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Eine Liebe in Berlin

11.10.15 08:37
Re: Eine Liebe in Berlin
 
regrem патриот
в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 13:34 (regrem)
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Erst als Justus Weigand einen Platz für sich und Clementine gefunden hatte - ganz im Hintergrund des Raumes, auf einem mit rotem Plüsch bezogenen Sofa, wo sie vor dem winzigen Marmortischchen so eng nebeneinander sitzen mussten, dass ihre Knie sich berührten —, wurde ihm klar, dass es ein Missgriff gewesen war, seine Cousine mit ins Café Greiff zu nehmen.
»Du verkehrst wohl häufig hier?« fragte sie und musste husten, weil die verrauchte, verbrauchte Luft sie in der Kehle kitzelte.
»Nicht allzu oft.«
Eine hochgewachsene junge Frau drängte sich hinter einem Herrn im Frackmantel durch die Tische. Ihr dickes Haar, in das zahllose Löckchen gebrannt waren, wirkte wie eine Perücke. Das Gesicht war geschminkt, die Lippen rot gefärbt, die Brauen zu schwarzen Balken nachgezogen und die Wangen gepudert. Dennoch vermochten ihr auch diese knalligen Farben nicht den Anschein von Gesundheit zu geben. Ihre Wangen waren hohl, die nackten Schultern erschreckend mager; sie wirkte ausgezehrt.
Sie winkte Justus Weigand lächelnd zu und zeigte lange, gelbe Zähne, »'n Abend, Doktorchen!«
»Guten Abend, Lilly!«
»Haben Sie heute mal Ihr Fräulein Braut mitgebracht?« Lilly blieb stehen.
Justus Weigand hievte sich mühsam hoch, verbeugte sich. »Ein frohes neues Jahr, Lilly«, sagte er, »und alles, was du dir wünschst!«
»Sieht nicht so aus, als wenn ich es bekommen würde«, entgegnete die junge Frau. »Aber man nimmt sich eben, was man kriegen kann.«
»Übertreib's nur nicht«, sagte Justus Weigand, »pass auf dich auf!«
»Wenn das was nützen würde!« Lilly reichte Clementine die Hand.
Clementine tat so, als bemerkte sie es nicht. Sie sah blicklos geradeaus. Ihre Nasenflügel blähten sich.
Einen quälenden Augenblick lang hing Lillys Hand in der Luft. Dann griff Justus Weigand zu, ganz fest; er zog Lilly an sich, küsste sie auf beide Wangen. »Ich wünsche dir alles Gute, du weißt es!«
»Dank dir, Doktorchen!« Lillys Stimme klang belegt, sie wandte sich rasch ab, eilte zum Ausgang hin, ihrem Kavalier nach.
Justus Weigand zog sich das Jackett glatt und setzte sich. »Das war sehr unnötig, Clementine.«
Sie neigte ihm ihr Gesicht zu. »Dass du diese Person geküsst hast?«
»Ich musste das tun, um die Beleidigung wettzumachen, die du ihr zufügtest.«
»Wie edel von dir«, sagte sie verletzt.
Er erhob sich abermals. »Ich glaube, es ist besser, ich bringe dich jetzt nach Hause.«
Sie machte keine Anstalten, seinem Beispiel zu folgen. »Aber warum?« rief sie und klammerte sich mit beiden Händen an das Tischchen, als müsste sie befürchten, dass er sie losreißen werde.
»Weil ich den Eindruck habe, dass es dir hier nicht gefällt.«
»Ich finde es sonderbar«, sagte sie, »dass du in solchen Lokalen verkehrst. Aber gerade deshalb möchte ich noch nicht fort, ich möchte wissen, wie es hier zugeht.«
Es lag ihm auf der Zunge, ihr zu sagen, dass er keine Aufpasserin brauche, aber er wollte sie nicht unnötig verletzen. »Also gut«, fragte er beherrscht, »was möchtest du trinken?« Er winkte stehend, über die Köpfe der anderen Gäste hinweg, einen Kellner herbei.
»Was du willst«, sagte sie mit einer Willfährigkeit, die nicht sanft, sondern hartnäckig wirkte.
Er überschlug im Kopf ganz schnell seine Barschaft. Die Droschkenfahrt, mit der er nicht gerechnet hatte, war teuer, gewesen. Wenn er allein gewesen wäre, hätte er sich mit einem Glas Bier begnügt. Eine Flasche Wein? Nein, so üppig hatte er es bestimmt nicht.
»Zwei Gläser Punsch, Herr Ober«, bestellte er.
Der Kellner war ein graugesichtiger, plattfüßiger und abgehetzter, aber keineswegs abgestumpfter Mann. Er warf einen abschätzenden Blick auf Clementine und sagte: »Sofort, Herr Doktor!«
Clementine saß kerzengerade, mit wachen Augen. »Jeder scheint dich hier zu kennen«, sagte sie.
»Das kommt dir nur so vor.«
Justus Weigand überlegte, wie er ihr begreiflich machen sollte, dass im Café Greiffein sehr gemischtes Publikum verkehrte und die Leute nur in ganz loser Beziehung zueinander standen. »Der Ober kennt mich überhaupt nicht«, sagte er, »er schätzt mich nur als Student ein, deshalb nennt er mich Doktor.«
»Und diese Person? Diese Lilly?«
»Sie ist krank«, sagte er kurz angebunden, »schwer krank.« Und da jeder im Café Greiff um Lillys Erkrankung wusste und er keineswegs ein Geheimnis verriet, wenn er sie beim Namen nannte, fügte er hinzu: »Tuberkulose.«
Der eigensinnige Zug um Clementines Mund entspannte sich. »Schwindsucht?« fragte sie.
Er nickte.
»Ist sie deine Patientin?«
»Ich bin kein Arzt«, sagte er, »deshalb kann ich auch noch keine Patientin haben. Aber sie hat mich einmal um Rat gebeten.«
»Und... konntest du ihr. helfen?«
»Wie denn? Wir wissen, was ihr gut tun würde... reine Luft Sonne, Wärme, kräftige Nahrung, am besten ein Aufenthalt in der Schweiz. Aber wie soll sie sich das leisten? Und dann... Heilung kann ihr trotzdem niemand garantieren.«
Der Ober brachte die beiden Teegläser mit glühendem Punsch.
»Wohl bekomm's, Herr Doktor!«
Justus Weigand angelte in seiner Westentasche nach Geld, drückte es ihm in die Hand. Er hatte nicht mehr die Absicht, auf Arnold Scheer zu warten, es lag ihm viel mehr daran, das Zusammensein mit Clementine so bald wie möglich zu beenden.
»Ich bin müde«, erklärte er, »und außerdem habe ich Frau Thielemann versprochen, dich nicht zu spät nach Hause zu bringen.«
Sie senkte den Kopf mit den schweren dunklen Flechten. »Es tut mir leid, dass ich nicht freundlicher war.«
»Ja, das war nicht nett.«
Sofort brauste sie auf. »Ich habe mich entschuldigt! Hör also auf, mir Vorwürfe zu machen!«
»Aber, Clementine...«
»Du selber hast gesagt«, sie dämpfte ihre Stimme, weil sie merkte, dass die Um sitzenden auf sie aufmerksam wurden, »dass Krankheit und Gesundheit nichts mit gut und schlecht zu tun haben, nicht wahr, das hast du doch gesagt?«
Er versuchte einen Schluck Punsch zu nehmen, ließ jedoch das dampfende Glas wieder sinken, bevor seine Lippen den Rand berührt hatten; er fürchtete, sich zu verbrennen. »Ja, und dabei bleibe ich!«
»Dann besteht aber doch auch kein Grund, einen Menschen hochzuschätzen, nur weil er krank ist. Durch Krankheit wird doch niemand besser.«
Er sah sie wortlos an. Seine Augen waren dunkelblau, mit dichten, kurzen Wimpern gesäumt.
»Nun - antworte doch.« Sie hielt seinem Blick stand. »Habe ich denn etwas so Dummes gesagt?«
»Du bist ein schwieriges Mädchen.«
»Verstehst du denn nicht?« Sie beugte sich vor, hätte beinahe nach seiner Hand gegriffen, unterließ es dann jedoch. »Ich möchte so gerne, dass zwischen uns Klarheit herrscht. Dass wir die Dinge vom gleichen Standpunkt aus sehen. Das wäre doch wichtig. Ich könnte ja auch heucheln, dir nach dem Munde reden. Aber das brächte uns nicht weiter.«
»Ich erkenne es an, dass du mir nichts vormachst«, sagte er lahm.
»Früher«, erinnerte sie ihn, »da haben wir uns doch auch gestritten, weißt du noch? Aber da hast du dir die Mühe gegeben, mich von deiner Ansicht zu überzeugen. Und du hast dir angehört, was ich zu sagen hatte, und nicht alles gleich von Anfang an abgelehnt.«
»Clementine«, sagte er, »wir sind älter geworden seitdem. Es scheint mir sinnlos, über Erkenntnisse zu streiten, deren ich ganz sicher bin. Wenn du es genau wissen willst... ich möchte mich überhaupt nicht streiten. Jedenfalls nicht mit Menschen, die mir nahestehen.«
»Stehe ich dir denn nahe?« fragte sie drängend.
»Natürlich tust du das.«
Sie ließ die Schultern sinken, streifte endlich ihr Umschlagtuch ab. »Ach Justus«, sagte sie, »du musst mich für sehr dumm halten.«
»Nein«, sagte er, »nur für sehr dickköpfig. Aber das warst du ja immer schon.« Er hob sein Glas. »Also trinken wir... worauf?«
»Auf unsere Zukunft«, sagte sie.
»Einverstanden! Auf die Zukunft!«
Sie nahm einen kräftigen Schluck, und ihre braunen Wangen begannen zu glühen. »Vielleicht kommt alles nur daher«, sagte sie, »dass ich eine Provinzlerin bin. Bevor ich nach Berlin kam, hatte ich noch nie — wirklich noch nie, Justus — Frauen gesehen, die sich schminken. Oder gar welche, die rauchen!« Sie beugte sich vor, flüsterte dicht an seinem Ohr: »Lach mich nicht wieder aus, bitte, sondern sag mir ganz ehrlich: Damen sind das hier doch nicht?«
»Nein«, sagte er, »da hast du recht. Es war mein Fehler, dich hierher mitzunehmen. Aber wenn man immer allein oder unter Männern lebt, dann vergisst man, solche Dinge zu bedenken.«
»Macht ja nichts.« Sie lächelte und trank. »Ich finde es hochinteressant.«
Er war erleichtert, weil sie sich anscheinend entschlossen hatte, es ihm nicht mehr so schwer zu machen. »Immerhin«, sagte er, »du bist nicht die einzige anständige Frau hier. Sieh mal da drüben hin, aber unauffällig, bitte. Dort drüben, in die Ecke.«
Sie folgte der Richtung seiner Augen, aber dann lächelte sie nicht, wie er erwartet hatte, sondern presste die Lippen zusammen.
»Was ist denn nun schon wieder?« fragte er, jetzt wirklich ärgerlich. »Die Kleine ist nicht geschminkt, nicht aufgedonnert, sie raucht nicht, ihr Kleid ist bis zum Hals geschlossen, sie hat sich nicht einmal die Haare gebrannt...«
Clementine unterbrach ihn. »Sie ist höchstens sechzehn Jahre, Justus. Sag jetzt bitte nicht: Na und? Ein sechzehnjähriges Mädchen gehört nicht in ein solches Lokal, schon gar nicht nach Mitternacht und noch weniger in Begleitung eines jungen Herrn.«
Er musste sich eingestehen, dass sie recht hatte, und das ärgerte ihn mehr, viel mehr, als wenn ihr Widerspruch unbegründet gewesen wäre. Was war ihm nur eingefallen, sie ausgerechnet auf dieses junge Paar aufmerksam zu machen, dessen Glück doch offensichtlich nicht in den Rahmen der Gesellschaft passte.
»Wäre es dir lieber, wenn die Kleine allein hier wäre?« fragte er gereizt.
Clementine war nicht bereit zurückzustecken. »Du weißt genau, was ich meine.«
Das Mädchen war sehr jung und sehr hübsch, rührend hübsch mit den himmelblauen Augen und dem feuerroten, glatt gescheitelten Haar. Ihr Gesicht war pausbäckig, die Figur noch ungeformt und etwas zu füllig, und die Hände mit den kurz geschnittenen Nägeln waren kräftig, beinahe plump. Aber vielleicht wirkte sie gerade dadurch so frisch und jung und so ungemein reizvoll. Ihr Kleid war einfach geschnitten, aus dunklem Baumwollstoff, mit glatter Taille und angekraustem Rock, wie es die Mädchen und Frauen aus dem Volk zu tragen pflegten.
Ihr Begleiter, ein junger Mann mit schmalem Gesicht, einem blonden Bärtchen, langen, gepflegten Händen und einem tadellos geschnittenen grauen Anzug, gehörte ganz offensichtlich einer anderen Gesellschaftsklasse an.
Beide merkten nicht, dass sie beobachtet wurden. Sie hatten nur Augen füreinander, steckten die Köpfe dicht zusammen und waren ganz in ihr Gespräch vertieft.
Jetzt nahm der junge Mann die breite Hand des Mädchens, küsste jeden einzelnen ihrer Finger, einen nach dem anderen. Sie errötete vor Glück, sah aus, als wenn sie ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre.
»Auf alle Fälle sind sie sehr verliebt«, versuchte Justus Weigand seinen unhaltbaren Standpunkt zu verteidigen, »und glücklich. Warum willst du ihnen das nicht gönnen?«
»Weil die Kleine, die dir so gut gefällt, dieses Glück mit Schmerzen und Tränen wird bezahlen müssen«, sagte sie hart.
»Seit wann bist du unter die Hellseherinnen gegangen?«
»Ich habe nicht viel Lebenserfahrung oder Menschenkenntnis«, sagte sie, »aber in diesem Fall genügt es, wenn man zwei und zwei zusammenzählen kann. Im Übrigen glaube ich, dass du das genauso gut weißt wie ich. Du widersprichst mir nur, weil du nicht zugeben kannst, dass du im Unrecht bist.«
Er lachte auf. »Damit wären wir quitt.«
Sie stimmte in sein Lachen ein.
»So gefällst du mir«, sagte er, »du solltest nur wissen, um wieviel hübscher du bist, wenn du lachst.«
»Ich bin eine alte Rechthaberin, das weiß ich«, sagte sie reuevoll, »aber du, Justus, bist auch nicht viel besser. Da zanken wir uns über wildfremde Leute, dabei hätten wir so viel über uns selber zu reden gehabt.«
»Das können wir ja noch nachholen«, sagte er und leerte sein Glas. »Wie wäre es, wenn wir uns noch einen Punsch bestellen würden?«
Sie lehnte ohne Koketterie ab. »Nein, wirklich nicht, ich muss jetzt nach Hause. Es wird höchste Zeit für mich.«
»Angst vor der Gnädigen?« neckte er.
»Nein«, erklärte sie, »aber ich muss doch noch nach Rosa sehen.«
»Stimmt.« Er stand auf, kämpfte sich zu seinem Mantel durch, wartete auf sie. »Du musst mich holen, wenn etwas nicht in Ordnung ist, hörst du?« sagte er.
»Ganz sicher«, versprach sie. »Aber die kleine Senta. . .«
Er drückte ihren Arm. »Wir wollten doch nicht mehr über andere Leute reden, dachte ich...?«
Sie verließen das Café Greiff und traten auf die Straße.
Arm in Arm und im Gleichschritt setzten sich Justus und Clementine in Richtung Unter den Linden in Bewegung.
»Es war trotz allem ein schöner Abend«, sagte sie, »findest du nicht auch?«
»Er wird uns beiden bestimmt unvergesslich bleiben.« Er schwieg eine Weile, dann spann er den Faden weiter. »Vielleicht werden wir uns später als uralte Leutchen treffen und sagen: »Erinnerst du dich noch, Silvester neunzehnhundert<...«
Ihre Gedanken bewegten sich auf anderen Pfaden. »Ich weiß natürlich, dass du noch nicht so bald heiraten kannst«, sagte sie.
»In absehbarer Zeit bestimmt nicht.« Erst als ihm die Antwort schon herausgerutscht war, wurde er hellhörig.
»Das ist nicht schlimm«, sagte sie, »ich kann warten.«
Er war auf der Hut. »Das verlangt niemand von dir.«
»Aber das macht mir nichts aus, verstehst du? Nicht das geringste. Ich habe ja zu tun. Und vielleicht ist es auch ganz gut, wenn ich mir noch etwas spare.«
»Clementine...« setzte er an. Aber dann wusste er nicht, was er weiter sagen sollte; er wollte ihr weder Hoffnungen machen noch sie vor den Kopf stoßen.
»Du weißt ja, dass ich ein bisschen Geld habe«, fuhr sie fort, »das Erbteil meiner Eltern. Das würde wahrscheinlich zur Eröffnung einer Praxis reichen, aber natürlich weiß ich nicht genau, wieviel so etwas kostet.«
»Clementine«, sagte er, »ich möchte weder eine Praxis eröffnen noch Geld von dir annehmen.«
»Sei nicht dumm! Einmal wirst du es ja doch tun. Und was könnte ich Besseres mit meinem Geld anfangen?«
Er holte tief Atem. »Jetzt hör mal zu, Tina. Wenn ich Glück habe, kriege ich nach der Promotion eine Assistentenstelle bei Professor Hübner. Dann kann ich mich Forschungsaufgaben widmen und auf meine Habilitation hinarbeiten.«
»Du willst Professor werden?« Clementines Stimme war voller Ehrfurcht.
»Ja«, sagte er ungeduldig. »Vielleicht. Aber das ist nicht das Wichtigste. Ich werde die Arbeit tun können, die mir liegt und die voller Möglichkeiten ist. Es gibt da unheimlich viel zu tun. Wir haben ja heute Abend schon davon gesprochen. Der Erreger der Syphilis muss entdeckt, ein Heilmittel gegen Tuberkulose gefunden werden, das sind nur zwei Aufgaben von vielen. Tausende von Jahren hat die Menschheit sich nicht zu helfen gewusst, aber jetzt liegen die Lösungen sozusagen in der Luft. Pass einmal auf...«
Clementine war eine gute Zuhörerin, sie stellte interessierte Zwischenfragen und verschlang jedes seiner Worte. So kam es, dass er den ganzen Heimweg, der sie über Unter den Linden, Pariser Platz und Tiergartenstraße führte, von seinen Zukunftsplänen und von seiner Dissertation erzählte.
Er redete immer noch, als sie die Villa in der Von-der-Heydt-Straße bereits erreicht hatten. Das Treppenhaus war erleuchtet.
»Oje«, sagte Clementine, »die Herrschaften sind schon nach Hause gekommen.«
»Ist das schlimm?« fragte er.
»Nein, gar nicht. Ich werde mich leise wie ein Mäuschen über die Hintertreppe hinaufschleichen.«
»Kannst du mir nicht ein Zeichen geben, ob es Rosa besser geht?«
»Doch«, versprach Clementine, »das werde ich tun. Siehst du das kleine runde Fenster, ganz oben, in der Mitte? Nein, das sieht man jetzt in der Finsternis nicht. Aber wenn ich eine Kerze von innen davorhalte, wirst du es merken. Ich decke sie mit der Hand ab, blende dreimal auf, dann weißt du, dass es Rosa gut geht.«
»Und wenn nicht? Du musst ihr unbedingt die Temperatur messen! Falls sie gestiegen ist.. .«
»... komme ich wieder 'runter und hol' dich.«
Justus Weigand blieb zurück, und sein Unbehagen wuchs mit jeder Minute, die verstrich. Der Gedanke, noch ein zweites Mal in dieser Nacht die Hintertreppe hinaufschleichen zu müssen, war für ihn beklemmend. Er hasste Heimlichkeiten.
Justus Weigand begann, die Augen auf die Mansarde gerichtet, mit kurzen Schritten auf und ab zu gehen.
Was für ein Wahnsinn war das alles! Warum hatte er nicht darauf bestanden, dass Clementine ihn diesmal durch die Vordertür einließ? Jetzt, da das Kind auf der Welt war, brauchte Rosa Janowitz ja nichts mehr zu befürchten. Thielemanns durften doch wissen, dass sie krank war, sie würden sie nicht ohne weiteres auf die Straße setzen, und selbst wenn sie so hartherzig sein sollten, konnte man doch nicht von ihm, Justus Weigand, verlangen, dass er sich Rosas wegen einer solchen Situation auslieferte.
Er drehte sich auf dem Absatz um und ging auf die Villa zu, entschlossen, zu läuten und damit selbst die Initiative in die Hand zu nehmen. Da sah er oben, im Giebel des Hauses, ein Licht erscheinen. Es verdunkelte sich, blendete auf, verdunkelte sich wieder...
Justus Weigand wartete nicht mehr länger. Das Signal konnte nichts anderes bedeuten, als dass die schwere Geburt bei Rosa ohne bedrohliche Nachwirkungen geblieben war.
Er atmete auf, ungeheuer erleichtert, und schritt davon, aus der Dunkelheit des noch wenig bebauten Geländes hinaus auf die Tiergartenstraße zu, wo in hellerleuchteten Villen die Nacht des Jahrhunderts gefeiert wurde.

 

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