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Eine Liebe in Berlin
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в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 13:33 (regrem)
Arnold Scheer und Stefanie von Stucken befolgten die Anweisungen des Maitre; sie reihten sich in die Schlange der Paare, die sich schon zu bilden begonnen hatte. Er sah sie von der Seite an. »Ich bin sehr glücklich, gnädiges Fräulein, dass ich Sie endlich habe erobern können«, sagte er. Sie schwieg und blickte geradeaus; es zuckte um ihre Lippen. »Meine Damen und Herren, rechtes Bein vor, linkes Bein zurück!« rief der Maitre de plaisir. Die ersten Klänge der Polonaise rauschten auf. »Pampadampada! Eins, zwei, drei...« Der Zug setzte sich in Bewegung. Arnold Scheer versuchte es noch einmal. »Wissen Sie eigentlich, gnädiges Fräulein, dass Sie reizend aussehen?« »O ja«, erwiderte Stefanie ganz ernsthaft. Diese Antwort kam so unerwartet, dass Arnold Scheer aus dem Takt geriet. »Eins und zwei und drei und vier«, sagte sie freundlich, »sollen wir zählen, Herr Scheer?« Er hatte sich wieder in der Gewalt. »Sie sind also immer noch der kleine Frechdachs geblieben, Stefanie«, sagte er. »Dabei dachte ich, als ich Sie vorhin im Ballsaal entdeckte: Donnerwetter, aus der süßen Krabbe mit den steifen Zöpfchen ist ja eine junge Dame geworden!« »Da sieht man mal wieder, wie der Schein trügen kann!« »Stefanie, Sie machen sich doch nicht etwa über mich lustig?« »Möchten Sie mich denn lieber weinen sehen?« »Ich wünschte mir, dass Sie sanft und gefügig wären wie andere junge Mädchen Ihres Alters!« Jetzt lachte Stefanie laut heraus; ihre Augen, hellbraun mit goldenen Funken, blitzten ihn an. »Sanft und gefügig? Du lieber Himmel! Sie haben ja Ansichten wie in der Steinzeit, Arnold!« »Wir leben erst so kurz im zwanzigsten Jahrhundert«, sagte er steif, »dass ich mich noch nicht richtig daran gewöhnt habe!« Ihre schmale Hand in dem langen, bis zum Ellenbogen reichenden weißen Handschuh drückte ganz leicht seinen Arm. »Seien Sie mir nicht böse, Arnold. Ich wollte Sie nicht kränken, wirklich nicht! Aber es wirkt allmählich komisch, wenn einem alle Herren dasselbe sagen!« »Tun wir das wirklich?« »Ja! Wie reizend ich angeblich aussehe, habe ich heute Nacht schon mindestens zwanzigmal gehört!« »Weil es stimmt!« »Nein, weil ihr Männer einfallslos seid. Vielleicht haltet ihr es auch nicht für nötig, an eine Unterhaltung mit einem von uns Gänschen Geist zu verschwenden! Blicken Sie sich doch einmal um, Arnold!« Sie hatten inzwischen zu den Klängen der Polonaise die Längsseite des Saales einmal abgeschritten, hatten gewendet und gingen jetzt dem Ende des Zuges entgegen. »Alle jungen Mädchen sehen reizend aus, nicht wahr? Jede hat ein schönes Kleid an, jede hat sich feingemacht, jede genießt das Fest. Es ist also geradezu banal, so etwas zu erwähnen.« Er lächelte über ihren Eifer. »Sie sehen aber besonders entzückend aus, Stefanie!« Sie stampfte vor Enttäuschung mit dem Fuß auf, allerdings im Takt der Musik. »An mir ist gar nichts Besonderes! Warum kann man sich bloß mit keinem Mann richtig unterhalten?« Er beugte sich zu ihr hinüber. »Worüber möchten Sie denn reden, Stefanie? Über die Liebe?« »Ach, seien Sie doch still!« rief sie zornig. »Sie sind genau wie alle ändern!« Von nun an spielte sie die Unnahbare, war ganz wohlerzogene junge Dame aus gutem Hause. Er bot sein ganzes Repertoire an Scherzen auf, um ihre Laune zu verbessern. Sie lächelte, sagte an den richtigen Stellen ja und nein, aber sie blieb unnahbar. Allmählich versiegte sein Redefluss. Er spürte, wie er ins Schwitzen kam, die körperliche und die geistige Anstrengung setzten ihm gleichermaßen zu. Stefanie hingegen wirkte genauso kühl und frisch wie zu Beginn der Polonaise. Sie war sehr schlank, zu dünn für den Geschmack der Zeit, aber ihr kleines rundes Dekolleté zeigte eine makellose Haut, festes junges Fleisch. Die Prozession der Polonaise zog dreimal um den Saal herum und dann weiter durch das ganze Haus. Als sie gerade auf der halben Höhe der Treppe angelangt war, verlöschte das Gaslicht neben ihnen, und es wurde für Sekunden dunkel. Arnold Scheer konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihr den Arm um die schmale Taille zu legen. Aber sie reagierte erstaunlich schnell, als ob sie darauf gefasst gewesen wäre. Sie trat ihm mit dem Absatz ihres weißen Stiefelchens auf die Zehen. Er schrie leise auf und ließ sie los. Im selben Augenblick wurde es wieder hell. Mit unschuldigen Augen blickte sie in sein Gesicht, das jetzt sehr rot geworden war. »Oh, Pardon«, sagte sie scheinheilig. »Ich habe Ihnen doch hoffentlich nicht weh getan?« Das Paar hinter ihnen drängte; er nahm ihre Hand, und sie gingen weiter. »Sie mögen mich nicht ein bisschen«, sagte er. »O doch, sehr sogar«, versicherte sie. »Sie sind ein sehr netter Mensch, das weiß ich gejiau.« »Aber?« fragte er. »Denken Sie mal nach! Alles, was Ihnen passiert ist, haben Sie sich doch nur selber zuzuschreiben.« Sie erreichten den Rang und kamen bei den Müttern vorbei. Stefanie winkte lächelnd Frau von Stucken zu; Arnold Scheer verbeugte sich grüßend. »Dann kann ich Sie nur noch bitten, mir zu verzeihen!« sagte er. »Ist längst geschehen«, erklärte sie großzügig. »Darf ich das glauben?« »Ganz gewiss.« »Dann schenken Sie mir als Zeichen Ihrer Gnade den nächsten Tanz!« Stefanie lachte. »Sie sind wirklich unersättlich, Arnold . . . wie mein Bruder Egon, als er jünger war, wenn es Kuchen gab!« »Also, ich habe Ihre Zusage?« »Nein«, sagte Stefanie entschieden. »Sie sind mir also doch noch böse?« »Überhaupt nicht«, erklärte sie mit ernstem Gesichtchen, »das ist bei mir eine Sache des Prinzips.« Er kam sich ihr gegenüber sehr alt vor und bat sie in väterlichem Ton: »Das müssen Sie mir schon näher erklären.« »Aber Arnold«, sagte sie, »Sie wissen doch auch Bescheid, oder etwa nicht? Seit ich wieder in Berlin bin, will meine Mama mich unentwegt verkuppeln. Sie ist geradezu von dem Gedanken besessen, mich so schnell wie möglich unter die Haube zu bringen. Bisher habe ich sie noch dadurch bremsen können, dass ich meine Gunst mit größter Unparteilichkeit verteilte. Wehe, dreimal wehe aber, wenn ich ihr Anlass gäbe, zu glauben, dass ich an irgendeinem jungen Herrn besonders interessiert wäre!« »Ich habe durchaus ernste Absichten«, sagte er prompt, »und dank meinem großzügigen Vater bin ich in der Lage...« Sie blieb unbeeindruckt. »Umso schlimmer. Ich habe nichts gegen Sie, Arnold, verstehen Sie mich richtig; aber ich denke gar nicht daran, in absehbarer Zeit zu heiraten, weder Sie noch irgendeinen anderen.« »Das wäre ein Fehler von Ihnen. Die Aufgabe der Frau liegt doch eigentlich in der Ehe, und ihr Glück...« »Kennen Sie Ibsens >Nora» Oje!« Er spielte den Entsetzten. »Sie gehören also auch zu den Emanzipierten? Kein Wunder, dass Ihre Mama Sie so streng durch das Lorgnon betrachtet und keine Sekunde aus den Augen lässt!« »Tut sie das?« Stefanie lachte unbekümmert. »Ein Grund mehr, an meinem Prinzip festzuhalten. Ich werde nicht noch einmal mit Ihnen tanzen, Arnold! Aber trösten Sie sich doch — es gibt ja so viele reizende Mädchen hier, die Ihre Galanterien besser zu schätzen wissen werden als ich.« »Nein, Stefanie«, sagte er, »ich werde Ihnen nicht untreu. Wenn Sie mir einen Korb geben, ziehe ich mich zurück.« »In den Schmollwinkel?« »Nicht direkt. Ich habe noch eine Verabredung mit einem Kommilitonen. Ihretwegen hätte ich sie sausenlassen.« »Wie schmeichelhaft«, sagte Stefanie von Stucken lächelnd, »dann hat Ihr Freund also allen Grund, mir dankbar zu sein!« |