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Eine Liebe in Berlin
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в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 14:37 (regrem)
Justus Weigand nahm sich nicht die Zeit, sein möbliertes Zimmer bei der Witwe Göbern aufzusuchen und sich umzuziehen. Er fuhr mit der Straßenbahn — zähneklappernd, denn der Wagen war ungeheizt, und es zog durch Fenster und Türen — bis Oranienburger Tor und eilte von dort aus geradewegs zur Charité. Er holte mit Riesenschritten aus, denn es drängte ihn, das kleine Menschenkind wiederzusehen, dem er unter so dramatischen Umständen in die Welt verholfen hatte. Zwei Diakonissen waren damit beschäftigt, die kranken Kinder auf Wagen zu packen; sie sollten zu ihren Müttern oder Ammen gebracht werden. Oberschwester Klara, die Schwester Margarethe abgelöst hatte, führte die Aufsicht und gab Anweisungen. Sie war an die dreißig Jahre alt, ihre fraulichen Reize waren, falls sie je über solche hatte verfügen können, längst verblüht. Trotzdem oder gerade deshalb spielte sie den Ärzten gegenüber die Kindliche und gab sich gerne neckisch. »Oh, Herr Doktor!« rief sie, als sie Justus Weigands Anwesenheit gewahr wurde. »Ich bin ja so froh! Gerade noch habe ich überlegt, ob wir Ihr Töchterchen mit zu der Mütterstation nehmen sollen oder ob... also ohne jede Anweisung war ich wirklich ganz ratlos. Sie ist ja so niedlich, die Kleine, ein ganz, ganz entzückendes Kind!« Justus Weigand, der drauf und dran gewesen war, die Dinge richtigzustellen und die Mystifikation aufzuklären, brachte es, so direkt als Vater angesprochen, nicht mehr über sich. Ohne sich über sein Motiv Rechenschaft zu geben, schreckte er davor zurück, die kleine Senta bloßzustellen. »Und wie war die Nacht?« fragte er stattdessen nur. »Sie hat ganz, ganz ruhig geschlafen!« erklärte Schwester Klara eifrig. »Ich habe sie um sechs Uhr frisch gewickelt. persönlich natürlich, denn ich könnte doch niemandem die Verantwortung für Herrn Doktors Töchterchen überlassen ...« Die beiden Diakonissen, die bisher sehr beschäftigt getan hatten, obwohl ihnen anzumerken gewesen war, dass sie mit gespitzten Ohren auf jedes Wort zwischen Oberschwester Klara und Justus Weigand lauschten, blickten ihn jetzt großäugig an und kicherten unterdrückt. Schwester Klara scheuchte sie hinaus, und sie schoben ihren bepackten Wagen davon. Justus Weigand trat zu dem Bett der kleinen Senta. Sie lag auf dem Rücken, die Fäustchen neben dem Kopf geballt, das Gesichtchen rot angelaufen, und um die Mundwinkel zuckte es. »Aber, aber, Senta, mein Liebling«, sagte er, »du wirst doch nicht weinen! Ein so schönes kleines Mädchen hat doch allen Grund zu lachen. Ja, lachen sollst du... ha, ha, ha... und kein Schnütchen ziehen!« Er wusste natürlich, dass das Kind ihn nicht verstehen, noch weniger lächeln oder gar lachen konnte. Aber seine Stimme schien eine beruhigende Wirkung zu haben. Die Augen der Kleinen trockneten, die Röte wich, und sogar die Lippen zitterten nicht mehr. Niemand war über diesen Erfolg überraschter als er selbst; er konnte ihn nicht für puren Zufall halten. Die Oberschwester war hinter ihm an das Bettchen getreten. »Sie versteht Sie!« rief sie und klatschte in die Hände. »Nein, das ist ja ein richtiges Wunderkind... sie versteht Sie!« Bei dem lauten Händeklatschen war Senta leicht zusammengezuckt. »Sieht ganz so aus, als könnte sie wirklich schon Laute wahrnehmen und unterscheiden«, sagte Justus Weigand so nüchtern wie nur möglich. »Allerhand. Sind Ihnen sonst irgendwelche Besonderheiten aufgefallen, Schwester?« »In den Windeln war ein wenig Kindspech, wenn Sie das meinen...« »Ich möchte die Kleine gerne noch einmal gründlich untersuchen«, sagte Justus Weigand, »aber...« Er zog seinen Chapeau claque unter dem Arm hervor, ließ ihn mit einem beziehungsvollen Lächeln aufspringen. »... ich bin ganz und gar nicht vorbereitet. Diese Nacht...« »Oh, ich verstehe, ich verstehe völlig!« rief Oberschwester Klara auf ihre lebhafte, gezierte Art. »Ich werde Ihnen ein Stethoskop des Herrn Professors besorgen...« »Sehr liebenswürdig. Aber erst einmal hätte ich gerne heißes Wasser, damit ich mir die Hände waschen kann.« Er zog Paletot und Jackett aus, und Schwester Klara nahm die Kleidungsstücke in Empfang und versorgte sie hinter einem Vorhang. Er wusch und bürstete sich gründlich Hände und Fingernägel, während die kleine Senta nun, ohne seinen besänftigenden Zuspruch, erst leise, dann immer lauter zu weinen und schließlich fordernd zu brüllen anfing. Justus Weigand nahm das Geschrei als ein Zeichen von Kraft und Gesundheit, und es war seinem Herzen angenehm. »Scheint Hunger zu haben, was, Oberschwester?« sagte er. »Wie wäre es, wenn Sie ihr ein Fläschchen machen würden? Kuhmilch mit abgekochtem Haferschleim, zur Hälfte verdünnt ...« Schwester Klara reichte ihm ein Handtuch. Außerstande, ihre Neugier länger zu bezähmen, fragte sie: »Die Mutter ist wohl... sie will wohl nicht... sie kann nicht...« »Lassen wir doch, bitte, die Mutter aus dem Spiel«, sagte er beschwörend und wandte rasch sein Gesicht ab, weil der mitfühlende und verständnisvolle Blick der Oberschwester ihn zum Lachen reizte. »Ja, natürlich, ganz wie Sie wollen, Herr Doktor«, versicherte sie hastig, »aber ich möchte Ihnen doch versichern, dass ich... dass wir alle... also, Sie und das arme Kleine tun uns so leid, Herr Doktor!« »Das ist sehr lieb von Ihnen«, erwiderte er würdevoll, »aber so ist es nun einmal. Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen.« Er trat wieder an Sentas Bettchen, sprach auf sie ein, und als es ihm gelang, die Mauer von Tönen, die sie um sich aufgebaut hatte, zu durchdringen, wiederholte sich das Wunder - Senta beruhigte sich, ihr Geschrei klang ab, sie schluchzte noch ein paarmal stoßweise, wurde dann still. »So ist's recht, mein Schätzchen«, sagte er, begeistert über seinen Erfolg, den er seinen und Sentas außergewöhnlichen Fähigkeiten zuschrieb, »Jetzt werden wir mal sehen, was du sonst noch alles kannst, außer schreien und zuhören!« »Ob man ihr nicht doch«, schlug Schwester Klara vor, »eine Amme geben sollte?« Justus Weigand zögerte mit der Antwort. »Nein«, sagte er dann, »ich möchte Professor Hübners Ernährungstheorie einmal ganz konsequent in die Tat umsetzen.« »Ein Experiment also?« Oberschwester Klara schloss und öffnete nervös die Finger. »Mit Ihrer eigenen Tochter?« fragte sie, ohne ihn anzusehen, und sprach so seine eigenen geheimen Bedenken aus. Dennoch antwortete er: »Wenn wir selber kein Vertrauen zu den Ergebnissen unserer Forschungen haben, wie können wir es dann von Fremden erwarten?« Aber das war nicht oder doch nicht allein der Grund für seine Anordnungen. Tatsächlich empfand er es als geradezu abstoßend, wenn er sich seine Senta an der dicken drallen Brust einer dieser vulgären, im Überfluss Milch spendenden Frauen vorstellte. »Nein«, sagte er, »tun Sie, was ich Ihnen sage, machen Sie ihr ein Fläschchen zurecht. Sagen wir, zwanzig Gramm für die erste Mahlzeit, das sollte genügen.« Er legte das Kindchen auf den Wickeltisch, pellte es aus den Tüchern, aus dem Hemdchen und Jäckchen, untersuchte noch einmal jedes einzelne der kleinen Glieder und fand alles tadellos. Die Pulsfrequenz betrug hundertdreißig Schläge pro Minute, er zählte im gleichen Zeitraum fünfundvierzig Atemzüge und horchte Lunge und Herz mit dem hölzernen Stethoskop ab, das Oberschwester Klara ihm gereicht hatte. Er erneuerte den Verband um den Nabel, der schon abzutrocknen begann. Bei allem, was er tat, redete er ununterbrochen zärtlich und liebevoll auf das kleine Wesen ein, lobte und bewunderte es. Er ließ es sich auch nicht nehmen, Senta das erste Fläschchen selbst zu geben. Als die beiden jungen Diakonissen mit den gebündelten Säuglingen zurückkamen, fanden sie Justus Weigand in Hemdsärmeln. Er hielt das Neugeborene, das als seine Tochter galt, auf dem linken Arm und fütterte es fachgerecht mit dem Fläschchen. Sie konnten gar nicht hingucken, so komisch fanden sie dieses Bild, komisch und rührend zugleich. Danach blieb ihm nichts mehr zu tun, als sie ins Bett zu legen. Die Oberschwester wollte ihm diese Arbeit abnehmen, aber er ließ es nicht zu. Es machte ihm Freude, den winzigen, warmen und so wohlgebildeten Körper zu berühren, und er fühlte ehrliches Bedauern, als er sich von der Kleinen trennen musste. Doch es fiel ihm kein Vorwand ein, sich länger in der Säuglingsstation aufzuhalten. »Vielleicht schaue ich heute Abend noch mal herein«, sagte er beiläufig, als er, wieder in Jackett und Paletot, zur Tür ging; dabei wusste er schon in diesem Augenblick, dass er es ganz bestimmt tun würde. |