beruhigte sich aber bald wieder.
»Na, ob das was nützt«, meinte Schwester Margarethe skeptisch.
»Sie wissen genau, dass Professor Hübner es angeordnet hat«, erklärte er, »und ehe wir etwas Besseres haben...« Er wickelte das Kindchen.
»Lass mich«, bat Clementine, als er dem Kind das harte Hemdchen mit dem gerissenen und zusammengeknoteten Band anziehen wollte, das armselige Anstaltsjäckchen.
Er machte ihr den Platz an der Wickelkommode frei. »Nu aber mal ernsthaft, Herr Kandidat«, sagte Schwester Margarethe, »wie heißt das Wurm?«
»Es ist noch nicht getauft«, sagte er.
»Und wie soll es heißen?«
»Senta«, sagte Clementine rasch - sie hatten einmal in Breslau eine Aufführung von Wagners »Fliegendem Holländer« gesehen, die sie tief beeindruckt hatte.
Schwester Margarethe trat an ein leeres Bettchen, zog einen Kreidestummel aus ihrer Schürzentasche, malte den Namen Senta auf die schwarze Holztafel am Kopfende. »Weiter«, sagte sie, »Nachname?«
Darauf wussten weder Justus Weigand noch Clementine eine Antwort. Sie wollten Rosa Janowitz, deren Einstellung sie kannten, nicht angeben.
»Und wenn es nun keinen hat?« fragte Justus Weigand zurück. »Es könnte ja ein Findelkind sein — oder?«
»Dann gehört es nicht hierher, sondern ins Findelhaus!«
Schwester Margarethe löschte mit dem Handballen den Namen wieder aus. »Gesund ist es ja auch. Tut mir leid, Herr Kandidat, aber mich können Sie nicht verkohlen.«
Justus Weigand trat auf sie zu, nahm ihr die Kreide aus der Hand und schrieb schwungvoll auf die schwarze Tafel:
»Senta Weigand, geboren am 31. 12. 1899.« Er trat dicht vor die Diakonisse, sah auf sie hinunter. »Nun? Zufrieden?«
Schwester Margarethes graues, gleichgültiges Gesicht veränderte sich; es wurde lebendig vor Interesse. »Weigand?« wiederholte sie.
»Ganz richtig«, sagte er, »sie heißt Weigand wie ich. Sie ist meine Tochter.«
»Aber... ich wusste ja gar nicht, Herr Kandidat...«
»Das glaube ich Ihnen gerne. Es gibt vieles, was Sie nicht wissen, Schwester. Komm, Clementine, leg Senta ins Körbchen ...«

 

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