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Eine Liebe in Berlin

11.10.15 08:39
Re: Eine Liebe in Berlin
 
regrem патриот
в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 14:42 (regrem)
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Erst Tage später ergab sich für Justus Weigand eine Gelegenheit, mit Professor Hübner, seinem Doktorvater und Chef der Säuglingsstation in der Charité, über die kleine Senta zu sprechen.
Professor Hübner war ein überaus geschäftiger und lebendiger Herr, wurde von den Studenten geschätzt und bewundert, weil er es verstand, selbst schwierige Theorien auf verständliche Weise zu erklären, und von den Kollegen wegen seiner eigenwilligen Forschungen geachtet, die ihn freilich zugleich in immer neue wissenschaftliche Fehden verwickelten. Er war ständig von Studenten, Hospitanten, Assistenten und ratsuchenden Müttern belagert, und man konnte kaum an ihn herankommen, wenn man nicht einen festen Termin hatte.
Justus Weigand schaffte es trotzdem, weil er es schaffen musste. Die Angst, eines Tages in die Säuglingsstation zu kommen und Senta nicht mehr vorzufinden, trieb ihn zu einer Dreistigkeit, wie sie sonst nicht seiner Art entsprach.
Er erwischte den Professor, als dieser an der Spitze seines Stabes durch den langen Gang im dritten Stock des Hauses fegte, und vertrat ihm den Weg.
»Herr Professor, einen Augenblick, bitte. ..«
Der erste Assistent wollte ihn mit einer Handbewegung beiseiteschieben, aber Justus Weigand leistete Widerstand und rührte sich nicht vom Fleck. Der ganze Zug geriet ins Stocken, und Professor Hübner konnte nicht anders, als von der Anwesenheit seines Doktoranden Kenntnis zu nehmen.
»Eh, Weigand«, sagte er und blinzelte ihn aus seinen grauen, listigen Augen durch die scharfen Gläser seines Zwickers an, »was gibt's? Was wollen Sie?«
»Sehen Sie denn nicht, dass der Herr Professor beschäftigt ist?« fuhr sein Assistent dazwischen.
Justus Weigand, der sich im Brennpunkt der allgemeinen Missbilligung sah, wurde unsicher und bezweifelte, ob es eine gute Idee gewesen war, sich vorzudrängen; sicherlich hätte er besser daran getan, die Dinge auf sich beruhen zu lassen. »Es ist nur... entschuldigen Sie, bitte...« stotterte er.
Der Professor machte eine Bewegung, als ob er weiterstürmen und ihn stehenlassen wollte. Dann aber verhielt er unvermittelt den Schritt. »Ah, ja, Weigand«, sagte er, den Namen betonend, als würde ihm erst jetzt klar, wen er da vor sich hatte. »Ganz gut, dass Sie sich melden. Ich wollte ohnehin schon mit Ihnen sprechen. Warten Sie im Labor auf mich.«
Justus Weigand musste im Labor, zwischen Tiegeln, Flaschen, Phiolen und Bunsenbrennern, mehr als eine halbe Stunde warten und hatte Gelegenheit und Zeit, sich jedes Wort, das er sagen wollte, zurechtzulegen. Endlich stürmte Professor Hübner in seiner gewohnten Lebhaftigkeit herein.
Aber der Professor riss die Führung des Gesprächs sofort an sich, und Justus Weigand kam gar nicht dazu, seine ausgeklügelte Erklärung anzubringen.
»Sie wollen mich wegen Ihrer Tochter sprechen? Nun, ich kann Ihnen versichern, ich habe das Kind gründlich untersucht, es ist völlig gesund, Sie können es noch heute mit nach Hause nehmen.«
»Gerade das«, sagte Justus Weigand, »möchte ich nicht.«
Professor Hübner stieß sein Kinn mit dem sorgfältig gestutzten weißen Kinnbart vor. »Wie soll ich das verstehen? Ist die Mutter krank? Dann gehört das Kind auf eine andere Abteilung. Es ist auf keinen Fall Patientin.«
»Ich dachte«, brachte Justus Weigand mühsam heraus, »ich hatte gehofft... Es wäre eine einmalige Gelegenheit, die Entwicklung eines gesunden Kindes unter klinischen Bedingungen zu studieren.«
»Sie wollen Ihre eigene Tochter sozusagen als Versuchskaninchen benutzen?«
»Sie ist nicht. . . Ich bin gar nicht der Vater.«
Professor Hübner setzte sich auf einen Korbstuhl, schlug die Beine übereinander, nahm den Zwicker vom Nasenrücken ab, rieb sich die Augen. »Also dann... erzählen Sie mal...«
Und Justus Weigand berichtete wahrheitsgemäß; er spürte staunend, dass es ihm gut tat, sich alles vom Herzen reden zu können.
»Hm, ich verstehe«, sagte Professor Hübner, als er geendet hatte, »es besteht also zwischen Ihnen und dem Kind keine verwandtschaftliche, dafür aber eine starke gefühlsmäßige Bindung.«
»Ja«, sagte Justus Weigand, »Ja, wirklich, so ist es.«
Professor Hübner ließ den Zwicker an der schwarzseidenen Schnur kreisen. »Glauben Sie nur nicht, dass ich das nicht begreife, Weigand. Sie halten mich wahrscheinlich für einen alten, abgebrühten Routinier, aber auch ich leide immer wieder darunter, wenn ich ein Kind, das ich geheilt, vielleicht sogar dem Tod entrissen habe, wieder in das Milieu zurückgeben muss, in dem es krank geworden ist. Als ich so jung war wie Sie, bin ich fast daran zerbrochen. Aber heute weiß ich, dass der Arzt nur für den kranken Menschen zuständig ist und nicht die Aufgabe haben kann, die Lebensbedingungen seiner Patienten zu ändern.«
»Das weiß ich.«
Professor Hübner verzog den Mund zu einem Lächeln. »Wissen Sie das wirklich? Das sagt sich so leicht. Aber wenn man es am eigenen Leibe erlebt... Wie gesagt, ich leide auch heute noch darunter, wenn es mich auch nicht mehr ins Zentrum meiner Gefühle trifft. Ich leide wie ein alter Schauspieler, der beinahe echte Tränen vergießen kann, auch wenn er den König Lear schon zum hundertsten Male spielt.«
»Vielleicht«, sagte Justus Weigand, »sollten wir uns gar nicht damit abfinden. Vielleicht sollten wir um bessere, gesündere Lebensbedingungen für die arbeitende Bevölkerung und ganz besonders für die Kinder kämpfen. Wir wissen ja, wie tödlich die feuchten, überfüllten Wohnungen, die düsteren Höfe, die unzureichende Nahrung sind... Wir wissen es, und weil wir es wissen, sind wir doch auch mitverantwortlich!«
»Ich will nicht behaupten, dass Sie unrecht haben, Weigand«, sagte Professor Hübner, »und ich will Sie nicht davon abhalten, für das zu kämpfen, was Sie für richtig halten. Allerdings, über eines müssen Sie sich im klaren sein: Wenn
Sie diesen Kampf aufnehmen, müssen Sie darauf verzichten, Arzt zu sein. Unser Beruf braucht den ganzen Menschen und der Kampf um soziale Gerechtigkeit sicherlich, auch. Die Entscheidung liegt bei Ihnen, Weigand.«
Justus Weigand zog die Unterlippe zwischen die Zähne, überlegte, suchte nach Worten, und Professor Hübner ließ ihm Zeit.
»Ich glaube«, sagte der junge Mediziner endlich, »dass der Forscher mehr für den Fortschritt der Menschheit tun kann als der Revolutionär.«
»Das ist ein sehr schönes Glaubensbekenntnis.« Professor Hübner stand auf. »Aber es wird nur dann Gültigkeit haben, wenn Sie auch danach leben.«
»Dazu bin ich entschlossen.«
»Sehr gut. Dann bringen Sie das Kind dahin, wohin es gehört, zu seiner Mutter oder, wenn sie sich nicht darum kümmern will, ins Findelhaus.« Er wandte sich zur Tür, als ob die Sache für ihn damit abgetan wäre.
»Das kann ich nicht«, widersprach Justus Weigand. »Wissen Sie, wie groß die Sterblichkeit im Findelhaus ist? Nicht einmal fünfzig Prozent der Kinder erreichen das dritte Lebensjahr. Ich kann Senta nicht dem Tod ausliefern. Wozu hätte ich sie dann in die Welt geholt?«
»Solange Sie medizinische Probleme von diesem Gesichtspunkt aus betrachten, werden Sie niemals ein guter Arzt sein«, erklärte Professor Hübner hart.
»Und wenn ich es nicht täte«, parierte Justus Weigand, »wäre ich ein schlechter Mensch.«
Der Professor hatte sich, die Klinke schon in der Hand, ihm zugekehrt. Die beiden Männer maßen sich, Auge in Auge, und Justus Weigand dachte - bei allem Respekt -nicht daran, den Blick zu senken.
»Und bis wann, dachten Sie«, fragte Professor Hübner endlich, »soll das Kind auf der Station bleiben?«
»Bis ich einen geeigneten Pflegeplatz gefunden habe.«
»Sie haben meine Genehmigung«, sagte der Professor unwirsch, verließ das Labor, schmetterte die Tür hinter sich ins Schloss und ließ einen sehr erleichterten Justus Weigand zurück.

 

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