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in Antwort regrem 17.02.16 17:53, Zuletzt geändert 14.03.16 12:11 (regrem)
ALS ICH AM Nachmittag wieder in mein Hotelzimmer kam, erschien es mir so, als wäre ich wochenlang fort gewesen, einige der liegengebliebenen Feigen auf dem kleinen Teller waren aufgeplatzt und verströmten den Duft einer süßbitteren Fäulnis, meine Kleidung im Schrank wirkte staubig und heruntergekommen, und das glattgestrichene, weiße Laken des unbenutzten Bettes hatte beinahe etwas vorwurfsvoll Fremdes. Ich ging die inzwischen eingegangenen E-Mails durch, darunter befand sich auch eine von Rudolf, sie war lang, heftig und klang gereizt, ich habe mit dem alten Hotelier Deines Hotels telefoniert, schrieb er, er macht sich Sorgen um Dich, anscheinend übernachtest Du nicht mehr im Hotel, bist Du noch gescheit? ... wohin soll eine solche Bekanntschaft denn führen und kann ich endlich einmal erfahren, um wen es sich handelt?! ... Du ahnst anscheinend nicht, dass es Leute gibt, die Deine Umtriebe misstrauisch verfolgen, Du riskierst allerhand für die große Liebe, ich hätte nie für möglich gehalten, dass Du so naiv bist ... Ich druckte die lange und mit lauter Frage- und Ausrufezeichen versehene Mail aus, ich nahm sie mit nach draußen auf den Balkon, Rudolf hatte Recht, ich war naiv, die Welt um mich herum war versunken, meine Gefühle und Empfindungen absorbierten mich ganz, mein Leben hatte sich in wenigen Tagen vollkommen verändert, so radikal und so plötzlich, wie ich es nicht mehr für möglich gehalten hätte. Durch diese schleichenden Veränderungen war ich vielleicht wirklich unvorsichtig geworden, ich dachte nicht mehr in einfachen Schritten, ich überlegte nicht mehr so wie früher, gründlich, auf eine Sache beschränkt, im Grunde überlegte ich überhaupt nicht mehr, ich schaute, ich schmeckte, ich tastete, fühlte, ich war aufgegangen in einen nur noch von starken Sinneseindrücken bestimmten Körper oder besser gesagt in ein Medium der Liebe, alles, was dies Gefühl nicht berührte, ließ ich nicht mehr an mich heran. Daher hatte ich auf Rudolfs Fragen keine Antwort, ich hatte wahrhaftig keine Ahnung, wohin diese Liebe nun führen sollte, derart konkrete Fragen hatte ich mir nicht einmal gestellt. Es war aber Zeit, sich solche Fragen zu stellen, nur noch vier Tage blieben mir, dann müsste ich wieder zurück nach München, diesen Aufbruch konnte ich mir nicht einmal vorstellen. Nein, dachte ich, ohne sie fahre ich nicht zurück, dabei war doch klar, dass ich notfalls auch ohne sie zurückzufahren hätte, ich muss, dachte ich, mit ihr darüber sprechen, in Ascoli werde ich mit ihr darüber sprechen, wiederholte ich und schob das Thema mit diesem Entschluss vorerst wieder weit von mir. Ich verließ den Balkon, auch mein nachdenkliches, träumerisches Sitzen auf dem Balkon gehörte vielleicht längst der Vergangenheit an, ich duschte und zog mich um, dann packte ich alles Notwendige in meinen Rucksack und ging hinunter zur Rezeption. Carlo war nicht da, ich hinterließ eine Nachricht, ich fahre für zwei Tage nach Ascoli, schrieb ich, machen Sie sich keine Sorgen, ich rufe Sie an. Ich ging den breiten Boulevard hinab, hinunter zum Hafen, dieser Aufenthalt, dachte ich, besteht aus lauter kleinen Aufbrüchen und Abreisen, laufend bin ich unterwegs, nehme Abschied, komme wieder, dabei hatte ich davon geträumt, zehn Tage völlig unauffällig und ruhig an einem Ort zu verbringen. Flüchtig dachte ich auch an meinen Film, zum Glück hatte ich bereits so etwas wie ein Konzept und sogar etwas Text, ich vernachlässigte vielleicht die Recherche, dafür intensivierten sich andere Fähigkeiten, das Sehen, der präzise Blick, eine gesteigerte Aufmerksamkeit für alles Sinnliche, was sonst als peripher abgetan wird. Ich erreichte den Hafen und setzte mich wie verabredet in die kleine Bar auf der schwimmenden Insel, ich war der einzige Gast, ich bestellte einen Aperitif, ich wartete eine Zeitlang und schaute immer wieder zum Museum hinüber, es war noch etwas Zeit, dann sah ich einen Mann näherkommen, irgendwoher kannte ich ihn, schließlich begriff ich, es war Antonio, der Museumswärter. Er ging schwerfällig über den schmalen, hin und her schlingernden Steg, er stolperte kurz, fing sich aber wieder und kam dann an meinen Tisch, darf ich mich zu Ihnen setzen? fragte er, ja, sagte ich, möchten Sie einen Aperitif? Er nickte und hob die Rechte ein wenig, als erfüllte ich nun endlich eine unausgesprochene Pflicht, ich weiß, begann er gleich ohne Umwege, ich weiß, warum Sie hier sitzen, Sie warten auf die Dottoressa, habe ich Recht? Ja, sagte ich, ich warte auf sie. Sie werden mit ihr nach Ascoli fahren, sagte er, habe ich wieder Recht? Ja, sagte ich, Sie haben wieder Recht, aber woher wissen Sie das alles? Die Dottoressa hat heute häufiger mit Ascoli telefoniert, sagte er, in unserem kleinen Institut kann man so etwas nicht geheim halten, wir bekommen das mit und machen uns unsere Gedanken, was wollen Sie von der Dottoressa? was haben Sie vor? Sie sind ein Fremder, Sie dringen hier bei uns ein, in festgefügte Verhältnisse und älteste Traditionen, das alles scheint Sie nicht zu kümmern, Sie verdrehen der Dottoressa in einem schwierigen Moment ihres Lebens den Kopf, sind Sie sich darüber im Klaren? Der Aperitif wurde serviert, ich wollte mit ihm anstoßen, aber er entzog sich dieser Geste, indem er sofort einen Schluck nahm, er war erregt, ich spürte es, er war gekommen, mir die Meinung zu sagen, an diesem Nachmittag geschah das nun schon zum zweiten mal, je häufiger ich mit Franca zusammen war, um so gereizter und warnender wurden die Stimmen ringsum. Von welchem schwierigen Moment sprechen Sie? fragte ich ruhig. Sehen Sie, Sie wissen nicht einmal Bescheid, antwortete er, das haben wir uns beinahe gedacht, hoffentlich wissen Sie zumindest, dass die Dottoressa verlobt ist, sie ist mit Dottore Alberti verlobt, ja, sagte ich, ja, das ist mir bekannt, sie ist mit Dottore Alberti verlobt, eine Verlobung zählt bei uns viel, man kann darüber nicht einfach hinweggehen, wiederholte er hartnäckig, die beiden sind fest miteinander verbunden, Dottore Alberti wird die Direktion des Instituts in Ancona übernehmen, erwünscht, dass seine Verlobte ihn dorthin begleitet, er hat ihr dort eine vorzügliche Stelle beschafft, in seiner Mannschaft. Sie soll ihre Stelle hier aufgeben, sie soll für ihn arbeiten?, verstehe ich das richtig? fragte ich, die Stelle in Ancona, sagte er wichtigtuerisch und entschieden, ist besser für die Dottoressa, außerdem wäre sie auf dieser Stelle in der Nähe von Dottore Alberti, eine Frau sollte in der Nähe des Mannes sein, den sie heiraten wird. Sie wird ihn nicht heiraten, niemals, nie, wollte ich sagen, aber ich beruhigte mich und fragte, was sagt die Dottoressa dazu? Sie ist noch unentschieden, antwortete er und schaute zu Boden, aber sie muss es sich bald überlegen, bis wann? fragte ich, spätestens bis Ende kommender Woche, sagte er. Er schaute unverwandt weiter zu Boden, er hatte alles gesagt, was er sich zurechtgelegt hatte, seine Kraft reichte nicht mehr, um nochmals anzusetzen, er trank sein Glas auf einen Zug aus und stand auf. Lassen Sie sich das durch den Kopf gehen, sagte er, ich warne Sie, Sie befinden sich in einem Land, in dem alte Traditionen noch geachtet werden, lassen Sie die Dottoressa in Ruhe! Sie drohen mir? fragte ich. Ja, sagte er, ich drohe Ihnen, und nicht nur ich bin es, der Ihnen droht, damit Sie auch das wissen! Er stellte das leere Glas mit einem leichten Knall auf den Tisch, er ging grußlos, ich schaute ihm hinterher, er nahm nicht mehr den Weg zum Museum, sondern verschwand zwischen zwei großen Schiffen, die an Land zur Renovierung aufgebockt worden waren. Ich vermutete, er wollte mir mit diesem Abgang etwas sagen, jedenfalls wirkten sein Verschwinden und Untertauchen im Hafengelände auf mich wie eine Verstärkung seiner Drohungen, als machte er sich auf den Weg in eine mir nicht zugängliche, verschlossene Welt, in der man schon über mein zukünftiges Schicksal beriet. Ich saß still, ich atmete durch, auch er hatte in seinen Grenzen Recht, ich wusste von dem, was er mir erzählt hatte, nichts, es hätte auch wenig geholfen, wenn ich es gewusst hätte, ich hätte mich keinen Deut anders verhalten. Vielleicht, dachte ich plötzlich, vielleicht ist es so etwas wie eine Verrücktheit, vielleicht bist Du verrückt, oder vielleicht ist auch sie es mit all ihrer Begeisterung und ihrem Drängen, wenn ihr zusammen seid, lebt ihr außerhalb jeder Gemeinschaft, mit keinem Wort kommt ihr darauf zurück, was die anderen sagen. Ich glaube auch, es ist falsch, an so etwas zu denken, jedenfalls widerstrebt es all meinen Gefühlen, die nur diesen einzigartigen Rausch auskosten wollen. Ich erlebe lauter glückliche Tage, von Tag zu Tag steigert und intensiviert sich das Glück, es ist ein Glück in mehreren Akten, das auf einen Höhepunkt zustrebt, den ich noch nicht kenne. Warum sollte ich mich da umschauen und ins Grübeln verfallen, nein, jetzt gibt es nur die Liebe, sie ist das Eine und Ganze, alles andere wird sich finden. Ich holte wieder tief Luft, ich schaute hinüber zum Museum, da sah ich sie das Gebäude verlassen, sie trug jetzt ein hellblaues Kleid, schon mit ihrem bloßen Anblick war alles vergessen, alle Zweifel und Skrupel waren von einem Moment zum ändern zerstreut, sie ist es! dachte ich schlicht, wie gelähmt, und wiederholte, sie ist es!, es war reine Freude, was sich in mir da so brennend regte. Ich hatte eine derart starke, bis zum Zerspringen gehende Freude seit meiner Kindheit nicht mehr erlebt, vielleicht, dachte ich kurz, führt die Liebe einen in besonders tröstliche Momente der Kindheit zurück, in Augenblicke, in denen man sich vollkommen sicher und bewahrt fühlte, oder in solche, in denen es nicht die geringsten Bedenken im Blick auf die Zukunft gab, sondern die Zukunft etwas Großes, Verlockendes hatte. Ich beobachtete sie, wie sie näherkam, sie ging rasch, sie eilte geradewegs auf mich zu, als sie an meinen Tisch kam, stand ich auf, eine kurze Scheu ließ uns beinahe erstarren, wir fassten uns an beiden Händen, wir küssten uns nicht, was hast Du gemacht, ohne mich? fragte sie, ich erzähle es Dir bei einem Aperitif, sagte ich. Wir setzten uns, sie strich sich wieder übers Knie und fuhr jetzt mit beiden Händen das Schienbein entlang, wie heißt Dein Bruder? fragte ich, Luigi, antwortete sie, wir nannten ihn immer den kleinen Luigi, dabei ist er viel größer als ich, ein großer, oft etwas verlegener Mann, der nur dann ganz sicher erscheint, wenn er seine Vorträge hält. Lass uns auf ihn trinken, sagte ich, er hat uns zusammengeführt, zumindest auf ihn können wir uns berufen, wie meinst Du das? fragte sie, wir brauchen, sagte ich, einen Dritten im Bunde, jedes Liebespaar braucht einen Dritten im Bunde, einen Schutzgeist, einen Helfer, einen Eingeweihten, diese Rolle spielt in unserem Fall eben Luigi. Sind wir ein Liebespaar? fragte sie, sie biss sich ein wenig auf die Lippen, als sei sie auf die Antwort gespannt, sie hielt die Spannung aber nicht aus und begann, etwas zu grinsen, ich dachte an Augen, Lippen und Haar, sarazenisch, dachte ich, dann sagte ich, wir sind ein ganz klassisches Liebespaar, ohne Zeugen und ohne Sippschaft, nur mit einem klassischen Dritten im Bunde. Die Getränke wurden gebracht, wir stießen mit unseren Gläsern an, ich war nicht ohne Dich, sagte ich, ich hatte Dich immer bei mir, schau!, ich zeigte ihr eine meiner frisch erworbenen Karten, sie errötete stark, sie kannte das Bild, ich sah sofort, dass jedes Detail dieses Bildes ihr sehr vertraut war. Sie nahm die Karte, hielt sie dann aber vorsichtig in Händen, mein Vater, sagte sie, war in dieses Bild vollkommen vernarrt, er ließ mir ein Kleid aus eben diesem Stoff machen, er ließ sogar die sarazenischen Muster kopieren, ich musste dieses Kleid tragen und den Schmuck und den Schleier, er ließ mich kleiden wie die heilige Magdalena. Trägt sie einen Schleier? fragte ich, und wirklich Schmuck?, aber ja doch, hier! sagte sie, siehst Du den kleinen Schleier nicht auf dem Kopf, es ist nur ein sehr feines Tuch, eine Kette mit einem roten Stein presst es an den Kopf, ich habe es übersehen, sagte ich, ich habe anscheinend ununterbrochen nur auf dieselben Stellen gestarrt. Darf ich die Karte behalten? fragte sie, natürlich, sagte ich, aber jetzt sag schon, bleibt es bei Ascoli? Ja, sagte sie, ich habe meinen Wagen neben dem Museum geparkt, ein Hotelzimmer ist reserviert, fährst Du mit mir, bist Du noch immer ein freier und glücklicher Mann? Ja, sagte ich, das bin ich, bist Du es?, ja?, bist Du es wirklich? dachte ich, glücklich war ich, aber nicht frei, einen Moment erinnerte ich mich an meine frühere Freiheit, als Freiheit war sie mir kaum bewusst gewesen, eher als ein männliches Kokettieren mit der Zeit und dem Alter, als hätte ich es mir leisten können, allein durchs Leben zu gehen. Wir tranken aus und gingen zum Museum hinüber, wie lange fahren wir? fragte ich, höchstens eine halbe Stunde, sagte sie, wir gingen sehr schnell, wir eilten beinahe dem Wagen entgegen, ich hatte plötzlich das Gefühl, von allen Seiten und aus vielen Verstecken beobachtet zu werden, ich schaute seitlich zu ihr, vielleicht, dachte ich, legt sie es darauf an, vielleicht reizt es sie, diese Spannung jetzt auszukosten, könnte das sein?, wir erreichten den Wagen, nein, sagte ich mir, nein, Du entwickelst Anzeichen eines Verfolgungswahns, hör damit auf, verdirb Dir Dein Glück nicht durch solche Psychosen. Wir fuhren los, schon nach den ersten Metern begann sie zu erzählen, sie lenkte den Wagen ganz unauffällig, mit nur wenigen Gesten, das Steuer hielt sie mit drei Fingern der Rechten, sie schien dem Fahren keine besondere Aufmerksamkeit widmen zu wollen, statt dessen erzählte sie, es kam mir sogar so vor, als hätten wir nur Platz genommen, damit sie erzählte. Sie sprach noch einmal von der heiligen Magdalena, dem schönen Bild, Crivelli, sagte sie, hat ein schöneres Bild nie gemalt, ich darf so etwas behaupten, denn ich habe all seine Bilder gesehen, bis in die entlegensten Winkel bin ich gefahren, um diese Bilder zu sehen, in Ascoli werde ich Dir, wenn Du willst, noch weitere zeigen. Ascoli ..., in meinen Ohren klang das plötzlich wie sarazenisch, Ascoli, dachte ich, ist gewiss eine sarazenische Stadt, ich empfand den Satz wie ein Rätsel, auch Crivellis Bild war ja rätselhaft, es übte eine starke Magie aus, zweimal hatte ich es jetzt schon verschenkt, vielleicht hatte auch das etwas zu bedeuten. Ich zwang mich, ihr wieder zuzuhören, sie erzählte von ihrem Vater, schon als ich ein Kind war, erzählte sie, hat er mir gern Kleider und Schuhe gekauft, er interessierte sich sonst nicht dafür, nur was ich trug, beschäftigte ihn. Er hatte ein Leben lang Kinder um sich, meist waren es kranke Kinder, sie nannten ihn Dr. Dolittle, denn er kümmerte sich nicht um das Geld, er gab es aus, er half, wo er konnte, den Kindern und ihren Müttern, manchmal saßen sie in langen Schlangen in unserem Garten und wollten nach der Behandlung dann nicht fort, mein Vater ist der geduldigste Mensch, den Du Dir vorstellen kannst, ich habe ihn nie in heller Aufregung oder verärgert gesehen, seine große, starke Ruhe wirkt beinahe leidenschaftslos, aber das ist eine Täuschung, denn er hat eine große Passion, die Oper, vor allem liebt er die Callas, er verwandelt sich in einen anderen Menschen, wenn er sie hört, es ist dann, habe ich oft gedacht, als setze er mit der Musik über in ein fremdes Land, als wäre die Musik eine Fähre, die ihn von uns weg und woanders hin trägt, man sieht, wie er sich von der alltäglichen Welt löst, dieser Abschied hat etwas von der Art, wie sich Schiffe vom Land lösen, er ist feierlich, traurig und schwer, als Kind schlich ich einmal in sein Zimmer und sah ihn beim Gesang der Callas weinen, ich sah drei, vier langsam in den Gesichtsfurchen verrinnende Tränen, sie stockten auf seiner Haut und sahen aus wie Perlen, die er abgesondert hatte, was geht in ihm vor, fragte ich mich, kann Musik so schön sein, dass sie meinen Vater rührt und ihm diese Tränen entlockt? Er soll meine Mutter geheiratet haben, weil sie in ihrer Jugend der Callas glich, sie bekamen lange Zeit keine Kinder, ich glaube nicht, dass sie sich gut verstanden haben, sie begegneten sich selten, nur jeden Sonntag gingen sie miteinander zum Essen in ein Lokal, ich kann mir gut vorstellen, wie sie ums Eck saßen und höflich taten. Fast mit Vierzig soll mein Vater eine Affäre gehabt und gedroht haben, Kinder mit einer anderen Frau zu bekommen, sein Kinderwunsch war anscheinend nicht mehr zu verdrängen, und so bekam meine Mutter in rascher Folge zwei Kinder, zuerst mich, dann sofort meinen Bruder, den wir immer den Kleinen und den Jüngeren nennen, obwohl das seine Erscheinung so wenig trifft. Meine Mutter konnte mit uns nichts anfangen, sie war häufig krank, aber mein Vater beschäftigte sich viel mit uns, er verjüngte sich durch unsere Geburt, denn erst nach unserer Geburt soll er so geworden sein, wie mein Bruder und ich ihn dann kennengelernt haben, ein Dr. Dolittle, ein Freund aller Kinder, ein Mann, der keine Sorgen zu haben schien und auf viele Menschen so beruhigend wirkte, dass sie oft nur den Wunsch verspürten, in seiner Nähe etwas Zeit zu verbringen. Hörst Du zu?, langweile ich Dich? fragte sie und schaute kurz zu mir hinüber, aber nein, sagte ich, Du hast mich noch keine Sekunde gelangweilt, ich sehe alles vor mir, Euren Garten, die vielen Kinder, eine Schaukel und Deinen Vater, ja, antwortete sie, es gab wahrhaftig eine Schaukel, siehst Du, sagte ich und beugte mich zu ihr, ich gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Schläfe, wir fuhren jetzt die alte Via Salaria entlang, es war eine schmale Landstraße im Flusstal des Tronto, zur Rechten wanderten in dichter Folge die Weinberge vorbei, während die ferne Bergkulisse langsam näher rückte. So wie sie sich vor uns abzeichnete mit ihren unvermutet, gleich hinter der Ebene aufragenden Bergen und den hellen, im späten Sonnenlicht auftrumpfenden Gipfeln erinnerte sie mich an die Staffelsee-Landschaft, ich überlegte kurz, ob ich davon erzählen sollte, verschob es dann aber auf später, seltsam, dachte ich, im Grunde kennen wir uns gar nicht, wir wissen voneinander kaum etwas, und doch vertrauen sich unsere Körper vollkommen, sie sind uns voraus, ihre Intimität ist stärker als alles Reden, denn sie bezeugt eine sehr tiefe Vertrautheit. Hanna und ich, wir haben Wochen damit zugebracht, uns kennenzulernen, wir mussten uns tagelang befragen, um herauszubekommen, was der eine mag und was nicht, es ging bis zu den Farben, den Speisen, der Kleidung, und bei jedem Detail musste ich erst genau überlegen, um mir vorzustellen, was Hanna damit verband. Mit Franca aber ist das alles anders, es ist Unsinn, ich weiß, aber es kommt mir wirklich so vor, als kennten wir uns schon sehr lange, es gibt nichts zu überlegen, es ist, als spielten unsere Sensorien auf unheimliche Weise zusammen, nie hätte ich geglaubt, dass es so etwas bei Menschen gibt, die sich erst in einem gewissen Alter begegnen. Woran denkst Du? fragte sie, an den Staffelsee, sagte ich, im Frühling und Herbst ist es dort am schönsten, das Birkenweiß muss sich mit einem bestimmten Braun und einem sehr starken Gelb mischen, ich fuhr oft von München aus in solche See-Bilder hinein, und dahinter schlössen sich die Berge zusammen wie eine Phalanx von Brüdern, ganz so wie jetzt hier, Ascoli scheint ja direkt vor den Bergen zu liegen, ja, sagte sie, es liegt davor, aber sie sind die ganze Zeit gegenwärtig, Du wirst schon sehen. Sie verlangsamte, wir passierten die modernen Ausläufer der Stadt, dann sah man die alte, in ein diffus-gelbes Licht getauchte Stadtmauer, wir fuhren durch ein schmales Tor hinein in das Zentrum, fast wie ein Brautpaar, dachte ich und presste die Lippen zusammen, um es nicht auch noch zu sagen. Wir rollten immer langsamer aus, sie fuhr im Schritt durch einige dunkle und sehr holprige Gassen, dann hielten wir vor einem Hotel. Warte auf mich, sagte sie, ich bringe unsere Sachen hinauf, ich bin gleich wieder bei Dir. Ich blieb unten, ich wartete in der Nähe des Hotels auf einer Bank, ich schlug ein Bein übers andere und schaute die stille Gasse entlang, ich glaube, dachte ich, es ist auch in ihrem Fall die große Liebe, ich bin sicher, auch sie erlebt es zum ersten Mal, das Wort »Liebe« ist zwischen uns noch nicht gefallen, aber es muss nicht ausgesprochen werden, das ganze Brimborium der Annäherung mit all seinen Umwegen und den oft kindischen Komplikationen haben wir uns einfach erspart. Wenn das aber so ist und sie es auch so empfindet, gibt es im Blick auf die Zukunft im Grunde nichts zu überlegen, die Zukunft ist vorgezeichnet, wir werden zusammenbleiben, wir sind ein Paar, noch nie habe ich mich mit jemandem so verbunden gefühlt, schon das Wort war mir früher immer suspekt gewesen, jetzt aber drückt es etwas sehr Treffendes aus, eine Zweiheit, so würde ich Paar jetzt übersetzen, denn Einheit hat etwas Fades, Gleichmacherisches. Sie erschien sehr bald wieder, alles erledigt, in Windeseile, stimmt's, sagte sie, ja, sagte ich, ich folge Ihnen auf Ihren Wegen, Dottoressa, nein, sagte sie, so soll es nicht sein, Du folgst mir nicht, ich gehe nur ein wenig voraus. Wir umarmten uns, eng umschlungen brachen wir auf zu einem abendlichen Spaziergang, wieder spürte ich für einen Moment diese Herzklopfen verursachende Freude, sie entstand dadurch, dass ich mir die nächsten Stunden vorstellte, Stunden, in denen wir umherschweifen würden, als wäre diese Stadt nur dazu da, ein Terrain für unsere Verzauberung abzugeben. In einer so engen Umarmung bist Du nie durch eine Stadt gegangen, dachte ich, als Du jung warst, hast Du Dich geschämt, es erschien Dir auch nicht angebracht, zu aufdringlich oder zu endgültig, und in späteren Jahren war Dir eine Umarmung verdächtig, als sollte Romantik zur Schau gestellt werden. Jetzt aber ist es unmöglich, Franca nicht zu umarmen, wie sollten wir nebeneinander, getrennt, durch eine solche Stadt laufen? Woran denkst Du? fragte sie, Du denkst doch gerade an etwas, ich will nicht alles verraten, sagte ich, da blieb sie stehen und schaute mich an, doch, sagte sie, wir verraten uns alles, wir werden niemals damit anfangen, dem anderen etwas nicht zu verraten, so etwas wird es nie geben, versprichst Du mir das? Ich begriff sofort, was sie meinte, ich hatte Unsinn geredet, für einen Moment war ich ausgewichen in pures Geplauder, so etwas rächt sich sofort, dachte ich, es ist unmöglich, etwas dahinzusagen, entschuldige, antwortete ich, Du hast Recht, ich habe mir überlegt, warum ich früher so viel Mühe damit hatte, eng umschlungen herumzugehen, ich hatte auch Mühe damit, sagte sie, ich habe keinen einzigen Menschen wirklich so wie Dich jetzt umarmt, obwohl ich oft umarmt wurde, es gab Männer, die nicht einmal spürten, dass sie nur über einen Holzarm verfugten. Gab es so viele Männer, Männer, immer neue Männer? fragte ich, nein, sagte sie, natürlich nicht, das weißt Du doch genau, aber ich will jetzt nicht davon erzählen, es lenkt mich ab. Die Gassen waren sehr dunkel und schmal, manche verliefen so konzentrisch gewunden, dass man in großen Kreisen zu gehen glaubte, immer wieder hörte man lachende Gruppen, die durch die Stadt zogen, sie schienen sich auf ein Zentrum zuzubewegen, es dunkelte schon, noch aber waren die nahen Berge zu sehen, sie schauten wahrhaftig von drei Seiten herab auf die Stadt, als beäugten sie ihr Plateau, dadurch glaubte man, auf einer Bühne zu stehen, immens verkleinert zu einem gulliverartigen Wesen, das immer wieder erstaunt aufschaute zu den umwölkten Riesen ringsum. Wir trafen auf breitere Straßen, wir mischten uns unter die voranziehenden Gruppen, pass auf! sagte sie plötzlich, als es vor uns heller und weiter wurde, dann standen wir unversehens am Rand einer großen, rechteckigen Piazza, sie war eingefasst von langen Arkadengängen, einem Palazzo und einer mächtigen Kirche, auf ihrem weiten Feld standen überall kleine, sich aufgeregt unterhaltende Gruppen, ihre Umrisse und Farben spiegelten sich im blanken Travertin-Boden, es war eine irreal schöne Szene, ein Flirren und Ineinander-Übergehen der verschiedenen Flächen, der ganze leuchtende Platz ähnelte einem Windschiff, das gleich zu den Bergen abheben würde. An den Rändern saßen die Zuschauer in den Cafés, als warteten sie auf den eigentlichen Beginn des Spektakels, nach einer Weile setzten sich die stehenden Gruppen auch in Bewegung, begannen zu kreisen, die Passeggiata war eröffnet, die Piazza ein einziger belebter Salon und die allseitige Bewegung ein Tanz. Mir schwindelte etwas, komm, sagte ich, lass uns etwas trinken, dort drüben, sagte sie, ist das Café Meletti, das wird Dir gefallen. Im Café Meletti tranken wir zwei Gläser Wein und aßen etwas im Stehen, auch hier war der Andrang sehr groß, wir hatten keine Lust, aufwendig zu Abend zu essen, lass uns weiter unterwegs sein, sagte sie, diese erhitzte Wochenend-Freitagabend-Stimmung ist herrlich, findest Du nicht? Wir gingen weiter, wir kehrten auf ein Glas für kaum eine Viertelstunde hier und da ein, wir machten das abendliche Kreisen mit und ließen uns kaum einmal los, so waren wir bis kurz vor Mitternacht unterwegs. Lass uns noch einmal auf die Piazza gehen, sagte sie, die Stadt war noch immer nicht still, noch immer standen kleine Gruppen zusammen wie auf dem Bild eines Rokoko-Meisters, auf der Mitte der Piazza warteten wir auf die mitternächtlichen Glockenschläge, wir küssten uns, nackt müsste man jetzt sein und allein hier, nur zu zweit, flüsterte sie mir ins Ohr, nackt müsste man sein, begann sie von neuem, wie neulich im spogliatoio, spogliatoio, flüsterte sie weiter und mehrmals, es hörte sich an wie der Auftakt einer Verführung, ich schloss die Augen, ich kannte das Wort, aber mir war seine Bedeutung entfallen, spogliatoio war was? ist was? dachte ich, dann verstand ich, sie meinte die graue Umkleidekabine am Meer, den abgeschlossenen, für andere nicht einsehbaren und zugänglichen Ort, all das meinte sie mit spogliatoio, es war eine weitere Vokabel unserer geheimen Sprache, Ascoli gehörte dazu und sarazenisch, Crivelli und Kleinturbellarien. Komm, sagte sie, ich bin jetzt zu müde, wir gingen langsam und etwas schwerfällig zurück zum Hotel, wir stiegen einige dunkle Stufen hinauf, kein Licht, sagte sie und wiederholte es dann noch einmal im Zimmer, bitte kein Licht, sie entkleidete sich wieder sofort und sehr schnell, sie öffnete das Fenster weit, ich sah ihre nackten Konturen, auch ich beeilte mich, dann legten wir uns nacheinander aufs Bett und rollten zusammen, als erstes berührten sich unsere Lippen, dann spürte ich ihre Arme auf meinem Rücken, ihre Beine umfassten mich, wir bewegten uns langsam, ich glaubte eine Wellenbewegung am Strand zu sehen, als ginge ich dort wie in den ersten Tagen entlang, die Wellen liefen auf dem Sand, immer aufs neue spülte das Meer sich heran, vor und zurück, kleine, ockergelbe Kugeln tanzten in seiner Gischt, wir drehten uns, ohne uns nur einen Moment loszulassen, la tendresse?, nein, la tenerezza, das war die Vokabel, bis ich spürte, wie ihr Körper sich anspannte und fester wurde, wie er beschleunigte und sich aufmachte, sie presste mich stärker, ich spürte ihre Schenkel wie einen plötzlichen Zugriff, ihre Füße klammerten sich an meinen Rücken, sie zog mich in sich hinein, sie schloss den Gürtel, das Schloss schnappte zu, es war ein heftiger Stoß, als näherten wir uns jetzt dem Ziel, in der Dunkelheit hörte ich sie kurz aufschreien, ihr Schrei klang hell, wie ein hoher, sehr ferner Ton, der Kontakt zu unserer Umgebung war endgültig gerissen, langsam und schwer glitten unsere Körper aus diesem Zimmer in Leere und Schwärze, dann spürte ich den durchs Fenster einfallenden Wind auf der Nässe der Schultern ... Nebeneinander lagen wir auf dem Rücken, ihre Linke noch auf meinem Bauch, wenn ich mit Dir schlafe, sehe ich die seltsamsten Bilder, sagte sie, ich glaube, es hat mit meinen Farbanomalien zu tun, ich erinnere mich an sehr uralte Szenen vor sieben, acht Jahren, ich studierte noch Kunstgeschichte in Rom und machte damals mit einer Gruppe einen Ausflug nach Neapel, wir besuchten das dortige meeresbiologische Institut, es ging um Farben, um die Farblichkeit unter Wasser, natürlich nahmen die Forscher uns Kunstgeschichtlererinnen nicht ernst, sie zeigten uns ein paar Filme und Bilder und redeten abgedroschene Sachen, die sie selbst nicht interessierten, ich war so empört und auch gekränkt, ich kam mir vor wie ein Kind, das man mit schlechten Bilderbüchern abspeiste, wir sind nicht hierhergekommen, um ein paar Filme zu sehen, sagte ich endlich, Filme sehen können wir auch in Rom, wir wollen uns selbst einen Eindruck verschaffen. Ich war so hartnäckig und stur, bis sie zwei Leuten aus unserer Gruppe, darunter auch mir, wirklich erlaubten, in einer Kapsel mit in große Tiefen zu tauchen, sie redeten ausführlich davon, wie gefährlich es sei und welches Risiko wir eingingen, schon ein winziger, feiner Riss in großer Tiefe könne die Kapsel zum Platzen bringen, bei dem ungeheuren Druck in diesen Schichten bliebe von unseren Körpern nichts als dünne, sich schnell verflüssigende Gelatine übrig. Gelatine war das Wort, mit dem sie uns angst machen wollten, sie hatten die Meerestiefen für sich reserviert und hielten uns für Eindringlinge, die nur störten. Ich gab nicht nach, und dann, nach zwei Tagen, ging es wirklich hinab, ich kann Dir nicht schildern, wie schön es war, ab einer bestimmten Tiefe verschwinden nämlich die warmen Farben des Spektrums, Rot, Gelb und Grün, sie werden nach und nach ausgefiltert, und es bleibt ein unbeschreiblich glasiges Blau übrig, das die Sehnerven sehr stark reizt, eine solche Tiefe wirkt wie ein ewiger und völliger Stillstand, wie der unveränderliche, lautlose Widerpart aller Zeit, sie wirkt kalt und auch tödlich, und doch ist ihre Anziehung so stark, dass Du nicht mehr auftauchen möchtest. Damals, in diesen Stunden, begegnete ich mit dem Lebendigsten, was ich jemals gesehen hatte, ich wollte immer wieder hinab, ich wurde süchtig danach, als wäre die Schönheit dem menschlichen Blick im Grunde entzogen und schlummerte nur dort in der Tiefe, wo der Mensch nichts anrichten kann. Von einem Tag auf den ändern brach ich mein kunsthistorisches Studium ab und studierte Meeresbiologie, ich schrieb eine Arbeit über lichtempfindliche Fische, das war mein Thema, wie Fische in großer Tiefe auf Licht reagieren und ihre Farblichkeit je nach Lichteinfall verändern. Ich hörte ihr zu, sie flüsterte beinahe, sie war sehr müde und sprach schon an der Grenze zum Schlaf und zum Traum, ihre Stimme entfernte sich allmählich von ihrem Körper und besetzte den dunklen Raum, sie redete jetzt wie von selbst, ich dachte erneut an den Staffelsee, weiß, braun und gelb und die dunkelgrünen Schilfmatten im Sommer, ich öffnete den Mund und flüsterte mit, aber ich hatte keine Kraft mehr, ich bewegte nur noch die Lippen, es war ein Sprechen an der Grenze zur Lautlosigkeit, leiser Gesang und Gegengesang, plötzlich glaubte ich, uns von oben zu sehen, ein nacktes Paar auf dem Rücken, sie drehte sich zu mir, sie legte ein Knie auf meinen Bauch und kroch dicht an mich heran, sie spürte nichts mehr, es war nur noch ein Reflex, dann schliefen wir zusammen ein. |