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Eine Liebe in Berlin

11.10.15 08:38
Re: Eine Liebe in Berlin
 
regrem патриот
в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 14:38 (regrem)
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Als Justus Weigand den großen See im Tiergarten vor sich auftauchen sah, hatte die Wintersonne fast ihren höchsten Stand erreicht; eine gelbe, leuchtende Scheibe, die die Eisfläche schimmern und die winzigen Kristalle des Schnees, der die Rasenflächen, Büsche und Bäume überpudert hatte,
blitzen und funkeln ließ. Aber sie spendete nur Licht und keine Wärme. Die Luft war sehr kalt, der Himmel fahl, und der Atem bildete kleine, dampfende Wolken.
Justus Weigand schritt, um sich zu erwärmen, kräftig aus; der hartgefrorene Boden knirschte unter seinen Füßen. Er hatte sich umgezogen, trug jetzt eine uralte, an den Knien ausgebeulte, an den Säumen ausgefranste Pepitahose, dazu einen Sweater aus dicker dunkelblauer Wolle, von den fleißigen Händen seiner Mutter — zwei links, zwei rechts — gestrickt. Die Schlittschuhe baumelten ihm an einem geflickten Riemen von der Schulter herab.
Justus Weigand entdeckte Arnold Scheer schon von weitem, aber er war seiner Sache nicht ganz sicher, denn der Freund stand zwei jungen Damen zugewandt, die Justus Weigand nicht einmal vom Sehen kannte. Der breite Rücken in dem eleganten Havelock, die stämmigen Beine, der kurze Hals und der runde blonde Kopf unter der sportlichen Mütze waren ihm vertraut, dennoch fürchtete er, sich zu irren.
Erst als er nahe herangekommen war, drehte Arnold Scheer sich um - suchend oder den bohrenden Blick des Freundes im Nacken spürend -, trat vor und zur Seite und gab damit die Sicht auf die beiden Damen frei.
»Justus, endlich!« rief er. »Ich dachte schon, du hättest verschlafen oder hocktest am Ende schon wieder über deiner Dissertation!«
Justus Weigand sah in diesem Moment nicht das runde, freundliche Gesicht Arnold Scheers und nicht die lächelnd distanzierten Mienen der beiden Damen; seine Augen wurden wie magnetisch von dem Rock der einen von ihnen angezogen, einem weiten, in zahllose Springfalten gelegten Rock aus gutem englischen Tuch, dessen Kürze ihn faszinierte. Der pelzbesetzte Saum schwebte gut dreißig Zentimeter über dem Boden, gab die kleinen geschnürten Stiefelchen frei und darüber hinaus sogar den Ansatz der Waden in den aus feinem Garn gewirkten Strümpfen.
Der junge Mediziner, der sich selbst für durchaus abgebrüht hielt, war schockiert. Er hatte längst gelernt, weibliches Fleisch berufsmäßig zu betasten, zu beklopfen und zu streichen, ohne etwas dabei zu empfinden, aber dies hier war etwas anderes. Dass ein anständiges Mädchen, eine junge Dame, am hellen Tag ohne Not so viel von ihren intimsten Reizen preisgab, empfand er als einen Schlag ins Gesicht.
»Weder — noch«, murmelte er, »du siehst, hier bin ich.« Sein Blick glitt hoch, traf die Augen der jungen Dame; es waren sehr freimütige Augen, hellbraun mit goldenen Punkten nahe der Pupille.
»Darf ich Ihnen meinen Freund und Kommilitonen Justus Weigand vorstellen?« sagte Arnold Scheer formell.
Die junge Dame mit dem kurzen Rock zog ihre Hand aus dem kleinen Bibermuff und reichte sie Justus Weigand.
»Stefanie von Stucken«, machte Arnold Scheer bekannt.
Stefanies Hand war fest und warm, Justus Weigand hätte sie gern länger gehalten; er fühlte sich ärmer, als sie sie zurückzog.
»Lisbeth von Panwitz!« Auch sie bot Justus Weigand die Hand, aber sie tat es so, als koste es sie Überwindung. Es war eine flüchtige, unsichere Berührung, und flüchtig war auch der Blick, mit dem Justus Weigand sie bedachte.
Lisbeth von Panwitz war einen halben Kopf größer als die zierliche Stefanie von Stucken, eine stattliche, eindrucksvolle Erscheinung mit üppigen und dennoch gebändigten Formen, wie sie dem Ideal der Zeit entsprachen. Ihr Gesicht war elfenbeinblass, fein geschnitten und wurde von hellblauen, schmachtenden Augen beherrscht.
Sie sah blendend aus; trotzdem wandte sich Justus Weigands ganzes Interesse sofort wieder Stefanie von Stucken zu, die ihm unvergleichlich reizvoller erschien. Das hellbraune, natürlich gelockte Haar ringelte sich unter dem Bibermützchen hervor, die Kälte hatte einen rosigen Schein auf ihre Wangen gehaucht, und ihre kleinen weißen Zähne schimmerten zwischen den leicht gewölbten Lippen.
»Aber warum stehen wir hier noch herum?« rief sie. »Schnell, ziehen wir die Schlittschuhe an!« Sie erwiderte Justus Weigands Blick ohne Verlegenheit, und als sie die Wimpern senkte, spürte er, dass sie es nicht aus Scheu, sondern nur in Erinnerung an die diversen Ermahnungen ihrer Erzieherinnen tat.
»Darf ich Ihnen helfen, gnädiges Fräulein?« fragte er.
»Das wäre reizend von Ihnen.«
Während die beiden Mädchen vorausgingen, flüsterte Arnold Scheer dem Freund zu: »Das sieht dir ähnlich, alter Junge! Dich darf man wirklich keinem Mädchen vorstellen, auf das man es selber abgesehen hat!«
»Bist du an Fräulein von Stucken interessiert? Dann trete ich selbstverständlich zurück.«
»Im Ernst?«
»Aber ja. Ich habe sowieso keine Zeit für Poussagen.« Er wechselte mit Arnold Scheer den Platz, so dass er jetzt Lisbeth von Panwitz folgte.
Die beiden Mädchen hatten die Bank erreicht, wendeten sich um, und blitzschnell ahmte Stefanie von Stucken das Manöver der beiden Freunde nach, so dass die Paarung wieder die gleiche wurde wie vorher.
»Da kann man nichts machen«, quetschte Arnold Scheer zwischen den Zähnen hervor.
Justus Weigand lachte. Stefanie von Stucken interessierte ihn mehr und mehr. Er hätte gerne gewusst, ob sie den Stellungswechsel absichtlich arrangiert hatte oder ob es Zufall gewesen war; aber der Blick, mit dem sie ihn empfing, war so voller Unschuld, dass er nicht an ihrer Arglosigkeit zweifelte.
Er ließ sich auf dem rechten Knie vor ihr nieder, und seine langen, kräftigen Finger lösten rasch und geschickt die Schleife und die Verschnürungen und zogen das Stiefelchen ab.
Für eine Sekunde hielt er ihren warmen kleinen Fuß in der Hand. »Schlittschuh laufen«, sagte er und blickte zu ihr hoch, »ist eine meiner liebsten Beschäftigungen.« Er freute sich, als er sah, dass sie errötete.
Sie reichte ihm den einen ihrer beiden Schlittschuhstiefel. »Ich treibe für mein Leben gerne Sport«, sagte sie, »Lawn-Tennis und Reiten!«
Er half ihr in den Stiefel hinein. »Sie scheinen eine sehr draufgängerische junge Dame zu sein.«
»Oh, wenn ich ein Junge wäre, würde mir alles noch viel mehr Spaß machen! Wenn Sie wüssten, wie ich meinen Bruder Egon immer beneidet habe! All diese Unbequemlichkeiten, die man als Mädchen in Kauf nehmen muss, diese Ziererei und Koketterie, zu der wir erzogen werden. ..«
Er lächelte zu ihr auf. »Davon«, sagte er, »habe ich bei Ihnen allerdings noch nicht sehr viel bemerkt.«
Sie blickte betroffen. »Habe ich mich schlecht benommen? Mama sagt immer...«
»Aber keineswegs, gnädiges Fräulein«, beruhigte er sie rasch, »ich finde Ihre Offenherzigkeit ganz reizend.«
»Wirklich?«
»Halten Sie mich für einen Schmeichler?«
Sie lachte schon wieder. »Nein, ganz und gar nicht. Sie sehen aus wie... wie ein freier Mann. Ein Mann ohne Vorurteile. Darum waren Sie mir auch von Anfang an sympathisch.«
»Sie überschätzen mich«, sagte er, und obwohl er wusste, dass er damit die Schranken der Konvention sprengte, fügte er hinzu: »Ich selber habe mich noch vor wenigen Minuten bei einem Vorurteil ertappt.«
»Mein Rock schien Ihnen zu kurz«, sagte sie sofort, »ich habe es bemerkt. Wenn Sie es wünschen, werde ich gleich morgen zur Schneiderin laufen und ein Stück ansetzen lassen. Mama wird überglücklich sein, ich habe ihr jeden Zentimeter abringen müssen.«
Er nahm ihren zweiten Fuß. »Dann sollten Sie auch nicht freiwillig auf den errungenen Fortschritt verzichten.«
»Ich täte es ja nur ihnen zuliebe«, sagte sie ernsthaft. »Tatsächlich finde ich diese bodenlangen Röcke einfach blöd und unbequem. Beim Schlittschuhlaufen sind sie ganz unmöglich, man reißt sich alles entzwei und kann schlimm hinschlagen. In Ftan sind wir nur in kurzen Röcken gelaufen.«
»Wo?« fragte er konsterniert.
»In Ftan, das ist ein Dorf in der Schweiz. Dort war ich im Pensionat, und wir haben viel Sport getrieben. Sonst war es aber sehr langweilig, mindestens so langweilig wie zu Hause.«
Sie hatte jetzt beide Schlittschuhstiefel an, und er wollte ihr hochhelfen. Aber sie wehrte ab. »Nein, nein, ich warte, bis Sie soweit sind!«
Arnold Scheer kniete noch immer vor Lisbeth von Pan-witz. Sein Kopf war hochrot angelaufen, nicht etwa vor Verlegenheit, sondern weil das Bücken für ihn eine Plage war.
Stefanie von Stucken beobachtete, wie Justus Weigand sich seine Schlittschuhe unter die Stiefel band; sie waren blitzblank gescheuert und frisch geschärft, aber ausgesprochen altmodisch in der Form. Sie war zu taktvoll, sich darüber lustig zu machen, aber er spürte doch, was sie dachte.
»Fast antik, nicht wahr?« sagte er unbekümmert. »Ich habe sie nämlich bei einem Trödler gekauft. Sie sahen gräulich aus, ich habe sie mir selbst wieder hergerichtet.« Er fuhr wie liebkosend über das blanke Blatt. »Als Junge habe ich immer nur hölzerne . . .«
Sie standen Hand in Hand auf. Noch ehe er die beiden anderen zum Mitkommen auffordern konnte, zog sie ihn schon weiter. »Schnell!« Und zu seinem Ohr hochgereckt, setzte sie hinzu: »Laufen wir ihnen davon!«
»Wird Ihnen Ihre Freundin das nicht übelnehmen?«
»Bestimmt«, gab sie unumwunden zu. »Aber daran bin ich gewöhnt. Lisbeth nimmt dauernd übel. Trotzdem hab ich sie gern und sie mich auch.«
Sie stelzten auf ihren Schlittschuhen den Abhang hinunter und auf das Eis zu.
Als er schwieg, sagte sie: »Sie müssen mich für sehr keck halten, Herr Weigand. Mama sagt mir jeden Tag mindestens zehnmal, dass ich das bin. Aber — ich wäre wirklich lieber mit Ihnen allein.«
Er blieb stehen, lächelte auf sie herunter. »Gnädiges Fräulein, bitte... Sie machen mich ja geradezu verlegen.«
Die kleine blaue Ader an ihrer Schläfe klopfte. »Aber so habe ich es doch nicht gemeint!« rief sie. »Bilden Sie sich nur nichts ein, Sie sind mir völlig gleichgültig!«
»Schade«, sagte er trocken.
»Es ist nur, wenn man zu vieren zusammen ist, dann kommt doch kein richtiges Gespräch auf, nur Neckereien. Und ganz besonders mit Arnold. Er will mich einfach nicht ernst nehmen. Das ist immer so, wenn jemand einen schon als Kind gekannt hat.«
Er hob die Augenbrauen. »Wie lange ist das her?«
»Schon fast zwei Jahre.-Mein Bruder brachte ihn mal nach Hause, bevor ich ins Pensionat kam, und jetzt bin ich ja schon wieder einige Monate zurück.« Sie sagte das in einem Ton, als ob diese kurze Zeit eine Ewigkeit umfasste.
Er ging voraus, blieb stehen, als er das Eis erreichte, half ihr zu sich herunter. »Der Bruder, den Sie so heiß beneiden?«
»Den ich beneidet habe«, sagte sie, »Jetzt nicht mehr. Er ist Offizier geworden.« Obwohl er gar nichts dazu sagte, fuhr sie so heftig fort, als musste sie sich gegen eine unausgesprochene Widerrede verteidigen: »Ich weiß, alle Mädchen schwärmen fürs Militär. Die bunten Uniformen und die blanken Knöpfe, die Verschnürungen und die Orden. Aber ich habe nun mal nichts dafür übrig; vielleicht bin ich wirklich nicht normal. Mir imponiert das ganz und gar nicht.« Sie senkte die Stimme, flüsterte geheimnisvoll: »Wissen Sie, was ich herausbekommen habe? Die meisten Militärs sind dumm.«
Er lachte schallend.
»Finden Sie das so komisch?«
»Nein, ganz und gar nicht. Aber Sie sollten das wirklich nicht laut sagen. Sie wissen doch, das Militär spielt die erste Geige in unserem Staat.«
»Und gerade das finde ich falsch! Die Wissenschaft, zum Beispiel, ist doch viel wichtiger. Gehen Sie auch so gern ins Theater, Herr Weigand?«
»Gewiss«, sagte er, »nur habe ich leider selten das Geld dazu. Ich muss jeden Pfennig zweimal umdrehen, bevor ich ihn ausgebe.«
»Sie sind arm?« rief Stefanie von Stucken ganz bestürzt und fügte, um ihren Fauxpas abzuschwächen, rasch hinzu: »Dann sind Sie mir noch lieber.«
Während dieser lebhaften Unterhaltung glitten sie nebeneinander mit gekreuzten Armen und verschlungenen Händen im gleichen Rhythmus über die Eisfläche, immer weiter vom Ufer weg. Sie waren beide gute Läufer, und nachdem sie sich aufeinander eingestellt hatten, brauchten sie keinen Gedanken an ihre Beine zu verschwenden, genossen die Schnelligkeit der Bewegung und das Gefühl der Körperlosigkeit.
»Diesen Winter«, sagte sie, »habe ich >Rosenmontag< von Hartleben gesehen. Das war einmalig! Mama wollte es erst nicht erlauben, aber ausnahmsweise hat sich mein Bruder für mich eingesetzt, und Papa habe ich recht geschmeichelt, bis er mir seine Zustimmung gegeben hat. Nur leider war es traurig, und ich habe sehr, sehr geweint. Aber es muss auch schön sein, etwas recht Trauriges zu erleben, nicht wahr?«
»Nun, wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich erlebe lieber frohe und gute Dinge«, sagte er, »die traurigen, schlechten kommen ganz von selbst.«
»Ja, weil Sie ein Mann sind. Männer erleben immer etwas. Aber wir Frauen ...« Sie sah ihn sehr ernsthaft an, und ihr zartes Gesicht wirkte kindlicher denn je, »... wir vegetieren einfach so dahin, von einem Tag zum anderen. Wenn uns ein Mann gefällt, dann dürfen wir es ihm nicht zeigen. Wenn wir ein Buch lesen möchten, dann wird es uns bestimmt verboten. So ist es immer.«
Sie runzelte die Stirn und zitierte: »Das ist nichts für ein junges Mädchen... So etwas darfst du gar nicht wissen... Wie kannst du nur solche Fragen stellen!«
»Es ist einfach tragisch, wenn man es recht bedenkt«, sagte er scherzend und hatte dabei doch das Gefühl, dass sie es verdient hätte, sehr ernst genommen zu werden.
»Ach, wenn es das doch wäre! Aber es ist gar nichts. Man verlangt von uns, dass wir mit verbundenen Augen und Ohren durch die Welt gehen. Dann müssen wir einen Mann heiraten, der unseren Eltern gefällt. Und dann müssen wir ihm gehorchen bis ans Lebensende. Ist das denn richtig und gerecht?«
»Ich glaube nicht, dass Ihnen dieses Schicksal blühen wird, gnädiges Fräulein«, behauptete er.
»Nicht?«
»Nein, ganz sicher nicht. Sie sind bestimmt keine von denen, die sich hin und her schieben lassen und den Mund halten.«
»Und stört Sie das?«
Er holte tief Atem. »Ich finde Sie ganz, ganz reizend«, sagte er ehrlich, »und ich bedaure zum ersten mal in meinem Leben...«
Er stockte, denn er erkannte, dass er im Begriff war, zu weit zu gehen.
Sie bohrte sofort nach. »Was bedauern Sie?«
»Dass ich kein reicher Mann bin«, sagte er, und dann, ehe sie auf dieses halbe Geständnis noch etwas erwidern konnte, fragte er rasch: »Wollen wir mal versuchen, ob wir einen Walzer zustande bringen?«
Sie hatten sich einem Drehorgelmann genähert, der mitten auf dem Eis stand, mit den Füßen stampfte, um sich warm zu halten, und dabei einen Walzer von Paul Linke abrollen ließ.
»Oja!« rief sie begeistert.
Er nahm sie in die Arme, zählte: »Eins, zwei, drei...
eins, zwei, drei...« Und dann walzten sie los und vergaßen alles, was sie trennte und bedrückte, waren sich nur ihrer Jugend und der Freude des Beisammenseins bewusst.

 

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