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Eine Liebe in Berlin
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в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 08:11 (regrem)
Der große Saal der Philharmonie war für den Silvesterball aus- und umgeräumt worden. Wo sonst die Stuhlreihen für die Zuhörer standen, glänzte in dieser Nacht das blanke Parkett, über das die Lackschuhe der Herren glitten, die Stiefel der Offiziere klappten und die weiten Röcke der Damen fegten. Aber es wurde mehr promeniert, kokettiert und geplaudert als getanzt. Auch jetzt, als das Knallen der Champagnerpfropfen, das Gläserklingen und die heiteren Zurufe der mitternächtlichen Stunde schon verhallt waren, blieb die Tanzfläche leer, obwohl das Orchester einen Walzer angestimmt hatte. Man stand beisammen, trieb heitere oder auch nur höfliche Konversation. Frau Dorothee Thielemann lehnte an der Brüstung des ersten Ranges, in der einen Hand einen Elfenbeinfacher, den sie unaufhörlich nervös bewegte, in der anderen das spitze, langstielige Glas mit Champagner, an dem sie kaum genippt hatte. Sie starrte auf die ständig sich auflösenden und sich wieder vereinigenden Gruppen hinunter, die sich ihr von hier oben darboten wie die bunten Steinchen in einem Kaleidoskop. Die leuchtenden Uniformen der Offiziere und Korpsstudenten bestimmten das Bild, goldene Tressen und Knöpfe, blitzendes Silber und blankgeputztes Messing. Frau Dorothee sah dies alles, ohne es eigentlich wahrzunehmen. Sie hörte auch kaum, was die beiden Damen neben ihr, Frau Kommerzienrat Mehnert und Frau Bankier von Stucken, miteinander redeten. Wenn sie angesprochen wurde, gab sie nur zerstreute und unverbindliche Antworten. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf ihren Gatten gerichtet, der bei einer jungen Frau stand, von der sie nur den Rücken sah, einen rosigen üppigen Rücken, einen schlanken, kräftigen Hals, kastanienbraunes Haar. Dorothee Thielemann kannte die Fremde nicht, sie wusste nichts von ihr und empfand nichts für sie als eine leichte Verachtung. Diese Haarfarbe und dieses tiefe Dekolleté konnten keiner anständigen Frau gehören. Die Person war es nicht wert, dass man auch nur einen Gedanken an sie verschwendete. Aber sie konnte ihre Augen nicht von Otto Thielemann lassen. Fasziniert und angeekelt zugleich beobachtete sie, wie er sich vor der Unbekannten wie ein verliebter Hahn spreizte, Bauch hinein, Brust heraus, Knie durchgedrückt, Hacken zusammen. Er zwirbelte sich den Schnurrbart, klemmte das Monokel ins Auge und ließ es mit einem Zucken der Braue wieder fallen. Kreisrunde rote Flecken brannten auf ihren Wangen. Sie zuckte zusammen, als Frau Kommerzienrat Mehnert ihr mit dem zugeklappten Fächer auf die Schulter tippte, und sah sie mit weit aufgerissenen Augen, wie aus einem Alptraum erwachend, an. »Ist sie nicht reizend, die Kleine?« Die Kommerzienrätin beschrieb dabei mit dem Fächer einen Bogen, der jeder Dame unten im Parkett gelten konnte. Frau Dorothee hatte keine Ahnung, von wem die Rede war. »O ja, gewiss... sehr, sehr reizend«, stammelte sie. »Wie selbständig die jungen Mädchen heutzutage sind«, sagte die Kommerzienrätin mit einer Bewunderung, die nicht frei von Tadel war, »ich in diesem Alter... oh, ich erinnere mich noch gut, ich war schüchtern wie ein Vögelchen!« Frau Dorothee gelang es endlich, ihren Blick von dem Gatten unten im Parkett zu lösen; sie musste die Freundin ansehen. Es war fast unmöglich, sich die behäbige Frau Kommerzienrat mit dem bebenden Doppelkinn und den schimmernden Brillanten um den breiten Hals und in den fleischigen Ohrläppchen als ein schüchternes Vögelchen vorzustellen. Frau Elvira von Stucken seufzte. »Leider, leider, ich weiß, dass meine Stefanie sich ein bisschen zu frei benimmt. Aber was wollen Sie machen? Diese jungen Leute lassen sich einfach nichts mehr sagen. Vielleicht war das Schweizer Internat, in dem sie den letzten Schliff bekommen sollte, doch nicht ganz das richtige.« Jetzt erst wusste Frau Dorothee, dass die beiden Damen von der jungen Stefanie von Stucken sprachen, die schräg unter ihnen stand, neben einer Freundin, und sich von einigen jungen Herren den Hof machen ließ. »Wie lange war sie denn in der Schweiz?« fragte Frau Dorothee mit dem mühsamen Versuch, an der Unterhaltung teilzunehmen. »Ein Jahr«, erwiderte Frau von Stucken, »sie ist jetzt siebzehn geworden, und es ist ihre erste Saison.« »Gerade das richtige Alter«, erklärte die Frau Kommerzienrat, »ganz sicher hat sich schon mehr als ein ernsthafter Bewerber eingestellt.« »Sie ist so wählerisch«, klagte Frau von Stucken, »manchmal benimmt sie sich ganz abscheulich, als wollte sie sich über die jungen Herren geradezu lustig machen.« »Aber die nehmen es ihr nicht übel, möchte ich glauben«, sagte Frau Kommerzienrat Mehnert trocken, »schließlich ist Stefanie eine glänzende Partie, da sehen die Männer gerne über einige Ecken und Kanten hinweg. Die lassen sich später, in der Ehe, immer noch abschleifen.« Frau von Stucken war nicht zu beruhigen. »Sie hat den ganzen Abend mit keinem Herrn öfter als einmal getanzt!« Der Walzer war verklungen, Stimmen und Gelächter standen plötzlich seltsam beziehungslos in dem festlichen Saal. Der Maitre de plaisir hüpfte auf das kleine Podium, klatschte in die Hände, um sich Gehör zu verschaffen. »Mesdames, Messies... sehr verehrte Damen und Herren... aufstellen zur Polonaise, bitte! Fordern Sie die Dame Ihres Herzens auf, meine Herren! Sie nehmen an einem historischen Ereignis teil! Es ist die erste Polonaise im neuen Jahrhundert!« Otto Thielemann verbeugte sich, noch ehe der Maitre ausgesprochen hatte, vor der kastanienbraunen Dame. Aber ein Offizier - Major im Regiment der Kaiserin Alexandra, wie Frau Dorothee von oben herab feststellte — entführte sie ihm vor der Nase. Offensichtlich war sie für diesen Tanz schon vergeben gewesen. Diese Brüskierung ihres Gatten bedeutete für Frau Dorothee Demütigung und Genugtuung zugleich. Ihre Kehle war trocken, sie nahm einen Schluck Champagner. Aber sie hatte das Glas zu lange in der Hand gehalten, das Getränk war lau und schal geworden. Neben ihr ließ Frau von Stucken ihr goldenes, mit Diamantensplittern besetztes Lorgnon aufspringen, hielt es vor die Augen. Ein Korpsstudent war auf die Gruppe um Stefanie zu geprescht, verbeugte sich, die Hacken zusammenschlagend, vor ihrer Tochter, bot ihr den Arm, auf den sie ihre Hand wie auf ein Kissen legte. Ehe Frau von Stucken noch eine Frage stellen konnte, hatte die Frau Kommerzienrat schon die Antwort parat. »Das ist der junge Scheer«, sagte sie, »stammt aus hochachtbarer Familie, einziger Sohn, ein bisschen verbummelt zwar...« »Dann hat er sich wenigstens die Hörner abgestoßen«, sagte Frau von Stucken wohlwollend, »sehr gute Erscheinung, finden Sie nicht auch, Frau Thielemann?« Frau Dorothee hatte Augen und Gedanken schon wieder ihrem Mann zugewendet, der sich jetzt um Stefanie von Stuckens Freundin bemühte. »Doch«, sagte sie mechanisch, »unbedingt.« »Ich erinnere mich«, sagte Frau von Stucken, »mein Sohn Egon hat Herrn Scheer ein- oder zweimal mit ins Haus gebracht. Was ich nur gerne wissen möchte . . .« Wieder gab die Frau Kommerzienrat bereitwillig Auskunft, ohne dass Frau von Stucken deutlicher zu werden brauchte. »Der Vater besitzt eine florierende chemische Fabrik, allerdings irgendwo im Rheinland, in Neuss oder Krefeld, vielleicht war es auch Xanten?« »Aha!« Frau von Stucken schob die beiden Gläser ihres Lorgnons mit energischem Ruck wieder zusammen. »Gut, dass ich das weiß! Dann kommt er als ernsthafter Bewerber überhaupt nicht in Frage. Ich lasse mein Kind doch nicht in die Fremde ziehen.« |