Вход на сайт
Почитаем?
147 просмотров
Перейти к просмотру всей ветки
в ответ regrem 17.02.16 17:53, Последний раз изменено 14.03.16 12:17 (regrem)
DAS SONNENLICHT weckte uns, es drang durch das geöffnete Fenster in unser Zimmer wie ein trockener Niesei, der sich sofort nach allen Seiten verteilte, es zerstob an der Wand und fiel als ein scharfer Schnitt in den Raum, es war noch recht früh und draußen sehr still, man konnte die sonntägliche, entspannte Stille spüren, etwas Müdes und Benommenes war noch darin, ein paar Tauben gurrten sehr nah, dann hörte man zwei, drei einzelne Glocken. Wir standen bald auf, wir duschten und kleideten uns an, dann packten wir unsere Sachen zusammen, bezahlten und verließen gleich das Hotel, wir setzten uns als die ersten Gäste in ein Café auf der großen Piazza, nur wenige, gut gekleidete Spaziergänger waren unter den schattigen Arkaden zu sehen, die Stadt lag wie betäubt da, nur das Sonnenlicht schien unaufhörlich zu strömen und sich in den schmalen Gassen niederzulassen, als wäre es auf der Suche nach den abhanden gekommenen Menschen. Wir frühstückten, wir tranken Kaffee und etwas Wasser und aßen dazu frisches Gebäck, ich hatte das Gefühl, als werde an diesem Sonntag etwas Unangenehmes passieren, so unheimlich und drohend empfand ich die Stille, ich dachte an Gianni Albertis Ankündigungen, ich hatte nicht die geringste Idee, was er vorhatte, und ich wagte nicht, Franca zu fragen, weil ich nicht unruhig oder gar hysterisch erscheinen wollte. Anders als ich frühstückte sie langsam und lange, sie genoss die morgendliche Wärme und die klare Luft, und als ich mich zu ihr beugte, um ihr einen Kuss zu geben, sprach sie von einer Fahrt ins hohe Gebirge, weit hinauf zu den sibillinischen Bergdörfern, sie schwärmte mir davon vor, es hörte sich aber an wie eine Flucht, als sollten wir so schnell wie möglich aus Ascoli verschwinden und uns in Gegenden begeben, in denen uns niemand vermutete. Ich tat einverstanden und erkundigte mich nach den Details, sie sprach von über zweitausend Meter hohen Bergen, zu denen auch der Monte Sibilla, der Berg einer mythischen Sibylle, gehörte, angeblich gab es irgendwo auf einem Hochplateau des Gebirgsmassivs einen geheimnisvollen, entrückten Ort, mit dem sie sehr starke Erinnerungen verband, sie war aber lange nicht dort gewesen, sie träumte nur manchmal von ihm, in der Nacht, sagte sie, habe sie oft gerade an diesen Ort denken müssen, sie wünsche sich so sehr, ihn wieder einmal zu sehen. Wie lange fahren wir? fragte ich, ach, antwortete sie, nicht mehr als eine Stunde, bist Du einverstanden, habe ich Dich überzeugt?, ja, sagte ich, ich bin gespannt, sie hatte wieder dieses Stürmische, Drängende und diese große Begeisterung, die ich schon an ihr kannte. Sie ging, den Wagen zu holen, ich blieb sitzen und wartete auf sie, die ganze Zeit ging mir die eine, entscheidende Frage nicht aus dem Kopf, Franca, wie soll es weitergehen?, angeblich hatte sie sich ja etwas dazu überlegt, ich hätte so gerne gewusst, was sie sich dazu gedacht hatte, vielleicht hätte es mich ruhiger und entschiedener gemacht, der frühe Morgen eignete sich allerdings nicht für solche Themen, im Laufe des Tages würde sich vielleicht eher ein Moment ergeben, diese Frage zu stellen. Dann sah ich sie plötzlich im Wagen, sie war mit ihm nahe an die Piazza herangefahren, ich ging zu ihr und setzte mich neben sie auf den Beifahrersitz, sie sagte nichts, sie lächelte nur, als hätten wir etwas Verbotenes, Gefährliches vor und machten uns trotzdem, wider besseres Wissen, auf den Weg. Ich habe mit meinem Vater telefoniert, sagte sie nach einem Stück Fahrt, er wird heute Abend nach San Benedetto kommen, das hat mich sehr überrascht. Kommt er Dich selten besuchen? fragte ich, nein, das nicht, sagte sie, er kommt etwa einmal im Monat, aber nach langer, vorheriger Ankündigung, er will, dass meine Wohnung ordentlich ist, wenn er kommt, ein kleines Gästezimmer ist extra für ihn eingerichtet. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass er kommt, sagte ich, schließlich hat er gestern eine nicht ganz unwichtige Nachricht erhalten, vielleicht will er mehr und Genaueres von Dir wissen. Solche raschen Entschlüsse sind aber gar nicht seine Art, sagte sie, er mag Menschen nicht, die in Eile sind oder durchs Leben hasten, selbst in der Oper kann er es nicht ausstehen, Massenauftritte und große Aktionen findet er eine Qual, er hat die Pescatori di perle schon mehrmals kurz vor dem Ende verlassen, weil er den melodramatischen, hektischen Schluss nicht erträgt. Von den Pescatori di perle hat mir vor kurzem schon einmal jemand erzählt, sagte ich, immer wieder begegne ich dieser Oper, ich habe sie auch einmal gesehen, ich kann mich aber nicht mehr genau daran erinnern. Me poila seule, sagte sie, diese Arie hat die Callas oft gesungen, mein Vater hört sie beinahe jeden Sonntagmorgen, er sitzt in seinem Musikzimmer, liest eine Zeitung, trinkt einen Aperitif und hört me poila seule, als ich eben anrief, war er kurz davor, ich habe ihn sogar darauf angesprochen, gleich kommt me voila seule habe ich zu ihm gesagt, und er sagte, schade, dass wir es nicht zusammen hören können. Bis zum Mittag trinkt er zwei oder sogar drei Martini, dann geht er ins Zimmer meiner Mutter hinüber und fragt sie, ob sie mit ihm essen gehen wolle, er fragt sie ganz ernsthaft, es hört sich an, als wäre er gerade auf diesen Gedanken gekommen, Liebes, sagt er, was hältst Du davon, wollen wir heute nicht essen gehen, sie blickt von ihrer Lektüre auf und sagt, das ist ein sehr guter Gedanke, sie kleiden sich an und gehen los, dabei hat Vater schon seit Tagen einen Tisch reserviert, sie essen jeden Sonntag woanders. Du denkst jetzt vielleicht, endlich einmal ein älteres Paar, das sich gut versteht, sagte sie weiter, das ist aber nicht so, sie verstehen sich nicht gut, gerade deshalb halten sie sich oft ja an ganz starre Regeln, wegen des Sonntagmorgens habe ich sie immer beneidet, dieses Sitzen für sich, dieses ruhige Lesen und dann dieser gemeinsame Aufbruch - das hielt ich als junges Mädchen für die Ehe, die Ehe stellte ich mir nämlich sehr schön vor, immer eine Zeitlang für sich und dann wieder eine Zeitlang zusammen, genau in einem solchen Rhythmus stellte ich mir die Ehe vor, wie ein fein abgestimmtes Duett, ruhig, harmonisch. Gehen sie auch heute Mittag zusammen essen? fragte ich, nein, sagte sie, meine Mutter geht heute mit einer Freundin, mein Vater aber will am Abend mit mir essen gehen, ich habe kurz darüber nachgedacht, ob Du mitkommen sollst, nein, sagte ich, bitte nicht, erst gestern habe ich mich einer anstrengenden Prüfung unterzogen, Vater ist nicht anstrengend, sagte sie, überhaupt nicht, er hat übrigens selbst vorgeschlagen, dass Du mit zum Essen kommst, wenn Du ihn mitbringen willst, bringst Du ihn mit, hat er gesagt, wenn nicht, dann eben nicht, diese Art von Rhetorik macht ihm manchmal Vergnügen, er nennt sie Opern-Rhetorik und bringt meine Mutter damit oft zur Verzweiflung. Wir hatten Ascoli längst verlassen und fuhren den Tronto entlang, die Straße, die angeblich direkt nach Rom führte, war nicht sehr breit und an diesem Sonntagmorgen auch kaum befahren, sie wand sich durch eine nur leicht gebirgige Landschaft, wir zweigten schließlich von ihr ab und fuhren in Serpentinen langsam bergauf, die Landschaft verwandelte sich allmählich, die sanft geschwungenen grünen Hügel der Marken verschwanden, auch Felder und Weinberge gab es nicht mehr, dafür wurde das Land weit, es öffnete sich nach allen Seiten hin zu der kaum noch überschaubaren Hochebene des Piano Grande, heißt sie so? fragte ich Franca, hat sie wirklich diesen feierlich-dunklen Namen, ja, antwortete sie, Piano Grande, sie war beinahe vollständig kahl, eine große, kaum noch geschwungene, nur an den entfernten Rändern hoch ansteigende einsame Fläche, die so wirkte, als habe sie niemals ein Mensch betreten. Ich war so überrascht, dass ich Franca zu halten bat, wir stiegen aus und gingen etwas die nicht mehr markierte Straße entlang, die Sonne hatte die Ebene ausgebleicht, nur wenige Farben waren noch übriggeblieben, ein pastoses Braun und ein schwaches Violett über den Feldern mit Silberdisteln, ganz selten nur brach das Tiefbraun eines Ackers hervor, ein exakt gezogenes Trapez oder ein Parallelogramm, wie eine ästhetische Andeutung in die fast monochrome Umgebung gesetzt, ein ferner Bergrücken, durch-zogen von der weißen Spur einer waagrecht verlaufenden, einzelnen Straße, sah aus wie in einen dichten blassen Pelz eingeschlagen, es war die Gegenwelt zu den Tiefenfarben des Meeres, und ihr Reiz bestand in der Leere, zu der die plötzliche Stille gehörte, nur der Wind fuhr wie ein nie aufhörender, alles Störende wegfegender Atem über das Land. Ich blieb schließlich stehen, mein Herz klopfte, ich sah Franca weitergehen, sie schien schon bald so weit entfernt, als kämen wir so schnell nicht mehr zusammen, natürlich war es nur eine Täuschung, die Weite der Landschaft zog alles auseinander, verkleinerte es und versteckte es dann in der Blässe der Farben. Ganz in der Ferne aber war auf einem grau-weißen Kegel so etwas wie eine Ortschaft zu erkennen, zumindest einige Häuser konnten das sein, was ich dort sah, mein Auge heftete sich richtiggehend an diesen fernen Anblick, weil er als einziges in diesem weiten Bild noch an Menschen erinnerte. Von diesem Ort, sagte Franca, als sie wieder zurück war und ebenfalls hinaufschaute, habe ich in dieser Nacht geträumt, ich sagte, los, fahren wir hin, ich muss es unbedingt sehen, siehst Du, sagte sie, es ist wie eine Droge, es verändert die Wahrnehmung, wenn man hier ein paar Tage bleibt, fährt man für Wochen nicht fort, man igelt sich ein, man möchte in dieser Leere verschwinden, viele Drachenflieger fahren übrigens hinauf und gleiten von dort hinunter ins Tal, es ist ein fast irre machender Reiz, denn das Überfliegen dieses Plateaus verschafft Dir wirklich die Illusion, über einen anderen Planeten zu gleiten. Wir fuhren weiter und erreichten nach kaum zehn Minuten den kleinen Ort, es handelte sich aber eher um eine bloße Ansammlung von einigen Wänden, ins Nichts verlaufenden Treppen und wenigen Häusern, manche hatten kein Dach mehr und standen offen wie zerborstene Gerippe, in einem kleinen Laden wurden lauter Winter-Postkarten verkauft, die hohen Wälle von Schnee überragten die Mauern oder bedeckten sie mit bizarren Mänteln und Kragen, zum Teil war alles unter den Massen versunken, kaum ein Mensch schien sich im Winter hier oben aufzuhalten. Das Sonderbarste aber waren die frei stehenden, von der Witterung längst gebleichten, kurz vor dem Zerfall stehenden Mauern, die mit weißen, prunkenden Schriftzeichen bedeckt waren, sie begannen wie auf rarem Pergament ganz oben links und schmückten in engen Zeilen die Mauern dann lückenlos, es waren Gedichte oder eine Art hymnischer Prosa, es gab Sonnengesänge und Schneegedichte, ein Gedicht auf den Käse und solche mit dem Lob wohlschmeckender Linsen, die meisten aber waren Liebesgedichte, ein Schriftgestöber über die Liebe, Liebesregeln und Liebeszauber, Schriftlese, dachte ich, Linsenlest. Manchmal öffnete sich hier oder da eine Tür, und jemand trat kurz heraus, sonst aber war es menschenleer, wir waren die einzigen Fremden, in einer winzigen, holzgetäfelten Stube, die wie eine Skihütte wirkte, aßen wir gegen Mittag ein Linsengericht mit etwas Brot, dann ließen wir uns eine Decke geben und gingen mit ihr den Höhenkamm des Ortes hinauf, auf seiner Spitze waren die Häuser längst in sich zusammengebrochen, die Schneelast und die Unwetter hatten sie Stück für Stück auseinandergenommen, wir gingen stumm durch die grauen Kulissen, auch hier waren die meisten Wände mit den Buchstaben und anderen Schriftzeichen bedeckt, die Liebesgesänge wirkten in der Abgeschiedenheit besonders festlich und hatten einen geradezu hymnischen Ton, es sah aus, als hätten schwere Himmelshände ungelenk diese Texte geschrieben und als wären die Bewohner vor dem Anspruch dieser Gesänge in die Täler geflüchtet. Mitten in einem zum Himmel hin offenen Raum mit solch engbeschriebenen Wänden breiteten wir die Decke aus, wir legten uns in die mittägliche, stark scheinende Sonne, deren Wärme man wegen des immerzu wehenden leichten Windes auf der Haut anfangs kaum spürte, in sehr großer Höhe kreisten einige schwarze Vogel, weiße Streifen durchzogen das Blau, ich hatte das Empfinden, von der übrigen Welt völlig entrückt zu sein. Wir schmiegten uns dicht aneinander, Franca rollte sich gegen meine rechte Seite und legte ihren Kopf auf meine Brust, ich hielt sie ganz eng, wir lagen wie festgeschnürt oder zusammengewachsen, aus Vorzeiten übriggebliebene Menschengebilde in diesem sonst kahlen Raum, wir schlössen die Augen, Franca flüsterte noch eine Weile und erzählte von ihren früheren Aufenthalten hier oben, ich bekam die Gesänge und anderen Texte nicht aus dem Kopf, noch mit geschlossenen Augen sah ich die weißen Großbuchstaben leuchten und wie flatternde Schriftbanner vor dem Himmelsblau tanzen, Piano Grande, dachte ich, Piano Grande war eine weitere Liebes-Vokabel, sie ließ sich gut mit sarazenisch und den anderen Vokabeln verbinden, ich dachte an einen eigenen, aus solchen Vokabeln zusammengefügten Gesang oder an einen Hymnus nach dem Vorbild der Mauerlieder, sie waren einfach wie Volkspoesie und hatten etwas Stolzes, Schweres, hol mich zu Dir, wir wollen jubeln und um aneinander freuen ..., so hatte eines begonnen, schön bist Du, meine Freundin, so schön, meine Linke liegt unter Deinem Haupt, meine Rechte umfängt Dieb, weckt nicht auf und stört nicht die Liebe, bis es ihr selber gefällt ..., ich wusste nicht mehr, hatte ich das nun gelesen, oder sang es in mir, die Verse schienen aus einem einzigen Wortquell zu sprudeln, sie vermehrten sich unaufhörlich, ich hörte dem Gesang zu, ich sah die Worte verschwimmen und als fernes Weiß im Blau des Himmels vergehen, ich gehöre meinem Geliebten, und mein Geliebter gehört mir, dann schliefen wir ein. |