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Почитаем?

17.02.16 18:36
Re: Почитаем?
 
regrem патриот
in Antwort regrem 17.02.16 17:53, Zuletzt geändert 14.03.16 12:24 (regrem)
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NACH DEM Essen legte ich mich ein letztes Mal auf das breite Hotelbett, ich versuchte, mich abzulenken und nicht mehr an den morgendlichen Vorfall zu denken, die einzelnen Szenen gingen mir jedoch nicht aus dem Kopf, vor allem den Moment, in dem die beiden Männer die Küche betreten und mich entdeckt hatten, konnte ich nicht vergessen. Alles war geschickt inszeniert, dachte ich, ich würde gern wissen, wie weit sie am Ende wirklich gegangen wären, wollten sie mir etwa nur drohen, oder meinten sie es doch ernst? Ich sagte mir, dass solche Fragen nicht zu beantworten waren, die Sache blieb undurchschaubar, es war ja nicht einmal klar, ob Gianni Alberti wirklich dahintersteckte, vielleicht waren es ja auch nur ein paar einfache Hafenarbeiter gewesen, denen ich mit meinem Filmen auf die Nerven gegangen war. Das Filmen, richtig, dachte ich weiter, das Filmen könnte sie verärgert haben, auf das Filmen reagieren, wie ich ja aus Erfahrung weiß, viele Menschen gereizt. So redete ich mir ein, eine plausible Erklärung für den Vorfall gefunden zu haben, das Filmen musste die Ursache gewesen sein, etwas anderes wollte ich mir nicht vorstellen.
Trotz all dieser Beschwichtigungen blieb ich unruhig, ich hielt es auf dem Bett nicht mehr aus, ich erhob mich und begann, das Zimmer aufzuräumen, als erstes schaffte ich die faulenden Feigen hinaus, längst schon hätte ich sie beseitigen müssen, warum hatte ich es eigentlich noch nicht getan? Dann begann ich zu packen, ich räumte den Schrank aus und legte meine Kleidung aufs Bett, ich lief, um ein paar Utensilien zu verstauen, mehrmals vom Schlafzimmer ins Bad und wieder zurück, noch einmal ging ich auf den Balkon, sagte mir dort aber sofort, dass ich nicht auf den Balkon gehen sollte, ich setzte mein Aufräumen fort und versuchte, gleichzeitig bereits etwas zu packen, immer wieder schaute ich auf die Uhr, schaltete den Fernseher an, schaute dann aber kaum hin, stellte ihn wieder ab, ich kam nicht richtig voran, die Hauptsache war vielleicht auch eher, dass ich in Bewegung blieb.
Dann hörte ich das Telefon klingeln, ich vermutete, dass Rudolf mich anrief, ich fahre nicht ab, Du bist ein Phantast, sagte ich, ohne abzuwarten, bis sich jemand gemeldet hatte, ich bin es, Signore, hörte ich Carlo sagen, ich bin es, nicht der Kollege aus München, Sie sind es, Carlo, fragte ich, etwas erschreckt, was gibt es? Ich wollte Sie nur an Ihren Termin um Fünfzehn Uhr erinnern, sagte Carlo, der Dottore wird sicher pünktlich erscheinen. Welcher Dottore? wollte ich fragen, da begriff ich, ich hatte den Termin komplett vergessen, komplett, vollkommen, komplett, wiederholte ich in Gedanken, dann sagte ich, danke, Carlo, ich habe den Termin nicht vergessen.
Ich schaute erneut auf die Uhr, mir blieb noch eine halbe Stunde, ich ließ alles stehen und liegen und legte mich wieder aufs Bett, ich überlegte mir einige Themen, über die man vielleicht sprechen konnte, die Arbeit beim Fernsehen war so ein Thema, Italien war eines, die italienische Küche war eins für den Notfall, die Unterschiede zwischen Deutschen und Italienern war keines, Franca und ich war eines, über das ich am liebsten nicht sprechen wollte, den Vorfall im Hafen hatte ich nicht einmal vor zu erwähnen.
Kurz vor Fünfzehn Uhr meldete Carlo, dass der Dottore an der Rezeption auf mich warte, ich ging rasch hinunter, wir begrüßten uns freundlich, ich vergaß beinahe, dass ich es mit Francas Vater zu tun hatte, denn er trat auf wie ein Mann, der sich darauf freute, eine Bekanntschaft zu machen. Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit nehmen, mit mir zu sprechen, sagte er, ich habe gar kein besonderes Anliegen, ich möchte Sie einfach nur kennenlernen und einige Worte mit Ihnen wechseln, sonst nichts. Er sprach rasch, erwirkte sehr offen und interessiert, aber gleichzeitig so neutral, als gelte sein Interesse einem fremden, Studierens werten Objekt.
Haben Sie Lust, mit mir am Strand spazieren zu gehen? fragte er, ich gehe so gern dort spazieren, richte mich aber ganz nach Ihnen, gehen wir an den Strand, sagte ich, das ist ein guter Gedanke. Wir überquerten den Boulevard und erreichten das Meer, wir zogen unsere Schuhe aus und machten uns auf den Weg, er ging zügig voran und setzte die Unterhaltung fort, als wolle er einen vor Tagen liegengelassenen Faden entschlossen wiederaufnehmen.
Er sprach von der Beziehung der Küstenbewohner zum Meer, ich sehe es, sagte er, natürlich vor allem aus medizinischer Sicht, die Menschen hier haben, statistisch gesehen, eine höhere Lebenserwartung, der Grund dafür ist wahrhaftig ihre starke Bindung ans Meer, diese Bindung führt dazu, dass sie nicht gern verreisen, sie bleiben, wenn es irgend geht, an einem Ort, und sie verbringen ihre Tage in immer demselben Rhythmus, Ruhe und Stetigkeit sind seit alters her die besten Bedingungen dafür, alt zu werden, so ist es auch hier, hinzu kommt, dass sie das Gefühl haben, immer im Urlaub zu sein, die Anwesenheit der Fremden trägt zu diesem Gefühl bei, sie fühlen sich also beinahe ganzjährig, obwohl sie zu Hause sind, doch wie im Urlaub und sehen daher keinen Anlass, noch eigens in den Urlaub zu fahren. Die Berge mögen sie nicht, das bäuerliche Land ist ihnen zuwider, in Wahrheit sind sie etwas überheblich und stur, sie bleiben am Meer, sie fühlen sich mit ihm oft stärker verbunden als mit ihrer Wohnung und ihrem eigentlichen Zuhause, sie stehen spät auf, gehen dann aber sofort an den Strand, sie wohnen am Strand, könnte man beinahe sagen.
Ich hörte ihm gerne zu, er sprach ein helles und sehr wohlklingendes Italienisch, und er redete nicht so, als wolle er mich belehren, sondern als mache er sich gerade erst all diese Gedanken. Sein Sprechen erhielt dadurch etwas Frisches und Lebendiges, er versetzte es mit Wendungen des Erstaunens und Aufmerkens, als wolle er seinen Worten einen besonderen Glanz verleihen.
Seltsam und beinahe unerklärlich ist nur, sagte er weiter, warum kaum jemand von unseren Küstenbewohnern ins Meer geht, immer wieder frage ich mich, was dahintersteckt, in ganz Europa stürzen sich die Menschen mit Wollust in die Fluten, hier aber nicht, haben Sie es bemerkt und haben Sie vielleicht dafür eine Erklärung? Ich zuckte zusammen, ich hatte nicht erwartet, dass er mich so direkt ansprechen würde, jetzt aber begriff ich, dass er nicht weiter allein sprechen, sondern mich einbeziehen wollte, er stellte mir die Frage aber ganz ernsthaft und nicht so, als wollte er lediglich höflich erscheinen. Er wartete, ich überlegte kurz, dann sagte ich, dass ich mir die Abneigung gegenüber dem Schwimmen mit der jahrhundertealten Furcht oder Scheu vor dem Meer erkläre, die älteren Generationen erinnerten sich bestimmt noch daran, niemand habe früher im Meer gebadet, das Meer sei ein beunruhigendes und fremdes Terrain gewesen, eine Zone der Gefahr und des Diffusen. Ja, antwortete er, diese traditionelle Abwehr oder Scheu, wie Sie es nennen, spielt gewiss eine wichtige Rolle, sie hat sich in Italien, wo die Verhaltensformen sowieso stärker vererbt werden als anderswo, von den Großeltern auf die Eltern und Kinder übertragen, seit einiger Zeit wird übrigens gegen Elf Uhr am Morgen hier und dort eine Morgengymnastik veranstaltet, da sind nun wiederum viele dabei, sie gehen dann sogar für eine halbe Stunde ins Wasser, auch das ist seltsam und bedarf einer Erklärung, haben Sie etwa eine? Vielleicht, sagte ich, hat diese Ausnahme und Überwindung der sonst starken Vorbehalte mit der Musik zu tun, die Musik zur Morgengymnastik ist nämlich sehr laut, sie zerstört den ruhigen und eher beschaulichen Raum, den der Strand ja sonst darstellt, und macht aus ihm eine beliebige, sportive Zone, in der man eben, weil es heiß ist und man sich dazu noch bewegen muss, bis zu den Knien im kühlenden Wasser steht.
Fabelhaft, sagte er, und sehr einleuchtend, an die Musik hatte ich bisher noch gar nicht gedacht, dabei liegt es doch nahe, ihre Funktion zu bedenken, ich dagegen habe mir alles viel umständlicher erklärt, auf dem Umweg über eine Theorie des Schwimmens, auf die ich - als übrigens leidenschaftlicher Schwimmer - ganz durch Zufall gekommen bin. Sie machen mich neugierig, antwortete ich, über das Schwimmen habe ich in der letzten Woche auch häufiger nachgedacht. Und? fragte er, was denken Sie über das Schwimmen? Es handelt sich, antwortete ich, um nichts Anspruchsvolles oder etwas, was den Begriff Theorie rechtfertigen würde, es hat eher mit den Beobachtungen zu tun, die ich in den letzten Tagen beim Schwimmen machte. Spannen Sie mich nicht auf die Folter, sagte er, lassen Sie hören! Mir fiel beim Schwimmen und vor allem beim Tauchen auf, sagte ich, wie stark der Kontakt mit dem Wasser alles andere verdrängt, nach einer Weile konzentriert man sich nur noch auf diesen Kontakt, man sucht die möglichst perfekte Anpassung an das Element, man ignoriert die Umgebung, das Schwimmen, denke ich daher, isoliert, es wirft einen zurück auf das eigene Erleben, als Schwimmer ist man allein und nur auf sich gestellt, die Sportschwimmer ziehen typischerweise immer nur ihre Bahnen, sie berühren und beobachten ja nicht einmal ihre Gegner, im Grunde ist ihr Gegner einzig die Zeit.
Das ist es! antwortete er, Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund, ich denke über das Schwimmen ganz ähnlich. Dann erläutern Sie mir aber noch, sagte ich, wie Sie mit Hilfe solcher Überlegungen die Bereitschaft unserer Strandbewohner zur Morgengymnastik begründen. Das ist ganz einfach, antwortete er, das Schwimmen isoliert, wie Sie richtig sagten, als leidenschaftlicher Schwimmer ist man im Wasser allein, die belebende und sinnliche Wirkung des Wassers ist vor allem dann spürbar, wenn man allein ist, das Alleinsein wird im Wasser zu einem körperlichen Genuss, genau davor aber schrecken unsere Strandbewohner zurück, sie verabscheuen das Alleinsein und die Isolation, sie suchen nichts mehr als die Gruppe und das Gespräch, noch wenn sie ein paar Meter hinausschwimmen, unterhalten sie sich, den Kopf über Wasser, wie Enten, die nicht aufhören können, zu schnattern. Die Morgengymnastik kommt ihnen daher auf ideale Weise entgegen, sie erlaubt es, das Meer in der Gruppe aufzusuchen, sie entbindet vom Schwimmen und ermöglicht die Andeutung eines Wasser-Kontaktes, so habe ich es mir zurechtgelegt, wie finden Sie es?
Er sprach noch etwas rascher als vorher, er war richtiggehend in Fahrt geraten, ich musste über unseren Eifer, theoretische Erklärungen für die einfachsten Vorgänge zu suchen, lächeln, er bemerkte es und lächelte ebenfalls, wir geben uns große Mühe, nicht wahr? sagte er, ja, sagte ich, wir stellen die mit ihren Füßen Gymnastik treibende Welt auf den Kopf, wir rechtfertigen ihr Tun, wir geben ihr erst eine Grundlage oder so etwas wie eine Basis. Richtig, sagte er, wir arbeiten an einer Grundlegung zu einer Metaphysik der Morgengymnastik im Meer unter besonderer Berücksichtigung einer Metaphysik des Schwimmern, habe ich es exakt formuliert? Vollkommen exakt, sagte ich, wenn ich Sie dort drüben, in der kleinen Strandbar, zu einem Café einladen darf, könnten wir unseren ersten theoretischen Bausteinen weitere hinzufügen.
Er blieb stehen und schaute mich an, es macht Spaß, sich mit Ihnen zu unterhalten, sagte er, es macht richtig Spaß, ich antwortete nichts, ich dachte plötzlich an Franca, auch sie hatte mehrmals betont, wie gern sie sich mit mir unterhielt, es ist schön mit Ihnen, hatte sie gleich zu Beginn unseres Kennenlernens einmal gesagt, jetzt, im Gespräch mit ihrem Vater, verstand ich erst genauer, was sie gemeint hatte, vielleicht hatte sie das Gefühl gehabt, in den Gesprächen mit mir die Gespräche mit ihrem Vater fortzusetzen, all die vielen Gespräche mit ihrem Vater, dachte ich, haben sie stark geprägt, daher erwartet sie von einem Gespräch ein dauerndes Hin und Her zwischen prägnanten Beobachtungen und Theorien, ihre Abneigung gegen bloße Meinungen oder simple Geschmacksurteile ist mir von Anfang an aufgefallen, jetzt habe ich dafür vielleicht eine Erklärung.
Ich habe eine gute Erklärung dafür, warum Franca sich mit mir so gern unterhält..., dieser Satz lag mir auf der Zunge, ich sagte aber nur, ich gebe Ihr Kompliment gerne zurück, trinken wir nun den Café oder lassen wir es? Natürlich trinken wir ihn, sagte er, leider müssen wir mit der kleinen Strandbar vorliebnehmen, die Beziehung der Strandbewohner zu ihrem Strand ist von keinerlei Romantik, sondern ausschließlich von pragmatischen Gesichtspunkten geprägt. Auf die Gefahr hin, dass ich Sie jetzt langweile, antwortete ich, ich muss Ihnen sagen ..., Sie müssen mir sagen, dass Sie auch darüber bereits nachgedacht haben, habe ich Recht? sagte er lachend, Sie haben Recht, sagte ich, ich habe darüber nachgedacht, warum dieser ganze Küstenstrich, den ich in den letzten Tagen kennengelernt habe, trotz all seiner Strandschönheit doch etwas Sprödes und eher Pragmatisches hat, durch diese Frage bin ich zu der Vermutung gekommen, dass es so etwas wie Meeresromantik oder eine romantische Beziehung zum Meer in der Malerei oder den anderen Künsten dieser Region vielleicht gar nicht gibt, exakt! rief er, Sie sagen es, so etwas gibt es nicht, eine romantische Beziehung zum Meer ist eine englische, niederländische, nord-französische und deutsche Erfindung, hier jedenfalls kennt man so etwas nicht.
Wir erreichten die kleine Bar, sie hatte diesen Namen wahrhaftig nicht verdient, man hätte sie eher einen kleinen Verhau nennen können, da sie aus nicht mehr als ein paar zusammengenagelten Brettern bestand. Ich bestellte zwei Café, er wartete nicht darauf, dass sie serviert wurden, sondern redete weiter, die erhabene Schönheit der Felsen am Meer, der Blick des Einsamen auf seine ruhige Fläche, die dramatischen Bilder des Sturms und der aufschäumenden Wogen, für all diese großen Szenen einer jahrhundertealten Ästhetik hat man hier keinen Sinn, nicht zufällig sind sie ja auch in Ländern entstanden, in denen das Meer ein ganz anderes ist, wild bewegt, stürmisch, häufig ein Grollen, die Ruhe trügerisch und der Blick aufs Meer eben deshalb ein banger Genuss. Hier dagegen sieht man das Meer nicht in der Beziehung zu Wind, Wetter und Wolken, sondern in der einen zur Sonne, man könnte sogar beinahe sagen, das Meer verstärkt oder verdoppelt die Sonne, es ist ihr Widerpart, ein im idealen Fall leuchtendes, die Sonnenreflexe durch-scheinend zum Schimmern bringendes Element, die Menschen hier lieben dieses ruhige, stille Meer, sie stehen am Strand nicht so sehr, um in die Weite, sondern um ins Wasser zu schauen. Unbewegt, ja beinahe apathisch verlieren sie sich in der Betrachtung der minimalsten Bewegungen des Sandes, so stehen sie am Morgen aufrecht und still im Wasser und legen sich später starr und ebenso unbeweglich hin, sie ahmen die einfachsten Verhältnisse nach, die hier zu beobachten sind, die Ur- oder Grund-Verhältnisse, aus denen sich alles Weitere ableitet.
Der Gaffe wurde endlich serviert, ich trank meine Tasse, um mich nicht ablenken zu lassen, sofort leer, ich war gespannt auf das, was er so kunstvoll vorbereitet und angesprochen hatte, er aber zögerte, nippte mehrmals an seiner Tasse, lächelte und fragte, jetzt bin ich Ihnen voraus, darüber haben Sie noch nicht nachgedacht, stimmt's? Machen Sie weiter, antwortete ich, ich werde Ihnen erst antworten, wenn Sie mit Ihrem Ur-Verhältnis herausgerückt sind. Es ist sehr einfach, sagte er, man begreift es sofort, und doch fällt es den Wenigsten auf: Das Ur-Verhältnis ist das Aufeinandertreffen von Vertikale und Horizontale, die Vertikale ist das Strahlen der Sonne, die Horizontale die Fläche des Meeres, durch ihr Stehen und Liegen übersetzen die Strandbewohner dieses einfache Raum-Verhältnis in wiederum einfache Bewegung, und durch aufeinanderstoßende Geraden und ein System von rechten Winkeln übersetzt diese Stadt dieses Raum-Verhältnis in die Struktur ihrer Straßen, was sagen Sie nun?, wären Sie darauf gekommen? Ja, sagte ich, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, wäre ich darauf gekommen, ich war sogar schon ganz nahe dran, über das Verhältnis von Sonne und Meer hatte ich schon erste Beobachtungen angestellt. Ich glaube auch, dass Sie es herausbekommen hätten, sagte er, nach alldem, was Sie mir bereits erzählt haben, wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, was meinen Sie, machen wir nun kehrt und gehen zurück, nach Auflösung aller Welträtsel bietet es sich beinahe zwangsläufig an.
Ich stimmte zu, ich bezahlte, wir gingen wieder zum Wasser und machten uns auf den Rückweg, ich erzählte ihm, dass ich genau diesen Weg bis zu dieser abgelegenen Strandbar am Rande der Stadt an meinem ersten Tag in San Benedetto zurückgelegt hatte, er ging eine Weile still neben mir her, er hörte ruhig zu, ich erzählte weiter von meinem Aufenthalt, mit keinem Wort kam ich auf Franca zu sprechen. Ich verstehe mich gut mit ihm, dachte ich, noch selten habe ich mich mit einem fremden Menschen in derart kurzer Zeit so gut verstanden, ich vermute, wir verstehen uns sogar so gut, dass wir über Franca nicht sprechen werden.
Als wir uns bereits wieder dem Hotel näherten, sagte er, ich muss Ihnen noch etwas erzählen, ich darf es nicht vergessen, obwohl es meine so einleuchtende Idee vom Ur-Verhältnis zwischen Vertikale und Horizontale untergräbt, ich muss Ihnen, bevor wir uns verabschieden, noch von einer Ausnahme erzählen, diesmal frage ich aber nicht, ob Sie bereits ahnen, wovon ich spreche, Sie können diese Ausnahme nicht kennen, Sie sind, soviel ich weiß, zum ersten Mal in den Marken. Etwas nördlich von hier, aber noch südlich von Ancona, befindet sich in der Nähe des Monte Cönero die schönste Küstenpartie dieser Region, der Strand dort ähnelt in nichts der geraden und beinahe ausdruckslosen Sandfläche, die Sie hier vorfinden, er ist vielmehr sehr abwechslungsreich, mal Felsenküste, mal Steppe, vor allem besteht er aber aus vielen kleineren Buchten von außerordentlicher Schönheit, die sich manchmal in der Felsenküste verbergen oder durch Grotten mit ihr verbunden sind. In diesen Buchten aber werden Sie unsere Strandbewohner baden und sogar schwimmen sehen, hier machen sie eine Ausnahme, und zwar deshalb, weil es sich eben um Buchten handelt, um intime, kleine, abgeschlossene Paradiese, die nur ihnen bekannt sind und durch ihre Form an den mütterlichen Schoß erinnern. Ich liebe diese Buchten über alles, im Grunde bin ich mit meiner Frau wieder nach Ancona gezogen, um ihnen nahe zu sein, ich liebe aber auch die spröde Klarheit des geraden kilometerlangen Strandes hier und die ganze Geometrie, die sich daraus ergibt, sie verleiht Küstenstädten wie San Benedetto etwas von Leere und Melancholie, auch die Geometrie gehört zum Meer, obwohl sie das Gegenteil des Pittoresken ist, sie gehört zum Meer und verleiht den Städten etwas Provisorisches, Windiges, als wäre von vornherein klar, dass ihre Häuser irgendwann weggespült werden.
Als wir auf der Höhe des Hotels waren, blieben wir stehen, ich danke Ihnen, sagte er, ich danke Ihnen, dass Sie mich begleitet haben, es war ein Vergnügen. Er griff in seine Jackentasche und holte eine Visitenkarte hervor, er überreichte sie mir und bat mich, bald nach Ancona zu kommen, damit man sich die Schönheiten der Gegend um den Monte Conero gemeinsam ansehen könne. Ich warf einen kurzen Blick auf die Karte, für einen Moment glaubte ich wirklich diesen Küstenstreifen zu sehen, das Schönste dort, sagte er noch, ist eine romanische Kirche, sie steht auf einem Felsen direkt über dem Meer, wenn wir im Herbst dorthin gehen würden, befände sich dort kein einziger Mensch, wir lassen uns den Schlüssel geben und gehen hinein, wir schließen die Kirche und setzen uns in eine Bank, wir warten ..., wir warten so lange, bis wir es in seiner Ur-Schönheit hören können. Was? fragte ich, was um Himmels willen könnten wir hören? // rumore del märe, flüsterte er und beugte sich zu mir vor, il rumore del märe, eingefangen und gesammelter Klang geworden, das Tönen des Meeres ..., in nuce, flüsterte ich, das Tönen des Meeres in nuce, bestätigte er. Ich stockte einen Moment, ich starrte ihn an, ich hatte das seltsame Gefühl, mich auf einer Zeitreise zurück in die vergangene Woche zu befinden, darüber konnte ich aber nicht sprechen, ich hätte zu weit ausholen müssen. Ich sagte nichts, ich holte, um seine Visitenkarte hineinzustecken, mein Notizbuch hervor, als ich das Buch öffnete, rutschten die Karten mit Crivellis Bild heraus, ah, sagte er, Crivellis heilige Magdalena, darüber haben Sie also auch nachgedacht, haben Sie bemerkt, wie er den Schleier gemalt hat? Nein, sagte ich, dazu ist mir nichts eingefallen, der Schleier, sagte er, ist dort, wo er sich an den Kopf anschmiegt, glatt und transparent, dahinter aber, wo er sich ins Freie bewegt, wird er amorph und zu einem rötlichen Strudel, ganz wie das Haar, diese Ambivalenz erstreckt sich, wie ich finde, auf die ganze Gestalt, Crivelli war Venezianer, er hatte aber eine unglaubliche Fähigkeit, sich in die Mentalität dieser Region zu versetzen, keiner hat ihre Menschen besser getroffen, selbst die heilige Magdalena hat ja trotz ihrer großen Schönheit etwas Zurückhaltendes und Sprödes.
Darf ich Ihnen eine von den Karten mitgeben? fragte ich, gern, sagte er, und erlauben Sie noch eine letzte Frage?, bitte, sagte ich, fragen Sie nur. Er schaute mich an, er berührte mich mit der Rechten am Oberarm, als wollte er mich festhalten, bis ich geantwortet hatte. Was lieben denn Sie an diesem Bild? fragte er, das Sarazenische, antwortete ich, ach, sagte er, das haben Sie also bemerkt, ja, sagte ich, Sie meinen den Vogel, der die Strahlen der Sonne trinkt, Sie meinen das Licht und das Meer, Vertikale und Horizontale, wunderbar, sagte er und beugte sich wieder nach vorn, nur wir beide wissen es, flüsterte er, San Benedetto ist eine sarazenische Stadt, bei unserer nächsten Begegnung hören wir zusammen die alten Lieder der sarazenischen Schiffer ..., und die Pescatori di perle, sagte ich, ja, sagte er, auch die, dann werden Sie die geheime Verwandtschaft bemerken, eine Verwandtschaft, über die wir Theorien aufstellen werden, sagte ich, mit dem größten Vergnügen, sagte er, dann ließ er mich los, verbeugte sich und ging allein weiter, den Strand entlang.
Ich ging zurück in mein Hotelzimmer, ich wunderte mich darüber, wie unordentlich ich alles zurückgelassen hatte, mein Gepäck stand im ganzen Zimmer herum und machte den Eindruck von Konfusion, ich begann sofort, richtig aufzuräumen und zu packen, die Begegnung mit Francas Vater hatte mich derart abgelenkt und beruhigt, dass ich dem Vorfall am Morgen kaum noch Bedeutung beimaß.
Als ich eine wenigstens vorläufige Ordnung hergestellt hatte, setzte ich mich, ich trank ein Glas Wasser, holte mein Notizbuch hervor und notierte: Ehrlich gesagt, hatte ich von der Begegnung mit Francas Vater nicht viel Gutes erwartet, ihr Vater, ihre Familie ..., dachte ich, sind eine andere Welt, sie sind die Fremde, aus der sie kommt und über die ich nichts weiß. Einer solchen Fremde zu begegnen, hätte schmerzlich verlaufen können, daher hatte ich mich schon darauf eingestellt, •zurückzuzucken und jene feinen Risse in dem Ideal-Bild von Franca zu bemerken, dass meine Liebe entworfen hat. Ich hatte erwartet, etwas Befremdliches, anderes an ihr zu entdecken, so wie früher, als das erste Betreten des Elternhauses einer Freundin etwas Verstörendes hatte: Diese fremden Gerüche, diese unpassenden Farben, diese abstoßende Ästhetik von Möbeln, Teppichen und Gardinen - in diesen Räumen, fragte man sich, ist sie wirklich aufgewachsen, wie konnte sie es nur so lange aufhalten hier? Natürlich gingen wiche Fragen im Leere, zum großen Teil entstanden sie aus Eifersucht, man neidete den Möbeln, Teppichen und Gardinen nur die Nähe zur Freundin, man empfand diese Dinge als hässlich, weil sie einem fremd waren, in Wahrheit hatten sie vielleicht ihren eigenen Reiz, man war nur nicht imstande, ihn wahrzunehmen. So hätte auch die Beregnung mit Francas Vater ernüchternd enden können, es kam aber ganz anders, denn ich entdeckte, dass wir ganz ähnlich beobachteten, dachten, ja sogar sprachen, die Übereinstimmung war so verblüffend, dass wir uns am Ende anstaunten, keiner von uns hatte damit gerechnet, leicht überwältigt gaben wir uns die Hand, lächelten hilflos und tauschten kleine Gaben wie Visiten- oder Post-Karten aus, die unser Einverständnis gar nicht angemessen genug symbolisierten. Dann winkten wir uns zu
und riefen addio!, bis bald, bis sehr bald, wir trennten uns wirklich beinahe wie Freunde, die jetzt leicht betrübt darüber waren, dass bis zu ihrem nächsten Wiedersehe

 

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