Вход на сайт
Eine Liebe in Berlin
1096 просмотров
Перейти к просмотру всей ветки
в ответ regrem 07.10.15 20:04, Последний раз изменено 10.11.15 14:43 (regrem)
Eine Entwicklung der Dinge, wie sie Justus Weigand weder vorausgesehen noch gewünscht hatte, enthob ihn vorläufig der Sorge, sich um einen Pflegeplatz für seinen Schützling kümmern zu müssen — die kleine Senta wurde krank. Professor Hübner stellte die Diagnose: katarrhalische Infektion, und es war nicht nur Senta, die davon befallen wurde, sondern gleichzeitig mit ihr mehr als die Hälfte aller Säuglinge der Station. Professor Hübner tobte. Er ließ eine hochnotpeinliche Untersuchung anstellen, die ergab, dass eine der jüngeren Diakonissen ebenfalls erkrankt war und die Erreger eingeschleppt haben musste. Aber man konnte ihr keinen Vorwurf machen. Sie war, als sich die ersten Anzeichen einer Erkältung einstellten, verantwortungsbewusst genug gewesen, nicht mehr zum Dienst zu erscheinen. Offenbar war die Krankheit schon ansteckend gewesen, noch ehe sie ausgebrochen war; das war das Fazit, das Professor Hübner aus dieser Kette von Ereignissen zog. Er ordnete an, dass niemand mehr — weder Schwestern noch Ärzte noch Eltern — die Stationen der Säuglinge ohne Mundschutz betreten durfte. Das Ansehen, das er in der Charité genoss, war bedeutend genug, um die Ausführung seiner Befehle durchzusetzen, auch wenn manche Eltern dagegen zu protestieren versuchten, einige Studenten sich darüber lustig machten und nur die allerwenigsten die Notwendigkeit der Anordnung wirklich einsahen. Aber den erkrankten Kindern nützte die Maßnahme nichts mehr, für sie kam jede Vorsicht zu spät. Ihre Haut war rot und heiß, sie fieberten, verweigerten die Nahrungsaufnahme und hatten nicht einmal mehr die Kraft, zu schreien. Justus Weigand wich nicht vom Bett seiner kleinen Senta. Er zerbrach sich nicht den Kopf darüber, wie man später einmal derartige Infektionen würde bekämpfen können, ihn interessierte einzig das Hier und Heute. Er kämpfte mit den althergebrachten Mitteln um das Leben des Kindes, für das er die Verantwortung auf sich genommen hatte. Er ließ es schwitzen, machte kalte und warme Umschläge und legte Wadenwickel an. Dabei sprach er unentwegt auf Senta ein, versuchte ihr seine Liebe zu zeigen, seine Kraft und Gesundheit auf sie zu übertragen. Schon am Tage nach dem Ausbruch der Krankheit starb das erste der Kinder, am zweiten Tag waren es gleich vier kleine leblose Körper, die die Fahrt zur Pathologie antraten, wo die Studenten schon darauf warteten, jedes einzelne ihrer Organe und jeden Muskel zu präparieren, zu zerschneiden, zu untersuchen. Senta lebte noch. Aber sie war nahezu apathisch und lag mit geschlossenen Augen da. Das eingefallene Gesichtchen war blau, und ihr Körper wirkte trotz der kurzen Zeit des Hungerns schon erschreckend abgemagert. Spätabends kam Professor Hübner noch einmal auf die Säuglingsstation, allein, ging von Bettchen zu Bettchen, gab seine Anordnungen. Auf die kleine Senta warf er nur einen Blick. Aber er blieb bei dem Bettchen stehen, legte seinem Schüler die Hand auf die Schulter. »Nichts mehr zu machen, Weigand«, sagte er, »es tut mir leid.« »Es muss eine Rettung geben!« »Es muss gar nichts.« Professor Hübner zog seine Hand zurück. »Eines Tages werden wir vielleicht mit solchen Infektionen auch beim Säugling fertig werden. Aber bis dahin.. .« »Ich gebe nicht auf«, beharrte Justus Weigand mit gepresster Stimme. »Sie bilden sich wohl ein, Sie können Wunder vollbringen? Verrennen Sie sich nicht, Weigand. Ich kenne die Anzeichen, glauben Sie mir. Es ist aussichtslos.« »Ich kann es nicht glauben.« Professor Hübner nahm den Zwicker ab, strich sich über die müden Augen. »Und warum nicht?« »Weil der Mensch doch Abwehrstoffe gegen solche Infektionen entwickeln muss.« »Ja, das tut er, soviel wir heute wissen. Sehr richtig, Wei-gand«, sagte der Professor. »Aber in den ersten Monaten nach der Geburt anscheinend noch nicht. Da ist das menschliche Leben noch sehr unfertig und hinfällig.« »Aber Senta hat so viel Kraft«, widersprach Justus Wei-gand, »sie will leben. Sonst wäre sie schon bei der Geburt umgekommen.« »Das, lieber Freund«, sagte Professor Hübner erschöpft, »sind so unwissenschaftliche, ja nahezu mystische Gedankengänge, dass ich sie lieber gar nicht gehört haben will.« »Ich habe nur gesagt, was ich denke.« »Nein, Weigand, Sie denken nicht, Sie empfinden, und auf unsere Gefühle dürfen wir uns nun einmal nicht verlassen. Das führt uns in die Irre.« Justus schwieg. Er hätte noch einiges sagen mögen, aber er erkannte, dass es Begriffe gab, über die er sich mit Professor Hübner nie würde einigen können. »Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann«, sagte der Professor, »aber glauben Sie mir, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Ihnen ein böses Erwachen erspart bleibt.« »Danke«, sagte Justus. Er war nicht sicher, ob der Professor es wirklich ernst meinte oder ob er es nicht in Wahrheit für wünschenswert hielt, dass die harten Tatsachen des Lebens ihn, Justus Weigand, aus seinem Traum rissen. Aber darüber wollte er nicht nachdenken. Kaum dass der Professor gegangen war, hatte er ihn auch schon vergessen. Er richtete die ganze Kraft seines Hirns und seines Herzens auf das kranke Kind. »Hör nicht auf das, was der Professor sagt«, sprach er zu ihr, »der ist ein kluger Mann, aber alles weiß er auch nicht. Ein Mädchen wie du wird doch noch mit einer so lächerlichen Krankheit fertig werden, nicht wahr, mein Liebling?« Sentas Gesichtchen war noch um eine Nuance blauer geworden, sie atmete mühsam, und ihr Mund stand offen. Justus Weigand nahm sie in die Arme. Er war besorgter, als er sich selbst zugeben mochte. Die Kleine war einem Erstickungsanfall nahe. Offensichtlich waren die Nasenschleimhäute angeschwollen, die Durchgänge durch Absonderungen so verstopft, dass sie keine Luft mehr durchließen. Deshalb konnte die Kleine kaum noch atmen und nicht mehr saugen, verlor Kraft und damit die Lust am Leben. Er legte sie bäuchlings in ihr Bettchen. Senta fiel mit dem Gesicht auf das flache Kissen. »Das können Sie nicht machen«, sagte Oberschwester Klara im Vorbeieilen, »sie wird Ihnen ersticken.« Justus Weigand hörte gar nicht hin, er beobachtete angestrengt das Kind, das jetzt das Köpfchen anhob, es zur Seite drehte, so, dass, als es wieder auf das Kissen sank, Mund und Nase frei blieben. Er hoffte, dass diese Stellung ihr eine gewisse Erleichterung verschaffte, sprach mit leiser, beruhigender, ermutigender Stimme auf sie ein. Auf der Station brannte nur noch das Nachtlicht. Die Schwestern huschten leise hin und her. Die kranken Kinder wimmerten nicht einmal mehr. Justus Weigand war entschlossen, wach zu bleiben. Aber der versäumte Schlaf holte ihn ein. Ohne es zu merken, begann er zu dösen. Als er aufschrak, wusste er, dass er geschlummert hatte, aber nicht wie lange. Es war noch immer Nacht. Das Kind lag noch mit dem Gesicht zur Seite, aber so regungslos, dass er für einen atemlosen Moment des Entsetzens glaubte, es sei zu Ende. Dann aber sah er, dass ihr Gesichtchen eine gesündere Farbe angenommen hatte. Er beugte sich über die Kleine. Auf das Kopfkissen war grünlicher Schleim geflossen; die Verstopfung hatte sich gelöst. Oberschwester Klara teilte seine Freude mit einiger Skepsis. Sie machte ihm ein Fläschchen zurecht, bezog das Kopfkissen frisch — während er sich mühte, Senta zum Trinken anzuregen —, legte eine Windel darüber, die die flüssige Schleimabsonderung auffangen sollte. Senta stieß den Schnuller einige Male von sich, nahm ihn aber, nachdem Justus Weigand ihre Lippen mit der verdünnten Milch benetzt hatte, doch; sie trank mit Anstrengung das halbe Fläschchen leer. Er ließ es genug sein. »Brav, Senta«, lobte er sie, »so brav! Du bist über den Berg, mein Mädchen, du wirst wieder gesund werden!« Justus wandte sich der Oberschwester zu; sein Gesicht mit den breiten Jochbogen wirkte hohlwangiger denn je, Schatten der Übermüdung lagen unter seinen tiefblauen Augen. »Sie ist über den Berg!« wiederholte er strahlend. »Das freut mich für Sie, Herr Kandidat«, sagte die Oberschwester herzlich. »Sie hätten es wirklich verdient, dass Ihnen Ihr Töchterchen erhalten bleibt.« »Sie wird, Schwester, sie wird!« behauptete Justus Weigand zuversichtlich. Und er behielt recht. Am nächsten Morgen hatte Senta nur noch leichte Temperatur, und sie zeigte, obwohl ihre Nase andauernd lief, wieder Appetit; nach wenigen Tagen hatte sie ihr Gewicht zurückgewonnen. Professor Hübner gab sich wenig beeindruckt. »Zufall«, sagte er, »vielleicht auch eine besonders günstige Konstitution.« »Ich bilde mir gar nicht ein, dass ich sie gerettet habe«, erklärte Justus Weigand, »ich habe nur gewusst...« Er verbesserte sich: »Nein, ich habe gehofft, dass sie es schaffen würde.« »Tja, Sie und Ihr Wunderkind«, spöttelte der Professor. Justus verzichtete darauf, das letzte Wort zu 'haben. Er wusste, dass er Professor Hübner viel zu verdanken hatte und auch in nächster Zukunft noch sehr von ihm abhängig sein würde. Er schwieg und war's zufrieden. |