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Eine Liebe in Berlin
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в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 13:35 (regrem)
Dorothee Thielemann lag in dem hohen, reichgeschnitzten Doppelbett unter dem vielfach gerafften Himmel aus rosa und weißer Seide. Sie hatte die Decke bis zur Kinnspitze gezogen. Es war sehr warm im Zimmer. Die Fenster waren geschlossen, die dunkelroten, schweren Vorhänge zugezogen, und in dem mächtigen Kamin aus poliertem Marmor züngelten aus Hunderten winziger Löcher blaue Gasflammen und leckten über die imitierten Holzscheite, mächtige, scheinbar bemooste und verwitterte Eichenklötze. Dennoch zitterte sie am ganzen Leib. Ihre Wangenmuskeln schmerzten in der krampfartigen Anstrengung, das Klappern ihrer Zähne zu unterdrücken. Ihr magerer Körper in dem weißen bestickten Nachthemd war eiskalt. Sie hielt die Augen geschlossen. Ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Dann spürte sie das leise Surren des Aufzuges und hörte eine Tür. Aber erst Minuten später, in denen sich nichts mehr rührte, wagte sie durch die Wimpern zu blinzeln. Sie war allein im Schlafzimmer. Otto Thielemann war gegangen. Nur seine Kleidungsstücke, achtlos über einen der Sessel geworfen, teilweise zu Boden gefallen, verrieten, dass er sich hier ausgezogen hatte. Otto Thielemann war, wie jeden Abend, noch im Schlafrock ins Erdgeschoß hinuntergegangen, um die Lichter zu löschen und sich zu vergewissern, dass Türen und Fenster geschlossen waren. Meist war dieser Gang, das wusste sie, nur ein Vorwand, um in der Bibliothek noch eine Zigarre zu rauchen und Cognac zu trinken; meist kam er erst wieder herauf, wenn sie schon eingeschlafen war. Manchmal aber kehrte er gleich zurück, und dann geschah das, was ihre Mutter ihr vor der Ehe als »etwas Peinliches, aber Unumgängliches« angedeutet hatte. Nie, niemals würde sie den Schock jener ersten Nacht vergessen, als ihr junger Gatte, den sie bisher nur als einen höflichen, zurückhaltenden und wohlerzogenen Kavalier gekannt hatte, sich in ein keuchendes, schwitzendes, übelriechendes Tier verwandelte, das sich auf sie stürzte und ihr etwas Schmerzhaftes und ganz Abscheuliches antat. Sie hatte sich ihrer Mutter anvertrauen wollen, aber sie befanden sich, als es geschah, auf der Hochzeitsreise, in Paris, und es war ihr unmöglich, das zu Papier zu bringen. Erst drei Wochen später fuhren sie in die Heimat zurück, und da hatte sich das Grässliche schon so oft wiederholt, dass ein Gefühl tiefer Scham und Entwürdigung sie zum Schweigen zwang. Erst viel später erkannte Frau Dorothee Thielemann, dass ihre Mutter sehr wohl gewusst hatte, welchen Häuslichkeiten sie sie auslieferte, als sie in die Heirat mit Otto Thielemann einwilligte. Sie wollte nachträglich weder ein Bekenntnis noch eine Klage hören. Seitdem war auch diese Brücke zerbrochen, Liebe und kindlicher Gehorsam schlugen in Hass um. Dann hörte sie plötzlich Schritte auf der Treppe, und das Zittern war wieder da. Otto Thielemann trat ein, seine Pantoffeln schlurften über den Teppich. Sie wusste, dass er jetzt auf sie zukam, näher und näher. Durch die geschlossenen Lider glaubte sie sein Gesicht zu sehen, die geröteten Augäpfel, das faunische Grinsen um die feuchten Lippen und die gesträubten Schnurrbarthaare. Nein, flehte sie innerlich, nicht schon wieder! Nicht heute! Nicht in dieser Nacht! Aber da fühlte sie schon das lastende Gewicht seines Körpers neben sich auf der Bettkante, das Gestell ächzte, eine Wolke von süßlichem Alkohol, kaltem Zigarrenrauch und beißendem Schweiß drang auf sie ein. »Na, Mausi«, sagte er, »du schläfst doch noch nicht?« Sie suchte nach irgendeiner glaubhaften Entschuldigung, mit der sie sich von ihm hätte befreien können, aber ihr Hirn war leer; ihr fiel nichts ein. Sie stellte sich tot wie ein Tierchen, das von der Meute verfolgt und aufgestöbert worden ist. Sie lag bewegungslos, nur die Wimpern über ihren fest geschlossenen Augen flatterten. »So schnell«, sagte er, »kann doch meine Mausi nicht eingeschlafen sein!« Seine Hände mit dem dichten, krausen Haarflaum, der vom Handrücken aus wie die Beine einer schwarzen Spinne zu den Kuppen hinauf verlief, zerrten an der seidenen Decke. Jetzt musste sie etwas tun, musste sich wehren; sie flüsterte: »Bitte, Otto, nicht. Ich bin sehr müde.« Er beugte sein Gesicht näher zu ihr herab, der Dunst von Alkohol, Rauch und Schweiß wurde betäubend. »Ich werde dich schon wachkriegen, Mausi.« »Der Kopf tut mir so weh!« »Wozu brauchen wir denn den Kopf?« Er riss ihr mit einem Ruck die Decke vom Leibe. Obwohl ihr langes seidenes Nachthemd sie völlig bedeckte — es war am Hals und an den Gelenken mit schmalen Bündchen geschlossen und reichte bis zu den Füßen —, kreuzte sie schützend die Arme über der Brust. Er lachte, legte eine Hand in ihren Nacken; seine feuchten, heißen Lippen berührten ihren eiskalten Mund. Die andere Hand öffnete die Schleife und nestelte an den winzigen Perlmuttknöpfen ihres Hemdes. Ihr Körper erstarrte. Seine glühende Hand schob sich in den Ausschnitt, ertastete ihre Brust. Dorothee lag steif, bewegungslos und fast ohne zu atmen. Seine starken Finger pressten ihren Nacken und zerrten an ihrem Haar. »Sieh mich an!« brüllte er. Sie öffnete die Augen, übergroße, erschrockene Augen, sah sein verzerrtes Gesicht, wurde sich jetzt erst bewusst, dass es hell im Zimmer war und dass er angefangen hatte, ihr das Nachthemd von den Schultern zu reißen und ihr Fleisch zu entblößen. Sie schrie auf. »Mach das Licht aus!« Seine Augen hatten sich zu Schlitzen verengt; es war ihr, als weidete er sich an ihrer Qual. »Wirst du mir dann gehorchen?« Er zerrte weiter an ihrem Gewand. »Wirst du ganz lieb zu mir sein?« Seine grausamen Finger hatten brennende Streifen auf ihrer hellen Haut hinterlassen. »Ja«, schrie sie, »Ja! Nur, bitte, bitte, mach finster!« Als er sie losließ, schlug sie die Hände vor das Gesicht. Er löschte die Lichter, kam zurück, warf seinen schweren, schwitzenden Körper auf sie, und sie wehrte sich nicht. Er nahm sie in der Finsternis, und sie ließ es mit sich geschehen, ohne einen Laut, ohne eine Bewegung. |