Login
Почитаем?
147 просмотров
Перейти к просмотру всей ветки
in Antwort regrem 17.02.16 17:53, Zuletzt geändert 14.03.16 12:23 (regrem)
AM NÄCHSTEN Morgen machte ich mich nach dem Frühstück auf den Weg in den Hafen, ich hatte meine Arbeit ein wenig vernachlässigt, ich hielt mich an, die verbleibende Zeit noch zu nutzen, ich wollte mich im Hafen umsehen und dort auch einige Aufnahmen machen. Das Wetter war nicht so gut wie an den vergangenen Tagen, die Wolken lagen graublau und sehr niedrig über dem ruhigen Meer, in der Hafengegend schwebten einige als weiße, zerzupfte Ballen am Horizont. Ich begann gleich zu filmen, ich betrat die Großmarkthalle der Fischer mit ihren nach den Seiten hin ansteigenden Sitzreihen für die Fischauktionen, ich streifte zwischen den Lagerhallen umher, wo die mit glänzenden Fischleibern gefüllten Holzkisten vor sich hin tropften, und ich schaute mir die kleinen Läden an, in denen die schweren Netze, zu großen Türmen gestapelt, lagerten. Während ich mich umsah, wusste ich mich aber in Francas Nähe, ihr Büro und ihr Institut waren nur wenige Meter entfernt, ich dachte an sie, das abendliche Bild von Vater und Tochter tauchte wieder auf, schließlich wählte ich ihre Nummer, sie meldete sich auch sofort, wir unterhielten uns sachlich und kurz, ich bemerkte, dass sie nicht sprechen konnte, wie sie wollte, das Treffen mit ihrem Vater erwähnte sie nicht, auch ich sprach nicht davon, wir verabredeten uns für den frühen Abend in ihrer Wohnung, trotz des spröden Gesprächs freute ich mich und fühlte mich hinterher so belebt, als habe mir die Unterhaltung frischen Schwung für die eigene Arbeit verschafft. Ich streunte weiter durch das Hafengelände, ich hatte noch kein Wort mit einem der Fischer gewechselt, die meisten Boote waren auf dem Meer, nur aus zwei kleineren wurde der frische Fang ausgeladen, die mit Fischen gefüllten Kisten wurden mit zerstoßenem Eis eingedeckt und auf große, aber wendige Laster geschoben. Ich postierte mich nahe der Kaimauer, ich filmte das rasche, unermüdliche Ausladen, bei dem gleich drei Männer die Kisten von Hand zu Hand gehen ließen, ich ging näher heran und filmte sie aus ganz geringer Distanz, sie lachten und begannen, der Arbeit etwas Spielerisches, Leichtes zu verleihen, schließlich flogen und hüpften die Kisten von einem zum ändern. Sie hatten zu viel zu tun, für eine Unterhaltung hatten sie gewiss keine Zeit, deshalb wollte ich weitergehen, als mich ein älterer Fischer, der sich von einem anderen Schiff her näherte, ansprach. Er fragte mich, warum ich das Ausladen filme, und ich sagte, ich filme privat, es handle sich um einen Urlaubsfilm zur Erinnerung an die Ferien, auf diese Weise kamen wir schnell ins Gespräch, wir schlenderten hinüber zu seinem Boot, es war bereits ausgeladen, am Morgen war er von einem großen Fang in den Hafen zurückgekehrt. Ich war froh, einen so gesprächigen und freundlichen Menschen gefunden zu haben, ich fragte ihn, ob er mir von seiner Arbeit erzählen könne, wir schlenderten langsam hinüber zu seinem Schiff, es schien ihm Spaß zu machen, mir dies und das zu erklären, aber als ich ihn fragte, ob ich ihn filmen dürfe und er in die Kamera sprechen wolle, sagte er mehrmals, nein, nicht filmen, nein, keine Aufnahmen. Ich verstand diese Scheu, ich hatte solche Abwehr immer wieder erlebt, ich packte meine Kamera demonstrativ fort, weil ich nicht wollte, dass er durch ihren Anblick in seinem Mitteilungsdrang gehemmt wurde. Als wir vor seinem Schiff standen, wies er mir den Weg, bitte, sagte er, kommen Sie doch an Deck, sehen Sie sich alles genau an, wenn es Sie interessiert. Wir gingen über zwei hölzerne Planken an Deck, er zeigte mir die großen Winden und das Treibnetz, er erzählte angeregt und beinahe schwärmerisch von den nächtlichen Ausfahrten, wir fahren meist zu zehnt hinaus, sagte er, die ganze Nacht schlafen wir vielleicht zwei Stunden, weit draußen, in den dafür zugewiesenen Zonen, warten wir auf einen Fang, das Warten ist schlimm, man schaut auf das Meer und sieht nichts als die glimmenden Lichter, die die Fische anlocken sollen, man kann Pech haben, dann regt sich eine ganze Nacht nichts, oder es steigen plötzlich Luftblasen auf, das ist das Zeichen, dass die Fische aus den Tiefen heraufkommen, wir setzen Boote aus und treiben sie auf den Kutter zu, dann legt sich das Netz um den Schwärm, manchmal sind auch schwerere Tiere darunter, Delphine und Thunfische, wir versuchen oft, sie bereits vorher zu vertreiben, aber es gelingt nicht immer. Ich hörte ihm genau zu, später wollte ich mir notieren, was er erzählt hatte, ich tat neugierig und interessiert, ich stellte ihm viele Fragen, er ging mit mir einige Stufen hinab in den kleinen Raum, in dem die Mannschaft die Zeit mit Warten verbrachte, dann zeigte er mir die Küche, setzen Sie sich, sagte er, leider habe ich nichts Gutes zu trinken, nichts Gutes, keinen einzigen Schluck, lassen Sie doch, antwortete ich, ich lade Sie später in die kleine Hafenbar ein, nein, sagte er, das kommt nicht in Frage, Sie sind mein Gast, warten Sie einen Moment, ich gehe rasch etwas holen. Ich wollte ihn aufhalten, aber er verschwand nach draußen, ich saß allein in der kleinen Küche, das Schiff lag ganz still, ich hörte nur das ruhige, regelmäßige Klatschen des Wassers an seine Wände, die Stille hatte etwas Schläfriges, Faules, ich lehnte mich zurück und schloss einen Moment die Augen. Ich wartete eine Weile, ich fragte mich, wo er geblieben war, ich wollte schon wieder aufstehen und hinausgehen, als ich Stimmen hörte, zwei Männer unterhielten sich ganz in meiner Nähe, ihre Schritte waren zu hören, sie stapften anscheinend über die Planken an Deck, dann kamen sie die Treppe herunter, geradewegs zu mir, in die Küche. Sie stießen die Tür auf, sie kamen laut und als erwarteten sie nicht, jemandem zu begegnen, herein, sie stutzten und taten erstaunt, was machen Sie hier? fragte der eine, wie kommen Sie hierher? setzte er nach, ich erklärte, dass ich auf ihren älteren Kollegen, der mich hierher geführt habe, warte, es gibt keinen älteren Kollegen, sagte er, es gibt hier niemanden außer uns, ich begann wieder von vorne, ich versuchte, ruhig und langsam zu sprechen, aber ich verhaspelte mich vor lauter Aufregung, denn ich spürte, dass sich irgendetwas Undurchschaubares ereignete, etwas Schlimmes bahnte sich an, ich schwitzte bereits. Was tust Du hier? fragte plötzlich der andere leise, er lächelte und trat auf mich zu, was ist mit Dir, was hast Du vor? fragte er in gespielt-naivem Ton, ich überlegte, ob ich ihn zur Seite stoßen und schnell davonstürzen sollte, vielleicht hätte ich es geschafft, ihn beiseite zu drängen, hinter ihm aber stand sein Gefährte, zwei Hindernisse waren für mich einfach zu viel. Du bist nicht von hier, sagte der Größere und stieß mir kurz gegen die Schulter, Du bist doch nicht von hier, woher kommst Du überhaupt, vielleicht bist Du ein Schnüffler, in letzter Zeit schnüffeln hier dauernd solche Typen wie Du herum. Sie bauten sich jetzt beide wie eine Front vor mir auf, ich war aufgestanden und stützte mich mit einer Hand auf den Tisch, ich spürte, dass ich zu zittern begann, auf einmal kam mir die Vermutung, sie hätten mit Gianni Alberti zu tun, es war ein plötzlicher Einfall, ein Schreckensgedanke, ich krümmte mich kurz zusammen, so stark durchfuhr es mich, dann sagte ich, ich möchte jetzt gehen, ich habe Ihnen alles erzählt, nichts hast Du, sagte der Größere gleich, während sich der andere abwandte und die Küche verließ, hier im Hafen treiben sich zu viele Gestalten herum, weißt Du, es wird sogar gestohlen, man muss aufpassen, am Ende stiehlt man uns noch unsere Frauen. Er kniff die Augen zusammen, er blinzelte etwas, es wirkte gefährlich und wie die Vorankündigung eines Schlages, jetzt war es klar, dass er mit Gianni Alberti zu tun hatte, mir fiel ein, dass Alberti im Gespräch mit mir die Fischer sogar erwähnt und mir empfohlen hatte, mit ihnen zu sprechen. Ich möchte jetzt gehen, sagte ich ein zweites Mal, da hörte ich den Motor anspringen, es war ein polterndes, überlautes Geräusch, manche Schnüffler verschwinden aber auch einfach, sagte der Mann, ich geriet in Panik, meine sich aufstützende Hand hinterließ auf dem Tisch bereits nasse Flecken, da legte das Schiff langsam ab, es drehte sich mit dem Bug von der Kaimauer fort, tu etwas! dachte ich nur noch, gleich ist es zu spät, sie werden mit Dir auf das Meer hinausfahren und Dich irgendwo über Bord werfen, ich wollte fliehen, ich griff nach meinem Rucksack, setzte mich aber plötzlich, als hätte ich keine Kraft mehr und als nähme ich das Ablegen des Schiffes geduldig hin. Na so was, sagte der Typ, Du gehst mit uns auf Spazierfahrt?, ich blickte auf den Tisch, ich sah den feuchten, schimmernden Abdruck meiner Hand, ich hielt den Rucksack fest in der Rechten, dann schnellte ich hoch, stieß den Typ zur Seite, hastete die Treppe hinauf an Deck und sprang mit einem großen Satz an Land. Ich konnte vor Aufregung nicht stehenbleiben, ich begann zu laufen, ich hörte, wie sich das Schiff wieder gegen die Kaimauer schob, der Motor ging aus, es drehte anscheinend bei, ich lief weiter, ich wagte es nicht, zurückzuschauen, vor lauter Angst, noch andere Männer könnten hinter mir her sein. Als ich die kleine Hafenbar beinahe erreicht hatte, kam der alte Fischer gerade aus ihrer Tür, er ging mir direkt entgegen, ich verlangsamte meine Schritte, mein Atem ging rasch. Wer sind die Männer auf Ihrem Schiff? fragte ich, es ist nicht mein Schiff, antwortete er, es gehört nicht mir, Sie haben mich da vielleicht falsch verstanden, wer sind die beiden Männer auf Ihrem Schiff? fragte ich nochmals, wovon sprechen Sie? antwortete er, wer sind die beiden Männer? wiederholte ich, ich habe auf Sie in der Küche gewartet, zwei Männer sind aufgetaucht und haben mich bedroht, es gibt keine Männer auf diesem Schiff, sagte er, schauen Sie, es liegt ruhig da, niemand ist zu sehen, kommen Sie nur, kommen Sie, gehen wir hin, gehen wir in die Küche, zeigen Sie mir, was Sie gesehen haben, er lächelte mich an, um keinen Preis wäre ich mit ihm noch einmal auf das Schiff gegangen. Kommen Sie, winkte er einladend, kommen Sie, machen wir eine Hafenfahrt, oder fahren wir etwas hinaus aufs Meer, ich zeige Ihnen die Geheimnisse der Fischerei, es interessiert Sie doch so, ich erlaube Ihnen sogar, unter Wasser zu filmen. Er lachte, er ruderte mit beiden Armen, als spiele er einen Ertrinkenden, er lachte so laut, dass man in der Bar auf uns aufmerksam wurde, einige Männer kamen nach draußen und musterten uns, ich wollte fort und wandte mich ab, bleiben Sie doch, sagte er, bleiben Sie nur, wir sollten etwas zusammen trinken, ich beachtete ihn nicht mehr, ich ging schnell und schneller, dann begann ich wieder zu laufen, ich lief, bis ich das Hafengelände hinter mir gelassen hatte. In der Nähe des Leuchtturms erreichte ich das kleine Pinienwäldchen mit den Kinderspielplätzen, ich zitterte immer noch, mir war übel, ich setzte mich auf eine Bank und schaute zu den spielenden Kindern hinüber, ich kam mir vor wie einer, den man empfindlich getroffen oder verletzt hatte. Ich wartete, bis ich wieder ruhiger atmete, dann ging ich zu der kleinen Bar, die sich inmitten des Wäldchens befand, ich bestellte ein großes Glas Wasser, die Frau hinter der Theke sah meine unruhige, noch immer leicht zitternde Hand, die nach dem Glas griff. Ich trank, ich bestellte ein weiteres Glas, ich hatte eine trockene, pelzige Zunge, ich fragte mich, ob ich jemanden benachrichtigen sollte, doch ich resignierte schnell, schon der Versuch, die Männer zu stellen, war lächerlich, sie hätten sich einen Spaß daraus gemacht, mich als Phantasten hinzustellen. Ich hielt es an der Theke nicht lange aus, ich bezahlte und setzte mich wieder auf eine Bank, ich fühlte mich so schwach, als könnte ich nicht längere Zeit stehen. Ich holte mein Handy hervor und versuchte, Rudolf zu erreichen, er meldete sich auch, ich habe eben etwas sehr Unangenehmes erlebt, sagte ich, was ist passiert? fragte er, Du hörst Dich ganz merkwürdig an, ja, sagte ich, es war sehr unangenehm, was denn? fragte er, Du sprichst so seltsam, ja, sagte ich, sehr unangenehm. Ich würgte, ich schmeckte so etwas wie bitteren Schleim auf der Zunge, Du bist nicht in Ordnung, hörte ich Rudolf sagen, ist jemand in der Nähe, der Dir helfen kann?, ja, sagte ich, ich bin allein, Du bist völlig durcheinander, rief Rudolf, ja, sagte ich, ich bin durcheinander, mein Gott, sagte Rudolf, Du hättest längst abreisen sollen, eigentlich wolltest Du heute in München sein, ja, sagte ich, ich bleibe bis zur letzten Sekunde, tu es nicht, sagte Rudolf, bleib nicht länger, setz Dich in den nächstbesten Zug und fahr los, ja, sagte ich, ich bleibe, ich fahre nicht ab. Ich wusste nicht weiter, ich beendete das Gespräch, Rudolfs Stimme zu hören, hatte mich ein wenig beruhigt. Ich blieb auf der Parkbank sitzen, ich schaute den Kindern weiter beim Spielen zu, seit langer Zeit hatte ich nichts Tröstlicheres mehr gesehen, erst nach geraumer Zeit stand ich auf und machte mich auf den Rückweg zu meinem Hotel. Ich ging schnell, ich achtete nicht auf die Umgebung, ich blickte starr geradeaus, als dürfte ich das Ziel nicht aus dem Auge verlieren. Als ich das Foyer des Hotels betrat, kam mir Carlo gleich entgegen. Ihr Kollege aus München hat angerufen, er macht sich große Sorgen um Sie, er behauptet, Ihnen sei etwas zugestoßen, ach, Carlo, sagte ich, Sie haben mit meinem Kollegen doch schon einmal gesprochen, es ist der, der so schlecht Italienisch spricht, grausam, nicht wahr?, grässlich, manchmal ist er einfach völlig verdreht, es ist nichts passiert, gar nichts, er phantasiert. Gott sei Dank, sagte Carlo, ich hatte schon gewisse Befürchtungen, Sie können es sich vielleicht vorstellen, nein, Carlo, sagte ich, ich stelle mir nichts mehr vor, und Ihre Befürchtungen habe ich, wie Sie wissen, noch nie geteilt, sagen Sie mir also lieber, was es heute Mittag zu essen gibt, es gibt spaghettini, mit schwarzen Oliven und kleinen Tomaten, mit Anchovis und einer Spur Knoblauch, sagte er, ich lächelte, auch er begann plötzlich zu lächeln, das Aufsagen des Mittagsgerichts hatte ihn augenblicklich auf andere Gedanken gebracht. |